Einzelbild herunterladen

Wie aus Dünkirchen gemeldet wird, ist das Gebäude der Filiale der Bank von Frankreich in der letzten Nacht vollständig niedergebrannt. Der Schaden soll 300 000 Francs betragen. Die Bücher und Werthpapiere sind gerettet.

Die Gemahlin des Botschafters Laboulaye ist nach einer Meldung derTemps" gestorben.

London. 12. März. Das Unterhaus setzte gestern die Debatte über den Bericht der Parnellcommissiou fort. Das Amendement Caines, welches die aus gefälschten Briefen beruhenden Anklagen tadelt, wurde mit 231 gegen 259 Stimmen verworfen und hierauf der Regierungsantrag ohne Abstimmung angenommen.

Der Schriftwechsel zwischen der deutschen und der englischen Regierung in Betreff der Berliner Arbeiter- Conserenz ist soeben veröffentlicht worden. Derselbe enthält nur Bekanntes und schließt mit einem Schreiben Lord Salis> burys vom 6. d. M. an den Grafen Hatzscldt, in welchem die Einladung endgiltig angenommen und die demnächstige Mittheilung der Namen der britischen Vertreter in Aussicht gestellt wird.

London, 12. März. Dem Vernehmen nach ist das Parlamentsmitglied Sir William Houldswort, Großindustrieller in Manchester, zum zweiten britischen De le girten in Berlin ernannt. Der erste Delegirte Gorst reist morgen ab, begleitet von Burnett, dem Chef der Arbeits-Abtheilung des Handels- amtS als technischen Assistenten.

London, 12. März. Bisher ist zwischen den Gruben­besitzern und den Arbeitern kein Einvernehmen bezüglich einer Lohnerhöhung erzielt worden. Die meisten von den Arbeitern gestellten Fristen laufen am Samstag ab. Der eventuelle Ausstand dürfte dreihunderttausend Arbeiter umfassen.

DiePall Mall Gazette" meldet, daß die Mitglieder der Stanley-Expedition Stairs und Parke den Orden St. Michael und St. George III. Klasse erhalten haben, welcher gewöhnlich für Colonialverdienste verliehen wird.

Cardiff, 12. März. Die Zahl der Todten beim Gruben­unglück in Morsa ist nunmehr definitiv aus achtundachtzig sestgestellt.

Rom, 12. März. Die italienischen Delegirten zur Berliner Conserenz sind heute Abend abgereist.

Madrid, 12. März. Die Regierung nahm die Ein­ladung Deutschlands zur A r b e i t e r c o n s e r e n z an; sie wird drei Vertreter nach Berlin entsenden.

Bukarest, 13. März. In der Kammer betonten der Marineminister Peucesco und der Ministerpräsident Mano wiederholt die Solidarität des Cabinets. Die Kammer lehnte mit 73 gegen 52 Stimmen die Anträge aus ein Tadels­votum gegen den Domänenminister, ebenso mit 87 gegen 51 Stimmen die Ertheilung einer Censur ab.

Belgrad, 13. März. Der Kronprinz von Italien ist hier angekommen und in dem Palais der italienischen Gesandtschaft abgestiegen. Auf den Wunsch des Prinzen sand kein osficieller Empfang statt.

Belgrad, 12. März. Der Kronprinz von Italien besuchte heute Vormittag das Palais des Königs, wo er mit militärischen Ehren empfangen wurde. Am Mittag empfing der Kronprinz den Gegenbesuch des Königs, welcher in Be­gleitung des Regenten und des Militärhosstaates erschien. Zu dem heutigen Galadiner bei Hose zu Ehren des Kron­prinzen sind alle Gesandten geladen.

Konstantinopel, 12. März. Der deutsche Gesande v. Ra­do w i tz stellte dem Sultan den Hauptmann v. Plueskow vor, welcher die vom Kaiser Wilhelm übersandten Pferde und Trommeln sowie verschiedene persönliche Geschenke, darunter Andenken an die Kaiserin Augusta, überbrachte. Der Sultan ließ sich die Pferde vorführen. Später war im Dildiz Kiosk ein Diner, welchem v. Radowitz mit Gemahlin, Hauptmann Plueskow, welcher die historische Blechmütze des ersten Garde­regiments trug, einige Mitglieder der deutschen Botschaft, der Großvezier und verschiedene Militär- und Civilwürden- träger beiwohnten. Als sich Radowitz, welcher sich morgen Abend in Urlaub begiebt, verabschiedete, beauftragte ihn der Sultan, dem Kaiser seinen aufrichtigsten Dank für den neuen Beweis der Freundschaft auszusprechen, insbesondere für die Andenken an bie Kaiserin Augusta.

