Ausgabe 
16.8.1890
 
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Ein Wort an Alle, sösisch, Englisch, Italienisch, h^ortugiesiech^ollandisch, . Schwedisch oder Bussisch w sprechen lernen wollen. $unb franco ju beziehen durch die »thal'i'che VerlagshMimg in Leipzig.

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Nr. 189.

Samstag den 16. August

1890

Kichemr Anzeiger

Generat-Mnzeiger

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Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

Ausbruch der Schafräude in der Gemarkung Leihgestern betreffend.

Unter den Schafen der Heerden der Schäfer Heinrich Habermehl und Georg Seipp zu Leihgestern ist die Räude ausgebrochen. Es wird deshalb die Sperre über die Gemarkung Leihgestern hierdurch verfügt. Gestattet ist die Ausfuhr von Schafen nur zum Zwecke sofortiger Abschlachtung und ist in jedem einzelnen Fall, in welchem dieselbe erfolgen soll, unsere Erlaubniß einzuholen. Zuwiderhandlungen gegen die angeordneten Schutzmaßregeln unterliegen den gesetzlichen Strafen.

Gießen, den 13. August 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I- V-: _________________Jost, Regierungsrath.__________________

Bekanntmachung,

Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche betreffend.

Nachdem die Maul- und Klauenseuche im Kreise Büdingen erloschen ist, bestimmen wir für den Transport von Rindvieh, Schafen, Schweinen und Ziegen aus einer Gemarkung in eine andere im Kreise Büdingen gelegene Gemarkung, sowie für den Marktverkehr unter Aufhebung unserer Be­kanntmachung vom 30. April 1890 (Kreisblatt Nr. 51) das Folgende:

I. HandelSvLeh. 1. Jeder Händler, der Vieh transportirt oder transportiren läßt, bedarf hierzu eines von einem practischen Thierarzte ausgestellten Gesundheitsscheines, durch den bescheinigt wird, daß die fraglichen Thiere sich mindestens seit 7 Tagen in seuchefreiem Zustande an dem Orte der Untersuchung befunden haben.

2. Wird von einem Händler Vieh aus einem außer­halb des Großherzogthums Hessen gelegenen Orte eingeführt, so muß das thierärztliche Zeugniß außerdem die Bescheinigung enthalten, daß die Gemarkung, aus welcher die Thiere ein* geführt werden, vollständig seuchefrei ist.

3. Directe Transporte von Handelsvieh per Wagen nach der nächsten Eisenbahnstation und von da per Eisenbahn nach dem Schlachtviehhof oder dem Sanitätsstall zu Frankfurt a. M. sind ohne besondere Bescheinigung zulässig.

II. Schlachtvieh. 4. Zum Transport von Schlacht­vieh, d. i. solchen Viehs, das nachweislich zum Zwecke der

Abschlachtung bereits an bestimmte Personen verkauft ist und ohne wesentliche Verzögerung nach dem Schlachtorte gebracht wird, bedürfen Händler eines Gesundheitsscheins der Orts­polizeibehörde des Herkunftsortes.

5. Metzger und Landwirthe bedürfen zum Transport von Schlachtvieh keiner Bescheinigung.

III. Marktverkehr. 6. Jeder Händler, der Vieh auf einen Viehmarkt auftreibt (auch aus dem Marktorte selbst), hat die Seuchefreiheit der Thiere durch thierärztlichen Gesund­heitsschein nachzuweisen. Diejenigen Thiere, für welche der Gesundheitsschein nicht beigebracht wird, werden auf dem Markte nicht zugelaffen.

7. Landwirthe und Metzger bedürfen weder zum Austrieb auf den Markt, noch zum Wegttieb von dem Markte einer Bescheinigung.

8. Händlern ist der Auftrieb von Schweinen aus Märkte bis auf Weiteres untersagt. Ebenso ist den Händ­lern während der Markttage das Feilbieten von Schweinen in dem Marktorte (außerhalb des Marktes) und in den an­grenzenden Gemarkungen untersagt.

IV. Form der Zeugnisse und Strafbestimmung.

9. Alle im Vorstehenden erwähnten Zeugnisse sind, wenn auf denselben eine geringere Gültigkeitsdauer nicht ausdrücklich vermerkt ist, 5 Tage gültig. Sie müssen die Thiere genau bezeichnen (insbesondere jedes Stück Rindvieh nach Geschlecht, Alter, Farbe und Abzeichen), müssen datirt, vom Aussteller unterschrieben und mit dessen Siegel versehen oder von der Ortspolizeibehörde beglaubigt sein.

10. Zuwiderhandlungen werden nach § 66 des Reichs­gesetzes vom 23 Juni 1880 mit Geldstrafe bis zu 150 Mark oder mit Haft bestraft.

11. Die vorstehenden Bestimmungen treten mit ihrem Erscheinen im Kreisblatt in Kraft.

Büdingen, 6. August 1890.

