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Dienstag den 14. Oktober

Nr. 239.

»ickener Anzeiger

Kenerat-Mzeiger.

Di« Gießmer Aa«itte«-tLtter »«den dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.

Der

A«»ei-er «rscheim täglich, Mt Ausnahme deS MontagS.

1890.

Lierteltähriger AVonuements-rel»^ 2 Mark 20 Pfg. mti Bringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Expedttir» und Druckerei:

-chststratze Ar.ö« Fernsprecher 61.

Amts- und Anzeigeblntt für den Avers Greben.

Annahme von Anzeigen zu dn Nachmittag- für den fügenden Tag erscheinmden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

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GratisSeitage: Gießener Kamikienökätter.

Alle Annonten-Lureaux deS In- und AuSlande- nehm« Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger" mtgeg«.

pottttsche Neberficht.

Gießen, 13. October.

Der Bundesrath nahm in seiner jüngsten Plenarsitzung Vie Neubildung der Ausschüsse für Handel und Gewerbe, Eisen- Lahnen, Post und Telegraphen, für Zoll- und Steuerwesen, für Justizwesen, Rechnungswesen, ferner für die auswärtigen Angelegenheiten, für Elsaß-Lothringen, für die Verfassung und für die Geschäftsordnung vor, welche Formalität stets M Beginn einer neuen Bundesrathssession zu vollziehen ist. Die Ernennung der Mitglieder der Ausschüsse für das Land­heer und die Festungen, sowie für das Seewesen ist durch den Kaiser erfolgt, gemäß des ihm nach der Verfassung aus­schließlich zustehenden Rechtes zu dieser Ernennung.

Die amtliche Veröffentlichung der zur Zeit den zuständigen Bundesrathsausschüssen zur Vorberathung unterliegenden um­fangreichen Novelle zum Krankenkasieugesetz enthält außer dem, was über den wesentlichen Inhalt des Entwurfes schon bekannt geworden war, manches Neue. Die betreffenden Neuerungen beziehen sich namentlich auf die Berechnung des ortsüblichen Tagelohns, auf die Bekämpfung der Simulation, aus die Dauer der. Krankenunterstützung, auf die Zuweisung neuer Personenklassen in eine Ortskrankenkasse, dann auf die Reserve­fonds der Krankenkassen, auf die Fürsorge für Genesende, auf die Wöchnerinnen - Unterstützung, aus die Ersetzung der sonstigen Kranken - Unterstützung durch freie Cur und Ver­pflegung in einem Krankenhause u. s. w. Viele der ein­schlägigen Bestimmungen charakterisiren sich als wesentliche Erleichterungen der Handhabung des bisherigen Krankenkassen­gesetzes, dann auch als wünschenswerthe Ergänzungen desselben, anderseits läßt sich aber auch nicht leugnen, daß' die Novelle besonders für die freien Hilfskassen manche Erschwerungen in sich birgt, die hoffentlich bei der Berathung des Entwurfes durch den Reichstag wieder beseitigt werden. Im Uebrigen bildet den Kernpunkt der Vorlage die Ausdehnung der Ver­sicherungspflicht künftig auch auf die Handlungsgehilfen, auf die bei Rechtsanwälten, Notaren und Gerichtsvollziehern an­gestellten Personen, aus die Gehilfen und Lehrlinge in Apo­theken, auf die in Reichs-, Staats- und Gemeindebetrieben beschäftigten Personen, auf welche die Versicherungspflicht nicht durch anderweitige reichsgesetzliche Vorschriften erstreckt ist, und aus diejenigen in der Land- oder Forstwirthschaft beschäs- tigten Betriebsbeamten, deren Verdienst an Gehalt oder Lohn 62/3 Mark pro Tag nicht übersteigt.

