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1890

Mittwoch den 17. December

Nr. 294

Gießener Anzeiger

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Amts- und Anzeigeblutt für den Nreis Gieren.

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des unglücklichen Franz.

Nachdem er mit dem Geschäfte zu Ende gekommen war, foltere er die Hände und kniete nieder.

Lange Zeit verblieb er so in stummem Gebet, dann richtete er daS müde Haupt aus und murmelte, doch laut

Gießen, am 15. December 1890. Betr.: Remunerirung des Polizeiaussichtspersonals.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

<m die Grotzh. Bürgermeister eie« deS Kreises.

Wir erinnern Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, an Erledigung der Verfügung vom 27. v. M. Anzeiger Nr. 280 mit Frist von 5 Tagen.

v. Gagern.

Alle Annoncen-Bureaux befl In- mtb Auslandes nehm«» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegn».

pssndbr.

Ausland.

Paris, 14. December. Wie derTemps" meldet, theilte Professor (Somit in einem heute gehaltenen Vortrage seine Erfahrungen an 20 mit der K o ch'schen Lymphe behandelten Kranken mit und sprach über einen Fall von Lungentuber- culose mit Pyilomphritis (eitrige Entzündung des Nieren-

st ' ßoofe -

Dein Herz nicht verschließen Franz, Franz, sei barmherzig, laß mich nicht umsonst bitten! Hier, sieh mich zu Deinen Füßen liegen und Dich anflehen: Verzeihe, was ich Dir an- gethan und was ich in der nächsten Minute bereut habe. O, hättest Du ein einziges Wort gesprochen, als ich ging, ich wäre freudig an Deine Seite zurückgekehrt. Wie endlos lang drückte mich dies Jahr, das Gewissen trieb mich von Ort zu Ort und ließ mir nirgends Ruhe. Heute, am Jahrestage, ließ sie sich nicht mehr bannen, nicht mehr zurückdrängen - übermächtig trieb es mich hierher zu unserem Kinde, zu Dir! Franz, hab Erbarmen mit meiner tiefen Reue, nimm mich wieder auf, ich will Dirs lohnen, ewiglich!"

Zu spät, Hanna, ich bin dem Tode verfallen!" kam es tonlos über des Mannes Lippen, während seine Hände lieb­kosend über ihren Scheitel fuhren und seine Augen sich sest- sogen an ihrem lieben Gesicht, an dem breiten, silberweißen Streifen, der sich auf ihrem Scheitel hinzog.

Sage das nicht, Franz, Geliebter, es ist niemals zu spät, wenn man gut machen kann, was man gefehlt," erwiderte die junge Frau demüthig,kannst Du nicht vergeffen, was ich Dir angethan, nicht vergeben?"

Statt aller Antwort schlang Franz beide Arme um die theure Gestalt und versuchte sie emporzuziehen, doch seine Kräfte reichten nicht aus dazu. Seufzend, ein bitteres Lächeln aus den Lippen, ließ er die Arme sinken. Da war Hanna schon emporgesprungen und hatte mit jubelndem Laut sich an seine Brust geschmiegt. Unter Lachen und Weinen streichelte sie seine eingefallenen Wangen, strich ihm das wirre Haar aus der fieberheißen Stirn und drückte in überströmendem GlückS- gesühl und unendlicher Dankbarkeit ihre Lippen aus seine Hand.

Ein kalter Luftzug mahnte sie an den Heimweg. Hand in Hand verrichteten sie noch ein inbrünstiges Gebet an dem

Neuzeit" spiegeln sich jedenfalls die Anschauungen des Petersburger Cabinets in der Judenfrage wider und hiernach läßt sich auch ermessen, welche Aufnahme die beiden Londoner Herren, welche beim Czaren Fürbitte für die russischen Juden einlegen sollen, an der Newa finden werden es wäre besser, sie blieben zu Hause!

politische rreverficht.

Gießen, 16. December.

Bon den Commissionen des preußische« Abgeordnetenhauses hat sich die Gewerbesteuercommission noch am Samstag bi§ nach Neujahr vertagt. Ihre Arbeiten sind bis § 27 (be­dienstete Personen bei den Steuerpflichtigen) der Gewerbe­steuervorlage gediehen, es bleibt also nach Ablauf der Weihnachtspause noch ein beträchtliches Stück des Entwurfes zu ettedi.;cn. Auch die Commissionen zur Vorberuthung des Polksfchulgesetzcs und des Landgemeineordnungs-Entwurfes gedenken in diesen Tagen ihre Verhandlungen, die sich namentlich in der Volksschulcommission sehr schwierig und verwickelt zu gestalten drohen, wegen des herannahenden Festes auszusetzen.