Localer unb provinzieller.

Gießen, 13. März.

Wie aus dem amtlichen Theile der vorliegenden Nummer ersichtlich, findet die Nachwahl für den Reichs­tag, nachdem Herr Dr. Gutsleisch in Folge Annahme des Friedberger Mandats die Wahl für den ersten hessischen Wahlkreis Gießen-Grünberg abgelehnt hat, am Freitag den 28. März d. I statt. Zum dritten und hoffentlich auch letzten Male innerhalb weniger Wochen werden die Wähler an die Wahlurne gerufen, um durch ihre Stimmzettel zu erklären, wem sie ihre und des Vaterlandes Interessen anzuvertrauen gewillt sind. Hierin liegt die Wichtigkeit des dem Deutschen zustehenden Wahlrechts, es erwächst ihm aber damit auch die Pflicht, angesichts der Bedeutung dieses Rechts bei der Nothwendigkeit einer abermaligen Wahl dasselbe auszuüben und nicht zu ermüden, sondern unverdrossen noch­mals seiner Wählerpflicht zu genügen. Die Wahl findet nach denselben Wählerlisten statt, wie solche bei der Wahl am 20. und der Stichwahl am 28. Februar Anwendung sanden.

In der Gärtnerei des Herrn Louis Becker, Grünbergerstraße, stehen augenblicklich eine Anzahl werthvoller Orchideen in Blüthe, deren Besichtigung sich für Liebhaber dieser edlen und seltenen Pflanzensamilie sicher empfehlen dürfte.

Hungen, 11. März. Von unserem guten Hungen gehen so selten Neuigkeiten in die Zeitungswelt, daß man fast meinen sollte, es ginge hier gar nichts vor. Und doch hat

das beständige trockene Wetter im vorigen Sommer zwei bedeutendere für den weiteren Verkehr maßgebende Erdbauten in raschester Weise gefördert: die Bahn nach Laubach und die Auffüllung der Landstraße im sogen. Jnheid er Grunde, aus welcher letzteren man nun nach dem ersten Ausstiege hier vor dem Thor in fast ebner Bahn den Berg nach Inheiden überwältigt. Schon vor verschiedenen Monaten ist auch von der neuen Schottener Waldstraße die Einebnung der Straßen­linie vollendet und muß es nunmehr an die Beschotterung gehen. Von der Bahn nach Laubach liegen die Schienen völlig und sind nur an den Dämmen der Allffüllung im Jnheider Grund durch das neuerliche nasse Wetter bewirkte "tärkere Senkungen zu heben. Im Orte selbst fehlt es nicht an Zuzug von außen her und auch Neubauten entstehen, nach der Seite von Hof Graß und Rodheim Arbeiter- Wohnungen, nach dem Bahnhof hin Anlagen von Gewerbe­treibenden, wie von Aug. Schäfer eine Sägemaschine, in der ogen.Dreispitz" neben Hildebrandts Erben Geschäftsräume von Schlosser Eversohn und Steinhauer Werner (Firma Werner und Leonhardt) neben Familienwohnungen. Das Empfangsgebäude am Bahnhof hat ebenfalls in Folge des Zuwachses der Laubacher Bahn einen Anbau erlebt. Doch macht das Bahnhosgebäude des neuen Dillinger Bahnhofes eine bedeutend bessere Erscheinung als unser Bau, der aus der Zeit des Privatbaus herrührt. Auch dürfen wir Hungener wünschen, daß der Zugang zum Bahnhof eine bessere Be­leuchtung des sehr uneben gewordenen Personen-Fußsteigs erhalte,- bei schlechtem Wetter ist die Benutzung desselben nicht ohne Lebensgefahr.

Vermischtes.