Großherzogliches Kreisamt Büdingen.

I. V.:

Dr. Göttelmann, Amtmann.

Pottttsche Uebersicht.

Gießen, 15. August.

Kaum von der anstrengenden Reise nach England und dem dieselbe in so wirkungsvoller Weise abschließenden Besuche Helgolands nach Deutschland zurückgekehrt, hat Kaiser Wilhelm den vaterländischen Boden abermals verlassen und am Donners­tag Abend von Kiel aus die Meeresfahrt zum Besuche des Czaren angetreten. Auch aus dieser zweiten russischen Reise

begleitet ein großes "Gefolge den Kaiser, nur daß ein Theil desselben derHohenzollern" auf dem Landwege bereits voraus­geeilt ist, um sich erst auf russischem Boden den übrigen Herren der Begleitung wieder anzuschließen. Speciell ist be­merkenswert, daß der Reichskanzler v. Caprivi sich mit im kaiserlichen Gefolge befindet und schon hierdurch wird die politische Tragweite des bevorstehenden deutschen Kaiserbe­suches am Czarenhofe zum Ausdruck gebracht, während ander­seits die umfassenden, zum Empfange des erlauchten Gastes in Rußland getroffenen Vorbereitungen erkennen lassen, welch' große Bedeutung man an der Newa selbst dem Besuch Wilhelms II. zulegt. Aber es ist in der letzten Zeit von verschiedenen Seiten schon wiederholt darauf hingewiesen worden, daß diese abermalige Zusammenkunft zwischen den Herrschern Deutschlands und Rußlands trotz ihres unläugbar politischen Charakters an den Grundlinien, welche sich beide Staaten in ihrer auswärtigen Politik vorgezeichnet haben, schwerlich etwas ändern wird. Die Stellung Deutschlands gegenüber den schwebenden Tagesfragen der europäischen Politik ist längst eine klare und unverrückbare und wird im Uebrigen durch das Bündniß Deutschlands mit Oesterreich-Ungarn und Italien hinlänglich charakterisirt. Aber ebenso bestimmt hat schon längst auch Rußland seine Stellung zu den Fragen der hohen Politik, in erster Linie, was das vielverschlungene orientalische Problem anbelangt, genommen und daß da die Begegnung zwischen den beiden Herrschern einschneidende Ver­änderungen in der politischen Constellation Europas zur Folge haben sollte, ist daher durchaus unwahrscheinlich. Wohl jedoch steht von dem Ereigniß zu erwarten, daß es das gegenwärtige freundschaftliche Verhältniß zwischen Deutschland und Rußland auch für fernerhin aufrecht erhalten wird und ein günstigem Stand der deutsch-russischen Beziehungen kann schließlich auch die allgemeine Weltlage nur Vortheilhaft beeinflussen. Nach den neuesten Bestimmungen erfolgt die Ankunft Kaiser Wilhelms in Narwa am 17. August, nachdem der hohe Gast am Vor­mittag des genannten Tages in Reval, der Hauptstadt des Gouvernements Esthland gelandet sein wird, in Reval be­grüßt Großfürst Wladimir im Namen des Czaren den deutschen Kaiser, worauf sofort die Weiterfahrt der Fürstlichkeiten per Extrazug nach Narwa erfolgt, welche Stadt durch den großen Sieg des Schwedenkönigs Karls XII. über die Russen (20. November 1700) einen historischen Namen besitzt. In Narwa findet der officielle Empfang Kaiser Wilhelms ftattz woran sich Abends Familiendiner beim Czaren anschließt. Am 18. August ist Fest des Preobraschensky-Garderegiments mit Kirchenparade, am 19. und 20. August finden Truppenmanöver

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Feuilleton.

Deutsche Herzen.

Erzählung aus den Kriegsjahren von 1870/71.

Von Carl Cassau.

(Nachdruck verboten.)

Es war nach der Mitte des Juli im Jahre 1871, als . es in Rheims, der alten französischen Krönungsstadt, recht kriegerisch aussah. Die Cafes waren äußerst belebt, durch die Straßen zog Militär aller Gattungen, selbst Kanonen raffelten auf dem Pflaster dahin. Alle diese Truppen hatten nur ein Marschziel, das Lager von Chalons, wo Marschall . Mae Mahon, der Held von Magenta, die französische Süd- Armee zusammenzog, um an dem verhaßten Deutschland Revanche zu nehmen.

Die Revanche war überhaupt das Lieblingsthema der aufgeregten französischen Bevölkerung in diesen bewegten Tagen, in denen der greise König von Preußen in Ems dem dreisten französischen Gesandten Marquis von Benedetti so hoheitsvoll die Thür gezeigt, worauf dasschwergekränkte Frankreich" natürlich an Preußen und seine deutschen Ver­bündeten den Krieg erklären zu müssen glaubte.

