Ausgabe 
17.6.1890
 
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1890

Dienstag den 17. Juni

Nr. 137

Der

Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des MontagS.

Die Gießener

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2lmtlid?er Theil.

Bekanntmachung,

den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche zu Hungen bett.

Im Anschluß an unsere Bekanntmachung vom Heutigen Anzeiger Nr. 136 wird noch das Folgende zur öffent­lichen Kenntniß gebracht:

1 Das Durchtreiben von Wiederkäuern und Schweinen durch die*Gemarkung Hunden sowie das Betreten des der Hungener Gemeindeschafherde als Weideplatz angewiesenen Hungener Gememdewaldes mit Wiederkäuern u> d Schweinen ist verboten-

2. Rindvieh, Schafe, Schweine und Ziegen dürfen aus den Gemarkungen LarrgSdorf, Dillingen. Langd, Rodheim,Steirrheim,Jnheidenund TraiS-Horioff allgemein nur ausgeführt werden, wenn der Besitzer ein thierärztliches Zeugniß aufweisen kann, in welchem bescheinigt ist, daß die fraglichen Thiere sich seit mindestens 7 Tagen in seuchenfreiem Zustande an dem Ort der Untersuchung befunden haben. Dieser Bestimmung unterliegen in den ausgesührten Gemarkungen alle Besitzer, welche Vieh aussühren, einerlei, ob Händler, Landwirthe oder Metzger, und einerlei, ob die Aussührung zum Zweck des Schlachtens oder zur Weiterver­äußerung erfolgt.

3. Aus den Gemarkungen Utphe, Nonnenroth, Röthges, Ober-Bessingen, Rieder-Bessingen, Lich Birklar, Muschenheim, Bettenhausen, Bellersheim, Obbornhofen und Rabertshausen darf Schlachtvieh der obenbezeichneten Gattungen von Händlern gleichfalls nur ausgeführt werden, wenn der Händler im Besitze eines den Anforderungen unter 2 ent­sprechenden thierärztlichen Zeugnisses ist.

4. Viehmärkte dürfen in Hungen unc> in den 3 Stunden im Umkreise belegenen Orten nicht nbgehalten werden.

5. Die unter 2. und 3. erwähnten Zeugnisse sind 5 Tage gültig. Dieselben müssen den Erfordernissen der Bekannt­machung vom 13. Novbr. 1889 Anzeiger Nr. 267 ' entsprechen.

Gießen, den 14. Juni 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

" Gießen, 14. Juni 1890.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien Langsdvrf, Vellingen, Langd, Rovheim, Steinheim, In- hriden, TraiS-Horloff, Utphe, Nonoenroth, Röthges, Ober Mesfingen, Nieder-Bespngen, LSch Birklar, Muschenheim, Bettenhausen, Bellersheim, Obbornhofen und Rabertshausen.

Unter Hinweis aus vorstehende Bekanntmachung, die wir Ihnen, soweit sie Ihre Gemeinden betrifft, zur strengsten

FsrrLlLetsn.

Im Feldlager von Parna.

(Fortsetzung.)

Ich kann nicht sagen, daß ich von Sr. Excellenz dem Marschall allzu liebenswürdig empfangen worden sei, als ich am nächsten Tage, geführt von einem Offizier der Guiden, mich durch einen Wall von Ordonnanzen, höheren und höchsten Militärchargen hindurch gearbeitet, um ihm die Empfehlung eines bekannten Diplomaten zu überreichen. Der Marschall stand inmitten eines großen orientalischen Divan-Salons und verspeiste in einem Kreise von Osfizieren eine Pastete- er nahm die Karte mit ausgespreizleit mageren Fingern. Während er las, hatte ich Zeit, die scharfe Prägung seiner eingefallenen Züge zu beobachten, auch seine ganze Haltung, die eine müh­selige, denn die Aerzte boten damals schon ihre ganze Kunst auf, eine wandelnde Leiche zu galvanisiren.

So wenig Hochachtung ich nach den Reden der Offiziere für ihn hegte, °e'r imponirte mir dennoch. Wie alle Welt hatte ich damals hohe Begriffe von den Tugenden der franzö­sischen Armee und schrieb den theatralischen Aufputz derselben eben auf Rechnung nationaler Eitelkeit. Der Marschall hatte ja auch seine Verdienste, und wenn seine Armee durch Krankheiten fast declmirt wurde, so durfte man nicht alles aus Rechnung dieses alten und kranken Mannes schreiben. Ich las also mir Wohlwollen in seinen welken, aber doch noch von französischem Geiste und Energie sprechenden Zügen, selbst als er mich, einen Preußen, mit seinen verblaßten Augen maß.

Abgesehen von meiner Nationalität, denn er Hatzte die Preußen, wie ich später hörte, waren ihm alle nicht franzö­sischen Schriftsteller derart unbequem, daß er kürzlich deu

Nachachtung empfehlen, beauftragen wir Sie, die für Ihre Gemeinden gegebenen Anordnungen noch durch ortsübliche Bekanntmachung zur allgemeinen Kenntniß bringen zu laffen. v. Gagern.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 15. Juni. Die Zweite Kammer der Stände ist auf Mittwoch den 25. Juni cinberufen worden, am 28. Juni wird der Landtag voraussichtlich geschlossen werden.