*== Frankfurt a. M., 12. März. Die Erleichte­rung des Verkehrs mit den Vororten ist eine der wichtigsten Ausgaben der Großstädte. Das hat auch längst unsere städtische Behörde eingesehen und dieser Einsicht ent­sprang die Schaffung der electrischen Trambahn zwischen Frankfurt Oberrad Offenbach, der Dampsstraßenbahn FrankfurtEschersheimHeddernheim, sowie der Waldbahn nach Neu-Isenburg, Niederrad und Schwanheim. Dabei ge­denkt man aber nicht stehen zu bleiben. Die Verbindung mit dem herrlich gelegenen Bergen durch Fortführung der Franksurt-Eschersheimer Bahn ist schon langst ins Auge ge­faßt und seit Jahresfrist wird auch von einer Dampsstraßen­bahn nach Höchst a. M. und Soden a. Taunus geredet. Gestern kam diese Angelegenheit in der Stadtverordneten- Versammlung zur Sprache. $err Oberbürgermeister Miquel konnte mittheilen, daß der Gemeinderath von Soden seine Zustimmung gegeben habe, daß aber noch Verhandlungen wegen der Endpunkte, der Concessionsdauer, sowie der Weiter- sührung nach Königstein a. Taunus schweben. Dr. Miquel hält übrigens die Steigung hinter Soden von 1 :9 ohne Zahnradbahn für unüberwindbar, außerdem kann er sich für die in Aussicht genommenen Rowan'schen Wagen nicht er­wärmen, da dieselben eine zu enorme Länge haben. Aus der Berathung ging überhaupt hervor, daß dem Project noch mancherlei Schwierigkeiten entgegenstehen. Da man einer- leichteren Verbindung mit den vielbesuchten Taunusbadeorten Soden und Königstein indeß außerordentlich sympathisch gegen­übersteht, so wird die Erbauung einer Straßenbahn dorthin voraussichtlich doch nur eine Frage kurzer Zeit sein.

*= Frankfurt a. M., 12. März. Im Alter von noch nicht ganz 65 Jahren starb gestern Abend Hierselbst an den Folgen eines Gehirnschlages der Oberstaatsanwalt und Geheime Ober-Justizrath Schmieden. Der Verstorbene, welcher im Jahre 1867, also kurz nach der Einverleibung Frankfurts, aus Posen hierher versetzt wurde, war am 11. April 1825 geboren. Schmieden wird nachgerühmt, daß er, so strenge er bei Herbeiführung der Bestrafung war, so human beim Vollzüge derselben gewesen sei. Ein Bittender, sagt dieFr. Ztg.", sei nie von ihm weggegangen, ohne daß er wenigstens Rath und Trost mit aus den Weg gegeben habe. In der sogenannten Uebergangsperiode verstand es der Verblichene, sich rasch in die hiesigen Verhältnisse einzu­leben und bei der ihm überwiesenen Ausgabe, die Einführung der Prozeß-Ordnung und des Preußischen Strafgesetzbuches zum 1. September 1867 vorzubereiten, sich allgemeine An­erkennung zu erwerben.In wahrhaft väterlicher Weise", heißt es in einem dem Verstorbenen gewidmeten Nachruf, wirkte er für feine Beamten und im ganzen Bezirke des Oberlandesgerichts war er die belebteste und populärste Person". Das ist gewiß das schönste und höchste Lob, das einem Manne in solcher Stellung zu Theil werden kann. Schmieden war auch Kaiserlicher Bank-Commissarius und auch in dem durch dieses Amt ihm zugewiesenen Wirkungskreis hat er verstanden, Anerkennung und Verehrung sich zu er­werben. Er war wenige Tage älter als 42 Jahre, als er zur Stelle eines Oberstaatsanwalts berufen wurde. Durch zahlreiche Orden, sowie Verleihung des Characters als Geheimer Oberjustizrath mit dem Rang der Räthe II. Klasse wurde der Verblichene ausgezeichnet.

Eingesandt.

Gieße«, 13. März.

Da cs in der Tbat noch viele Leute gibt, die gern geneigt sind, nur ungünstige Urtheile über Gießen zu fällen und zu verbreiten, so fühlen wir uns gedrungen, ein Urthetl, das ein höchst verständiger und erfahrener Mann, der sehr weit Jn der Welt herumgekommen ist, über die Entwickelung unserer Stadt ausgesprochen hat, zur öffentlichen Kenntniß zu bringen. Derselbe war vom Jahre 1849 bis 1851 Musensohn dahier, allein bittere Famtlienverhältntffe zwangen ihn, das Studium aufzugeben und seine Zuflucht nach Amerika zu nehmen. Das Glück lächelte demselben in der neuen Welt freundlich zu und er hat jetzt eine in jeder Beziehung glänzende Laufbahn hinter sich. Dabet hat er aber fein liebes deutsches Vater­land nie vergessen, und die Sehnsucht, dasselbe noch einmal zu sehen, wuchs so sehr in seiner Brust, daß er im vorigen Jahre nicht mehr unterlassen konnte, die wette überseeische Reise direct nach Hessen, worin ja seine Wiege stand, auszuführen.

