Sich niederbeugend zu der jungen Frau, die eben wollige Schäfchen in das Moos setzte, das den Fuß des Bäumchens verbarg, drückte er einen heißen Kuß aus ihre Wange.
„Aber, Franz, was fällt Dir ein? Wenn das nun Jemand gesehen hätte?"
„Und wenn? Dars ein Mann sein Weib nicht küssen?" rief er lachend, von Neuem sie umfassend. „Laß doch die verschneiten Bäume Zeuge sein unseres Glückes, sie sagen es nicht weiter und neiden es uns nicht. Wer weiß, ob sie anderwärts, in den feinen Häusern, heute auch so viel Liebe und Eintracht erspähen. Horch, bim — bam — da wird der Zug sigualisirt. Geschwind den Mantel um, die Laterne zur Hand — und Du sorge, daß ich dann mit Hans gleich eintreten kann."
Noch einen freundlichen Blick warf er zurück in das kleine, blitzblanke Stübchen, begegnete den strahlenden dunklen Augen seines Weibes und nickte ihr lächelnd zu, dann fiel die Thür hinter ihm ins Schloß. Gleich daraus trat er aus der Hausthüre, sich tapfer gegen den Wind wehrend, der ihm die Mütze vom Kopse jagen wollte, fühlte er doch die eisige Kälte durch und durch/ trotzdem er den Kragen des Mantels hochgeschlagen hatte. Sich nach allen Seiten umschauend, überschritt er das Geleise, denn die Barriöre befand sich aus der anderen Seite.
Da war es ihm, als hörte er sich anrufen — er blieb lauschend stehen — doch nichts weiter war hörbar, als das Heulen des Sturmes, der die Fichten und Tannen deS nahen Waldes ächzend beugte, das eigenartige Summen der Telegraphendrähte und das näherkommende Rollen des signalisirten Zuges — er stapfte weiter und weiter — schon hatte er die Barriere erreicht — wieder war es ihm, als höre er eine Stimme, — seines Kindes Stimme, doch, wie er auch ausschaute, die immerfort mederfallenden Flöckchen nahmen
ihm jede Aussicht und seine Laterne beleuchtete nur die Strecke aus kleinem Umkreis, kaum vermochte er die beiden feurigen Lichter zu erspähen, die mit Windeseile näher und näher kamen, erst kleinen Fünkchen vergleichbar, dann zu Sonnen anwachsend, bis sie in seiner unmittelbaren Nähe vorübersausten.
Doch durchdringender noch wie das Getöse des dahin- brausenden Zuges ertönte ein Schrei, der ihm das Herz stocken ließ, ein Schrei, so herzzerreißend, so qualvoll, daß es ihn ordentlich wie Frost schüttelte und er, in der zitternden Hand die Laterne tragend, dem Orte zutaumelte, von wo der Schrei erklungen war.
Ein leises Wimmern zeigte ihm den Weg und das unbarmherzige Licht der Laterne beleuchtete, als er näher trat, eine grausige Gruppe: Vor ihm, zwischen den Schienen, aus welchen soeben der Courierzug verschwunden war, hockte Hanna und versuchte ein lebloses Etwas aufzurichten. Die Haare sträubten sich dem armen Manne, er mußte die Laterne niedersetzen, stürzte näher E brach mit einem verzweifelnden Schrei in die Knie.,neben seinem Hans, der mit geschlossenen Augen, gräßlich verstümmelt,- im Schnee lag und keinen Laut mehr von sich gab.
Des Mannes Schrei brachte Hanna zu sich. Wie eine Furie schoß sie empor und schrie:
„Rühre ihn nicht an, Du entweihst ihn, denn Du allein hast ihn getöbtet; Dir ist er uachgelausen, Du mußtest sein Rusen hören, ihm wehren. Ich Habs gehört, eile heraus — aber zu spät, zu spät!"
Franz' Entsetzen wuchs. Hatte sein Weib über dem Gräßlichen den Verstand verloren? Konnte ihn denn eine Schuld treffen, ihn, der seinen Posten nicht verlassen durste, selbst wenn er mit Deutlichkeit seines Kindes Rus vernommen
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1890
Samstag den 13. Decembcr
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Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, »tt Ausnahme des Montag».
Die Gießener W«»ttte«Stttler »erden dem Anzeiger VSchmtlich dreimal deigelegt.
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Dr. Follenius, Kreisarzt.
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In dem Gesängniß zu Mainz sind pro Kops und Tag an Derköstigungskosten 33 Pfg. vorgesehen. Dieselben
174 Köpfen = 29,5 Pfg.
Da seit dem Jahre 1887—88 der früher angenommene Stand von täglich 180 Köpfen überschritten und die Frequenz seit jener Zeit im Gesängniß zu Darmstadt eine stets steigende gewesen ist (in den ersten 9 Monaten des Jahres 1889—90 betrug der Durchschnittsstand — 198 Köpfe), wurden für dieses Budget 200 Köpfe angefetzt.
