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Der Vorstand.
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1890
Ar. 214. Zweites Blatt. Sonntag den 14. September
Der Ebener Anreger erschcin» küglich, E^t LuSnahmc deS Montags.
Die Gießener Ms«itte«ßrstter ONrben dem Anzeiger Pröchenllich dreimal betgclcgL
Kreßener Anzeiger
Keneral-Wizeiger.
Lierteltähri^cr ASo««emeats-reisr 2 Mark 20 Pfg. mti Bringerlohn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
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Aintr» und Anzergeblatt fflr den ‘Kreis Gieszsn.
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falgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. ^UUUUUUIIUUCU Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Gießen, 11. September 1890. Betr.: Maßregeln gegen das Zigeunerwesen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
KN die Grotzh. Bürgermeistereien deS KreiseS.
Soweit Sie noch rückständig sind, erinnern wir Sie an Erledigung unserer Verfügung vom 5. v. Mts. (Amtsblatt Mr- 4) mit Frist von 8 Tagen.
v Gagern.
Bekanntmachung,
die 'Veranstaltung von Geldlotterien innerhalb des Groß- herzogthums betreffend.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Der Probsteikirchenvorstand zu St. Peter in Worms beabsichtigt, Zum Zwecke der Gewinnung von Mitteln für die Wiederherstellung des Domes in Worms eine Geldlotterie durch einen Ausschuß des Dombauvereins in Worms, im ersten Vierteljahr 1891, zu veranstalten.
Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 31. August d. I. die nachgesuchte Erlaubniß hierzu Allergnädigst zu ertheilen geruht-
Bei der Verloosung ist der vorgelegte Verloosungsplan -genau einzuhalten, insbesondere dürfen nicht mehr als 200,000 Loose zu 3 das Stück ausgegeben werden und müffen mindestens 37J/2 % des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Loose (bei Absatz sämmtlicher Loose: 225,000 «X) als Geldpreise zur Verwendung kommen. Die Loose dürfen im Großherzogthum vertrieben werden.
Gießen, den 11. September 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen- v. Gagern.
Bekanntmachung,
Landesbaugewerkschule zu Darmstadt betreffend.
Im Interesse der jungen Gewerbtreibenden bringen wir .Folgendes zur öffentlichen Kenntniß:
Beginn des Unterrichtes am 15. November, Vormittags 8 Uhr Schluß Mitte März.
Die Schule umfaßt vier Abtheilungen:
drei für Bauhandwerker (Maurer, Steinmetze,Zimmerleute, Dachdecker, Stuccateure, Ziegler, Töpfer, Glaser, Weißbinder, Zimmermaler, Pflästerer u- s. w.);
eine für Schlosser und sonstige Metallarbeiter. D^s Schulgeld beträgt 40 Mark.
Nähere Programme und Anmeldeformulare sind zu erhalten bei Großherzoglicher Centralstelle für die Gewerbe und den Landesgewerbeverein, Darmstadt, Neckarstraße 3.
Schluß der Anmeldefrist am 10. October.
Gießen, den 4. September 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
provinzielles.
□ Ruppertenrod, 12. September. Der heutige Tag bleibt unserer Einwohnerschaft ein unvergeßlicher, es ist der Jahrestag des großen Brandes vor sechs Jahren. Lichtblauer Himmel, Heller Sounenschein, aber ein heftig wehender Ostwind — das waren die Attribute des verhäugnißvollen Morgens. Man befand sich im vollen Gang der Grummeternte. Aus dem Schornstein des Bäckerhauses des inzwischen verstorbenen Bäckermeisters Philippi waren Funken herab auf das Dachgefallen, welches mit mit .Strohpuppen unterlegten Ziegeln bedeckt war. Die Strohpuppen entzündeten sich, der starke Ostwind blies die Gluth an und blitzschnell lief das Feuer unter dem Dache fort. Hätte man sofort den Spritzenschlauch der sogleich auf der Brandstätte angekommenen Spritze aus den Speicher genommen und hier die Brandstelle begossen, der Brand hätte vielleicht gedämpft werden können. Rasend schnell verbreitete sich das Feuer, lies zur angrenzenden Scheuer, die zu dieser Zeit vollgefüllt war, und lichterloh stiegen die Feuergarben zum Himmel empor. Wie Raketen durchflogen die Feuerbüschel, durch den Ostwind getrieben, über das Dorf. Kaum hatte man an der brennenden Hos- raithe zu löschen begonnen, so qualmte dicker Rauch aus zwei anderen Scheunen. Man rettete in den Wohnhäusern, was man in der Eile fortbringen konnte. Noch halfen Leute retten, denen man bald den Schreckensruf zuschleuderte: eilt heim, euer eigenes Haus brenut! Um die Mittagszeit gegen 11 Uhr war der kritischste Moment: die Kirche stand in Gefahr, da auch das ihr am nächsten stehende Haus in Flammen stand. Ihre ^Holzbrettchen waren schon so heiß geworden, daß das Wasser, welches die Spritzen daraus schleuderten, nur so broddelte. Wäre in diesem Augenblick der Wind umgeschlagen, das ganze Dorf hätte verloren sein können. In diesem Moment der Gefahr wurde auch die Feuerwehr der Stadt Gießen telegraphisch herbeigerufen.
