Ausgabe 
17.4.1890 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

1890

Donnerstag den 17. April

91t- 88

Zweites Blatt.

Amts- und Anzeigeblatt fiw den Areis Gieren.

| Hratisöeikage: Hießener Aamikienbkätter.

häufigsten als Ursache der

H

1888/89

Grundbesitzes

|iq iiiujuyiiiuj nuuj niuji giuci uuj jv 1------------>

eigcnne wesentliche oder Mitschuld aus ihrem Besitze entfernt

Io nahm« von Anzeigen zu der Nachmittag- für den senden Tag erscheinenden Nummer bii Bonn. 10 Uhr.

Vierteljähriger AdounemcntspreiL 1 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 60 Pfg.

Redactton, Sxpeditiaa und Druckerei:

-chntftratzeNr.I. Fernsprecher 51.

aus

freiwillige ungünstige Uebernahme geschäftliche Verhältnisse . . - Familienverhältnisse und Krankheit Wirthschaftsunsälle und Natur­ereignisse ......

unzweckmäßige Erbregulirung . Wucher und Uebervortheilung im

Handel......

chlcchte Lage der Landwirthschaft Diefreiwillige ungünstige

Die Zwangsversteigerungen lamb- und sorflwirlhschastlicher Grundstücke und die Ursachen derselben.

Seit dem Rechnungsjahre 1886/87 ist den bisherigen lpudiwirthschaftlicheu Erhebungen aus Anregung des Landes- rcon°>miecollegiums eine neue hinzugetreten, deren wesentlicher jroef es ist, einmal über den Umsang und die Vertheilung von Zwangsversteigerungen land- und forstwirthschaftlicher tzrun dstücke' in Preußen, insbesondere von solchen, deren Besitzer im Hauptberufe Landwirthschaft treiben, sodann aber inich über die wirthschaftlichen Ursachen jener Versteigerungen Wkunst zu bieten. Ueber die Resultate dieser Erhebungen P brrStatistischen Correspondenz" folgendes zu entnehmen:

An Zwangsversteigerungen, in welchen der Betroffene im Hauptberufe Land- oder Forstwirth war, sind Fälle ermittelt Worben:

Die einzelnen Besitzklaffen waren in auffälliger Gleich- mhiIkeit an den Zwangsversteigerungen beteiligt und zwar der größere Grundbesitz durchweg am meisten, indem Procente Mficken

bk, liem landwirthschastlichen Grundbesitze von der Gc- sammtfläche der Haupt- ! benriebe (nach der Erhebung , Don 1882).....

* Mainz, 14. April. Im Alter von 59 Jahren ist heute früh der Rabbiner der hiesigen JSr. Religionsgesell­schaft, Dr. Marcus Lehmann, gestorben. Derselbe ist Gründer der seit 1860 hier erscheinenden ZeitschristDer Israelit", durch welche er in jüdischen Kreisen zu einer weit über Hessen hinausreichenden Bedeutung gelangte- außerdem zeichnete sich Dr. Lehmann durch einen besonderen Wohl- thätigkeitssinn gegenüber Angehörigen aller Confessioncn aus.

*= Frankfurt a. M., 15. April. Die Kaiserin Fried­rich mit den Prinzessinnen Victoria und Margarethe traf heute Vormittag auf der Reise nach Homburg hier ein. Mit demselben Zuge langte der Berliner Kaufmann Bonn, der stumme Verehrer einer der Prinzessinnen, hier an. Die Polizei nahm ihn in Empfang, um ihn mit einem spateren Zuge nach Berlin zurückzubesördern.

*= Frankfurt a. M., 15. April. Ein beklagenswertheS Unglück ereignete sich gestern Abend auf der Dampfstraßen­bahn nach Eschersheim. Der Kellner Josef Seng von Heddernheim- welcher gegen 9 Uhr mit dem Localbahnzuge nach Hause fahren wollte und in einem offenen Wagen der Bahn Platz genommen hatte, sprang während der Fahrt vom Wagen, obgleich ihn der Controleur dringend davor warnte. S. kam bei dem Sprunge zu Fall, das Brett des hinteren Wagens erfaßte ihn, die Räder gingen ihm über die Beine und auch der Kopf wurde dermaßen beschädigt, daß der Un­glückliche auf der Stelle tobt blieb. Seng ist nach Dar­stellung des Zugpersonals rückwärts abgesprungen. Der Zug suhr sehr langsam, da die Steigung an der Unglücks- stelle beträchtlich ist. Genau an derselben Stelle gerieth übrigens vor etwa Jahresfrist ebenfalls ein Passagier beim Abspringen unter die Räder. Er hatte etwas mehr Glück, denn der Sprung kostete ihn nur -- ein Bein.

