Mittwoch beit 16. Juli
Nr. 162
1890
Amts- und Anzeigeblutt für den Tkreis Gieren
chratisöeikage: Gießener IamikienökätLer
Amtlicher Theil
Wahl.
Innahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
diese Parteischattirungen pflegten, mit Ausnahme des geringen Häufleins der Conservativen, die immer gleich für den nationalliberalen Candidaten stimmten, bei den bisherigen Reichstagswahlen meist mit eigenen Candidaten vorzugehen, durch welche Vielseitigkeit von Candidaturen sich gewöhnlich in Kaiserslautern-Kirchheimbolanden engere Wahlen nöthig machten, bei denen dann regelmäßig die freisinnigen, socialisti- schen und clericalen Stimmen dem Candidaten der Volkspartei zufielen. Trotz dieser für sie ungünstigen Verhältnisse hat die nationalliberale Partei wie.derholt das Reichstags-Mandat für Kaiserslautern-Kirchheimbolanden besessen und befand sich dasselbe bekanntlich seit 1887 bis jetzt in den Händen Dr. Miquels. Für letzteren haben nun die Nationalliberalen den Gutsbesitzer Brunck als Ersatzmann aufgestellt, die Demokraten ihrerseits werden wieder ihren alten Führer, Grohe-Hambach, candidiren, für welchen, wie es heißt, diesmal die Freisinnigen und die Anhänger der Centrumspartei gleich im ersten Wahlgange stimmen wollen, die Socialdemokraten dagegen beabsichtigen wiederum mit einem eigenen Candidaten vorzugehen, während die Conservativen sich der Wahl enthalten wollen. Jedenfalls ist der Ausgang der Kaiserslauterner Nachwahl höchst ungewiß und erscheint daher das Interesse begreiflich, das ihr auch weit über die Grenzen dieses Wahlkreises hinaus entgegengebracht wird.
Die Gießener M«milienSrätter werden dem Anzeiger wdchentlich dreimal beigelegt.
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
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Nr. 21 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 11. d. M., enthalt:
(Nr. 1909.) Niederlassungsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Schweizerischen Eidgenosienschaft. Vom 31. Mai 1890.
Gießen, den 15. Juli 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Vierteljähriger ASonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
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Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.
Berlin, 14. Juli. Ein Artikel des „Reichsanzeigers" constatirt, daß die Convention wegen Abschaffung der Zuckerprämien bisher nicht ratificirt wurde. Der Austausch der Ratificationen bis zum 1. August sei mehr als unwahrscheinlich. Er wendet sich gegen die auf angebliche Erklärungen der Reichsfinanzverwaltung sich stützende wiederkehrende Zeitungsartikel, wonach der Verzicht aus die Rübensteuer ausgeschlossen und die Einführung fester Ausfuhrprämien zu erwarten seien und hebt hervor, derartige Erklärungen seien von der Reichsfinanzverwaltung nie abgegeben, vielmehr habe der Staatssecreiär des Reichsschatzamts in den letzten Reichstags-Sessionen es wiederholt abgelehnt, vor Ablauf der Ratificationsfrist über die spätere Gestaltung der Zuckersteuer-Gesetzgebung sich zu äußern und in der Reichstagssitzung vom 25. Juni nur ausgesprochen, daß, wenn aus dem Zucker höhere Reichseinnahmen fließen sollten, die Gestaltung des Gesetzes sich wahrscheinlich nach der Entscheidung, welche der 1./8. August bringe, richten werde.
Camenz (Schlesien), 14. Juli. Wiederholte Gerüchte über die Erkrankung des Prinzregenten von Braunschweig sind vollständig unbegründet. Derselbe ist durchaus wohl.
kein Erbarmen, wenn seine Schaulust nicht befriedigt wird. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, daß das Publikum für die Folge gerechter urtheilt.
Doch zur Sache. Um 5 Uhr 30 Minuten gab ich das Signal „Los!" An Bord hatte ich die Herren Kaufmann Peter Schmitz und Fabrikant Depenheuer, beide Herren aus Köln. Der Ausstieg ging glatt von Statten,- unser Curs war Südwest nach Nordost. In einer Minute hatten wir 1800 Meter erstiegen, die Temperatur war kühl,- rückwärts lag Köln in tiefem Nebel, ein Gewitterregen ging dort heftig nieder. Unser Stollwerck aber flog immer höher, dichter und dichter wurde der Nebel. Das Anerold-Barometer zeigt 2400 Meter- wir treiben heftig, die Gondel fängt rhytmisch au zu pendeln, ein Zeichen, daß wir schnell fahren. Ein Gewitter entladet sich unter uns.