Vor der Thüre derAcademie commercielle in Rheims stand ein etwa achtzehnjähriger Jüngling neben einem vier­undzwanzigjährigen Burschen. An der Kleidung des ersteren erkannte man sofort den Zögling der Anstalt, die Blouse des andern deutete dagegen auf dessen untergeordnete Stellung.

Die beiden jungen Leute sprachen zusammen im halb­lauten Tone deutsch.

Wofür sie wohl eigentlich Revanche fordern?" fragte der Handelsschüler.Wissen Sie es, Herr Martin?"

Der Blousenmann zuckte die Achseln und meinte:

Wofür, Monsieur Ehrbrecht? Dafür, daß sich Preußen Erlaubt hat, Deutschland zu einigen. Das paßt diesem ehr­geizigen und kriegslustigen Volke nicht."

Das glaube ich schon," lachte der andere.Gras Bis­

marck hat aber dem empereur Napoleon auch einige diplo- | matische Complimente zugewendet, die der Franzosenkaiser sich nicht an den Spiegel steckt."

Sie lachten beide beinahe überlaut.

Monsieur Ehrbrecht," fuhr der Blousenmann nach einer Pause leise fort,wenn es der Pöbel erst einmal heraus hat, daß Sie und ich Deutsche sind, so geht es uns wie den anderen Ausgewiesenen, die man mit förmlicher Bosheitswuth verfolgt."

Mein lieber Martin," lachte hierauf der Jüngling, was für ein Unglück wäre das, von hier jetzt fort zu müssenj? Längst wäre ich schon sortgelausen, wenn mein Onkel und Vormund, Herr Charles Masson zu Chalons, nicht das entscheidende Wort zu sprechen hätte. Wissen Sie, ich be­komme von den Lehrern und Schülern der Anstalt schon An­züglichkeiten genug zu hören, besonders aber von Monsieur le professeur Jules Cardieux; wenn das so fortgeht, riskire ichs und lause dem deutschen Heere entgegen, um mich unter seine Fahnen zu stellen."

Hm," meinte Martin,ich thäte gleich mit! Für mich wird hier auch bald kein Brod mehr gebacken."

Wie kommen Sie überhaupt hierher?" fragte der Schüler.

Ueber das Gesicht des Burschen zog ein tiefer Zug von Trauer, als er entgegnete:

Mein Vater Paul Martin, ein geschickter Schlosser, ließ sich bereden, hier in die große Loeomotiv-Anstalt einzutreten. Er heirathete hier meine Mutter, eine Französin. Als ich zwölf Jahre alt ward, starben mir beide Eltern."

Sie Aermster!"

Jener wischte eine Thräne ab und fuhr in der Er­zählung fort:

Jetzt mußte mich die Commune ernähren,- man stieß mich hin und her, bis ich die Schule verließ. Ich bekleidete verschiedene Stellen als Laufbursche, diente darauf sehr jung als Soldat, wurde dann aber frei, weil ich den Arm ge­brochen hatte und ward nun hier Hausdiener. Da haben

Sie meinen ganzen Roman. Natürlich hat man mich überall alsAllemand"*) traktirt. Nein, das halte ich auch nicht mehr aus."

Meine Mutter war ebenfalls Französin," gestand jetzt Ehrbrecht,sie war die Schwester meines Vormundes unb starb bei meiner Geburt. Mein Vater, der die große Tapeten­fabrik in Chalons befaß, fetzte bei feinem Tode den Bruder meiner Mutter zum Vormund für mich ein. Ich wurde französisch erzogen, ich bin aber ein guter Deutscher geblieben, und jetzt, wo man mich als Deutschen mißhandelt, fühle ich doppelt, daß ich Deutscher bin. Ich heiße Ludwig Ehrbrecht und nicht Louis Erebreckt, wie sie mich hier rufen."

Und ich heiße Hans Martin und nicht Jean Martän k Hier meine Hand darauf: Laufen Sie davon, so bin ich mit von der Partie. Mit Ihnen gehe ich durch Dick und Dünn. Und ich denke, daß wir nicht so lange zu laufen haben werden, um die deutschen Vorposten zu treffen."

Eben marschirte recht bummelig ein Trupp Mobilgarde vor dem Gebäude vorbei und sang oder brüllte vielmehr:

Le mar^chal Mac Mahon

Arrive avec des canons

Et ses r^giments,

De FAfrique les braves Zouaves, Et les Spahis ainei braves, Battent les Allemande!**)

Da haben wirs!" lachte Hans Martin.Der Spazier­gang nach Berlin ist bei diesen famosen Soldaten schon Thatsache."

Ludwig Ehrbrecht lachte auch und meinte:

«Wer weiß es! Doch da schlägts auf der Kathedrale wahrhaftig schon drei Uhr! Ich muß mich ankleiden. Um

*) Deutscher.

**) Der Marschall Mac Mahon Kommt mit Kanonen schon Und Regimenterzügen. Zuaoen sind aus Afrika, Tapfre Spahis auch schon da, Deutschland zu besiegen.