In Halle a. d. S. hat am Sonntag die Eröffnung des socialdemokratischen Parteicongreffes stattgefunden, welcher die Zwistigkeiten in der socialdemokratischen Partei beseitigen und

über deren künftige Gesammthaltung Beschluß fassen soll. Die socialdemokratische Wählerschaft von 155 Reichstagswahlkreisen ist auf dem Congreß durch über 300 Delegirte vertreten, ferner hat auch die Socialdemokratie des Auslandes ihre Vertreter zur Berichterstattung nach Halle entsendet.

Die schweizerische Bundesversammlung ist am vorigen Samstag nach nur kurzer Tagung wieder geschlossen worden. Dieselbe wurde im Wesentlichen durch die Erörterungen über die revolutionären Vorgänge im Canton Tessin und über das hierdurch veranlaßte bewaffnete Einschreiten der Bundesgewalt im genannten Canton ausgesüllt und hatte der Bundesrath die Genugthuung, daß seine bisherigen Maßregeln im Canton Tessin schließlich die Zustimmung der Mehrheit des Nationalrathes wie des Ständerathes fanden. Außerdem ist der Bundesrath von beiden Häusern ermächtigt worden, erforderlichen Falles weitere Maßregeln zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Canton Tessin zu treffen, was aber in Anbetracht der daselbst herrschenden Ruhe kaum nothwendig werden dürste.

In Oesterreich-Ungarn bereitet sich allem Anscheine nach ein bedeutsames Ereigniß vor, nämlich die Regelung der W'ährungsfrage, aus welche Angelegenheit sich die kürzlichen Con- ferenzen zwischen dem österreichischen Finanzminister, v. Duna- jewski, und seinem ungarischen Collegen, Baron Wecker le, bezogen. Die Valutaregulirung in Oesterreich-Ungarn bezweckt die Einlösung der Staatsbanknoten und die Schaffckvg eines geregelten Geldwesens durch Einführung der Goldwährung in Oesterreich-Ungarn, womit den bisherigen schwankenden Münzzuständen im Donaukaiserreiche ein Ende gemacht werden soll, an denen das gesammte wirthschaftliche Leben Oesterreich- Ungarns so lange krankte. Ueber die Einzelheiten des ganzen Planes wird Wohl schon die nächste Zeit näheren Ausschluß bringen.

DerrtHetzes Aleictz.

Darmstadt, 11. October. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 8. October den ordentlichen Professor an der evangelischen theologischen Facultät der Landes-Universität vr. Emil Schürer aus sein Nachsuchen aus seinem Dienste, mit Wirkung vom 1. October l. I. an, zu entlassen.

Darmstadt, 11. October. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Hauptmann Weimer vom 2. Großh. Infanterie-Regiment (Großherzog) Nr. 116, den Hauptmann der Landwehr ersten Aufgebots Busch, Controlosfizier des Hauptmeldeamts Gießen, den Bürgermeisterei-Secretär Demuth aus Gießen.

Berlin, 11. October. Der Kaiser empfing vor seiner heutigen Abreise nach Hubertusstock den italienischen Bot­schafter, der Namens des Königs von Italien dessen Büste überreichte.

Berlin, 11. October. Die Co nferenz zur Berathung der dem Reichstage vorzulegenden Gesetzentwürfe, betreffend die Abänderung der Patent-Musterschutz-Gesetze tritt am 17. d. M. im Reichsamt des Innern zusammen.

Berlin, 11. October. DerReichsanzeiger" veröffent­licht die Uebersicht der Ernteergebnisse vom Jahre 1890. Dieselbe bezeichnet das Ernteergebniß als ein ver- hältnißmäßig noch immerhin günstiges, wennschon im Juli die Erwartungen mehrfach nicht erfüllt wurden. Halmfrüchte lieferten einen durchweg reichen Strohertrag,' der Körner­ertrag war im Allgemeinen ein mittlerer. Roggen war vielfach weniger befriedigend, der Ausfall ist jedoch durch ein besseres Ergebniß der übrigen Getreidearten, insbesondere des Hafers und der Gerste einigermaßen ausgeglichen. Besonders wichtig wegen der Viehzucht ist der reichliche Ertrag der Futter­kräuter und des Klees, das Ergebniß der Wiesen befriedigend. Die Berichte über die Kartoffelernte sind im Allgemeinen ungünstig. Die Futterrüben lassen einen mittleren bis guten Ertrag erhoffen. Der Zuckerrübenstand ist meist befriedigend, der Zuckergehalt wird indessen mehrfach als ein geringer ge­meldet, gegenüber den Vorjahren. Hülsenfrüchte und Raps sind im Allgemeinen befriedigend.