Berlin, 14. Juni. Die Commission für die Berathung des A r b e i t e r s ch u tz g e s e tz e s beendete den dritten Abschnitt der Vorlage (Lehrlingsverhältnisse) und nahm nach der Vor­lage die Paragraphen I26133 an. Bei § 135 (Kinder­arbeit) beantragte Hirsch, die Fabrikarbeit für Kinder unter 14 Jahren, statt, wie die Vorlage will, unter 13 Jahren, zu verbieten. Der Vertreter Bayerns und der Abg. Stumm traten für die Vorlage ein. Minister Berlepsch wandte sich gegen den Antrag Hirsch und erklärte, die Grenze von 13 Jahren sei gewählt, weil sie die Bedürfnisse treffe, die Verhältnisse in den Einzelftaaten unverändert lasse. Hirsch zog hierauf seinen Antrag zurück, welcher von Bebel wieder ausgenommen, jedoch abgelehnt wurde. Nach Ablehnung des­selben wurde Absatz 1 der Regierungsvorlage unverändert angenommen.

Die neue Reparatur-Werkstätte am Bahnhofe Stralau- Rummelsburg ist heute Mittag v 0 l l st ä n d i g e i n g e st ü r z t, ohne jedoch Verwundungen oder Verluste an Menschenleben zu verursachen.

Berlin, 15. Juni. Ein officieller Gedächtnrtz- Gottesdienst bei der Wiederkehr des Todestages Kaiser Friedrichs III. sand heute in der Friedenskirche bei Potsdam statt. Ihre Majestäten, die hier anwesenden Mitglieder der Königlichen Familie, sowie alle Personen, die in der Um­gebung des hochseligen Kaisers waren, nahmen daran Theil. Für die Kaiserin Friedrich und ihre hier anwesenden Kinder war ein zweiter privater Gottesdienst in der Dorfkirche von Bornstedt abgehalten. Die Kaiserin Friedrich verbrachte den Tag in stiller Zurückgezogenheit in Potsdam und Bornstedt.

Das Mausoleum sür Kaiser Friedrich III. bei der Friedenskirche zu Potsdam konnte bis zum 15. Juni, wie es bestimmt war, nicht vollendet werden. Gerade die künstlerischen Arbeiten, namentlich das Einsetzen der Mosaik­bilder in die Kuppel, wozu venetianische Arbeiter berufen sind, verlangsamten den Bau. Auch die Apsis wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen; dagegen zeigt sich der ganze Bogenbau, gestützt von den schwarzen Marmorsäulen, schon in seinem ganz ernst-feierlichen Character. Der äußere Bau ist vollständig fertig, das Kuppeldach mit Kupfer bedeckt und auf der Spitze leuchtet ein goldenes Kreuz. Man hofft mit

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Besehl gegeben, dieselben auszuweisen, obgleich gar keine in Varna anwesend. Er hatte sein literarisches Bureau, das die ganze Welt raketenartig mit glänzenden Nachrichten ver­sah, wie das schon während des Donaukrieges auf russischer Seite von Bukarest aus geschehen. Dem Marschall kam es also eben erwünscht, als einer seiner Adjutanten ihm wichtige Depeschen überreichte- er gab dem Guiden-Offizier Ordre, für mich besorgt zu sein und entließ mich mit einer gnädigen Handbewegung.

Eine andere interessante Bekanntschaft machte ich durch den Letzteren in den unteren Räumen des Palastes, in welchem einige vornehme Orientalen in Gesellschaft der Offiziere ihre Nargilehs, ihre Wasserpfeifen, rauchten. Der famose General Jussuff wars, dem ich hier vorgestellt wurde, ein Mann, dessen Haupt ein so romantischer Heiligenschein umgab, daß ich dem Zufall dafür dankte, ihn kennen zu lernen. Uussuff, so hatte man mir schon in Sch um la gesagt, war eigens von Napoleon hierher gesandt, um die Baschi-Bozuks zu dis- cipliniren, deren Excesse überhand genommen. Er als Araber hatte schon in Algerien gute Dienste als tapferer und strenger Führer geleistet, er mußte der Mann hierzu sein. Jussuff hatte aber sehr bald einsehen müssen, daß er nichts aus­zurichten im Stande, denn die Irregulären hatten dem kleinen Mann unter die Nase gelacht.

Mit Interesse blickte ich in das tief gebräunte Gesicht dieses Mannes, das Horace Vernet in seiner Löwenjagd schon benutzt, in die dunklen, blitzenden Augen. War er doch in Paris der Gegenstand toller Schwärmerei der Damenwelt gewesen, als Louis Philipp ihn nach dort gerufen und die Zeitungen sich in den abenteuerlichsten Schilderungen seiner Erlebnisse überboten. Yussuff, so hieß es, sei kein geborener Afrikaner, sondern sammt seinen Eltern von marokkanischen Piraten geraubt worden, sei aber diesen nach Tunis entflohen

Bestimmtheit, den Bau bis zum Geburtstag des hochseligen Kaisers (18. Ocröber) fertig zu bringen.