Die Finanzlage Preußens erweist sich doch nicht so rosig, als man eigentlich annehmen sollte. Thatsache ist, daß im preußischen Budget für 1891/92 die Anmeldungen der einzelnen Ressorts um nicht weniger als 32 Million^ Mark gekürzt werden mußten, um das Gleichgewicht tm Staats­haushalte Preußens herzustelleu. Dem Vernehmen nach be­ireffen die vorgenommenen Abstriche nicht etwa Ausgaben von zweifelhafter Nützlichkeit, sondern es handelt sich hierbei um durchaus zweckmäßige und theilweise sogar nothwendige Forderungen. lieber die Einzelheiten bei den erfolgten Streichungen verlautet indessen noch nichts Näheres.

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genug, daß die grau, die ihm gefolgt war, jedes Wort ver­stehen konnte:

Wenn der Heiland wieder seinen Einzug hält, mein Hans, sind wir beide vereint, und dann sehen wir zusammen versöhnt und verzeihend auf die herab, die uns so herben Schmerz angethan. Der liebe Gott schenke ihr alles Glück, ich hoffe nichts weiter mehr als ein baldiges seliges Ende."

Franz!"

So leise der Ruf gewesen, der Mann hatte ihn ver­nommen. Mit vorgestrecktem Halse, unheimlich weitgeöffneten Augen lauschte er athemloS, während seine zitternden Finger an dem schwachen Kreuze eine Stütze suchten. Lautlose Stille herrschte ringsum.

Es war Täuschung! Nie, nie kehrt sie zu mir zu­rück, nie wird das hier cingesargte Glück wieder auf­erstehen ! Nie!"

Franz, höre mich!" ertönte es von Neuem, aber viel näher wie vorher.

Franz fuhr empor, wendete sich der Stimme zu und streckte abwehrend seine Hände aus.

Dieser Bewegung nicht achtend, stürzte Hanna zu seinen Füßen nieder und rief, seine Knie umklammernd:

O, weise mich nicht von Dir, Franz, Du meines Lebens Licht. Nirgends habe ich Ruhe finden können vor dem Vor­würfe, daß ich ungerecht und herzlos gewesen! . . . Franz, sei barmherzig, sieh meine Qual, meinen Schmerz, o, zaudere nicht. Ich will Deine Magd sein, Dir dienen, klaglos alles leiden, was Du über mich verhängst, nur laß mich in Deiner Nähe athmen, stoße mich nicht von Dir, wenn ich nicht ver­gehen soll! . . . Franz, hörst Du mich nicht? . . . O, könnte ich unseren Liebling für mich bitten lassen, ihm würdest Du nicht widerstehen, seinem Lächeln, seinem Blick würdest Du

Nr. 35 des Reichs-Gesetzhlatts, ausgegeben den 11. d.M., enthält:

(Nr. 1924.) Bekanntmachung, betreffend den Aufruf und die Einziehung der Noten der Magdeburger Privatbank in Magdeburgs Vom 9. December 1890.

(Nr 1925.) Bekanntmachung, betreffend den Aufruf und die Einziehung der Einhundert-. Zweihundert- und Fünf­hundertmarknoten der Provinzial-Actien-Bank des Großherzog- thums Posen in Posen.

Gießen, am 15. December 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

In den deutsch-österreichischen Zollverhandlungen sind Schwierigkeiten anfgetaucht, welche hauptsächlich in gewissen Bedenken der österreichischen Unterhändler wurzeln. Letztere sträuben sich, die von deutscher Seite geforderten Zugeständnisse in Bezug auf Ermäßigung wichtiger österreichischer Jndustrie- zölle zu bewilligen, während die ungarischen Delegirten zu diesen Zugeständnissen bereit sind. Wie verlautet, bemüht sich die ungarische Regierung, durch ihre Vertreter in Wien auf das cisleithanische Cabinct im Sinne einer Nachgiebigkeit gegenüber den deutschen Forderungen einzuwirken und darf man wohl erwarten, daß eine schließliche Verständigung erzielt werde, welche Hvffnllng ja auch Kaiser Franz Joses bei dem von ihm den Conferenzmitgliedern zu Ehren gegebenen Diner so bestimmt ausgesprochen hat.

Die Resolution der serbischen Sknpschtina, durch welche letztere es ablehnt, sich in die Angelegenheiten des serbischen Königshauses zu mischen, wie solches das Memorandum der Königin Natalie beabsichtigt, ist derselben durch den Sccretair der Sknpschtina überreicht worden. Der Empfang dieses Herrn bei der Königlichen Frau mag wohl kein besonders freund­licher gewesen sein, denn sie wollte gar zu gern die Rolle einer Königin-Regentin in Serbien spielen, diese Absicht ist ihr nun aber durch die Zurückweisung ihrer Eingabe seitens der Kammer vereitelt worden. Selbstverständlich denken auch weder Regierung noch Regentschaft daran, auf die ehrgeizigen Wünsche der Königin-Mutter irgendwie einzugehen, und auch das Land selbst will an den zwischen König Milan und der Regentschaft getroffenenen Uebereinkommen nicht gerüttelt wissen, natürlich voll der Gruppe der Anhänger Natalies abgesehen.