Hannover, 11. Oktober. Die heute hier abgehaltene Generalversammlung des deutschen Sparkassen-Ver- band es beschloß, den Sitz des Verbandes nach Berlin zu verlegen.

Breslau, 11. October. DerSchles. Ztg." zufolge be­schloß die heute in Ratibor stattgehabte erste allgemeine Jahresversammlung des Verbandes oberschlesischer Städte eine Bittschrift an den Kaiser zu richten um Wiederzulassung der Einfuhr russisch-polnischerSchweine undRinder in die Schlachthäuser des Regierungsbezirks Oppeln. Jede Stadt soll einzeln die Bittschrift absenden.

Dirschau, 11. October. Die Kellner'sche Colonie hier- selbst ist heute Nachmittag theilweise abgebrannt- 55 arme Familien sind obdachlos.

Landsberg a. d. Warthe, 11. October. Der Termin zur Wahl eines Reichstags-Abgeordneten zum Ersatz für den verstorbenen Abgeordneten Stadtrath Witt ist auf den 25. October festgesetzt.

Elbing, 11. October. Die Ausräumungsarbeiten bei der Entgleisungsstelle Güldenboden wurden Nachts bei Fackellicht fortgesetzt. Der Verkehr wurde heute voll wieder

Feuilleton.

Wie es kam.

Novellette von H. Rens.

(Fortsetzung.)

Ein gellender Pfiff. Wie eine feueräugige Schlange windet der Schnellzug sich durch die Finsterniß und hält an dem unbedeckten, nassen Bahnsteig.

Mitten durch die Regenschirme tragende Menge drängt, vom triefenden Harro gefolgt, der Amtsrichter. Mitleid mit dem heimathlosen Mädchen, in dessen gastlichem Vaterhaus er früher frohe Stunden verlebt, hat ihn, trotz Scat und Un­wetter, herausgetrieben. Vergebens blickt er in die sich schnell leerenden Coupes, vergebens schreitet er den Zug entlang.

Sie scheint nicht mitgekommen, vielleicht ist sie unter­wegs in eine falsche Richtung gerathen. Eine Unvernunft, solch ein Kind allein reisen zu lassen," meinte er verdrießlich, dem Ausgange zuschreitend.

Onkel Amtsrichter," rief eine Helle Stimme,gut, daß ich Sie endlich finde. Ich habe mich unter den vielen Menschen schon recht gefürchtet."

Hastig wandte er sich um. Eine hochaufgeschossene Mädchengestalt im Trauerkleid und mit schwarzumschleiertem Hütchen stand vor ihm.

Sie haben mich wohl nicht erkannt?"

Nein, liebe Lisa. Sie sind so sehr groß geworden."

Nicht wahr?" meinte sie treuherzig.Aber zu ver­wundern ist es doch eigentlich nicht. Bin ich doch schon acht­zehn Jahre alt."

Wirklich?"

Der Amtsrichter faßte an die Stirn und kam sich schreck­lich alt vor. Richtig, vor fünf Jahren war er als eben an­gestellter Richter zum letztenmale in der alten Heimath ge­wesen. Das Jahr darauf starb Lisas Vater, und nun vor

wenig Monaten auch die Mutter. Arme Lisa! Wie ver­lassen sie doch war!

Ist aus Segenfelde Niemand gekommen, mich zu holen?" fragte sie schüchtern.