Berlin, 14. Juni. Die von Blättern bereits als Ver- muthung geäußerte Nachricht, daß der Reichskanzler v. Ca­privi Sr. Majestät den Kaiser nach Rußland begleiten werde, ist seit einigen Tagen zur Wahrheit geworden. Gegen­über der Meldung desStandard", die Zusammenkunft des Kaisers Wilhelm mit dem Kaiser von Oesterreich in Liegnitz sei erst vor wenig Tagen beschlossen, dieselbe bezwecke, aller Welt den Beweis der unverändert guten Beziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich zu liefern, bemerkt dieNord­deutsche Allgemeine Zeitung": die Zusammenkunft in Liegnitz sei bereits vor zwei Monaten beschlossen worden, für den unveränderten Fortbestand der guten Beziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich bedürse es sür Niemand eines Beweises.

Remscheid, 14. Juni. Der Feilenfabrikanten-Verein hat in einer heute stattgehabten, zahlreich besuchten Versammlung die von den ausständigen Feilenhauern geforderte Erhöhung des Hautarifs ab gelehnt und beschlossen, bis aus Weiteres den Feilenhauern keine Feilen mehr zu geben.

Ausland.

Rom, 14. Juni. DemEsercito Jtaliano" zufolge werden einige 20 italienische Schützen an dem zehnten Deutschen Bundesschießen in Berlin theilnehmen.

Rom, 14. Juni. DasMilitärblatt" veröffentlicht die Versetzung des Generals Orero als Brigadeeommandant nach Parma. An dessen Stelle wurde General Gandolfi zum Civil- und Militärgouverneur der Erythräischen Colonie ernannt.

Rom, 14. Juni. In der Deputirtenkammer griff bei der Berathung des Kriegsbudgets der Deputirte Ardo den Ministerpräsidenten Crispi heftig an, der trotz zweimaliger Aenderung der auswärtigen Politik und sünfmaliger Aenderung des Finanzprogramms auf dem Posten verblieben sei. Man sei durch das Verschulden der Kammer dahin gelangt, eine neue, durch die Verfassung nicht vorgesehene Einrichtung zu schaffen, die darauf hinausliefe, viele Gewalten in der Hand des ersten unabsetzbaren Ministers zu vereinigen und so eine Art von Kanzler-Statthalterschaft zu creiren.

Belgrad, 14. Juni. DerAgenee de Belgrade" zu­folge hat die Regierung den serbischen Generalconsul in Pest beauftragt, gegen die Maßregeln, betreffend die Schweine­einfuhr, als dem bestehenden Vertrage zuwiderlaufend, Protest einzulegen. __________________

Deutscher Reichstag.

17. Plenarsitzung. Samstag, 14. Juni 1890, 2 Uhr.

Das Haus tritt in die zweite Berathung der Vorlage betr. die G e w e r b e g e r i ch t e ein. § 1 der Vorlage be- und, von einem Griechen verrathen, in einem süßen tete-ä-tete mit der Favoritin des Beys ertappt worden. Nachdem er einen oder mehrere der ihn angreifenden Sclaven des Beys niedergestochen, habe er auch den Griechen ermordet und seiner angebeteten Prinzessindie Hand, welche sie zu berühren gewagt, die Zunge, welche sie gelästert, die Augen, welche gesehen, was kein Sterblicher habe gewahren dürfen", über­sandt. Endlich aber doch ergriffen und zum Tode verurtheilt, sei er durch unterirdische Gänge des Palastes entflohen, habe bei den Franzosen Dienste gegen die Kabylen genommen und Wunder der Tapferkeit" verrichtet. Das Alles genügte, einen Mann interessant zu machen, selbst wenn er gar nicht so zier­lich und hübsch wie der kleine Yussuff war.

In Varna gab es natürlich keine Damen, die ihn in den Schooß hätten nehmen können, wie es in Paris geschehen,' ein weibliches Geschöpf war hier eine ebensolche Seltenheit wie im Paradiese, ehe Gott die Eva schuf. Ich erinnere mich, wie die Soldaten truppweise der jungen und hübschen Frau des Capitäns eines Lloyd-Dampfers nachliefen, als dieser dieselbe durch die Straßen zu führen wagte. Da nun Yussuff seine Mission als nutzlos betrachtete, war er im Be­griff, wieder nach Blida in die Provinz Oran zurückzureisen, wo er die Stelle eines Chess des kaiserlichen Gestüts be­kleidete. Ich begegnete ihm während der nächsten Tage mehr­mals imrestaurant des officicrs, wo er mir zum An­denken eine kleine Thonpfeife schenkte und mich einlud, ihn zu besuchen, wenn mich mein Weg nach Afrika führe.

Von dieser Einladung machte ich in der That einige Jahre später Gebrauch, als ich, durch Blida kommend, das Gestüt zu sehe:i wünschte. Im Commandantur-Gebäude mich durch einen Hausen von Spahis drängend, sandte ich ihm durch einen Ordonnanz - Offizier meine Karte mit einigen Worten der Erinnerung an Varna- der kleine General ließ