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Freitag den 14 November
1890
Nr. 266
WM Anzeiger
Keneral'-Mnzeiger
Amt»- »md Anzeigeblatt fät den Kwb Gieren.
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Montags.
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Anrtliche* TheU.
Bekanntmachung,
Maul- und Klauenseuche zu Wieseck, hier Verbot des Gießener ViehmarktöS betreffend.
Nachdem in 3 Gehöften zu Wieseck der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche festgestellt worden ist, haben wir in Gemäßheit des § 28 des Retchsviehfeuchengefetzes die Abhaltung des auf 18. und 19. November l. Js. anberaumten Rindvieh- und Schweinemarktes zu Gießen untersagt. Da dir Händler das Marktverbot wiederholt in der Weise umgangen haben, daß sie an den Markttagen in Gast- oder Privatstallungen des Marktortes oder der Umgebung ihr Vieh zum Verkauf ausgeboten haben, untersagen wir zugleich für 18. und 19. l.M- das Fellbieten von Rindvieh und Schweinen durch Händler in Gießen und dessen Umgebung in einem Umkreise von 3 Stunden.
Zuwiderhandlungen werden gesetzlich bestraft.
Gießen, den 12. November 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern-
Polizei - Reglement,
die polizeiliche Bearrfstchtigung der SpLunstrrbrn in der Gemeinde L«ng-GonS betreffend.
Mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 4. November 1890 zu Nr. M. I. 28379 wird hiermit nachstehendes Polizei-Reglement für die Gemeinde Lang-Göns erlassen:
1) Spinnftuben dürfen in Wirthshäusern überhauptlnicht und m^Privathäusern nur bis zu der festgesetzten Polizeistunde stattfinden. Wer über diese Stunde hinaus oder in einem Wirthshause eine Spinnstube hält oder an einer solchen Theil nimmt, wird mit Geldstrafe bis zu 30 JL bestraft.
2) Gegenwärtiges PolizeöReglement tritt mit dem Tage seiner Verkündigung in Kraft.
Gießen, den 11. November 1890.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
politische Aebertsicht.
Gießen, 13. November.
Die neue, so bedeutungsvolle Session des preußischen Landtages ist am Mittwoch Mittag 12 Uhr vom Kaiser mit einer Thronrede im Weißen Saale des Berliner R'esidenz- schlosses feierlich eröffnet worden. Die Rede berührt zunächst hie finanz- und steuerpolitischen Neformvorlagen des Finanzministers Dr. Miquel, welche sich auf die Einkommensteuer mit Declarationspflicht und aus die anderweitige Organisation des Einschätzungsverfahrens, ferner ans die Ausdehnung der Erbschaftssteuer unter Freilassung kleiner Erbschaften, endlich auf die Reform der Gewerbesteuer beziehen, bei welch' letzterer jedoch keine Erhöhung des bisherigen Ertrages beabsichtigt wird. Weiter kündigt die Thronrede das neue Volksschulgesetz, welches die Unentgelrlichkeit des Volksschulunterrichtes zum Abschluß bringen sott, und den Landgemeindeordnungs- entwnrf für die östlichen Provinzen, .sowie mehrere kleinere Vorlagen an. Mit allseitiger Genugthuung wird auch der Passus der Thronrede über die auswärtige Politik begrüßt werden, denn es heißt in dieser Hinsicht, daß die auswärtigen Beziehungen Deutschlands allseitig freundschaftliche und im Laufe des Jahres noch mehr gestärkt worden seien, so daß mit Vertrauen die Erhaltung des Friedens erwartet werden könne. Alsbald nach dem Eröffnungsaete hielten die beiden Häuser des Landtages ihre ersten constiiuirenden Sitzungen ab.
Der Kreis der dem Bundesrathe bereits vorliegenden neuen Gesetzentwürfe für die Wintersaison des Reichstages hat mit der Vorlage betr. die Unterstützung von Familien der zu Friedensübungen eingezogenen Mannschaften (Reserve, Landwehr oder Seewehr) jetzt abermals eine Erweiterung erfahren. Die Vorlage entspricht, einem bezüglichen, vom Reichstage schon im Februar 1886 angenommenen Anträge und bezweckt sie keineswegs eine vollständige Unterstützung der betreffenden bedürftigen Fqmilien, sondern nur die Gewährung einer Beihülse für dieselben zur Beschaffung der nothwendig- sten Lebensmittel. — Der neue Reichsetat ist dem Bundes- rathe nunmehr fast vollständig zugegangen und schreitet seine Vorberathung rüstig vorwärts.
Hartnäckig behaupten sich dir-Gerüchte über die angeblich «rnstlich erschütterte Stellung des preußischen Minister- für
Landwirthschaft, Freiherrn v. Lucius. Unwahrscheinlich klingen dieselben allerdings nicht, wenn man erwägt, daß Herr v. Lucius als ein entschiedener Gegner der geplanten Herabsetzung der Getreidezölle, sowie der weiteren Einschränkung der Viehsperre gilt, und sollte die hieraus zielende Bewegung siegreich zum Durchbruch gelangen, so wäre alsdann die Stellung des Ministers unhaltbar geworden.
