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Brauche Lisa nicht mehr, habe für meine kranke Frau eine ältere, erfahrene Person engagirt. Der Pastor soll für seine Schwester allein sorgen,- das ist seine Pflicht.

Steher, Amtsrath."

Der Amtsrichter wagte nicht aufzusehen. Wie würde Lisa diese Nachricht aufnehmen? Wie sollte er sie trösten?

Doch da stand sie hoch aufgerichtet vor ihm.Wenn der Amtsrath mich nicht braucht und auch Bruder Franz in seinem Hause keinen Platz für mich übrig hat, so gehe ich in die weite Welt- da wird sich schon ein Ort für mich finden, wo ich mir mein Brot erwerben kann und mich nicht wie ein überflüssiger Gegenstand zur Seite schieben lassen darf!" rief sie trotzig.

Da wußte der Amtsrichter mit einem Male, was er zu thun hatte.

Aber ich brauche Dich, meine liebe tapfere Luise!" rief erich brauche Dich als meine Hausfrau, als mein geliebtes Weib, das mir den Himmel auf die Erde zaubern soll. Lisa, wenn Dir der Onkel Amtsrichter nicht zu alt ist"

Er breitete ihr die Arme entgegen. Sie warf sich hinein und stammelte:Nur weil es so dunkel war, nannte ich Dich so, von nun an bist Du immer mein theurer Max."

Lange hatte ihn Niemand bei seinem Vornamen genannt und als er zum Dank dafür die rothen Lippen küßte, lachte sie ihn schelmisch an.

So soll es immer sein!" rief er entzückt.Kein Schmerz, keine Thräne mehr. Was zupfst Du mich, Harro? Aha, Du willst der erste Gratulant sein. Halt, Dir gefällt Deine junge Frau Amtsrichter auch?"

Daß die Familie Schmidt, Fräulein Lina Böhm und mehrere große Damenkaffees diese ganze Verlobungsgeschichte höchst unpassend fanden, focht die Glücklichen nicht an- sie waren zufrieden, daß es so gekommen.

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Mittwoch den 15. October

1890.

Drr fcUteutt Z«retser erscheint täglich, Btt Ausnahme deS MontagS.

Die Gießmer He*Ui<*ir6Uit »erden dem Anzeiger »öchentlich dreimal deigelegt.

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Keneral-Htnzeiger.

Bierteljährt^er ASonnementsPreiSL 2 Mark 20 Pfg. m» Bringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 60 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei: rch»tstr«teItt.G«

Fernsprecher 61,

Amts- und Anzeigeblatt für den Atreis Giefzen.

Annahme von Anzeigen zu drr Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borin. 10 Uhr.

Hmtisöeitage: Hi-ßenrr KamMniöM-r. "'.'7-^7^".^,

Amtlicher Shell.

Bekanntmachung.

Mittwoch den 22. d. MtS., Vormittags 10 Uhr, findet eine außerordentliche Sitzung des Kreistags des Kreises Gießen im Negierungsgebäude zu Gießen mit nachstehender Tagesordnung statt.

Gießen, den 13. October 1890.

Der Vorsitzende des Kreistags des Kreises Gießen.

v. Gagern.

Tagesordnung:

1. Prüfung der Ergänzungswahlen zum Kreistage, ig

2. Neuwahl eines Mitgliedes der Einschätzungs-Commission

I. Abteilung im Steuercommiffariatsbezirke Grünberg für die Periode 1890/92.

3. Wahl der Sachverständigen für die nach dem Gesetz über die Kriegsleistungen vom 13. Juni 1873 vorzunehmenden Abschätzungen.

4. Wahl der Sachverständigen für die Abschätzung der durch die Truppenübungen veranlaßten Flurschäden.

5. Wahl je eines Wahlmannes zur Wahl der Vertreter der Arbeitgeber und der Vertreter der Versicherten in den Aus­schuß der Landesversicherungsanstalt für die Jnvaliditäts- und Altersversicherung.

6. Gesuch der Stadt Gießen um Entlastung von der auf sie entfallenden Quote des Gehalts der Kreisboten.

7. Gesuch der Stadt Lich um nachträgliche Uebernahme der Kosten des recurrensfieberfraufen Louis Börner von Apolda.

8. Gesuch des Wetterauer Obstbauvereins um Bewilligung eines Zuschuffes aus Kreismitteln.

Bekanntmachung,

den Ausbruch der Schafräude zu Harbach betreffend.

Unter der Schafheerde zu Harbach ist die Räude aus- gebrochen und wird deshalb die Sperre über diese Heerde ver­fügt. Gestattet ist die Ausfuhr von Schafen nur zum Zwecke sofortiger Abschlachtung und ist hierzu in jedem einzelnen Falle unsere Erlaubniß einzuholen. Zuwiderhandlungen gegen die angeordneten Schutzmaßregeln unterliegen der gesetzlichen Strafe.

Gießen, den 13. October 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

politische Ueberficht.

