abwesend schaute er sich in dem Stübchen um, da blieb sein gramvolles Auge an etwas Rothem hängen. Daraus zuwankend, erkannte er die rothe wollene Mütze, die er dem Schelm einst aus der Stadt mitgebracht und die ihm so gut gestanden hatte. Dies unscheinbare Kleidungsstück an die bebenden Lippen drückend, sank er auf den nächsten Stuhl, während ein Thränenstrom seinen Augen entstürzte.
Da öffnete sich groß und feierlich die Thür und Hanna erschien in derselben, zum Ausgehen gerichtet. Ohne den Blick vom Boden zu erheben, sagte sie mit tonloser Stimme:
„Ich gehe in die Stadr, um mir einen Dienst zu suchen, hier bei Dir bleiben kann ich nicht, der blutige Schatten unseres Kindes würde sich immer zwischen uns drängen."
Franz sah sie groß an, doch ehe er seinem Staunen Ausdruck geben konnte, hatte die junge Frau das Zimmer verlassen und eilte, wie gejagt, den Waldweg entlang. Erst als sie annehmen durfte, daß Franz sie nicht mehr einholen konnte, blieb sie stehen und schaute zurück nach der Stätte, wo sie so glücklich gewesen. Ein qualvoller Laut wollte sich Bahn brechen über ihre sestgeschlossenen Lippen, aber sie bezwang sich gewaltsam und drückte die Hand auf das heftig klopfende Herz, während ihr brennender Blick sich festsog an dem Häuschen, dessen Dach so friedlich zwischen den weißen, von der Sonne beschienenen Tannen hervorlugte, aus dessen Schornstein eine feine Rauchsäule zu dem klaren Winterhimmel emporstieg.
Was er wohl jetzt machte? Ob er sie — „Fort, nur fort, Du konntest unmöglich bei ihm bleiben!" stieß sie bebend hervor und eilte unaushaltsam der Stadt zu.
Wieder verkündeten die Glocken das Weihnachtsseft und wieder wie im Vorjahre begleiteten es Sturm und Schneewetter.
Aus dem Wege, der von der Stadt durch den Wald nach dem Bahnwärterhäuschen führte, schritt eine Frauengestalt rüstig aus- nicht achtend des Sturmes, der ihr das BorwärtSkommen erschwerte, sie bis ins Mark erschütterte |
und sich derart in ihrem Kopstuche verfing, daß sich die dicken Flechten lösten und schwer an ihrem Rücken niederfielen, Der Schneeflocken nicht wehrend, die sich auf ihrem Tuche zu kleinen Bergen ansammelten, sich in ihrem Gesicht, in Brauen und Wimpern verfingen und gleich silbernem Reif aus ihrem Scheitel lagen, eilte sie vorwärts und verfehlte trotz der mittlerweile eingetretenen Dämmerung nicht ihre Richtung. Sie kannte ja den Weg und Steg und — die Liebe, die Sehnsucht führten und trieben sie.
Ein durchdringender Pfiff ertönte.
Die Frau fuhr erschreckt zusammen, tastete aber dennoch weiter, während sich die Schneeflöckchen mit den an ihren Wangen niederrieselnden Thräuen mischten.
Jetzt hatte sie die Wegebiegung erreicht, sie konnte daS Bahnwärterhäuschen sehen, dessen kleine Fenster wie sonst erleuchtet waren und unverhüllt jedem Neugierigen Gelegenheit boten, zu erspähen, was darinnen vorging.
Vorsichtig, als dämpfe nicht ohnehin der Schnee ihren Schritt, schlich sich die fremde Frau an das Häuschen Hera«. Was sie aber in dem engen Zimmerchen erspähte, war mehr, als sic ertragen konnte, denn ausstöhnend suchte sie eine Stütze an dem Fensterladen, der nur lose eingehängt war.
Der Bewohner des Häuschens mußte das Geräusch vernommen haben, denn er hob den Kopf und horchte in die Nacht hinaus. O Gott, war der Mann mit dem blaffen, eingefallenen Antlitz, mit den trostlosen, tief umränderten Augen, der schlechten Kleidung, dem unordentlichen, wirren Haar und Bart der Bahnwärter Franz, dessen schmuckes, kraftvolles Aeußere seine Vorgesetzten so oft lobenswerth anerkannten?
Mit matter Bewegung schmückte er ein winziges Tannenbäumchen, während er ab und zu ermüdet die Hände sinken ließ und schmerzverloren auf eine rvthe Mütze niederfah, die auf seinen Kuieen lag. Zuweilen auch drückte er die an feine Lippen, die sich wie im Gebete bewegten.
