Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image

Nr. 134 Freitag den 13. Juni 1890

Der -Kiener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Nnmltienvtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Kichener Anzeiger

General-Unzeiger.

vierteljähriger AVonnementspretsr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Schutstraße Ar.7« Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblutt füv den Uveis Gieren.

Gratisbeilage: Gießener Iamitienbtätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

A8e Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum ein­jährig freiwilligen Militärdienst im Herbst 1890 betreffend.

Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Herbst 1890 stattsind enden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgefordert, ihre deßfallsigen Gesuche um Zulassung bei Meldung des Ausschlusses von dieser Prüfung

spätestens bis zum 1. August 1890

bei der unterzeichneten Commission einzureichen.

Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Spe- ciellen das Folgende bemerkt:

1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Priisungs - Com- Mission nur dann anzubringen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthalts- ort hat.

2. Die Zulassung zur Prüsung kann nicht vor vollendetem

17. Lebensjahr erfolgen.

3. Das Gesuch muh von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adreffe angegeben wird.

4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizusügen:

a. Geburtszeugniß;

b. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen und muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein- ,

c. ein Unbescholtenheitszeugniß, welches von der Poüzer- Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde aus­zustellen ist-

d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.

5. In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei sremden Sprachen (von Französisch, Englisch, Lateinisch und Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.

6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prü­fung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheitszeugniß beizulegen.

Ueber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, gibt die Prüfungs-Ordnung (Anlage 2 zur Wehr-Ordnung vom 22. Novbr. 1888 Regierungs-Blatt Nr. 5 von 1889) Ausschluß. ____________________

Bezüglich des Prüfungstermins, sowie des Locals, in welchem die Prüfung stattsindet, erfolgt ev. weitere Bekannt­machung- auf specielle Ladung kann nicht gerechnet werden.

Darmstadt, den 7. Juni 1890.

Großh. Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.

Der Vorsitzende:

Dr. Zeller.

politische Uebersicht.

Gießen, 12. Juni.

Der ebenso herzliche wie auszeichnende Empfang, welcher dem italienischen Thronfolger am deutschen Kaiserhose zu Theil geworden ist, hat in Italien einen freudigen Widerhall gefunden und die Blätter aller Parteirichtungen sprechen sich überaus befriedigt über die glänzende Aufnahme des Prinzen von Neapel in Deutschland aus. Der Kaiserliche Hof er­schöpft sich aber auch förmlich in Aufmerksamkeiten gegen den erlauchten italienischen Gast, wie das ungemein reichhaltige Programm der Festlichkeiten zu Ehren desselben beweist, nur erscheint es noch ungewiß, ob das Festprogramm wegen des wieder unsicher gewordenen Wetters in allen seinen Theilen wird durchgeführt werden können.

Die Erwartung, daß in den Arbeiten des Reichstags­plenums nach Ablauf der Pfingstpause ein beschleunigtes Tempo eingeschlagen werden würde, scheint sich vorerst noch nicht erfüllen zu wollen. Denn obwohl der Reichstag in seiner am Montag abgehaltenen ersten Sitzung nach den Pfingstferien die Specialberathung des Nachtragsetats für Ostafrika recht gut hätte erledigen können, ist dies doch nicht geschehen und wird also noch eine zweite Sitzung zu diesem Zwecke erforderlich sein. Die Dienstagssitzung aber wurde vollständig durch die Berathung der vom Abgeordneten Richter eingebrachten Interpellation über die Fortdauer der Paßpflicht in Elsaß-Lothringen ausgefüllt.

Von den Reichstags-Commissionen hat diejenige für die Vorberathung des Entwurfes über die Gewerbegerichte ihre Arbeiten beendigt und den Centrumsabgeordneten Bachem zum Berichterstatter im Plenum bestellt. In den Berathungen der Militärcommission ist nach Erledigung der langen General­debatte einstweilen eine Pause eingetreten, dagegen steckt die Arbeiterschutz-Commission noch tief in ihrer ersten Berathung der Vorlage. Auf die langwierigen Verhandlungen über die Bestimmungen hinsichtlich der Sonntagsruhe sind nunmehr die Debatten über die Paragraphen, welche von den jugend­lichen Arbeitern handeln, gefolgt, und haben sie namentlich bei der Frage der Arbeitsbücher einen sehr lebhaften Charakter angenommen.