Gießen, 14. October.

Die Einberufung des preußischen Landtages soll, einer Meldung derNat.-Ztg." zufolge, einige Tage vor dem 18. November, dem Zeitpunkte des Wiederzusammentrittes des Reichstages, erfolgen. Falls sich diese Meldung bestätigt, so würde also der schon oft beklagte Uebelstand des Neben- einandertagens des Reichsparlamentes und der preußischen Volksvertretung diesmal gleich von Anfang des parlamentari­schen Winterfeldzuges an eintreten. Wenn man maßgebenden Orts trotzdem an der Absicht einer so ungewöhnlich früh­zeitigen Einberufung des preußischen Landtages festhält, so durfte wohl der dringende Wunsch hierbei bestimmend gewesen sein, die den Landtag diesmal erwartenden wichtigen Reform­vorlagen möglichst bald in Angriff genommen zu sehen. Hoffent­lich werden durch die Concurrenz der preußischen Landtags­verhandlungen die Arbeiten des Reichstages nicht empfindlich beeinträchtigt werden.

Im Reichsamte des Innern wird am nächsten Freitag eine Conserenz von Sachverständigen und Negierungsvertretern stattfinden, um die dem Reichstage vorzulegenden Entwürfe, betr. die Abänderung der Patent- und Musterschutzgesetze, zu prüfen. Die schon früher seitens der Bundesregierungen wie aus den Jntereffenkreisen abgegebenen Gutachten über diese Entwürfe werden ohne Zweifel den Conferenzberathungen mit zur Unterlage dienen.

Die Zeitungsnachrichten, daß zwischen der deutschen Reichs­regierung und der österreichisch-ungarischen Regierung Vor- v-rhandlungen zur Herbeiführung eines beffereu handelspoliti­schen Verhältniffes zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn eingeleitet worden seien, finden durch einen bezüglichen Artikel desWiener Fremdenblattes" indireet ihre Bestätigung. Nur warnt dasWiener Regierungsblatt" vor überschwänglichen Hoffnungen und betont wiederholt, daß der Versuch, ein ge­sicherteres und friedlicheres Verkehrsverhältniß zwischen den beiden poliüsch und wirthschaftlich einander so nahestehend.en Nachbarreichen herzustellen, sich zu einer mühevollen und dornigen Arbeit gestalten werde, bei der ein Mißlingen keines­wegs ausgeschlossen sei. Im deutschen Reichsamt des Innern sind die Berathungen über diesen wichtigen Gegenstand zwischen Commissaren der zuständigen Reichs- und Landes­behörden bereits im Gange.

Der schweizerische Bundesrath hat die Wiedereinsetzung der gestürzten conservativen Cantonsregierung von Tessin be­schlossen und hiermit dürfte die Tessiner Revolutionscomödie zu ihrem vorläufigen Abschlüsse gelangt sein. Indessen ist es I

keineswegs ausgeschlossen, daß sie noch verschiedene Nachspiele findet, denn einerseits sind die Tessiner Clericalen ungehalten darüber, daß der eidgenössische Commissar Oberst Künzli auch fernerhin noch eine gewisse Controlle über die Cantonsregier­ung ausüben soll, und anderseits herrscht unter ihren liberalen Gegnern Unzufriedenheit mit dem erwähnten Bundesraths- beschluffe, da die liberale Partei des Tessin neue Drang- salirungen seitens des conservativen Regimes befürchtet. Solchen Versuchen wird jedoch der Bundescommissar Oberst Künzli sicherlich sofort energisch entgegenzutreten wissen, der überhaupt entschlossen ist, Ruhe und Ordnung im Tessin auch weiter nöthigenfalls mit Strenge aufrecht zu erhalten, wofür u. A. das Verbot der für Bellinzona und andere Orte des Canto ns angesagten liberalen Volksversammlungen zeugt. Jedenfalls wird erst von dem Ausgange der Wahlen zum Tessiner Großen Rath die endgiltige Neuordnung der Ver­hältnisse im Tessin abhängen.

Die englisch-italienische Freundschaft droht durch das un- vermuthete Scheitern der Verhandlungen über die gegenseitige Abgrenzung der Interessensphären Englands und Italiens in Afrika ein Loch zu bekommen. Die in Neapel geführten Verhandlungen standen schon auf dem Punkte, befriedigend abgeschlossen zu werden, da erhob der Hauptvertreter Englands, Generalconsul Baring, plötzlich die befremdliche Forderung, die Italiener sollten sich, im Falle sie die wichtige Stadt Kassala besetzen würden, verpflichten, dieselbe den Egyptern zurückzugeben, sobald Egypten den Sudan wieder besetze. In diese Forderung glauben aber die italienischen Bevollmächtigten nicht einwilligen zu können und da auch die englischen Dele- girten nicht nachgaben, so zerschlugen sich die Verhandlungen. Die offieiöseAgenzia Stefani" meint zwar, daß wegen einer Meinungsverschiedenheit über eine einfache Formel die be­stehenden guten Beziehungen zwischen Italien und England sich nicht ändern würden, aber vorerst ist man in den italieni­schen Regierungskreisen sehr verstimmt wegen der Haltung Englands in den vorläufig gescheiterten colonialpolitischen Ver­handlungen von Neapel. Es ist dies auch ganz begreiflich, denn Kassala würde den Italienern einen trefflichen Stützpunkt bei der Ausdehnung der Interessensphäre über den östlichen Sudan abgegeben haben, und nun sollen sie Kassala nur be­setzen, um es später den Egyptern wieder zu übergeben da kann mau es der italienischen Regierung nicht verargen, wenn sie über die wenig freundschaftliche Haltung Englands in dieser Frage stark verschnupft ist!