Aus Zanzibar meldet eine Depesche die Ankunft des Freiherrn v. Soden, welcher bekanntlich als künftiger Gouverneur des deutsch-ostasrikanischen Küstengebietes gilt. Herr v. Soden hat den Auftrag, sich über den gegenwärtigen Zustand der Dinge im deutsch-ostafrikanischen Schutzgebiete eingehend zu informiren und von seinen Berichten dürsten wesentlich die Beschlüsse über die fernere Gestaltung der Verwaltung Deutschostafrikas mit abhängen.
Die politische Rede, welche der leitende Staatsmann Englands, Lord Salisbury, kürzlich beim Londoner Lordmayors- banket gehalten hat, characterisirt sich als eine neue erfreuliche Friedenskundgebung. Unumwunden erklärte der englische Premier, daß alle Anzeichen auf Erhaltung des europäischen Friedens jedenfalls noch auf ein Jahr hindeuteten und gewiß hat Salisbury bei dieser Zeitbeschränkung nicht gemeint, daß nach Jahresfrist sich die Kriegsgefahr wieder drohend- zeigen könne. Es ist eben für die heutigen politischen Verhältnisse schon viel, wenn der leitende Staatsmann einer Großmacht seine Friedenszuversicht für eine genau abgegrenzte Zeit ausspricht und hoffentlich wird die Weltlage auch nach einem Jahre noch denselben günstigen Anblick gewähren, wie jetzt.
In Bulgarien hat die hohe Geistlichkeit ihren Frieden mit dem Fürsten Ferdinand gemacht. Es geht dies daraus hervor, daß Fürst Ferdinand zum ersten Mal in der in Sofia tagenden Synode der bulgarischen Bischöfe erschien und später auch den Präsidenten der Synode empfing. Auf die Huldigungsansprache desselben und dessen hiermit, verknüpfte Bitte um Unterstützung bei den wichtigen Kirchenfragen durch den Fürsten erwiderte letzterer in entgegenkommender Weise und erklärte er, in der Huldigung exblicke er eine Bürgschaft dafür,, daß er auch seinerseits auf . die Unterstützung der Kirche in seinen Bemühungen um die Wohlfahrt des Landes rechnen könne.
Vetttsches Nerctz.
Darmstadt, 12. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Hauptmann und Compagniechef Goldinann vom 2. Großh. Infanterie-Regiment (Großherzog) Nr. 116, den Secondlieutenant v. P lön- nies von demselben Regiment, commandirt zur Dienstleistung bei dem Großh. Feld - Artillerie - Regiment Nr. 25 (Großh. Artillerie-Corps).
Darmstadt, 12. November. Seine Königliche Hoheit der Großherzog, II. KK. HH. Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, sowie Ihre Großh. Hoheit Prinzessin Alix werden sich Sonntag Nachmittag nach Berlin begeben.
Darmstadt, 12. November. Seine Königliche Hoheit der Gr: o ß h e r z o g haben Allergnädigst geruht: Am 8. November den Baumeister Philipp Wißmann zu Darmstadt zum Culturingenieur zu ernennen.
Darmstadt, 12. November. Der Militärarzt Dr. Emmerling von Darmstadt, bei dem Dragoner-Regiment in Babenhausen thätig, hat einen zweijährigen Urlaub erhalten, um einer Einladung der Neuguinea'Compagnie Folge zu leisten. Dr. Emmerling wird in einigen Wochen die Reise nach Neuguinea antreten.
Darmstadt, 12. November. Auf nächsten Sonntag ist, wie der „K. Z." von hier gemeldet wird, eine Versammlung des Landesausschusses und der Kammerfraction der nationalliberalen Partei nach Frankfurt zum Erlaß einer Kundgebung vor der Landtags-Eröffnung einberufen.
Netteste Nachrichten.
WolfiS telegraphisches Torrespondenz-Bureau.
Berlin, 12. November. Das Landesöconomie- Collegium nahm eine Reihe von Schutzvorschriften an, betreffend landwirthfchaftliche Maschinen und deren Betrieb. Ferner beschloß das Collegium die Erklärung, es erkenne in der Form der eingetragenen Erwerbs- und Wirthschasts- genossenschaften gemäß Reichsgesetz vom 1. Mai 1889 ein wichtiges Mittel, den Wohlstand der Landwirthe zu vermehren und die Landwirthschaft zu fördern- es halte für wünschens- werth, daß sich Genossenschaften nach Möglichkeit für bestimmte wirthschaftliche Zwecke bilden.