Der preußische Landtag wird an diesem Freitag geschlossen und Herrenhaus wie Abgeordnetenhaus sind daher in den ZaSMBi»l^1

letzten Tagen eifrig mit der Aufarbeitung des noch vorhan­denen Berathungsmaterials beschäftigt gewesen. Das Gesetz über die Schulpflicht kann natürlich nicht mehr zur Erledigung gelangen.

In Belgien haben am Dienstag die alle zwei Jahre zu wiederholenden Erneuerungswahlen zur Deputirtenkammer stattgefunden. Soweit bekannt, ist durch diese Wahlen an den bisherigen Parteiverhältnissen in der belgischen Volksver­tretung nichts Wesentliches verändert worden, denn wenn auch die Liberalen ihren einzigen Sitz in Gent an die Clericalen verloren, so gewannen sie dafür von letzteren ein Mandat in Verviers und scheinen die Liberalen überhanpt mit einem kleinen Mandatsgewinn aus den diesmaligen Wahlen hervor­zugehen.

Die hochpolitischen Erklärungen, welche Minister Graf Kalnoky in der Montagssitzung der österreichischen Delegation über die auswärtigen Beziehungen Oesterreich-Ungarns ab­gegeben hat, sind weit über die Grenzen des Kaiserstaates hinaus mit hoher Befriedigung ausgenommen worden. Dies gilt besonders von der bestimmten Versicherung Kalnokys, daß der mitteleuropäische Dreibund unerschüttert fortbestehe und daß auch seine Ziele unverändert dieselben friedlichen seien wie bisher; ebenso erfreuen sich die offenen Darlegungen des österreichischen Staatsmannes über die Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel allgemein sympathischer Beurtheilung. Den Minister des Auswärtigen löste der Kriegsminister v. Bauer am Dienstag mit einer im Heeresausschuß der ungarischen Delegation abgegebenen politisch-militärischen Erklärung ab, aus welcher erhellt, daß auch in Oesterreich-Ungarn in den nächsten Jahren bedeutende Mehrforderungen für Heereszwecke zu erwarten sind.

Die französisch-englischen Differenzen wegen Egyptens kamen in der Dienstagssitzung der französischen Deputirten­kammer wieder einmal zur Sprache. Der Minister des Aus­wärtigen, Ribot, legte die Gründe und Bedingungen, unter denen Frankreich der Umwandlung der Schuld zugestimmt, dar, und versicherte, die englische Occupation Egyptens sei nur eine vorübergehende, die englische Regierung werde ihr Räumungsverspre-chen gewiß einlösen. Herr Ribot schloß mit der Erklärung, daß die französische Regierung ungeachtet des Wunsches, die herzlichsten Buchungen zu England zu pflegen, eine dauernde Festsetzung Englands in Egypten nicht dulden könne und darum keine Gelegenheit vorübergehen lassen werde, immer wieder auf die Räumungsfrage zurückzukommen. In England, wo man im Ernst gar nicht daran denkt, Egypten aufzugeben, dürste die sehr deutliche Mahnung des Herrn Ribot an das Räumungsversprechen nicht wenig ver- schnupfen.

Feuilleton.

Wie ich Director wurde.

Aus den Erinnerungen eines fahrenden Mimen.

Von Fritz Brentano.

(Schluß.)

Wir waren freilich Beide noch sehr jung, vielleicht war rs auch der Mangel an jeglicher Perrücke, Schminke 2CV welcher uns das Spielen der sonst so begehrten, prächtigen Rolle des alten Försters verleidet kurz, wir geriethen während der betreffenden Vertheilungs-Conferenz derart an­einander, daß die anfänglich leise geführte Unterhaltung nach und nach in eine förmliche Redeschlacht, endlich aber in hand­greifliche Feindseligkeiten ausartete, die mein College damit eröffnete, daß er den ihm zusällig zur Hand stehenden Kleister­topf nach mir schleuderte. Zum Glück für meinen Kopf traf derselbe nicht mich, sondern das ehrwürdige Haupt der komischen Alten, die, von dem klebrigen Inhalte desselben übergossen, sofort die Schleusen ihrer haarsträubenden Beredt- samkeit auszog und ein Gekreische anhub, welches sämmtliche Dorfbewohner, die sich nicht gerade aus dem Felde befanden, aus den Kampfplatz lockte.