Nach 15 Minuten erhalten wir wieder freien Ausblick, wir steuern auf Bensberg zu. Nichts als Wald und abermals Wald unter uns; der Ballon geht ziemlich heftig nieder, kalt ist die Luftschicht, welche wir durchfallen. Endlich sehe ich vor mir eine lichte Schonung an einem Bergabhange, zur Landung geeignet- ein Zug am Ventil, der Anker setzt vorschriftsmäßig ein, der Ballon geht sanft zur Erde. Der heftige Wind läßt den Ballon noch einige Male auf- und niederstoßen, aber der Anker hält, man hat uns schon bemerkt, Leute eilen herbei, den Ballon zu packen. Der vereinten Kraft von acht Personen gelingt es, den Ballon zu bändigen. Ich ziehe noch kurze Zeit das Ventil, gebe meinem Reisegefährten Peter Schmitz die Weisung, die Gondel zu verlassen und dieselbe mit niederzuhalten - kurz hinterher stieg Herr Depenheuer aus.
Soweit ging alles gut- ich reichte Mantel, Instrumente, sowie noch zwei Flaschen Wein hinaus. Da mit einem Male bricht ein Wirbelwind los- wir werden hestig hin und her
geworfen, aber durch Anspannung aller Kräfte zwingen wir den Ballon zur Erde. Schnell fasse ich eine Nothleine und binde die Gondel an einem Baume fest, aber ein heftiger Ruck, ich fliege auf den Rücken in meiner Gondel, und als ich aufspringe, da schweben wir hoch empor und ich sehe zwei Menschen außen am Gondelrand hängen. Den einen, einen Landbewohner aus der Umgegend von Köln, will ich schnell hereinziehen, aber zu spät, die Kräfte hatten den Armen verlassen — ich sehe den Mann stürzen und höre mit schrecklicher Deutlichkeit das dumpfe Aufprqllen seines Körpers aus der Erde. Mir schien der Herzschlag zu stocken- indeß die Geistesgegenwart war mir nöthiger als je- hing doch der treue Genosse meiner Fahrt, Herr Schmitz, noch außen an der Gondel. Schon sanken die Wolken unter uns hinab und immer höher stiegen wir - meiner Schätzung nach mußten wir ca. 3000 Meter hoch sein. Ich suche meinem Freunde zu helfen, ihn in die Gondel hinemzuziehen- aber es geht nicht, ich kann ihn nur bis zum Ellenbogen-Gelenk über den Gondelrand bringen, und er selbst hat nicht die Kraft mehr, sich emporzuarbeiten. Unserer bemächtigt sich die Verzweiflung, alle Fibern sind aufs Aeußerste gespannt. Da fasse ich den in der größten Gefahr Schwebenden mit meinen Zähnen am Rock, ergreife eine Sturmleine, lehne mich so weit es eben möglich, hinaus und suche den Freund festzubinden. Aber zwischen Hoffnung und Todesangst vergehen einige fürchterliche Minuten, endlich kann ich den Strick zwischen den Armen des an die Gondel Geklammerten durchbringcn; fest ziehe ich an und es glückt, ich kann Schmitz festbinden.
Aber es war ein Nothbehelf - hätte die Besinnung meinen Freund verlassen, so wäre er trotzdem aus der grausigen Höhe herabgestürzt. Ich ries ihm zu: „Lehne Dich auf den Strick, Arme recht breit machen!" Dabei brachte ich es fertig, eine Strickschlinge unter seinen rechten Fuß zu ziehen,
Deutsches Reich.
Darmstadt, 14. Juli. Seine Königliche Hoheit der Groß Herzog haben Allergnädigst geruht: Am 12. Juli den Steuercommissär des Steuercommissariats Michelstadt, Steuerrath Ludwig Kritzler, in gleicher Diensteigenschaft in das Steuercommissariat Darmstadt zu versetzen- — an demselben Tage dem Ministerialprotocollisten bei dem Großh. Ministerium der Finanzen, Matthäus Schönberger, den Character als Ministerialregistrator zu verleihen.
Berlin, 14. Juli. Die norwegische Reise Kaiser Wilhelms ist bislang leider nicht sonderlich vom Wetter begünstigt gewesen, so daß es heißt, der hohe Herr gedenke infolgedessen seine diesjährige Nordlandsfahrt eher zu beendigen, als ursprünglich geplant war. Indessen liegen in dieser Beziehung bestimmtere Meldungen noch nicht vor. Auf seinem von Bergen aus unternommenen größeren Ausflug traf der Kaiser im Laufe des Samstags in dem Hasenorte Gudwangen ein, wo sich der Monarch wiederum an Bord der ihn hier erwartenden Jacht „Hohenzollern" einschiffte und Abends 7 Uhr nach Faleide weiterreiste.
— Die Meldungen über den angeblich bevorstehenden Rücktritt des preußischen Unterrichtsministers Dr. v. Goßler, die sich anfänglich mit großer Bestimmtheit geltend machten, sind allgemach wieder verstummt. Bekanntlich hieß es, daß ernste Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Kaiser und Herrn v. Goßler wegen der von dem Monarchen gewünschten einschneidenden Unterrichtsresormen bestünden und auf diesen Gerüchten fußten offenbar die erwähnten Meldungen. Neuerdings wird indessen entschieden bestritten, daß irgendwelche Differenzen zwischen dem Kaiser und dem Cultusminister bestünden und aus diese Versicherung ist es wohl zurückzuführen, wenn die über Herrn v. Goßler verbreiteten Rücktrittsgerüchte vorläufig wieder verstummt sind. Ueberhaupt sind weitere Crisen im preußischen Cabinet während der nun eingetretenen sommerlichen Ruhepause in der innern Politik nicht sehr wahrscheinlich, so daß man auch die Gerüchte über die angeblich ebenfalls erschütterte Stellung des Kriegsministers v. Verdy und des Eisenbahnministers v. Maybach einstweilen aus sich beruhen lassen kann.