* Als ein Berliner Schriftsteller vor Kurzem in Köln in einer Privatgesellschaft einem jungen Mädchen vorgestellt wurde, fragte dasselbe ihn, ob er etwaauch zu den zusammen- geklebten Dichtern gehöre". Natürlich waren diese Worte so fremd seinem Ohr wie seinem Sinn und erst die nachstehende lustige Geschichte brachte ihm des Näthsels Lösung. Vor mehreren Jahren hatte die junge Dame, damals noch Pensionats-Backfischchen, in Gesellschaft ihrer Mitschülerinnen einen Ausflug an den Oberrhein gemacht; in einem Gasthause wurde Rast gehalten. An demselben Tische mit den jungen Mädchen saßen drei wackere Zecher, von denen der Eine gar manierlich mit den angehenden Damen sich zu unterhalten verstand und schließlich ein Mädchen fragte; ob sie auch schon Literatur" hätten. Die Frage wurde stolz bejaht, und da meinte der joviale Herr, da müßte sie ihn ja auch schon gehabt" haben; er stehe doch wahrscheinlich auch in der Literaturgeschichte; dabei nannte er seinen Namen: Victor von Schcfsel. In der Literaturgeschichte des klösterlichen Pensionats schien aber dieser profane Dichtersmann, der die Liebe und den Wein besingt, nicht zu stehen; denn beschämt mußte die Kleine eingestehen,Scheffeln hätten sie noch nicht gehabt"ober sollten Sie unter den zusammengeklebten Dichtern stehen?" Und richtig, so war es. Eines der jungen Mädchen hatte ihr Literaturbuch bei sich; darin waren gewisse Dichter und ihre Erzeugnisse mit Oblaten zusammen- geklebt und damit angezeigt, daß das keine Kloster-Pensionats- Dichter seien. Nach einigem Suchen fand sich derzusammen­geklebte" Scheffel, der sich über seine Gefährlichkeit für junge Mädchen nicht wenig amüfirte.

* Wer gehört zu den Walen i ImSüdwestdeutschen Volksblatt" findet sich folgende ergötzliche Briefkasten-Notiz: Nach Karlsruhe. Besten Dank für die Übersendung deS Schreibheftes der kleinen Volksschülerin- Fanny. Wir sehen daraus, wie die Politik in das Gebiet der Naturgeschichte hinüberspielt. Die kleine Fanny "sollte jene merkwürdigen Geschöpfe aufschreiben, die zu den Säugethieren zählen und nicht aus dem Lande leben können, nämlich die Gruppe der Wale; sie schrieb deßhalb in ihr Heft der Naturgeschichte: Die Wale. Zu den Walen gehören: der Walfisch, der Del­phin, der Ps lüg er, der Fieser, der Geck." (Die drei Candidaten bei der Karlsruher Wahl zum Reichstag.)

* Eine heilere Geschichte hat sich kürzlich in einem Orte bei Kreussen zugetragen. Daselbst hatte ein des Lesens und Schreibens unkundiges altes Ehepaar eine gerichtliche Zuschrift erhalten. Selbstverständlich war das Ehepaar höchst neugierig, zu erfahren, was der Inhalt des Schreibens sei, zugleich aber auch sehr besorgt, daß denselben keine fremde Person erfahre. Endlich kam die Frau auf einen Einfall. I Sie ging zum lesekundigen Nachbar und bat ihn, sie von dem Inhalt der Zuschrift zu verständigen. Bevor der Nachbar aber das Schriftstück entfaltete, zog die kluge Frau ihm ein

Der Mtntr Anzeiger

1 -richeint täglich, nt Ausnahme deS Montag».