Nein, wir wollen den Wagen suchen, aber wie naß Sie sind! Nehmen Sie schnell meinen Schirm, während ich suchen gehe."

Ach nein, nehmen Sie mich mit," bat sie,ich fürchte mich, hier allein zu bleiben."

Aber, Lisa, Kind, ich werde Sie doch nicht verlassen," tröstete er, und faßte ihre Hand, die kleine, kalte Hand, die vor Kälte und Nässe wie der ganze Körper bebte.

Nun stand er neben ihr aus der hohen, zugigen Treppe, der Wind zerrte an ihren Kleidern und trieb ihr den Regen ins Gesicht. ' 9

Kein Wagen unten aus Segenselde?" ries er hinab.

Nein, nur städtische Droschken," klang es zurück. Brauchen Sie eine, Herr Amtsrichter?"

Wir wollen noch einmal im Wartesaale nachsehen, viel­leicht ist der Kutscher dort," schlug der Amtsrichter vor, während Lisa leise weinend neben ihm herging.

Auch dort nichts, alles leer.

Was nun beginnen? Die Thurmuhr unten in der Stadt schlug neunmal, und der Regen rauschte wie ein Wasserfall, als er mit seiner Begleiterin wieder ins Freie trat.

Sie müssen die Nacht hier imschwarzen Adler" zu­bringen," sagte er hastig.Morgen in aller Frühe kommt sicher der Wagen Sie holen."

Sie nickte und ließ sich von ihm durch die halbdunklen Straßen mit den großen Regenlachen führen. Sie sprach nicht, aber ihr banges Athemholen und leises Schluchzen schnitt ihm ins Herz.

Sie sind ja ganz erstarrt, Kind; vor allen Dingen eine Tasse heißen Thee," ries er, als er endlich neben ihr in der leeren Gaststube des Hotels stand.Der Kellner soll Ihnen schnell alles bringen, ich gehe inzwischen hinauf, Ihnen ein

warmes Zimmer zu bestellen und Sie dem Schutz der Wirthin, einer braven Frau, ganz besonders zu empfehlen. Nur nicht

verzweifeln! Kopf oben! Auf der Reise passiren oft solche fatale Dinge."

Als er wiederkehrte, hatte sie Mantel und Hut abgelegt und kniete auf der Diele vor Harro, der ihr eben zierlich ihr Taschentuch apportirte.

Wie drollig er ist!" ries sie, während ein flüchtiges Lächeln ihr blasses, verweintes Gesichtchen bedeckte.

Wie niedlich sie ist und wie unschuldig," dachte er, doch laut sagte er:Mögen Sie wirklich die Hunde, Lisa?"

Gewiß, wir hatten zu Hause immer welche. Erinnern Sie sich nicht, wie ich mit Vaters Jagdhund durch den Garten tollte?"

Ob er sich erinnerte! Ihm war Plötzlich zu Muthe, als seien die letzten fünf Jahre, die er doch einzig zwischen Amtsstube und Stammtisch zugebracht, eigentlich nicht recht des Lebens werth gewesen.

Der Kellner brachte warmen Thee,' sie schlürfte ihn mit Behagen, während der Amtsrichter ein Bärenfell ihr unter die Füße schob und zu seiner Erleichterung bemerkte, daß wieder Lebenswärme in ihre fröstelnde Gestalt kam.

(Schluß folgt.)

* Pfarrer:Ja, liebe Frau, der Herr hat Sie schwer geprüft und Sie müssen Ihr Kreuz mit Ergebung auf sich nehmen. Aber sagen Sie doch: hat der Heimgegangene noch schwer zu leiden gehabt? Wie waren die letzten Augen­blicke?" Fran:Ach, Herr Pfarrer, es is gar plötzlich gekumme. Er lag so da wie in Ohnmacht. Us emal rief er ganz laut: Lisbeth! und wie ich hinkam un net gleich verstand, was er wollt, da Word er bös und schimpft' und trat noch einmal nach mir mit sein Bein selig, und daun war er hin."