Herr," donnerte ich meinem Partner zu,ich hebe unsere Geschäftsverbindung aus und trete von der Direction zurück!"

Freut mich sehr!" schrie er seinerseits, während die wüthende Alte ihre weinende Tochter am Arme nahm und aus dem Saale schleppte, wobei sie den grinsenden Bauern zurief:

Ich war drei Jahre am Hostheater in Bückeburg

engagirt! Ich habe im Leben Manches, aber noch nie einen Kleistertopf über mich ergehen lassen müssen!"

Und damit zog sie stolz ab.

Ich aber machte den Bruch vollständig, indem ich peremptorisch erklärte, daß ich sosort meine Geschästseinlage zurückziehen würde, wobei ich die That dem Worte folgen ließ und die linke Hälfte der Tapetendecoration herunter­riß, was meinen Compagnon veranlaßte, schleunigst über die rechte herzufallen, so daß binnen wenigen Minuten der ge­heiligte Rathhaussaal von B. mit Papierfetzen, Kleisterflecken und den Trümmern von Bohnenstangen bedeckt war.

* . *

Das Nächstfolgende ist mir nie recht klar geworden. Nur Eines weiß ich bestimmt, daß mein Excompagnon und ich uns draußen auf dem Felde jämmerlich gepufft und ge­knufft wiederfanden.

Die Herren Bauern hatten sich nämlich schließlich in die Sache gemischt, da sie ein gewisses Interesse an der­selben hatten. Natürlich, wir hatten ja schon zwei Dutzend Billets für die erste Vorstellung verkauft und im Hinblick aus die erhoffte Einnahme einigePümper" an­gelegt. Und da auch noch aus der Ferne uns unheimlich drohende Fäuste winkten, so zogen wir es vor, schleunigst Frieden zu schließen, und mit Hinterlassung unseres glänzenden Inventars, sowie unserer Damen, das Weite zu suchen.

Da Gott bekanntlich keinen Deutschen verläßt, so wird er auch den Letzteren geholfen haben gehört habe ich von der begeisterten Huppmillern und ihrer naiven Tochter nichts mehr.

Kellner, noch zwei Seidel!" ries mein einstiger Associö, indem er nach der Wiederauffrischung dieser Vor­

gänge bedeutsam seine Koburgerin für Kunst und Wissenschaft beliebäugelte, und sröhlich lachend tranken wir aus das Wohl allersahrenden Comödianten".

*Ich habe einen Zungen anzumelden, Herr Standes­beamte."Schön, wie heißt er?"Salmiak!" Salmiak? Das ist aber ein ganz sonderbarer Name." Ja, der ist auch auf sonderbare Weise entstanden. Wie das Kind geboren war, hat meine Schwiegermutter gesagt, Salo­mon soll es heißen, weil der ein großer, weiser König war. Meine Frau wollt haben, er soll Micha heißen, Micha wäre ein großer Prophet gewesen. Ei was, hab ich gesagt, Salo­mon war ein Narr, weil er tausend Weiber gefreit hat. Micha geht mich nichts an- ich halt es mit Moses und den Propheten. Isaak soll der Junge heißen, das war unser Stammvater. Wie wir uns nun gar nicht einigen konnten, habe ich einen Vorschlag zum Besseren gemacht, wobei jeder hat etwas über fünfzig Procent Nachlassen müssen- daraus ist Salmiak geworden."

*Sie reisen also auch nach Oberammergau? Wann hat eigentlich das Passionsspiel begonnen?"Das weiß ich nicht genau. Mein Passionsspiel beginnt immer vierzehn Tage früher als das Oberammergauer, nämlich mit;ber Fertigstellung der Reisetoilette meiner Frau."

* Wohlmotivirte Frömmigkeit. An Bord amerikanischer Dampfschiffe so erzählt dieTägl. Rdsch." wird alle Sonntagmorgen Gottesdienst gehalten. Die Matrosen werden dazu ausgesordert und finden sich regelmäßig ein. Ein an­wesender Herr fragt einen alten Seebären:Sind Sie ge­zwungen, dem Gottesdienste beizuwohnen?"Nicht gerade gezwungen," erwiderte Jack,nur würden wir unseren G r o g z verlieren, wenn wir nicht erschienen."