Die Gießener

rcrlra dem Anzeiger «ichentlich dreimal deigelrgt.

demeigenen Verschulden" am , _

Zwangsversteigerung auftritt, zeigt sich weniger häufig als ungünstiger Kauf, als vielmehr als Mangel an Mitteln zur Uebernahme eines an sich nicht zu theuer bezahlten Gutes. Dieser Mangel, der in Zeiten steigender Grundrente eben durch das Wachsthum derselben wieder ausgeglichen werden konnte, äußert seine Gefahr naturgemäß vorzugsweise in Zeiten des Stillstandes oder Rückschrittes. Die übrigen Gruppen ursächlicher Verhältnisse treten gegen die beiden vorigen in allen drei Jahren weit zurück. Was insbesondere die Gruppeschlechte Lage der Landwirthschaft" betrifft, so ist die Zahl der Fälle, in welchen die Berichterstatter auf dieselben in Ermangelung einer anderen Ursache zurückgreifen, zwar an sich nicht groß. Die Bedeutung dieses Ergebnisses liegt aber wohl nicht darin, daß persönliches Verschulden oder Mißgeschick noch viel häufiger als allgemein ungünstige Ver­hältnisse Grundbesitzer in -Vermögensverfall gebracht haben, sondern daß überhaupt derartige ungünstige Verhältnisse all­jährlich in mehreren hundert Fällen von den verschiedensten Berichterstattern der einzelnen Landestheile bekundet worden sind, wobei dieselben oft noch ausdrücklich hervorhoben, wie der Betroffene ein tüchtiger Land- und Hanswirth gewesen sei. Uebrigens treten auch hier wieder sehr bezeichnende Unterschiede nach Landestheilen und Besitzklaffen hervor. Wie der Osten und der größere Grundbesitz besonders stark an dem Umfange der zwangsweise versteigerten Fläche beteiligt ist, so ist dies auch hinsichtlich der Ursacheschlechte Lage der Landwirthschaft" der Fall. Dieselbe nimmt beispielsweise im Jahre 1888/89 bei einem Gesammtdurchschnitte von 6,01 pCt. aller ursächlichen Verhältnisse in Pommern 15,66, in Westpreußen 9,53, in Brandenburg 9,39 pCt. der­selben in Anspruch, bei dem Besitze von 50 und mehr ha 14,13 pCt., in den beiden Vorjahren 14,91 und 17,54pCt., während der Westen, sowie der bäuerliche Mittel- und Klein­besitz von 1050 oder 210 ha, namentlich der letztere, dagegen weit zurücktreten. Dies wird gerade bei ungünstigen Allgemeiuverhältnissen allerdings wohl regelmäßig der Fall sein, da dieselben unter sonst gleichen Umständen den größeren Besitzer mehr schädigen müssen als den kleinen. Soweit Letzterer zugleich sein eigener Arbeiter ist, also keine Arbeits­löhne herauszuzahlen hat, bleibt ihm bei Rückgang der land- wirthschastlichen Rente ein Theil seines Einkommens, nämlich das Arbeitseinkommen, zunächst noch ungeschmälert, während

Gießener Anzeig er

' Keneral-Mzeiger.

Der größere, über den gewöhnlichen Umfang bäuerlichen tDctri ebe§ hinansgehende Grundbesitz von 50 ha auswärts mmfafäte also in jedem der drei Berichtsjahre fast genau den Aich en Antheil, nämlich etwas mehr als drei Viertel der Mstt-igerten Fläche, während er von der Gesammtsläche der llmdwirthschastlichen Hauptbetriebe noch nicht die Hälfte aus- wachte. Am meisten, und zwar wiederum fast genau gleich- dmm bleibt der kleinbäuerliche Besitz von 210, nächstdem Ät mittlere bäuerliche von 1050 4ia bei seinem Procent- Mtil an der versteigerten Fläche hinter demjenigen an der ojfiQtiimten auf ihn entfallenden Wirthschaftsflächc zurück. Im Gilden sind gegenüber einer Gesammtfläche der landwirth- Milichen Hauptbetriebe von 24123 733 ha (1882) während ftr erwähnten Beobachtungsperivde 273 024 ha, also etwas äiter 1 pCt., alljährlich aber etwa Vs M. und darüber zwangs- titifc versteigert worden.