Essen, 12. November. Laut der „Rheinisch Westfälischen Zeitung" beschloß der „Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund", den Zechen zu empfehlen, in der nächsten Generalversammlung des Knappschaftsvereins von dem Statutenentwurfe des Knappschaftsvorstandes , betreffend die Errichtung einer selbstständigen Versicherungsanstalt für Jnvaliditäts» und Altersversorgung, abzusehen und sich an die Provinzialanstalt anzuschließen.
Hamburg, 12. November. Der Reichspostdampfer „Reichstag" trat mit voller Ladung die zweite Reise nach Ostafrika an.
Pest, 12. November. Nach einer authentischen Feststellung des Thalbestandes über den Untergang der Fähre im Waagflusse bei Bistritz sind bis jetzt dreißig Leichen aufgefunden und 24 Personen gerettet worden. Der Fährmann ist verschwunden.
Paris, 12. November. Deroulede und Laguerre wurden heute an der holländischen Grenze von holländischen Gensdarmen daran gehindert, ihren Zweikampf auszufechten. Das Duell fand dann, wie der „National" meldet, in der Nähe von Namur statt. Laguerre erhielt eine leichte Schußwunde.
Paris, 12. November. Die „France" meldet aus Marseille: Major Wißmann ist Nachmittags mit dem Packet- boot „Rio Grande" nach Ostafrika abgereist.
London, 12. November. Ein englischer Kreuzer ist bei Cap Villano an der spanischen Küste gescheitert.
Madrid, 12. November. An Bord des bei Cap Villano gescheiterten englischen Kreuzers „Serpent" befanden sich 276 Personen, wovon nur drei gerettet wurden. ,
Madrid, 12. November. Im Athenäum besprach gestern Canovas die sociale Frage. Die Frage, sägte er, erheische besonders bei den Nationen mit allgemeinem Stimmrecht dringend ihre Lösung. CanovaS besprach eingehend die deutsche Socialgesetzgebung, die wesentlich auf die kaiserliche Initiative zurückzuführen sei, und erklärte ein eingeschränktes Wahlrecht für geeigneter, die Gegensätze zu mildern, als es das allgemeine Stimmrecht sei. Der Redner schloß mit einem Hinweis auf die Nothwendigkeit der Intervention des Staates in der Frage des Arbeitsvertrags und empfahl all- seitige Klugheit.
Athen, 12. November. Der russische Großfürst- Thronfolger ift heute Abend hier eingetroffen und von der Bevölkerung sympathisch empfangen worden. Die Stadt war glänzend erleuchtet.
New-York, 12. November. Stanley hielt gestern im Opernhause einen Vortrag. Er wurde von den zahlreichen Zuhörern mit lautem Beifall begrüßt.
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Gießen, 13. November.
— Einkommensteuerpflichtige und Einkommensteuercapitalien im Großherzogthum Heffcn für das Jahr 1890/91. Das Groß- herzogthum Hessen hat bei einer angenommenen Bevölkerung von 956 611 Seelen 209 366 Einkommensteuerpflichtige und Zwar 192 834 in der zweiten, 16 532 in der ersten Abteilung. Das Einkommensteuercapital beträgt 26 215 735 Mk. wovon 12828725 Mk. auf die zweite, 13387010 Mk. auf dw erste Abtheilung kommen. In die zweite Abtheilung der Steuerpflichtigen fallen bekanntlich Einkommen bis zu 2300 Mk., die Einkommen über 2300 Mk. fallen in die erste Abtheilung. Der niedrigsten Einkommensteuerstufe von 500 Mk. gehören 60 065 Personen an oder nahezu 29% der Steuerpflichtigen mit einem Steuercapital von 1801 950 Mk. oder 6/874 °/o des Gesammtsteuercapitals. In der 10. Stufe der zweiten Abtheilung (Einkommen bis zu 2300 Mk.) befinden sich 3028 Steuerpflichtige mit einem Steuercapital von 741860 Mk. Die erste Stufe der ersten Abtheilung (Einkommen von 2300 bis 2600 Mk.) weift 3176 Steuerpflichtige mit einem Steuercapitale von 889 280 Mk. auf. In denjenigen Steuerstufen der ersten Abtheilung, die Steuerpflichtige mit einem Einkommen von 46 000 bis 3 227 000 Mk. aufweist, befinden sich nur 131 Personen mit einem (Steuer- Capital von 2 617 920 Mk. Das Einkommen bis 3 227 000 Mk. figurirt in der 3234. Klasse und wird im Steuercornmissariat Mainz (wahrscheinlich von der hessischen Ludwigsbahn) versteuert- es wird demnach auch in der Provinz Rheinhessen das größte Einkommensteuercapital, nämlich 11 181 125 Mk. von 69618 Steuerzahlern 2. Abth. und 7149 Steuerzahlern 1. Abth. versteuert. Die Provinz Oberhessen hat bei 43 857 Steuerpflichtigen 2. Abth. und 3116 Steuerpflichtigen 1. Abth. ein Einkommensteuercapital von 5036880 Mk., während die Provinz Starkenburg bei 79 359 bezw. 6267 Steuerpflichtigen