(Schluß folgt.)
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Zum Bezug des „Gieftener Anzeiger" für das 1. Vierteljahr 1891 laden wir hiermit ergebcnst ein. — Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer objectiver Ucbersicht zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten des Wolff'schen telegraphischen Correspondenz- Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen ans dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz O b e r h e ss en ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur'Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theilc des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Land wirt Hs ch aft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil iverden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Ersahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe, undJndustrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gietzeuer Familienbläiter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
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Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Januar den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Exemplare nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Ltadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger"
Brühl'sche Druckerei (Fr. Chr. Pietsch).
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Deutscher Reichstag
40. Plenarsitzung. Freitag, 12. December 1890, 11 Uhr. (Verspätet eingegangen).
Aus der Tagesordnung steht zunächst die erste und eoent. -weite Berathung des zwischen dem Reiche und der Türket abgeschlossenen Freundschafts'-, Handels- und Schifsahrtsvertrages.
Abg. Dr. Siemens (bfr.) erblickt den größten Werth des Vertrages in der Beseitigung der localen Durchgangszölle in der Türkei. Da auch daS deutsche Capital seit einiger Zeil sich in selbstständiger Weise industriellen Unternehmungen in den orientalischen Staaten zugewendet, während eS früher meist nur in dienender Weise bei den Unternehmungen fremder Nationen betheiligt war, so ist von dem Vertrage für deutsche Unternehmungen im Orient in Zukunft großer Vorthetl zu erwarten.
Der Vertrag wird hierauf in erster und zweiter Lesung genehmigt.
ES folgt die erste Lesung der Zuckersteuer-Vorlage.
Staatssekretär des Reichtzschatzamtcs Frhr. v. Maltzahn- Gültz begründet die Vorlage. ES ist der deutschen Zuckerindustrie gelungen, fich den ersten Platz auf dem Weltmarkt zu erobern und ein Product zu liefern, daS dem Rohrzucker gleichwertig ist. Damit ist Relchthum in weite Gegenden des Landes gebracht. Diese Erfolge der Industrie waren nur möglich durch die Begünstigung der Industrie Seiten« des Reiche«. Die Vorlage bezweckt nur die Steuerfrctbeit für den exportirtm Zucker aufrecht zu erhalten, der deutschen Industrie die bisherigen Absatzgebiete zu erhalten und hierbei wird der Eonsument nicht stärker gettoffen als bisher. Das bisherige System sei bis zu einem Punkte gediehen, wo es nicht mehr nutzt und wir find an einen Zeitpunkt angekommen, der besonders geeignet ist, daS System zu ändern. Die Technik der Entzuckerung ist bis zu einer Höhe entwickelt, wo die Kosten deS Entzuckerungsverfahrens, wenn
dies noch weiter entwickelt werden könnte, durch den Werth des dadurch gewonnenen Zuckers nicht mehr gedeckt werden können. Außerdem besteht in allen Staaten eine Ueberproductton an Zucker, so daß eine weitere Unterstützung der Zuckertndustrie aus Staatsmitteln nicht zu empfehlen ist und zwar um so weniger, als bei den wachsenden Bedürfnissen des Reiches auf weitere Einnahmen aus dem Zucker Bedacht genommen werden mutz. Würden wir mit der neuen Besteuerung etwa noch drei Jahre warten, bis das Geldbedürfniß für das Reich ein dringendes ist, so würden inzwischen etwa 25 neue Fabriken entstanden sein, die dann alle viel schwerer getroffen werden würden, als die heutigen neuen Fabriken. Ich wünsche, daß Sie der Vorlage zustimwen im Interesse der RcichSfinanzen und der be- theiligten Industrie.
Abg. Dr. Witte-Rostock (bfr.) beantragt Vorberathung her Vorlage durch eine 28er Commission. Was der Staatssecretär an- sühne, ist hier im Hause bereits vor 10 Jahren gegen die Materialsteuer geltend gemacht. Es ist unrichtig, daß die Materialsteuer der Landwirthschaft zu Gute kommt; die Materialfteuer ist so verkehrt wie möglich, man sollte sie baldigst beseitigen und mit ihr zugleich die Ausführungen. Die letzteren habm seit dem Jahre 1871 nicht weniger als 481 Millionen Mark betragen (hört! hört!) Diese ungeheure Staatsunterftützung ist einer einzigen Industrie zugewendet. Einnahmen auf Vorrath bewillige ich nicht und halte neue Einnahmen nicht für nöthtg deshalb und außerdem aus volkswirth- schaftlichen und socialpolitischen Gründen stimme ich gegen die Vorlage. Eine Beseitigung der Exportprämien ist allein im Stande, eine Gesundung der Weltmarktpreise hrrbeizuführen. Die Bcsürch- tung, daß der Export unter dem Wegfall der Prämien leiden würde, ist unbegründet, denn wir erposhren mehr Zucker, als Frankreich überhaupt zu produciren im Stande ist. Geht Deutschland mit der Abschaffung der Exportprämien vor, so werden die anderen Staaten folgen, da die Prämien überall als drückende Last empfunden werden. Eine Erhöhung der Verbrauchssteuer empfiehlt sich nicht, denn die Zuckersteuer hat längst aufgehört eine Luxussteuer zu sein; sie trifft ein wichtiges Nahrungsmittel.