— Mit einer gewissen Spannung sieht man allseitig der Ersatzwahl zum Reichstage entgegen, die in dem pfälzischen Reichstagswahlkreise Kaiserslautern-Kirchheimbolanden an Stelle Dr. Miquels bevorsteht. Der Wahlkreis bietet ein besonders treues Spiegelbild der zerissenen politischen Parteiverhältnisse in Deutschland dar, denn neben den beiden sich hier stets gegenüberstehenden Hauptparteien, den Nationalliberalen und der süddeutschen Volkspartei, giebt es in dem genannten Wahlkreise noch mehr oder weniger freisinnige, clericale und socialistische Minderheiten und sogar an Anhängern der conservativen Partei fehlt es nicht. Alle
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Frau Helene Müller von Großen-Buseck nach Mittheilung der Großh. Direction der Universitäts-Frauenklinik zu Gießen zur Ausübung der Hebammenkunst „sehr gut" befähigt ist, als Hebamme verpflichtet wurde und sich dahier niedergelaflen hat.
Gießen, den 11. Juli 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern
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Feuilleton.
Eine Ballonfahrt auf Leben und Tod.
Unter dieser Ueberschrist veröffentlicht Herr Maximilian Wolff im „Köln. Tagebt:" folgende Schilderung seiner am 6. Juli Nachmittags vom Kaiser-Garten in Köln aus unternommenen Luftschifffahrt:
Wir schreiben den 8. Juli, der Morgen fängt an zu grauen- meine Nerven schlagen hestig, ich kann den Schlaf nicht finden, weil die Nervenüberreizung sich immer noch nicht legen will. Ich glaube, daß ich von meiner letzten Ballonfahrt dauernd ein Nervenübel davontragen werde," wenn nicht noch Schlimmeres eintritt. Allein dies sind die Folgen meiner letzten Fahrt mit meinem Ballon Stollwerck, wie sie die Annalen der Luftschifffahrt grausiger nicht ausweisen.
Am 3. d. Mts. erhielt ich die ehrenvolle Weisung von der Leitung der Kriegskunst-Ausstellung, den Ballon Stollwerck für seine vierte Freifahrt im Kaisergarten herzurichten und zwar sollte diese Fahrt am 6. dss. Mts. stattfinden. Während ich gewöhnlich des Nachts die Füllung vornahm, um mit derselben zeitig fertig zu sein, konnte ich diesmal erst am 6. d. M. früh 8 Uhr damit beginnen, weil Sturm und Regenwetter herrschten. Meine Absicht war, überhaupt nicht zu füllen- aber als Luftschiffer kann man nur Geld verdienen, wenn man fährt. Allmählich flaute der Wind ab und wir konnten den Ballon füllen.
Gegen 5 Uhr Nachmittags, als die Sonne uns wieder mit einigen spärlichen Strahlen grüßte, machte ich den Ballon Stollwerck für seine vierte Fahrt fertig. Immer noch wollte ich zurückbleiben, aber es war zu viel Publikum im Kaisergarten, man hätte mich der Feigheit beschuldigt und vielleicht insultirt, wäre ich zurückgetreten. Kennt doch das Publikum
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Versammlung des Obstbauvereins.
Sonntag -en 20. Juli I. I., Nachmittags 2V4 Uhr, findet im „Solmser Hof" zu Hungen eine Versammlung der Section Gießen des Obstbauvereins für die Wetterau statt. Herr Landwirthschaftslehrer Dr. v o n Peter aus Friedberg wird einen Vortrag über „Obftbau- schädlinge und deren Bekämpfung" halten; außerdem werden Fragen, den Obstbau betreffend, beantwortet werden.
Die Mitglieder des Obstbauvereins sowie alle Freunde des Obstbaues werden zu dieser Versammlung freundlich eingeladen. Die Herren Bürgermeister werden ersucht, gegenwärtige Bekanntmachung in ihren Gemeinden verkündigen zu lassen.
Gießen, den 14. Juli 1890.
Der Vorsitzende der Section Gießen des Obstbauvereins. Nebel, Amtmann.
Wies eck, den 14. Juli 1890. Betr.: Die Schiffenberger Conferenz.
Tas Großh. evangelische Dekanat Gießen
au die evangel. Pfarrämter des Dekanats.
Es wird Ihnen andurch mitgetheilt, daß die für den 21. d. Mts. in Aussicht genommene Schiffenberger Conferenz zwingender Gründe halber bis auf Weiteres hat verschoben werden müssen.