Nachdem er sich am herrlichen Rheine von den Strapatzen der beschwerlichen Reise ausgeruht hatte, lenkte er zunächst seine Schritte nach Gießen, seiner einstmaligen Musenstadt, Denn die schönen und

Neber den sogen. Nothlauf der Schweine, sowie einige Mängel in der Schweinehaltung.

Von Herrn Professor Dr. Kaiser von der Königlichen thierärztlichen Hochschule zu Hannover.

(Fortsetzung.)

Man sieht also ans dem Jnstinct der Thiere, was ihnen mangelt. Kochsalz ist nothwendig, damit die Eiweißstosse besser gelöst und verdaut werden. Der Mensch genießt soll in allen Speisen Salz, an die salzarme Kost seiner Schweine jedoch denkt er nicht, obgleich deren Organismus dem mensch­lichen außerordentlich ähnlich ist. Man braucht pro Kopf und Tag etwa 15 Gramm Kochsalz (ungefähr einen ab gestrichenen zinnernen Eßlöffel voll), bei dem billigen Preise des Viehsalzes gewiß keine große Ausgabe, die sich hundertfach bezahlt macht. Ferkeln braucht man nur die Hälfte obiger Gabe und auch die nicht einmal pro Kopf und Tag zu geben. Ost wird den Schweinen, wenn sie nicht fressen wollen, Holz­oder Steinkohle gegeben, zuweilen mit gutem Erfolge, ober meist viel zu spät, nämlich dann erst, wenn das Schwein schon kränkelt! Wenn man ferner bedenkt, daß eine trächtige San oft 12 bis 15 Ferkeln das Knochenskelet geben soll und sie im Futter nicht die genügende Menge phosphorsaurea Kalk, der doch hauptsächlich zur Knochenbildung beiträgt, vor­findet, so muß sie den Kalk aus ihrem eigenen Kärper her nehmen und den Ferkeln mitgeben. Das schädigt aber ben mütterlichen Organismus schwer, gar oft hat man beobachtet, daß die Sau trotz vermeintlich besten Futters nach der Geburt recht mager und dürftig anssieht und nur so eben sich Hern»'- schleppt. Dann sagt man wohl, daß die Sau von deir Ferkeln sehr mitgenommen sei, aber die wahre Ursache der Schwäche fällt Niemandem ein. Und wie sieht es mit deur Ferkeln aus! Es find elende Thiere, von denen man 1$ nicht viel versprechen kann, da ihr Knochengerüst zu schwach ist. Bekommen sie nun nicht kalkhaltiges Futter, am Besten etwas gereinigtes Knochenmehl, so werden die schwächlichen Thierchen wirklich krank, wenn sie sich auch in den ersten beiden Lebenswochen oft noch recht gut Hinhalten. Sie werden matt, krümmen den Rücken, können nicht recht laufen, be kommen Fieber und übelriechenden Durchfall und geh"' schließlich an Erschöpfung zu Grunde. Von der ganzen Zuw- bleiben die kräftigsten, 3 oder 4 Stück am Leben und bic|< gedeihen auch einigermaßen, weil sie von Haufe aus stärke' organisirt, dann aber auch den Kalkgehalt der Milch allein genießen, während sie früher mit ihren zahlreichen Geschwistern in den knappen Vorrath sich theilen mußten. Dieses 8crff sterben wird in der Regel aus dieBlattern" geschobe, obwohl sich gar kein Hautausschlag gezeigt hat.

glücklichen Stunden, die er vor 40 Jahren mit uns hier verlebte würben so sehr in seiner Erinnerung wach, daß sein erster AuSslu« Gießen gelten mußte. ®

Schon unsere Fahrt vom Bahnhofe aus durch die neue Bahn- Hofsstraße nach einem bekannten Hotel versetzte ihn in so großes Erstaunen, daß er Zweifel hegte, ob das wirklich Gießen sei, und als wir am anderen Tage alle Straßen der Altstadt durchwanderten nahm er mit der größten Verwunderung wahr, daß fast alle alten' auffallend buckeligen Häuser verschwunden und durch neue, mitunter recht stattliche Gebäude ersetzt waren. Aus den öffentlichen Plätzen wie Linden-, Kirchen-, Markt- und Kreuzplatz verweilten wir längere Zeit und er betrachtete sich mit Wohlgefallen die vortheilhafte Um­gestaltung der Wohnungen an denselben, die, wie er mir sagte, diese Plätze in einer Weise verschönerten, daß sie kaum wieder zu er­kennen seien.