Ungleich größer als im Westen ist die versteigerte Fläche M Osten; sie betrug im letzteren, d. h. in Brandenburg, chmmern und den vier an Rußland grenzenden Provinzen, i Uh-rend der drei Jahre zusammen 244 345, in dem westlich Ernii bclegenen, allerdings mir etwa zwei Fünftel der Mon- edjite umfassenden Theile derselben nur 28 679 ha, also wenig als ein Zehntel von der im Osten versteigerten Fläche. Ä« meisten sind regelmäßig die Provinzen Westpreußen und nächstdem auch Ostpreußen und Pommern, also die chovinzen des Nordostens, am wenigsten Westfalen, Hessen- ^üisiau und Rheinland, also der Südwesten, an der versteigerten Mche beteiligt.

inJrchre 1886/87 2979 mit 110063 ha versteigerter Fläche ,, 1887/8$» 2355 81681

, 1888/89 2446 80280

srhem. Was die übrigen ursächlichen Verhältnisse anlangt, so tntpi.iten auf folgende Hauptgruppen derselben von sämmtlichen uchohlichen Verhältniffen

Nicht nur das thatsächliche, sondern auch das gutachtliche NMrial, welches die Erhebung geliefert hat, zeigt eine mf'roürbige Uebereinstimmung während der Berichtszeit. Am llinfijgsten erscheint unter den ursächlichen Verhältnissen, welche ul? Grund der Zwangsversteigerung angegeben werden, irgend Knie Art eigenen Verschuldens des Betroffenen, schlechte Wirth- unwirthschaftliches Privatleben u. s. w.; denn wie litcr.all so wird auch in der Landwirthschaft bei günstigen liier auch nur regelmäßigen Verhältnissen in erster. Linie eigene Untüchtigkeit zum wirthschaftlichen Verfalle führen und Vh ungünstigen Zeiten, wie Landwirthschaft und Grundbesitz sie igegentoärtig im Allgemeinen wohl durchmachen, fallen junäichft naturgemäß die weniger guten Wirthe besonders zahlreich zum Opfer. Es ist für die landwirthschastlichen Gmlndbesitzer im Ganzen sicher kein schlechtes Zeugniß, wenn ^.alljährlich noch nicht zwei auf je Tausend derselben durch

bei dem größeren Grundbesitzer, auch wenn er selbst wirth- schastet, die eigene Arbeitsthätigkeit verhältnißmäßig immer weniger und die Bewegung der Grundrente immer mehr ent­scheidend für seine Einkommensverhältnisse ist.

Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die Gesammt- zahl der in den letzten drei Jahren aus Ursachen aller Art in Preußen der Zwangsversteigerung verfallenen ländlichen Grundbesitzer verhältnißmäßig keine große ist, daß sie im Ganzen noch kaum ein Proeent derselben ausmacht wobei freilich zu berücksichtigen ist, daß oft auch hinter freiwilligen Veräußerungen sich ein Vermögensverfall verbergen und daß andererseits der Besitzer in seinem Eigenthnm lediglich deshalb belassen werden kann, weil die Gläubiger die Kosten der Zwangsversteigerung fürchten und an dem Erfolge der­selben zweiseln.

Detttjches Reich.

Stuttgart, 14. April. Nach einer Meldung des hiesigen socialdemokratischen Wochenblatts beschloß die in Halle ver­sammelte socialdemokratische Reichstagsfraction, den deutschen Arbeitern nicht zu empfehlen, den 1. Mai zu einem Tage allgemeiner Arbeitsruhe zu machen; wo Arbeits­ruhe ohne Conflict erwirkt werden könne, möge es geschehen. Die Fraction legt besonderes Gewicht auf die Absendung von Massenpetitioneii an den Reichstag zu Gunsten des^acht- stündigen Arbeitstages. Im Uebrigen genüge es, den 1. Mai Abends durch Versammlungen, Feste und ähnliche Kundgebungen zu feiern.

nun Iner Fläche des > Mngsweise der- 1886/87 steiigerten bezügl. 1887/88

,i,i . . j?-. jjjj»

Alle Annoncen-Bureaur bc8 In- imb AuSIarrdk» nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen

in den Jahren 1886/87 1887/88 1888/89 P r o c e n t

19,97

6,65

9,99

23,31

6,41

11,66

23,46

5,86

12,52

6,19

5,50

5,15

2,75

5,76

2,68

3,05 2,01 1,84

6,04 5,85 6,01

Uebernahme", welche nächst

aus Betriebe

unter

von

von

über

2

210

1050

50

H e e

t a r

1,52

14,68

37,90

45,90

0,79

5,10

15,99

78,12

0,81

5,02

15,50

78,67

0,77

5,87

15,72

77,64