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yte. 12._________________________Mittwoch den 15. Januar_____________________ 1890.
Der chießeuer ^wjdfler «scheint täglich, mit Au-nahme btl MontagS.
Die Gießener
Aamitie«»rsiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
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zeigen ist.
I. V.: Jost.
Nr. 2 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 9. d. M., enthält: (Nr. 1881.) Verordnung, betreffend die Wahlen zum Reichstag. Vom 8. Januar 1890.
Gießen, am 13. Januar 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. G a g e r n. ___________
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
ßs wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlag« von Fünf vom Hundert, pro Monat D ecember für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen:
Hafer «X 16.40, Heu «X. 7.90, Stroh Jt. 6.80.
Gießen, den 12. Januar 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
politische Ueverficht.
Gießen, 14. Januar.
An diesem Mittwoch tritt der preußische Landtag zu seiner Wintersession zusammen und hiermit langt die parlamentarische Thätigkeit im neuen Jahre auf ihrem Höhepipikt an. Im Mittelpunkt des gesetzgeberischen Materials für die neue Landlagssession stehen nicht unwichtige Eisenbahn-Vorlagen, welche sich sowohl auf den Bau weiterer Linien, als auch aus den Umbau, resp. die Erweiterung verschiedener Bahnhöfe und auf die Vermehrung des Oberbau-Materials wie des rollenden Materials beziehen- der Credit, welchen die Regierung zu diesen Zwecken in Anspruch zu nehmen gedenkt, soll daher wiederum ein recht beträchtlicher sein. Was die neuen Bahn-
Gießen, den 14. Januar 1890. Betr.: Maßregeln gegen die Weiterverbreitung der Influenza.
Die
Großh. Kreis-SchulcommWon Gießen
an die Schulvorstände de- Kreises.
Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben in rubr. Betr. benachrichtigen wir Sie weiter, daß der erfolgte ev. erfolgende Wiederbeginn der geschloffenen Schulen sofort bei uns anzu-
Unten anbelangt, so dursten die Vorlagen nahezu die sämmt- lichen Projecte zur Ausführung Vorschlägen, deren Bearbeitung seit Jahr und Tag den Eisenbahn-Directionen aufgetragen ward. Ob den Landtag diesmal endlich auch die immer wieder auf die lange Bank geschobene Gehaltsaufbesserung für eine Reihe unterer Beamten-Kategorien beschäftigen wird, erscheint noch ungewiß. Doch bildet diese Frage nach officiösen Andeutungen schon längere Zeit den Gegenstand sorgsamster Prüfungen im Schooße des preußischen Staatsministeriums und soll es nach mancherlei Anzeigen nicht unmöglich sein, daß „in naher Zeit ein positives Ereigniß derselben in Aussicht steht."
Die hier und da in österreichischen Blättern ausgesprochene Erwartung, es würde der Abschluß der Wiener Ausgleichs- Verhandlungen für Anfang dieser Woche zu gewärtigen sein, hat sich nicht erfüllt. Vielmehr dürften der am Montag abgehaltenen elften Sitzung der Ausgleichsconferenz noch eine ganze Reihe von Sitzungen folgen, beim jetzt ist die Conferenz noch immer mit der Berathung der Justizangelegenheiten in Böhmen beschäftigt und scheinen in dieser wichtigen Frage ernste Schwierigkeiten zu überwinden zu fein. Ueber die Einzelheiten der Ausgleichsverhandlungen beobachten deren Theil- nehmer, zu denen übrigens seit vorigem Samstag auch der czechisch-feudale Graf Clam-Martinitz gehört, fortgesetzt strengstes Stillschweigen.
In Oesterreich scheint endlich die formelle Regelung der seit dem Tode des Kronprinzen Rudolf schwebenden Thron- solge-Frage in Aussicht zu stehen. Es heißt, Erzherzog Karl Ludwig, welcher als Bruder des Kaisers Franz Josef zunächst zur Thronfolge berufen wäre, sei gesonnen, zu Gunsten seines ältesten Sohnes, des Erzherzogs Franz Ferdinand von Oester- reich-Este, auf die Thronfolge zu verzichten und würde letzterer alsdann offieiell zum Thronfolger proelamirt werden. Die kürzliche Anwesenheit des ungarischen Justizministers Szilagy wird mit dieser Angelegenheit in Verbindung gebracht - auf dieselbe sind jedenfalls auch die auf den Kaiser Franz Josef bezüglichen Abdankungsgerüchte zurückzuführen.
Die angebliche Reise des Präsidenten Carnot nach Brüssel anläßlich des Negierungsjubiläums des Königs Leopold hält in Frankreich die Chauvinisten aller Parteien noch immer in „patriotischer" Erregung. Obwohl die „Agence Havas" schon in aller Form das betreffende Gerücht als unwahr bezeichnet hat, will der Deputirte Gerville Reache demnach das vermeintliche Reifeproject des französischen Staatsoberhauptes zum Gegenstand einer Anfrage in der Kammer machen. Dem Vernehmen nach ist Ministerpräsident Tirard auch bereit, die Anfrage zu beantworten und will er hierbei den Ursprung
jener Erfindungen enthüllen, außerdem auch zugleich Gelegenheit nehmen, die umlaufenden Gerüchte über den Rücktritt oder die theilweise Erneuerung deS gegenwärtigen französischen Ministeriums zu widerlegen.