Bekanntmachung.
Durch Beschluß der unterzeichneten Behörde vom 21. v. M. ist dem Johannes Münker dahier die ihm unterm
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß dem (Somit 6 für eine im März und April k. I. in Stuttgart abzuhaltende internationale Kunstausstellung die Erlaubniß ettheilt worden ist, die Loose einer mit der Ausstellung verbundenen Lotterie im Großherzogthum zu vertreiben. Die Gewinne bestehen in Kunstgegenständen und Geldprämien, es sollen 60,000 Loose ju 1 JL ausgegeben werden und 29,000 JL. jtim Ankauf von Kunstgegenständon, 7000 Jk zu Gewpreisen Verwendung finden.
Gießen, den 10. December 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Deutfd?e» Reich.
Darmstadt, 11. December. Aus dem Staatsbudget dürften die nachstehenden, die Gefängnisse und Strafanstalten des Großherzogthums betreffenden Ziffern von Interesse sein :
In dem Landeszuchthaus Marienschloß konnte der Einheitspreis für Verköstigung der Sträflinge von 42 Pfg. (im vorigen Budget) wegen des günstigen Einkaufspreises der Victualien aus 34,5 Pfg. herabgesetzt werden. Durch die Neueinrichtung in der Kochküche (Dampskocherei) daselbst sind weniger Arbeitskräfte erforderlich, so daß man mit nur 6 Köchinnen auskommen wird. An Verpflegungskosten sind erforderlich gewesen pro Tag und Kops in den Jahren 1884-85 = 37,80 Pfg., 1885-86 = 34,90 Pfg.,
1886—87 = 32,77 Pfg., 1887—88 = 31,90 Pfg.,
1888—89 = 33,67 Pfg., im Durchschnitt dieser fünf Jahre
1885—86 „
1886—87 „
1887-88 „
1888—89 „
täglich 145 Köpfen — 32,4 Psg.
In den Provinzialarresthäusern zu Darmstadt, Gießen und Mainz sind für die Verköstigungskosten 26,31 und bezw. 27 Psg. pro Kopf und Tag vorgesehen.
1885-86 „
1886-87 „
1887—88 „
1888—89 „
Gießener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
haben betragen:
1884—85 bei durchschnittlich täglich 133 Köpfen 34,3 Pfg.,
= 34,21 Pfg.
In dem Gesängniß zu Darmstadt haben die Verköstigungskosten pro Tag und Kopf betragen:
in 1884—85 bei durchschnittlich täglich 156 Köpfen 33,3 Pfg.,
24. Januar 1887 ertheitte Concession als Dienstmann mit der Nr. 10 entzogen worden. Es werden alle Diejenigen, welche etwa Forderungen aus an Münker als Dienstmann übertragenen Geschäften zu haben glauben, aufgefordert, solche binnen 8 Tagen bei uns anzumelden, damit diese Forderungen aus der bei uns gestellten Dienstcaution eventuell berichtigt werden können.
Gießen, am 11. December 1890.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Deutscher Reichstag.
39. Plenarsitzung. Donnerstag, 11. December 1890, 1 Uhr.
Die erste Etatberathuug wird fortgesetzt.
Abg. Bebel (Soc.): Die Art, wie die Herren rechts sich gegen die Beseitigung der Lebensmittelsteuern wenden, läßt deutlich erkennen, daß auch sie merken, es geht mit ihrer Herrlichkeit zu Ende. Die Thatsache, daß die ländlichen Arbeiter in Schaaren nach den Städten eilen, beweist die Unrichtigkeit Ihrer Behauptungen, daß der ländliche Arbeiter und die kleinen ländlichen Besitzer von den Zöllen Vorthetl haben. Auf dem Lande Uegea die Verhältnisse so mißlich, daß stellenweise ein Rückgang der Bevölkerung ftattfinbet, und man es mit allen möglichen Mitteln versucht, die sogenannte Sachsen- gängerei zu bekämpfen. Die ländlichen Arbeiterverhältnisse sind in verschiedenen Gegenden geradezu elend. Die Gutsbesitzer geben oft für Schweineftälle mehr aus, als für Arbeiterwohnungen. (Hört! Hört!) Frellich sind uns die Schwierigkeiten der socialiftischen Agitation unter ländlichen Arbeitern wohl bekannt, allein wir sind fleißig bei der Arbeit und werden, sobald das Material gesammelt ist, an die Agitation gehen. Religion und Sittlichkeit sind nicht gleichbedeutend. In Kreisen, die sich für religiös halten, finden sich oft grobe Unstttlichketten. Bei den Socialdemokraten hat man nichts von Unfittlichkeiien behaupten können, während bei dem weiblichen Theile der ländlichen Bevölkerung die Unsittlichkeit eingerissen ist durch das Verhalten der Gutsbesitzer, ihrer Beamten und der Oifiziere beim Manöver. (Unruhe.) Der Vvrtheil au8 den Getreidezöllen, der Zucker- und der Branntweinsteuer kommt den wenigen Großgrundbesitzern zu Gute, in deren Besitz immer mehr und mehr kleine Grundstücke übergehen. Die indirecten Steuern werden hauptsächlich von Arbeitern aufgebracht; sie drücken schwer und erregen überall Unwillen. Wir wissen, daß kein Staat ohne Steuern bestehen kann, aber Diejenigen sollen am meisten dazu beitragen, die dem Staat den größten Schutz verdanken, nämlich die Besitzenden. Heute ist das flicht der Fall. Die Hoffnung auf eine Spaltung der Socialdemokratie ist ebenso vergeblich, wie die Hoffnung auf ein gewaltsames Eingreifen unsererseits. Auch Sie irren sich, wenn Sie hoffen, daß Sie mit ihrer Armee sich auf die Dauer eine Schutzwehr gegen die Socialdemokratte schaffen. Unsere Ideen werden in demselben Maße sich verbreiten, wie die gegenwärtige Wirthschastspolttik sich entwickelt. Diese Entwickelung gieht uns ohne alle Gewalt die heutige Gesellschaft in die Hände.
