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Herr Forth!" rief ich,Sie haben soeben etwas fallen lassen."

Er nickte mir dankend zu und verließ den Saal, nach­dem er das Büchlein aufgehoben und eilends zu sich ae- steckt hatte.

Meine Vermuthungen erwiesen sich als richtig- nach einem Monat entließen wir ihn mit unseren besten Wünschen - er war völlig geheilt. Allein er war viel zu schüchtern und schämig, als daß er mir irgend welche Mittheilungen über sein Leid hätte machen mögen. Vielleicht hatte er auch nicht die rechte Stunde gefunden, denn ich war damals gerade, da unser Chefarzt erkrankt war, mehr denn je von schwerwiegenden Pflichten in Anspruch genommen worden.

Ein Jahr war seitdem vergangen. Ein kurzes Jahr und wie ganz anders sah es in den amerikanischen Ländern aus. Der Krieg war da! Niemand hatte an ihn geglaubt - selbst alte, weise Politiker wiesen die Idee, daß es blutiger Ernst werden könne, weit von sich. Compromiß war auf Kompromiß gefolgt, seit langen Jahren hatte man sich gemüht, den tiefen Riß zwischen dem Norden und dem Süden zu verkleistern, ein Conzessiönchen war auf das andere ge« folgt, doch zuletzt mußte doch der Appell an die Waffen erfolgen, es war zu spät, es ging nicht mehr. Das Volk des Nordens erhob sich wie ein Mann, um dieUnior^velche die Väter gestiftet, zu erhalten. Der Ton der TroMM hat einen gar magischen Klang. Sie verließen den Mbstuhl und die Dreschtenne, die Fabriken und die Schreibstuben, um die Flinte und den Säbel zur Hand zu nehmen. Ich gab meine Stelle aus und wurde Assistenzarzt bei einem Newyorker Artillerieregiment.(

Es war am Tage vor der blutigen Schlacht bei Med- ricksburg, gegen Abend. Das Wetter war so mild und lieb­lich, daß ich mich aus eine Stunde auf den Hügel hinaus- r

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1890

Mittwoch den 12. November

Rr. 264

ießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger

unb Anzeigeblatt fflr den KreU Gieren.

chratisöeikage: chießmer Aamikienökätter

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Der

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Anrtlicher Ttzdl.

Gießen, am 8. November 1890. Betr.: Den Schutz der Telegraphenleitungen.

Die

Großh. Kreis-Schulcommifsion Gießen

an die Schulvorstände de- Kreises.

Nachfolgende hohe Verfügung theilen wir Ihnen zur Kenntniß mit und ordnen hiermit an, daß die Lehrer den Schulkindern zum öfteren Belehrung und Verwarnung in dem Sinn der hohen Verfügung zu Theil werden lassen-

Abschrift von dieser Verfügung wollen Sie auch zu den Schulacten des Lehrers geben.

v. Gagern.

Darmstadt, am 28. October 1890. Betr.: Wie vorher.

Das Großherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz

Abtheilung für Schulangelegenheiten

an die Großh. KreiS-Schulcommisfionen.

Nach Mitthellung der Kaiserlichen Ober - Postdirection Darmstadt ist es wiederholt vorgekommen, daß noch schul­pflichtige Knaben die Isolatoren der Telegraphenleitungen (Porzellandoppelglocken) durch Steinwürfe muthwillig zertrüm­mert und dadurch die Leitungen ihres Jsolationsmittels beraubt haben.

Andererseits sind mehrfach schulpflichtige Knaben dabei betroffen worden, daß sie sich bemühten Papierdrachen rc-, welche sich in den Telegraphenleitungen verfangen hatten, durch lange Stangen aus den Leitungen auszulösen, hierbei aber die Leitungsdrähte derart ineinander verwirrten, daß der Telegraphenbetrieb längere Zeit unterbrochen wurde, weil an den Berührungsstellen der einzelnen Leitungsdrähte Strom­übertragungen stattfanden.

In den meisten Fällen ist es zwar gelungen, die Thäter zu ermitteln und sofern sie das zur Erkennung der Strafthat erforderliche Alter erreicht hatten, ihre Bestrafung durch die Staatsanwaltschaft herbeizusühren, andererseits mußte aber in vielen Fällen wegen Minderjährigkeit der Thäter von der Strafverfolgung Abstand genommen werden.

Dem an die betreffenden Schulvorstände gerichteten Er­suchen, die jugendlichen Thäter verwarnen bezw. disciplinarisch bestrafen zu lassen, ist nur in vereinzelten Fällen stattgegeben worden.