Feuilleton.

Wie es kam.

Nooclleltc von H. Renö.

(Schluß.)

Wann kann der Wagen morgen hier sein?" fragte sie, die kalten Hände an dem heißen Theeglas wärmend.

Jedenfalls sehr zeitig, auf dem Lande wird früh auf- gebrochen. Und darum müssen Sie recht ausschlafen. Nicht wahr, Sie versprechen mir, ein tapferes Mädchen zn sein und sich nicht zu fürchten?"

Sie hatte ihm beide Hände gereicht und blickte ihn mit ihren dunklen Kinderaugen dankbar an.Wie gut Sie sind und wie viel Mühe ich Ihnen mache!" stammelte sie.

Die weiße, niedrige Stirn war ihm so nahe. Sollte er sie, wie er es früher oft zurGute Nacht" gethan, küssen? Da ging im Hintergrund eine Thür, verspätete Gäste kamen und warfen neugierige Blicke auf baS schöne Mädchen im Trauerkleid.

Gute Nacht," sagte er, eilig sich verabschiedend,für den Abend habe ich noch eine Verabredung, doch morgen sehe ich wieder nach."

Er hatte sie nicht geküßt und sie ihn nicht mehrOnkel Amtsrichter" genannt.

Am nächsten Morgen, als er zeitiger, wie es sonst seine Gewohnheit, die Fensterläden aufstieb, brach gerade durch graues Regengewölk ein Sonnenstrahl, so licht und warm, daß er unwillkürlich an Lisas gestriges Lächeln erinnert wurde. Uni) dann dachte er weiter, daß ihm eigentlich die schlanken, schwarzhaarigen Mädchen immer recht gut gefallen hätten und daß er begreifen könnte, wenn ein Mann, ein junger natür­lich, Referendar oder Seconde-Lieutenant etwa, sich in Lisa verlieben würde. Ob sie heute wohl wieder durch Thränen tyn anlächeln würde? Doch das war ja Thorheit. Haupt­

sächlich kam es ja darauf an, daß feine Beschützerrolle aus­gespielt wurde.

Im Hotel kein Wagen, keine Nachricht.

Lisa sah sehr bekümmert aus und willigte sofort ein, auf dem Bahnhofe nachzufragen.

Auch hier nichts.

Ganz niedergeschlagen, kehrte sie mit ihm zurück. Es war Sonntag- die Glocken läuteten und manche Kirchen- gängerin warf dem Amtsrichter und seiner Begleiterin spöttische Blicke zu. Lisa bemerkte es nicht, und er war froh, daß sie den häßlichen, dichten Schleier nicht über ihr süßes, trauriges Gesicht zog.

Dann kam ein wunderschöner Tag, so schön und froh, wie er keinen seit seiner Studentenzeit mehr erlebt zu haben glaubte. Im blassen Herbstsonnenschein wanderte er mit ihr durch die Stadt, zeigte ihr die alten Kirchen, die mit welken Blättern bedeckte Promenade. Und dann aßen sie in einem kleinen Vorstadt - Restaurant, wo ihn Niemand kannte, zu Mittag, und der Amtsrichter beneidete heimlich seinen Harro, der von ihren weißen Händchen liebkosend gezaust wurde.

Das war doch einmal ein seltener Tag," murmelte er, als er endlich am Abend seine verstaubte Junggesellenlampe ar.zündete.Schade, daß morgen alles vorüber ist."

Und der Wagen kam- er brachte aus Segenfelde einen Boten mit einem Briefe. Uneröffnet nahm er ihn mit zu Lisa.

Er fand sie im vollen Reifeanzug, am Fenster feiner wartend. Als er hinaufgrüßte, dankte sie lächelnd. Und da war es wieder das sonnige Kinderlächeln, das ihm das Herz so warm machte. Und dieses Lächeln sollte fortan der alte Amtsrath sehen, vielleicht mit einem brummigen Knurren beantworten? Schauerlich!

Ein Bries ist gekommen, darf ich ihn vorlesen?" fragte er, absichtlich ihren Blick vermeidend.

Sie nickte, während sie mit zitternden Händen sich an ihrem Reifetäschchen zu schaffen machte.