Fenilleton.
Weiße Haare.
'Novelle von H. von Ziegler.
(Fortsetzung.)
„Nur der Tod wird Euch trennen," keuchte die Wahnsinnige und trat, die Hand geballt, dicht auf Lilli zu, „hüte Dich, Schwester, und hüte ihn — daß nicht einstmals eine Stunde kommt — —"
ästend lachte sie aus, daun taumelte sie zurück und verlor das Bewußtsein, während Nordeck, ohne sich umzublicken, Lillis Hand auf seinen Arm legte und die Weinende hinaus- sührte zu dem bereitstehenden Wagen.
„Gei ruhig, mein Liebling,"^ flüsterte er zärtlich beschwichtigend, als bet Wügenschlag zustrl sind die Pferde anzogen, „ich fürchtete längst etwas ähnlich Schreckliches, denn die arme Julie befand sich in einem nervös so überreizten Zustande, daß mau das Schlimmste erwarten durfte."
„O, Leopold," schluchzte die junge Frau, „gerade ist Diese weihevolle Stunde, die uns für immer vereinte, fällt Diese furchtbare Prüfung."
„Arme, arme Julie! O, wenn sie mich nur nicht so -bitter haßte."
„Laß es gut sein, Lilli," sagte Nordeck, und seine Lippen küßten zärtlich die Stirn seines jungen Weibes, „Julie wird genesen und unser Glück friedlich ansehen lernen, das koste ich gewiß."
Selbstverständlich war die ganze Festfeier durch Juliens Erkrankung gestört- man brachte die noch immer Bewußtlose Zu Wagen ins Schloß und sandte sogleich nach dem Arzte.
Als dieser alles Vorgesallene vernommen hatte, schüttelte ^r sehr ernst das Haupt und wandte sich zu Frau v. Wehlen mik den Worten: „Das gnädige Fräulein muß ohne Verzug in eine Nervenheilanstalt. Wenn sie nicht unter sorgsame
Aussicht gestellt wird — stehe ich für nichts, Fs 1 ist ein Ausbruch momentanen Wahnsinns,"
Drei Jahre sind verflossen seit jener entsetzlichen Stunde und nach einer ebenso langen Abwesenheit kehrt Frau v. Wehlen heute mit Julie in die Heimath zurück. Aber es ist eine traurige Heimkehr, denn die Kranke ist nach wie vor in tiefste Gleichgiltigkeit gegen die Außenwelt versunken, aus der sie weder freundliche, noch zürnende Worte herauszureißen vermögen. Frau v. Wehlen pflegte die Patientin sehr aufopfernd, wenn ihr auch wohl jene weiche Zartheit fehlte, welche sonst bei Frauen vorherrscht- sie konnte es eben niemals benr-if-^ fernen, daß der energische Wille allein die Macht jenes düsteren Verhängnisses nicht zu brechen vermochte.
Der Arzt, welcher Julie behandelte, hatte sich nun zu etnC.ut letzten, gefährlichen Mittel entschlossen, welches den Geisteszustand der Leidenden auf einmal gänzlich Herstellen sollte. Et hatte mit Leopold v. Nordeck und dessen Gattin berathen und eine ZusanIMeukunft derselben mit der Patientin vereinbart und diese pflichteten ihm lebhaft bei, wenn schon auch sie vor dem gefährlichen Wege Furcht empfanden.
Auf Schloß Nordeck war vor zwei Jahren ein ganz allerliebster, gesunder kleiner Knabe angekommen, welcher das volle Entzücken nicht nur seiner Eltern, sondern ckuch aller anderen Menschen ^machte. Curt Albrecht hieß der Kleine, denn es war in der No?'deck'schen Familie beinah stets Sitte gewesen, Doppelnamen den Löhnen zu ertheilen.
Zur Ankunft Frau v. Wehens ^und Juliens fuhr die junge Frau von Nordeck nebst ihrem Hühnchen hinüber nach Wehlen, ihr Gatte wollte sie am selben Ab eil d noch abholen, denn er hatte keine Zeit, sie gleich zu begleiten, wollte auch das Wiedersehen besonders mit der Kranken nach so langer Trennung nicht stören.