Da sich der beregte Unfug fortdauernd wiederholt, so sehen wir uns im Interesse des öffentlichen Telegraphenverkehrs

und zur Begegnung der immer weiter greifenden Unzuträglich­keiten veranlaßt, die Schulvorstände durch Sie auffordern zu lassen, daß sie unter Hinweisung auf die §§ 317 und 318 des Reichsftrafgesetzbuchs durch öffentliche Verwarnung in den Schulen rc. die Schüler von der Gefährlichkeit der Telegraphen­leitungen zurückhalten und gegebenen Falls durch Disciplinar- strafen dem Unfuge thunlichst zu steuern suchen.

Dabei sprechen wir noch besonders die Erwartung aus, daß die Schulvorstände den ihnen von Seiten der Post- und Telegraphenbehörden zugehenden Ersuchen Folge geben oder im Anstandsfalle diesen Behörden ihre Bedenken mittheilen werden, v. Knorr.

Achenbach.

Gießen, den 8. November 1890. Betr.: Wie vorher.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an da- Großh. Polizeiamt Gießen, die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreise- al- Ort-polizeibehörden und die Großh.

Gendarmerie de- Kreises.

Unter Bezugnahme auf die oben abgedruckte Ministerial- Verfügung und die in Nr. 274 des Gießener Anzeigers von 1881 publicirte Bekanntmachung beauftragen wir Sie, das Polizeiaussichtspersonal wiederholt anzuweisen, sich die Ueber- wachung der Telegraphenleitungen ganz besonders angelegen sein zu lassen und jede muthwillige und fahrlässige Beschädigung derselben, wie überhaupt jede Zuwiderhandlung gegen die §§ 317 und 318 des Reichsstrafgesetzbuchs behufs deren Be­strafung zur Anzeige zu bringen.

v. Gagern.

Lehrer-Conferenz

des Conferenz - Bezirks Grün berg:

Mittwoch den 19. November, Vormittags 10 Uhr, in Grünberg. Lieder: 21. 152.

Gießen, den 11. November 1890.

Büchner, Schulrath.

Uebekficht.

Gießen, 11. November.

Die zu Mailand stattgefundene erstmalige Begegnung zwischen dem neuen Kanzler des Deutschen Reiches und dem leitenden Staatsmann Italiens ist am Sonntag zu Ende ge­gangen und kehrte Herr v. Caprivi alsdann direct nach Ber­lin zurück. Ihm ist während der ganzen Zeit seines Auf­enthaltes aus italienischem Boden seitens der Bevölkerung eine

überaus sympathische Begrüßung zu Theil geworden und daß gerade die als so franzosenfreundlich verschrieene Einwohner­schaft der lombardischen Hauptstadt dem deutschen Reichskanzler eine so warme, ja begeisterte Aufnahme bereitete, kann nur mit Genugthuung erfüllen. Der persönliche Verkehr aber der Herren v. Caprivi und Crispi mit einander trug den denkbar herzlichsten Character und ist es für die angeknüpften freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staatsmännern gewiß bezeichnend, daß Caprivi noch auf der Heimreise, in Como, eine sehr herzliche Begrüßungsdepesche des italienischen Ministerpräsidenten erhielt. Ueber die Ergebnisse und Bedeu­tung der Mailänder Ministerbegegnung dürste bereits die be­vorstehende Banketrede Crispis in Palermo einigen Aufschluß bringen. Mit besonderer Auszeichnung ist 'Herr v. Caprivi von König Humbert in Monza behandelt worden Und die Verleihung des italienischen Annunciatenordens an den deut­schen Reichskanzler, welcher hierdurch zumVetter des Königs" wird, darf als ein Act von hervorragender politischer Bedeu­tung betrachtet werden. In Italien selbst hat die Mailänder Zusammenkunft bis weit in die Reihen der Opposition hinein den günstigsten Eindruck gemacht. Vicotera z. B., einer der Oppositionsführer, äußerte zu Salerno vor seinen Wählern, die italienische Regierung müsse die getroffenen Vereinbarun­gen streng beobachten, was fast einer Billigung der auswär­tigen Politik Crispis seitens dieses Oppositionsführers gleich­kommt.

Es bestätigt sich, daß in den Besprechungen zwischen Caprivi und Crispi auch das zollpolitische Verhältniß Deutsch­lands zu Italien zur Erörterung gelangt ist und stehen hier­von gewisse gegenseitige Zollerleichterungen zu erwarten.

Alle Mittheilungen über die Ergebnisse der kürzlich im Reichsamte des Innern zu Berlin stattgefundenen Vor­besprechungen in Sachen der handelspolitischen Annäherung Oesterreichs an Deutschland werden jetzt vomHamb. Corresp." als größtentheils unbegründet bezeichnet. Das Resultat jener Erörterungen könne zur Zeit nicht der öffentlichen Discussion unterstellt werden, falls man nicht deutsche Interessen erheb­lich schädigen wolle.

