Ausgabe 
19.1.1890 Erstes Blatt
 
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Nr. 16. Erstes Blatt. Sonntag den 19. Januar 1890

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Gießener Anzeiger

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung

Bei der am 17. d. M. vorgenommenen Wahl ist Herr Nathan Stamm zum Mitglied des Vorstandes der israel. Religionsgemeinde dahier wiedergewählt worden-

Es wird dies mit dem Anfügen öffentlich bekannt gemacht, daß während drei Tagen, nämlich am 20., 2t. und 22. d. M. das Wahlprotokoll mit allen Anlagen auf dem Bureau des 1. Vorstehers, Herrn Meier Homberger dahier, offen- gelegt fein wird, und daß während der unerstrecklichen Frist dieser drei Tage die Stimmberechtigten, sowie der Gewählte von dem Wahlprotocoll und dessen Anlagen Einsicht nehmen und Einwendungen gegen die Wahl oder gegen den Gewählten, bezw. Ablehnung der Wahl, bei Vermeidung des Ausschlusses bei der unterzeichneten Behörde vorbringen können.

Gießen, am 18. Januar 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V-: Jost.

Bekanntmachung, die Bestellung der Experten in Brandversicherungsangelegen­heiten betreffend.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß

1) der Bezirksbauaufseher Maringer zu Grünberg zum Ersatzexperten für den Experten Christoph Haas daselbst;

2) der Maurermeister Daniel Bork zu Grünberg zum Ersatzexperten für den Experten Christoph Bork daselbst

ernannt und als solche verpflichtet worden sind.

Gießen, am 14. Januar 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I- V.: Jost.

Bekanntmachung..

Bei dem im Monat November v. I. durch die Mit­glieder des Wiesenvorstandes vorgenommenen Wiefengang hat es sich ergeben, daß die Privatwiesen an verschiedenen Theilen der hiesigen Gemarkung mit Maulwurfshügeln versehen sind und daß die in denselben befindlichen Be- und Entwässerungs­gräben einer gründlichen Räumung bedürfen.

Auf Grund der Wiesenpolizeiordnung fordern wir die Besitzer der gedachten Wiesen hiermit auf, innerhalb 3 Wochen das Verebnen der Hügel, sowie die Ausräumung der Gräben vornehmen zu lassen, widrigenfalls wir genöthigt sind, die ge­

richtliche Bestrafung der Säumigen, sowie das weiter Er­forderliche zu veranlassen.

Gießen, am 17. Januar 1890.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

F r e s e n i u s.___________________________

Gefunden: 1 Spannkette, 3 Portemonnaies mit In­halt, 1 einzelner Handschuh, 1 Paar Handschuhe, 1 Cigarren- Etui, 1 Brille, 1 Migräne-Stift, 1 Haarring, 1 Strickbeutel, 1 Hundehalsband.

Zugelaufen: 2 Hunde.

Gießen, am 18. Januar 1890.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

F r e f e n i u s.

Deutsches Resch.

Berlin, 16. Januar. Kaisers Geburtstag wird unter Ablegung der Hoftrauer für diesen einen Tag in officiellen Kreisen begangen werden, aber ohne Musik.

Der Reichskanzler hat neuerdings wieder Ver­anlassung genommen, seine Verfügung vom Jahre 1881 gegen die Unsitte der unlesbaren Unterschriften seinen Beamten dienstlich in Erinnerung zu bringen.

Deutscher Reichstag.

45. Plenarsitzung. Freitag den 17. Januar 1890, 1 Uhr.

Der Gesetzentwurf, betr. eine Postdampferver­bindung mit Ostafrika, wird in erster Lesung berathen.

Abg. Dr. Bamberger (dsr.): Das hippokratische Aussehen des Reichstages macht es nicht wahrscheinlich, daß er diese Vorlage noch zu Stande bringen wird und hoffentlich wird daS Reich die 9 Millionen (in zehn Jahren), welche die Vorlage fordert, sparen, auch wenn man sachliche Gründe, welche gegen die Forderung sprechen, nicht vorbringt. Wenn aber dieser Reichstag die 9 Millionen nicht bewilligt, der nächste wird sie ganz gewiß nicht bewilligen. Redner wendet sich gegen die Unternehmungen in Ostafrika, deren Bedeutung in cvlonialfreundlichen Kreisen beständig in der unglaublichsten Weise übertrieben wird. Ueber die wichtigsten Fragen, so auch über die Nothwendigkeit der ostafrikanischen Dampfer­linie, wechseln die Meinungen beständig. Die Hamburger Handelskammer hat vor zwei Jahren diese Dampserlinie für nicht erforderlich gehalten- heute hat sie ihre Meinung ins Gegentheil geändert. Vom Standpuncte der Rentabilität ist die Schloßfreiheits-Lotterie fast noch aussichtsreicher als diese Dampferlinie. Die Industrie wird gar keinen Nutzen haben und die mindestens 9 Millionen werden ins Wasser geworfen sein. Es sind Theorien vom grünen Tisch, wenn es in der Vorlage so dargestellt wird, als ob man mit solcher Dampfer­