Da vor vierzig Jahren in Gießen kaum eine Spur von Läden zu entdecken war, so war er von der großen und schönen Anzahl die sich jetzt seinen Augen barboten, wahrhaft überrascht, und von mehreren bemerkte er, daß ihre äußere Erscheinung und innere Aus- tattung so prachtvoll seien, daß sie selbst größeren Städten zur Zierde gereichen könnten. Nach seiner Meinung haben die hiesigen Bürger aus der Altstadt gemacht, was daraus zu machen war, indem tc keine Mühe und keine Opfer scheuten, um ihre Wohnungen in lern jetzt geschmackvolleren und wesentlich verschönertem Zustande er- cheinen zu lassen.

Am dritten und vierten Tage führten wir unfern alten Freund durch alle neu erstandenen Straßen, deren Anzahl, wenn wir nicht irren, die hübsche Summe von 84 beträgt. Nachdem er diese, mitunter großen Straßen gesehen und vielen Privatwohnungen, so- wie den särnmtlichen Staatsgebäuden seinen vollen Beifall gezollt hatte, rief er bewundernd aus:Gießen hat sich in der Thal großartig entwickelt und ausgedehnt, was ein Jeder, der es früher gesehen, wenn er gerecht sein will, zugestehen muß, und einem Magistrate, der sicherlich keine Opfer scheute, der auch wohl seine ganze Kraft einsetzte, um eine solche Entwickelung und solches Empor­blühen der Stadt herbeizuführen, dem gebührt die größte Hoch­achtung !" Auch die städtischen Anlagen, die er recht nett angelegt and und die er in vielen Beziehungen als eine große Wohlthat für alle Bewohner Gießens erklärte, imponirten ihm in einem hohen Grade. Wir versäumten nun aber auch nicht, unserem Freunde zn bemerken, baß Gießen, welches zu seiner Zeit etwas über 7000 Ein­wohner hatte, jetzt über 20,000 Einwohner zähle, und daß keine Stadt in Hessen einen solchen Procentsatz der Bevölkerungszunahme aufzuweifen habe. Als wir am vierten Tage unserer Wanderung auf dem neuen, geräumigen Marktplätze (Oswaldsgarten) ankamen, da sagte er mir, daß er nun noch das Verlangen habe, seine einst­malige Studentenwohnung zu sehen, und da diese sich in der Hinter- gasse im Rahn'schen Hause (damals Botenmeister Lehr gehörig) be­fand, so begaben wir uns nach diesem Hause. Unser lieber Ameri­kaner betrachtete dasselbe und die Umgegend tiefbewegt ziemlich lange und dann sprach er sich, aber was wir nicht verschweigen dürfen, zu« ersten Male tadelnd aus, indem er bemerkte, baß vom schäum Marktplatze aus der Eingang zur Stadt durch diese Gegend und bet schmalen Hintergasse der jetzigen Stadt durchaus nicht mehr ent­spreche und bei einem Fremden einen sehr ungünstigen Eindruck bewirke. Als wir ihm darauf erwiderten, daß auch die jetzige Stabt- oertretung mit goldenen BuchstabenEntwickelung und Ver­schönerung der Stadt" auf ihr Panier geschrieben und dazu namentlich die Altstadt in Aussicht genommen habe und daß vom Garnbrinus" aus eine directe Straße nach dem Kirchenplatze geplant sei, da war er wieder vollständig befriedigt und nahm den aus­gesprochenen Tadel sofort zurück.

Auch die Umgegend von Gießen wurde in Augenschein ge­nommen, Schiffenberg, Staufenberg und Gleiberg wurden besucht, und bie Veränderungen auf bem Staufenberg unb namentlich die des Gleibergs entlockten seinem Munde nur Worte des Lobes, unb schließlich bemerkte er noch, daß er auf seiner weiten Reise nur selten eine Stadt gesehen, bie eine so schöne Umgegend unb so wahrhaft klassische Punkte wie Gießen aufzuweisen habe. Bei feinem Ab­schiebe schüttelte er uns tiefbewegt bie Hanb unb tagte:Wenn es mir vergönnt ist, so komme ich in zwei Jahren in Begleitung meine« ältesten Enkels, der in Deutschland studiren will, wieder hierher, denn er soll nach meinem ausdrücklichen Wunsche zuerst in Gießen die akademische Laufbahn beginnen."