Die in einigen österreichischen wie ungarischen Blättern verzeichneten Gerüchte von einem angeblichen Plötzlichen Un­wohlsein des Kaisers Franz Josef werden von zuständiger Seite als völlig unbegründet bezeichnet. Der Kaiser erfreue sich vielmehr des besten Wohlbefindens.

Graf Kalnoky, der Leiter der auswärtigen Politik Oester­reich-Ungarns, ist am Sonntag von Paris, wo er vier Tage im strengsten Jncognito weilte, wieder abgereist- über das weitere Reiseziel Kalnokys weiß man noch nichts Näheres.

Die Gerüchte, denen zufolge die Stellung des General­gouverneurs von Warschau, General Gurko, ernstlich erschüttert sein sollte, werden in unterrichteten Petersburger Kreisen be-

Fenilleton.

Nr. 586.

Sctzze von Ernst Otto Hopp.

(Nachdruck verboten.)

In dem großen Staarsirrenhause zu Utika in dem Staate Newyork war ein neuer Kranker eingeliefert worden. Der Inhaber der Nr. 586 war gestorben und so erhielt der eben Angekommene, wie es dort üblich ist, die vacante Nummer. Er war durchaus nicht friedfertig, sondern in den ersten Wochen einer der bösartigsten Irren, der schrecklichen Tob- suchtsansällen anheimftel und mehr wie einmal seine Wärter mit ungewöhnlicher Kraft angriff, sich aus dem Fenster zu stürzen versuchte und allerlei lebensgefährliche Versuche an­stellte, so daß er eine Gnmmizelle erhielt und streng bewacht werden mußte.

Ich war als Assistenzarzt an der Anstalt thätig und da der Kranke Lehrer gewesen war und deutsch sprach, interessirte ich mich für ihn. Die Wuthansälle wurden immer schwächer und hörten endlich ganz auf. Es waren neun Monate ver­gangen und Walter Forth so hieß er sah seiner Genesung entgegen.

Er war an sechs Fuß lang, baumstark und blondhaarig. Ich sehe ihn noch vor mir stehen mit seinen wasserblauen Augen und seinem langen, träumerischen Gesichte. Als ganz unschädlicher Kranker genoß er viele Freiheiten. Er spielte gerne auf dem Pianino, das im Betsaale der Anstalt stand, und horchte den Klängen der alten Hymnen, wenn der Geist­liche am Sonntage kam und sich an das Instrument setzte. Bevor die Kranken in den Saal einmarschirten, pflegte der Pfarrer, der ein großer Musikliebhaber war, etwas zu phan-

tasiren. Das war Walter Forsts beste Stunde- er lauscht? den schlichten Weisen mit einer rührenden Andacht.

Eines Sonntags traf ich ihn so, wie er ans die Musik horchte. Die Fenster waren geöffnet, denn es war ein köst­licher Frühlingstag- der Duft der blühenden Gesträuche aus den Gärten drang in den Saal, der Himmel war blau und die Vögel zwitscherten im Hellen, warmen Sonnenschein. Da die Betkapelle ziemlich hoch lag, so hatte man eine herrliche Aussicht weit über das grün prangende Land. Der Kranke hatte sich an die Eisenstäbe des Gitters geklammert und sog den frischen Odem der blühenden Gotteswelt mit sichtlichem Behagen ein. Dann, wie die Klänge aus dem Flügel eben verhallten, liefen einige große Thräuen seine Wangen herab.

Ich stieß den Geistlichen leise an und wies aus die Nr. 586. Es war ein gar zu rührender Anblick. In seinen Blicken lag es wie ein großer tiefer Jammer, aber auch wie eine unendliche Herzenssehnsucht.

Wie steht es mit ihm?" flüsterte der Pfarrer mir zu.

Ich denke, er ist gerettet," erwiderte ich,er kann in drei bis vier Wochen die Anstalt verlassen."

Es scheint ihn ein großer schwerer Kummer zu bedrücken, aber mitgetheilt hat er sich wohl Ihnen gegenüber noch nicht?"

Nein er ist schweigsam und verschlossen- aber ich glaube, die Stunde wird kommen. Seine Wahnvorstellungen sind stufenweise milder geworden, vielleicht wird eine milde Melancholie noch lange bleiben, aber auch die kann schwinden, sobald er in das thätige Leben zurückgekehrt sein wird."

Er hatte jetzt doch bemerkt, daß wir zusammen flüsterten und uns vielleicht mit ihm beschäftigten. Er drehte sich hastig, wie ein junges Mädchen erröthend, um- bei dieser plötzlichen Bewegung fiel ihm ein Büchlein aus der Brusttasche.