Abg. Graf Udo v. Stollberg-Wernigerode (conf.) wünscht eine allmählichere Aufhebung der Prämien und eine Ver- theilung der Aufhebung auf mehrere Jahre, ebenso wäre zu erwägen, ob nicht der plötzliche Sprung der Verbrauchsteuer von 12 auf 22 Mark ein zu hoher ist und oiese Erhöhung allmählich anzustreben wäre. Jedenfalls soll man darauf Bedacht nehmen, daß die Stellung der deutschen Zuckertndustrie auf dem Weltmärkte erhalten bleibt.
Abg. Oechelhäuser (natl.) findet das fiscalische Moment in der Vorlage zu einseitig zum Ausdruck gebracht. Die Rücksicht auf die deutsche Zuckerindustrie und auf die Weltmarktstellung ist keine ausreichende. Die deutsche Zuckerindustrie bedarf gegenüber ben erfolgreichen Anstrengungen, welche namentlich die französische Industrie macht, noch des staatlichen Schutzes und der staatlichen Protection. Die Witte'sche Berechnung der Zuwendungen an die Zuckerindustrie ist völlig mrrichtig.
Reichsschatzsecretär v. Maltzahn-Gültz: Die Vorlage wurde namentlich dadurch veranlaßt, daß Frankreich ebenfalls eine erhebliche Herabsetzung der Prämien angenommen hat. Die Einzelnheiten der Vorlage können in der Commission erörtert werden; die Regierung wird ihre Angabm vertreten.
Abg v. Kardorff (Reichsp.): Es wird mit der Vorlage ein ähnliches Experiment gemacht wie mit der Aushebung der Esienzölle,
Feuilleton.
Im Bahnwärterhäuschen.
Eine Weihnachtserzählung von H. Waldemar. (Fortsetzung.)
Eine Schaufel voll Erde und noch eine, bann hatte sich daS Grab über dem armen kleinen Hans geschloffen. Von Schmerz betäubt, hielt Franz in seiner traurigen Arbeit inne, stützte sich auf die Schaufel und barg sein Gesicht in beiden Händen. Es war nicht der Liebling allein, den er hier begraben, sondern seines Lebens Glück war mit ihm eingesargt und nichts, gar nichts konnte es wieder erstehen lassen. — Dort ging sie — er richtete den Kopf mit dem todtenblassen Antlitz und den tieftraurigen Augen auf, als der Schnee unter Menschentritten knirschte, — ja, dort ging sie, aufrecht wie sonst, starr und stumm, die Arme schlaff am Körper niedergesunkcn, die braunen Augen thränenlos, geradeaus auf die verderbenbringenden Schienen gerichtet, dem Hause zu. Etwas wie Haß wallte in Franz' Herzen auf. Konnte eine Mutter, die ihr Einziges verloren, so theilnahmslos sein? Lch, er sah nicht das namenlose Weh, das in der Tiefe der braunen Sterne lagerte, er verstand nicht zu deuten, warum ne ihre Lippen so fest anfeinanderpreßte, sah nicht, wie fich ihre Finger in den Kleiderfalten festkrallten.
Nachdem er das kleine Grab mit Tannenzweigen bedeckt hatte, kehrte er nach seinem Häuschen zurück. Trotz allem Arvll, der in seinem Herzen gegen Hanna aufgekeimt, hoffte tt, daß sie sich eines Besseren besinnen würde, wenn sie die Derlaffene Stätte betreten. Armer Franz!
In das Zimmer tretend, gewahrte er fein Weib nicht. Lin schluchzender Laut rang sich ans feiner Brust, als er die Stühle sah, auf denen der Sarg gestanden, und umher verstreute Tannenzweige — es war ja der einzige Schmuck, den « seinem Liebling konnte angedeihen lasten — verriethen, zsclch trauriges Geschäft hier verrichtet worden. Wie geisteS-