linie auf den Marktverkehr der Völker irgend einen erheb­lichen Einfluß ausüben könnte. Die 900000 Mk. jährlich könnten in besserer Weise für den Verkehr und für die In­teressen des Handels verwendet werden. Besser als diese Dampfersubvention wäre es, wenn man der ostafrikanischen Gesellschaft die 900 000 Mk. als Subvention gäbe. Eine Commissionsberathung der Vorlage wird kaum einen Zweck haben- aber den Einzelheiten des vorliegenden Projects wird selbst derjenige abgeneigt sein müssen, der im Princip mit Dampfersubventionirung einverstanden ist. Am besten wäre es, die Vorlage pure abzulehnen.

Staatssecretär vr. v. Stephan: In der Geschicklich­keit seiner Gründe ist mir ja der Vorredner überlegen, aber in der Richtigkeit bin ich ihm doch über. (Heiterkeit.) Rück­sichten auf parlamentarische Tactik haben uns fern gelegen - die Vorlage ist lediglich das Ergebniß unserer sachlichen Erwägungen. Die Erfolge unserer subventionirten Dampserlinien in Ostasien werden von den Engländern geradezu als phänomenal bezeichnet und wir werden in Erwägung zu ziehen haben, ob dieser Verkehr nicht zu verdoppeln ist. Die ablehnende Haltung der Hamburger Handelskammer vor 27 Jahren war nur eine bedingungsweise. Sollen wir denn gar keinen Anlaß nehmen, aus den Theilen des Reichscommissars in Ostafrika, über welche im ganzen 'Lande eine patriotische Freude herrscht, diese Unternehmungen zu unterstützen? (Bravo!) Sollen wir das den Engländern und Portugiesen überlassen? Dazu haben sich die früheren Verbindungen neuerdings so mangel­haft gestaltet, daß eine Verbesserung nöthig geworden ist. Dazu kommt, daß unsere Subventionen erheblich billiger sind, als die der französischen Linien. Die Vortheile eines regel­mäßigen, gesicherten Verkehrs für den Handel sind so klar, daß darüber kein Wort weiter zu verlieren ist. Die Inne­haltung der Lieferungsfristen usw. hängt von der Prompt­heit dieses Verkehrs ab. Wenn dem Abg. Bamberger die coloniale Einfuhr noch zu klein ist, so ist doch alles An­fangende im Leben klein, sogar alle Walfische sind klein ge­wesen- auch der mächtige englische Colonialbesitz war anfangs klein und ungesund. Der norddeutsche Lloyd hat im Jahre 1848 mit zwei Schiffen angefangen (Abg. Bamberger ruft: ohne Subvention!), ja, im Anfänge ohne Subvention, aber später bei der ostasiatischen und australischen Linie hat er sich auch die Subvention gern gefallen lassen. Von allen Seiten werden Stimmen laut für diese Unternehmungen, entsprechend dem cosmopolitischen Zuge des germanischen Characters und ich hoffe, daß der Tag, an welchem am Top des ersten deutschen Postdampsers die deutsche Flagge in Zanzibar wehen wird, im ganzen Lande mit pattiotischer Freude be­grüßt werden wird. (Lebhaftes Bravo!)

I Abg. Hobrecht (ntl.): Um ein möglichst vollkommenes

Feuilleton.

Aus der Provinzialhauplstadt.

Gießen, 18. Januar.

Wenn Derjenige, der zuerst die Worte gebrauchte. Ruhe ist die erste Bürg erpslicht", damit eine Ruhe gemeint hat, die nachgerade unheimlich zu werden scheint, so hat er sich jedenfalls nicht vergegenwärtigt, was es heißt, in einer Ruhe zu verharren, wie sie seit Neujahr in unserer Provinzralhauptstadt herrscht. Es soll nun damit nicht gesagt sein, daß es absolut Skandal geben muß, damit mcht aU.es Leben aufhört, nein, durchaus nicht, aber etwas mehr Leben könnte doch nichts schaden. Unsern Geschäftsleuten, nament­lich denjenigen, die vor lauter Langeweile nichts weiter zu thun wissen, als ihre treue und noch mehr ihre untreue Kund­schaft mit Rechnungen zu beschicken oder sich sonst mit ihrem Ziffern- und Zahlenpack herumzubalgen, mag diese Art von ^,Ruhe" so ziemlich erträglich sein, ob aber die Empfänger all' dieser nach Neujahr sich einstellenden Papierchen, so man Rechnungen, wenn sie groß, Notas, wenn sie klein stn, e- namset, sich bei deren Anblick immer ihrer ersten Burgerpsuch erinnern, ist weniger wahrscheinlich, denn Ruhe halteii un blechen ist einfach schrecklich! Also zur Unterhaltung ist le Ruhe nicht da, ob das Bezahlen unbezahlter Rechnungen nun unterhaltender ist, darüber streiten dieGeleerten schon lange nicht mehr. f