Abg. Dr. Wtndthorst (Ctr.) vertheidigt zunächst seine Stellung zu Gunsten der Colonialpolttik. Die Vorthetle, welche die Jnvaliditats-
dieser fünf Jahre bei durchschnittlich
Anrtlkher Cbtil.
Gießen, den 10. December 1890.
Betr.: Die Ausführung des Invalidität»- und Alters- Versicherungsgesetzes.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien deS Kreises unb die Vorstände der Fabrik-krankenkaffen und Knappschaftskaffen und die Ort-kranken- faffe Gießen.
Die nach Ihren Miltheilungen erforderlichen Quittungs- karten werden Ihnen durch die Universitäts-Buchdruckerei von Münchow dahier dieser Tage zugestellt werden.
Wir empfehlen Ihnen und den Vorständen der örtlichen Stellen für die Jnvaliditäts- und Altersversicherung mit der Ausstellung der Quittungskarten einige Tage vor dem 1. Januar 1891 zu beginnen; die Quittungskarten find aber, falls sie nicht thatfächlich später ausgestellt werden, vorn 1. Januar 1891 zu dattren. Bei Ausstellung der Quittungskarten ist sich streng nach der Anweisung vorn 23 October l. I. (Regierungsblatt Nr. 44, S. 294) zu richten.
Die Vorstände der eingeschriebenen Hilsskassen sind zur Ausstellung der Quittungskarten nicht berechtigt; für die bei em geschriebenen Hilfskaffen versicherten Arbeiter haben daher die Großh. Bürgermeistereien refp. örtliche Stellen für die Jnvaliditäts- und Altersversicherung oder die Vorstände der Betriebs- oder Knappschaft-kaffen für in Betrieben der betr. Kaffe beschäftigten Arbeiter die Quittungskarten auszustellen.
v. Gagern.
Feuilleton.
Im Dshnwärterhsuschen.
Eine Weihnachtserzählung von H. Waldemar.
(Fortsetzung.)
„Nein, Franz, wir wollen unserem Hänschen in Ruhe bescheeren. Wenn der Zug vorüber ist, holst Du ihn, wie wir es mit der Mutter verabredet hatten, während ich derweil die Lichter anzüude," antwortete die junge Frau, die emsig beschäftigt war, immer noch Nüsse und Aepsel und Backwerk aller Art an dem kleinen Tannenbäumchen zu be- jestigen, während ihre dunklen Augen in innigen Blicken denen des Mannes begegneten.
In diesem Augenblicke fegte der Sturm um das allein und freistehende Häuschen und ließ es in seinen Fugen er- krachen; knisternd schlugen die Schneeflocken, vom Winde gejagt, gegen die Fensterscheiben, und die Gluth im eisernen Lsen zischte sprühend auf.
„Ein grauliches Wetter, Hanna, höre nur, wie der Sturm -feist und die Telegraphendrähte singen."
„Just das rechte Weihnachtswetter, Franz. Nur Du dauerst mich, daß Du noch hinaus mußt, dafür ist es nachher um so gemüthiicher hier, gelt?"
„Dienst, Schatz, ich weiß es nicht besser. Wenn ich denke, wie es früher war, ehe Du für meine Behaglichkeit sorgtest, und ehe klein Hans seine Aermchen verlangend nach nur ausstreckle, möchte ich um den Preis dieser Bewill- fommnunß noch in schlechteres Wetter hinauseilen. Gelt," fuhr er fort, ausstehend und seinen Arm nm ihre Taille Icg<nb, „hier drinnen ists doch gut — wenn man sich üib hat?"