Es war ein heißer, sonniger Julitag gewesen, die Sonne stand bereits itn Westen, als endlich Der Wagen, welcher
Sie traf sofort per Extrazug hier ein, das Feuer war jedoch schon durch die vereinte Anstrengung der Spritzenmannschasten aus den benachbarten Ortschaften und der Feuerwehr von Grünberg auf seinen Herd beschränkt worden. 6 Wohnhäuser, 5 Scheunen und 6 Stallungen waren den Flammen zum Opfer gefallen, nur eine Wohnung davon war noch soweit gerettet worden, daß sie bald wieder bezogen werden konnte. Ein Glück für die Abgebrannten war es, daß sie sich alle zur rechten Zeit hatten versichern lassen. Prächtige Neubauten stehen heute an Stelle der abgebrannten. Möge nie efri ähnliches Geschick unser Dorf Heimsuchen, das gebe Gott!
§§ Schotten, 12. September. Zur Feier von Groß- Herzogs Geburtstag hat unsere Stadt heute Flaggenschmuck angelegt. Außerdem findet heute Abend in der „Post" ein Festessen statt. — Unser neues Kreisamtsgebäude schreitet mit raschen Schritten der Vollendung entgegen. Es liegt an der großen Straße in der Nähe des Bahnhofes und macht einen ganz vorzüglichen Eindruck. Den Plan dazu machte Herr Kreisbaumeister von Riefel- die Ausführuug des Baues leitet Herr Kreisbaumeister Schneider in Nidda. Aber nicht blos das Aeußere repräsentirt sich geschmackvoll und solide, auch die inneren Anlagen und Einrichtungen, die Anordnung der Räumlichkeiten, die Vertheilung von Licht und Luft finden, vom Keller bis unter Dach, den allseitigsten Beifall von Laien und Sachverständigen. Für den Bauplatz, die Ausfüllung und Planirung und ähnliche Arbeiten hat die Stadtgemeinde Schotten als ihren Beitrag etwa 6000 Mk. geleistet und bis Alles fertig ist, kommt noch eine kleine Summe hinzu. Dafür hat die Stadt aber auch die Gewißheit, daß das Kreisamt für alle Zeiteu hier belasse» wird. Gegenwärtig werden die Tapezierarbeiten, die Oelfarben- anstriche und das Herrichten des Platzes und Gartens um das schöne stattliche Haus vorgenommen. Auf der Staatsstraße vor dem neuen Gebäude steht eine Gruppe von Eschen und Ahorn. Der Blick von den Wohnräumen des zweiten Stockes das Niddathal hinab ist reizend. Man hofft, daß binnen vier Wochen Alles vollendet und das prächtige Haus eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben werden kann.
= Büches, 12. September. Die Thierquäler und Baumfrevler sind die schändlichsten Menschen. Schon zweimal sind die Obstbäume, welche auf der Vieinalstraße Orleshausen—Lorbach—Salinenhos stehen, in schmählicher Weise abgeschlitzt worden, weshalb das Kreisamt kürzlich 50 Mark Belohnung aus die Entdeckung des Thäters setzte. — Ferner sind schon zweimal die Oberstämmchen in dem Hainbuchenhag
die Reisenden von der Station geholt, vor dem Wehlen'schen Hause hielt.
Lilli staud auf der Rampe, doch ohne ihr Kind, und streckte jubelnd den geliebten Ankommenden die Arme entgegen; drei Jahre waren sie getrennt gewesen und diese Trennung allein hatte vermocht, hier und da einen Schatten in das lichte Eheglück der jungen Frau zu werfen. Aber sie schrack zurück, als sich nun nach der mütterlichen Umarmung Julie aus den Kiffen des Wagens erhob. War das ihre Schwester? Wie alt und schlaff schaute dies Antlitz drein und wie grau" waren die früher so dunklen Haare Juliens geworden!
„Julie, liebe Schwester, sei herzlich gegrüßt!" rief Lilli.
Aber die Kranke schüttelte der! Kopf und sagte:
„Ich habe keine Schwester mehr. Früher besaß ich wohl eine, sie hieß Lilli und hatte blonde Haare — auch hielt man sie für — sein Weib — Leopolds Weib. Ab erste war es nicht — ich weiß es besser — denn ich hatte ihr ja nicht die Hochzeitssackel angezündet — haha — die Hoch- zeitssackel — "
So viel hatte die Kranke schon lange nicht zusammenhängend gesprochen, der Ton von Lillis Stimme mußte ihr Denkvermögen doch erweckt haben- die junge Frau allerdings schaudellc vor Juliens Stimme zurück und wurde tobten» blaß- Das hatte sie nicht geahnt, dem Hasse, welcher aus diesen müden AugeN urplötzlich hervorloderte, fühlte sie sich nicht gewachsen.
„Sei ruhig, Lilli," flüsterte Frau v. Wehlen, „vielleicht wirkt der Anblick Curts oder Deines Mannes Stimme (jctL (am auf sie ein."
„O, Mutter, nur nicht mein Kind darf sie sehen," flehte die junge1 Frau ängstlich, „sie könnte in einen Zornes ausbruch verfallen."
Willenlos hatte sich währenddem die Kranke in daS HauS führen lassen. Niemand gewahrte den bösen Blick, welchen sie im Vorüberschreiten der Schwester zuwars, Niemand hörte