Deutscher Retchstug.
41. Plenarsitzung. Montag den 13. Januar 1890, 1 Uhr.
Präsident v. Levetzow macht dem Hause folgende Mittheilung:
Ich habe die Ehre, dem hohen Hause mitzutheilen, daß Se. Majestät der Kaiser das Präsidium des Reichstages gestern in längerer Audienz empfangen hat, um den Ausdruck unserer ehrfurchtsvollen Theilnahme über das Hinscheiden weiland Ihrer Majestät der Kaiserin Augusta entgegenzunehmen. Se. Majestät lassen dem Reichstage für die bewiesene Theilnahme herzlich danken, indem Allerhöchstderfelbe hervorhob, daß das Andenken der Dahingeschiedenen weit über die Grenzen des Reiches hinaus nicht blos durch ihre Fürsorge für die Verwundeten, sondern auch durch die Pflichttreue und durch die Lauterkeit ihres Characters erhalten bleiben wird, wie das der Königin Luise. Se. Majestät sprach dann über die Lage der Arbeiten des Reichstages und über die allgemeine politische Lage, nach welcher zur höchsten Genugthuung des Kaisers der Frieden vollständig gesichert erscheine. (Bravo!) Se. Majestät hob dabei besonders bervor, daß unsere geographische Lage es.nöthig mache, unsere Rüstungen im besten Stande zu erhalten und zwar nicht blos für die Landarmee, sondern auch für die Marine. Se. Majestät läßt deshalb dem Reichstage besonders danken für die in zweiter Berathung erfolgte Annahme des Marine-Etats. Nachdem Se. Majestät noch auf die Frage des Reichstagsbaues eingegangen und dabei namentlich aufgestoßene Bedenken erörtert hatte, wurde das Präsidium huldvollst entlassen.
Das Haus trat sodann in die Tagesordnung ein.
Die Vorlage betr. Aenderungen des Reichsmilitärgesetzes — Erhöhung der Zahl derArmeeeorps von 18 auf 20 — wird ohne Debatte in zweiter Lesung angenommen.
Bei der Berathung des Militär-Etats (Minister 36000 Mk.) bringt der Abg. Richter (dsr.) Klagen über die Behandlung von Lehrern, namentlich Volksschullehrern, beim Militär vor. Es sind ihm zahlreiche Beschwerden über Vergehen der Vorgesetzten gegen Lehrer aus allen Theilen des Reiches zugegangen. Lieutenants, die selbst der Schulbank noch nicht lange entwachsen sind, scheinen ihren ganzen Unmuth über früher erlittene Behandlung an den Lehrern
Feuilleton.
Gberhessen im Jahre 1813.
Vor einiger Zeit gelangte der Oberhessische Geschichtsverein durch freundliche Schenkung in den Besitz eines sehr selten gewordenen Buches, das erst nach und nach die hohe Bedeutung für die Loealgefchichte erkennen läßt. Sein Titel lautet:
„Nachrichten und Bemerkungen aus den Feldzügen oev Jahres 1813 und 1814, aus dem Tagebuche eines Feldgeistlichen in dem Preußischen Heere." Berlin 1814.
Handschriftlich ist dabei noch auf dem Einbande bemerkt, daß dieser Feldgeistliche der nachmalige Professor der Theologie und Consistorialrath Dr. Rhesa in Königsberg war. Er erzählt mit behaglicher Breite, wie er im April 1813 seine Heimath verließ, um zu dem preußischen Heere zu stoßen, wie er dann mit diesem den Sommer über durch Brandenburg, Sachsen, Schlesien und Böhmen zog, er schildert sehr anschaulich die Schlacht bei Leipzig und die furchtbaren Folgen derselben für das französische Heer auf der Flucht nach dem Rhein. Bei der Verfolgung desselben durch die Preußen kam Rhesa zum erftenmale über Hersfeld, Alsfeld, Friedberg und Homburg nach Gießen, aber die Verfolgung der Franzosen vollzog sich so rasch, daß dem Verfasser für seine Tagebuchsnotizen keine Zeit blieb. Doch wurde ihm auch diese zu Theil, als wegen zu massenhaften Truppenandrangs in der Gegend von Frankfurt ein Theil des preußischen Heeres zurückverlegt wurde, um in der Gegend von Laubach Cantonierungsquartiere zu beziehen. Lasten wir ihn nun selbst erzählen:
„Am 8. November 1813 trafen wir in Laubach em, welches dem Grafen von Solms gehört. Wir waren schon am Rheine gewesen, mußten aber wegen Futtermangel und vor dem großen Gedränge bei Frankfurth einige Tagereisen zurückgehen. Das Städtchen Laubach liegt am Fuße dev
Vogelsbergs in einer wilden und rauhen Gegend, die als eine Fortsetzung des Thüringer Waldgebirges anzusehen ist. Die Fulda fließt östlich durch diese Bergwildnisse- westlich entspringen die Wetter, Nidda, Lahn und andere kleine Ströme auf diesen Anhöhen, müssen aber durch tiefe Schluchten sich krümmen und winden, bis sie ihr Tröpflein Wasser dem groß- gebietenden Vater Rhein zntragen. Wer sollte es glauben, daß in diesen abgesonderten Wald-Einöden die freundlichen Musen wohnen? Ich fand zu Laubach eine schöne Bibliothek von beinahe 30,000 Bänden auf dem Schlosse des Grasen, der ein ausgezeichneter Freund der Literatur ist. Alle Prachtwerke der deutschen, englischen, französischen und italienischen Classiker finden sich hier in schönem Einbande beisammen. Auch alle nur möglichen Zeitschriften. Für unsere Offiziere ist dies ein anziehendes Gastmahl: Schillern, Goethen und Wieland wird am freundlichsten zugesprochen."