Aber Unterhaltung muß sein, dafür hat schon unsere gütige Mutter Natur gesorgt, denn sie spendete uns a Wetter", und wer sich darüber nicht unterhalten rann, der mag den Duft drücken oder dieser ihn, der nun einmal nicht zum Wetter gehört, sondern sich einstellt, wenn gern e kein Wetter mehr zu haben ist. Daß es vielerlei We i

giebt, haben wir in den ersten Wochen des Januar beobachten können, denn wir hatten Eis und Schnee, grimmige Kälte und Schlittschuhbahn, Glatteis und Thauwetter, Regen, Wind, Sonnenschein, Mailüfteln und lebende Schmetterlinge, ordent­lichen irnd außerordentlichen Schnupfen, Husten und In­fluenza. Hoffentlich hat die letztere bald ausgespielt, nachdem sie Vielen mehr wie hinreichend mitgespielt hat. Ihr Auftreten hat gezeigt, daß mit ihr nicht zu spaßen ist, die Ruhe im geselligen Verkehr steht aus ihrem Conto, je eher sie gänzlich verschwindet, desto besser für die Gesell­schaften. Die Eigenart des Wetters sowohl wie die erklär­liche Furcht vor der Influenza lassen ein geselliges Vergnügen weder im Freien noch im Ballsaale zu.

Wenn die Winterszeit im Allgemeinen als die Zeit des Verliebens und Verlobens gepriesen wird, wenn namentlich um die Weihnachtszeit der Umsatz in glühenden Herzen ein großartiger sein soll, so gehört dazu ein richtiger Winter, der sich in seiner ersten Hälfte über die Eisbahn, in seiner zweiten Hälfte über den Gesellschaftssaal breitet. Was sich auf dem Eise nicht zusammenläust, tanzt sich im Ballsaal zu­sammen obgleich der Herzensmakelei fernstehende Spötter behaupten wollen, daß gerade aus dem Eise Niemand sitzen bleibt.Still ruht der See!" könnte man beim Be­trachten der Eisvereinswiese in den Eichgärten singen, wenn man sich nicht vergegenwärtigte, daß auch sie bald wieder -grünt und das sie bedeckende Wasser in seiner jetzigen Un­verfrorenheit dahin laufen läßt, wohin es gehört in die Wieseck. Aber welchen Eindruck machen erst unsere Ball- und Concertsäle, vom Theater ganz zu schweigen. Wahre Luftspeicher sind unsere größeren Localitäten, keine Geige, keine Flöte und keine Posaune stört die Ruhe, kein Tanz­schuh berührt ihren Fußboden. Wie schwer wird in diesem Jahre dem Knaben Amor das Spiel gemacht, der sonst auf

dem Parquet des Ballsaales so sicher ist, wie auf den Schlitt­schuhen. Sonst war dieses Jungen Macht so groß, daß selbst der ehescheueste Mensch, der hartgesottenste Junggeselle, der eingefleischteste Hagestolz seinen Pfeilen schwer auszuweichen vermochte, trotz einer wohlbewachten Hand und eines feuer­festen Herzens. Gar mancher der eben genannten Species des stärkeren Geschlechts wurde von dem Götterknaben nach­her verlacht, wenn der Ballabend vorüber und all die Herzen gezählt wurden, die eine bedenkliche Entzündung der ge­wöhnliche Mensch nennt dies Liebe davongetragen, deren Heilung gewöhnlich nur dem Standesbeamten gelingt.

Offenbar hat in unserer Stadtvertretung der kleine Amor auch Sitz und Stimme, und ist es wohl seinem Einflüsse mit zu danken, daß Gießen so rasch noch keinen neuen Saal­bau bekommt. Zum Verlieben und Verloben, zum Tanzen und Festessen, Singen und Musiciren reichen nach seiner An­sicht die vorhandenen Saalbauten noch aus. Das Einzige, was uns vielleicht den Mangel eines Saalbaues mit mög­lichst viel Fußboden für die allernächste Zeit fühlbar werden läßt, ist das Versammeln. Ohne Versammlungen ist nun einmal eine Reichstagswahl nicht denkbar, aber die so ost bekundete Geduld der Wähler ermöglicht es hoffentlich auch ohne neuen Saalbau, daß ihrer noch recht viele in einen alten Saal gehen. Ein richtiger Reichstagswähler und als solcher betrachtet sich gewiß Jeder, der der Jahre wohl­gezählte fünfundzwanzig hinter sich har und dessen bürgerliche Ehre nicht beschlagnahmt wurde drückt sich gern ein wenig, wenn sich erst Jemand zu den Worten verstiegen:Meine Herren!" So wenig wählerisch wir Gießener auch sonst sein mögen, wir wählen alle gern, einerlei, ob es sich um Reichsboten oder um Stadtväter handelt.

Nachdem sich unsere Stadtväter nicht haben entschließen können, Schülers Garten für die zukünftige Großstadt