Im türkisch-montenegrinischen Grenzgebiete geht es neuer­dings wieder etwas unruhig zu. Nachdem daselbst erst kürzlich ein blutiger Zusammenstoß zwischen Motenegrinern und den mohamedanischen Melissoren stattgefunden hat, ist es jetzt auch im Districte von Beranc zu anscheinend ernsten Kämpfen zwischen Christen und Mohamedanern gekommen. Erstere sind hierbei von ihren fanatischen Gegnern offenbar stark bedrängt worden, denn 25 christliche Familien aus obigem District sahen sich zur Flucht nach Montenegro ge- nöthigt. Eine politische Tragweite scheinen diese Vorgänge jedoch nicht zu besitzen.

Die englischen Philautropisten finden mit ihren Beschlüssen zu Gunsten der russischen Juden wenig Gegenliebe in Ruß­land. Die PetersburgerNeuzeit" weist die Resolutionen der Londoner Guildhall-Versammlung zu Gunsten der Israeliten in Rußland entschieden zurück und erklärt, nicht religiöse Unduldsamkeit veranlasse die russischen Maßregeln gegen die Juden, sondern lediglich die Absicht, die Bauernschaft vor der Ausbeutung durch die Juden zu schützen. Schließlich erklärt das Blatt: Rußland werde seine Unabhängigkeit gegen ganz Europa zu schützen wissen. In diesen Aeußerungen der

mochtig großen Tanne am WaldeSrande machte er Halt, pflanzte das Bäumchen in die von ihm vorher gelockerte Erde J unb schmückte das Grab mit grünen Zweigen, die er seitlich

aiUgehäuft hatte. Dann entzündete er die Lichtlein, langsam, 104.45 bedächtig, eins nach dem andern und bei jedem einzelnen ver­

mehrten sich die Thränen, die aus seinen Augen fielen, und leves einzelne beleuchtete das gramdurchfurchte, bleiche Antlitz

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Deutsches Reich.

Darmstadt, 14. December. Der landwirthschast- liche Provinzialverein für Starkenburg hat gestern seine Generalversammlung abgehalten. Nach einem längeren Vortrag des Landesöconomieraths Müller über die Stellung der südwestdeutschen Landwirthe zur Frage der Aus­hebung des Jdenditätsnachweises wurde beschlossen, sich gegen diese Maßregel zu erklären, da sie im Interesse der südwest­deutschen Landwirthschaft nicht liege. Auf Veranlassung des landwirthschastlichen Kränzchens zu Groß-Umstadt wurde be­schlossen, bei der Regierung sich dafür zu verwenden, daß sie beim BundeSrath und dem Reichstag dahin wirke, daß jeg­liche Herabsetzung der Getreidezölle abgewiesen werde. Von den vorgenommenen Wahlen ist bemerkenswerth, daß die Versammlung zum hessischen Eisenbahnbeirath wiederum den Präsidenten Goldmann und als Stellvertreter den Kreis­rath Haas in Offenbach delegirte. Zum Präsidenten wurde Oberconsistorialpräsident Goldmann mit allen abgegebenen Stimmen gewählt. Zum Vizepräsidenten wurde Herr v. Wangen- Heim wiedergewählt.

Berlin, 14. December. Dem heute vom Finanz- m in ist er zu Ehren der Mitglieder der Einkommensteuer- und Gewerbesteuercommissiongegebenen Diner wohnten auch der Präsident des Abgeordnetenhauses, v. Köller, Windthorst und v. Bennigsen bet, der auf der Durchreise hier weilt. Bei der Unterhaltung wurden parlamentarische Gegenstände nicht berührt. Der Finanzminister Miquel äußerte bei Beginn des Mahles, er hoffe, die Herren hätten Progression und Degression zu Hause gelassen und würden sich nur dem ge- müthlichen Zusammensein hingeben.

Berlin, 14. December. Heute Mittag erfolgte im An­schluß an den Beschluß der Philologenversammlung in Zürich vom Jahre 1887 im Architectenhause nach Ansprache des Rectors der Greifswalder Universität, Reifferscheid, die Gründung der Gesellschaft für deutsche Er- ziehungs- und Schulgeschichte.

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Im Bahnwärterhäuschen.

(Sine Weihnachtserzählung von H. Waldemar.

(Schluß.)

Jetzt erhob er sich, mühsam wie ein Todtkranker die Frau draußen am Fenster unterbrüefte nur mit aller Gewalt einen Schmerzensschrei, als sie ihn so dahinwanken sah. Sich lief in den Schatten des Hauses stellend, erwartete sie, was er nun thun würde - ein Zug kam um diese Zeit nicht her Courierzug war längst vorüber da bewegte sich der Lichterschein, die Thüre knarrte und nach kurzer Zeit trat Kranz in die verschneite Nacht hinaus. Ein Schauer über­lies ihn, als der eisige Wind sich um feine Glieder legte, er nahm ihm den Athem, daß er nur keuchend vorwärts kam, eher vorwärts ging er unaufhaltsam und trug das Bäumchen in der rechten Hand, während die Linke die Laterne umspannt hielt. An dem kleinen Grabe seines Lieblings unter der

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