Ueber die geographisch sehr unklare Ansicht des Verfassers über die Lage des Vogelsbergs als Fortsetzung des Thüringer Waldes dürfen wir uns bei der Mangelhaftigkeit der damaligen Karten nicht wundern, noch weniger darüber, daß die Gebirgs- und Waldgegend einen ganz besonders schauerlichen Eindruck auf den Verfasser machte. Kam er doch aus einer absolut flachen und sandigen Gegend. Geboren auf der kurischen Nehrung im Dorfe Karwaiten, h.ytte er vor dem Feldzuge nur die Dünen gesehen, die sich an der Küste der Ostsed hinziehen und von welchen eine schon zu Anfang dieses Jahrhunderts sein Heimathsdors mit Flugsand verschüttete- jetzt erhebt sich der Karwaitensche Berg zu einer Höhe von 183 Fuß. Aber was wollen diese Flugsandhügel gegen die Höhen des Vogelsbergs sagen, die Rhesa nun während längeren Aufenthalts kennen lernte. Was uns als freundliche Thäler erscheint, waren für ihn tiefe, fürchterliche Schluchten, ein mäßiger Bach wird zum reißenden Strom, der im Felsenthale braust.
„Das Städtchen Schotten, wo ich Gottesdienst und Abendmahlsfeier hielt, liegt so versteckt und unzugänglich im
Gebirge, daß die Leute sich verwunderten, wie hier einmal Kriegsvölker zu ihnen gekommen sind. Sonst waren sie von den Kriegsstürmen verschont geblieben, denn die Wogen, die Europa erschütterten, schlugen an ihre Felsen an, ohne sie zu erreichen. Sie leben in glücklicher Verborgenheit von Tuchweberei und Spinnen. Fleiß und Genügsamkeit sind ihre Tugenden. Den Namen soll der Ort von schottischen Colo- niften haben, die sich zuerst hier ansiedelten. Auch das erste Licht des Christenthums kam aus Schottland hierher. Boni- faeius, der von den Friesen erschlagen wurde, irrte vor tausend Jahren lange in dieser Gegend herum, bis er an dem Orte, wo itzt Fulda steht, einen Platz im Walde fand, um ein Kloster zu bauen, welches vor den Anfällen der Sachsen verborgen und gesichert läge. Ein edler deutscher Jüngling Namens Sturm leistete ihm dabei die größten Dienste. Das Kloster wurde bald das, was jenes auf Casfino für Italien: die Pflanzschule der Wissenschaft für ganz Deutschland. Die größten Männer wurden hier gebildet. Vor Entstehung der Universitäten waren die Klöster die einzigen Sammelplätze der Gelehrsamkeit. Nur ein Fremdling in der Geschichte kann den großen Werth derselben für jene Zeiten — verkennen. Man versündigt sich an dem Menschengeschlecht, wenn man diese Anstalten aufhebt, ohne sie für Schulen und Erziehungsanstalten zu verwenden.
Schade, daß wir diese Gegend so bald verlassen mußten. Schon am 16. November erhielten wir Befehl, nach Alsfeld aufzubrechen, welches nordwestlich vom Vogelsberge gelegen ist. Das romantisch auf einer Anhöhe prangende Schloß Altenburg ward dem Generalstab als Aufenthalt zu Theil. Es gehört der ehemaligen Gesandtin am preußischen Hofe, der Frau v. Riedesel, die sich als Schriftstellerin bekannt gemacht hat und eine eifrige Freundin Preußens ist. Ein reißender Strom stürzt sich unter den Schloßfenstern brausend in das Felsenthal hinab und schlängelr sich in vielen Krümmungen erst durch das unten liegende Dorf, dann um die Stadt Alsfeld und verliert sich dem Auge hinter vielen


