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12/10/1890 Erstes Blatt
 
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LooesLss rrnd provinzielles«

Gießen, 10. October.

a-w. Theater. Nach der wohlgelungenen Sonntags- Vorstellung derbeiden Reichenmüller", die namentlich dem trefflichen Spiele des Herrn Directors Reiners zufolge stürmischen Beifall fanden, folgte DienstagLamm und Löwe" und gestern dieBelials-Tochter" von Rudolf Kneisel mit dem ZunamenPreislustspiel". Menschen mit minder harm­loser Gemüthsart pflegen Preistragödien und-Comödien das­selbe wohlwollende Mißtrauen entgegenzubringen, wie etwa preisgekrönten Badeschönheiten. Auch in unserem Falle wäre ein solches nicht ganz unangebracht gewesen. Kneisel hat v seinem Preislustspiel feiner eigentlichen Domäne, der heiteren Posse, mit der er groß ist, schnöde den Rücken gewandt und quält sich ab, ein Lustspiel mit ernster Tendenz und eben­solchem Dialog zu schaffen, indem er sich a la Ibsen be­müht, die Berechtigung voller warmer Lebensfrende nach­zuweisen. Aber dazu reicht es bei Kneisel nicht und was bei dem nordischen Tragöden tief und geistreich ist, das sieht hier oft verwünscht hausbacken und alltäglich aus und vermag nicht zu interessiren. Sonderbarer Weise kommt auch nicht einmal nebenher des Dichters komisches Talent zur Geltung, sondern was komisch zu werden verspricht, das gestaltet sich rasch zur Burleske und Carrieatur. So sind fast alle Charactere höchst unwahrscheinlich uud nicht weniger die Situationen, in denen sie sich begegnen- dazu vermissen wir eine flotte und anregende Handlung, denn, ach, der sozusagen philosophische Dialog läßtsinnlos waltend" nichts dergleichen zu Stande kommen. Die ganze Geschichte ist eigentlich mit dem dritten Acte aus, und einer einzigen Verlobung wegen, der zu Liebe eigentlich ein moderner Lustspielschreiber gar nicht erst ansangen sollte und deren unausweichlichem Ein­treten schon seit zwei Acten ängstlich entgegengesehen wird, sind Act 4 und 5 noch angeflickt. Die Aufführung da­gegen verdient alles Lob. In ihrer an sich ja schon recht dankbaren Rolle (Clara Wallfried) bewegte sich Fräulein Elisabeth Bischofs mit einer zu Herzen sprechenden Einfachheit und überzeugender Wahrheit- ihr gewandtes natür­liches Spiel bekundete ebensowohl ein hübsches schauspielerisches Talent, wie ein fleißiges und verständnißvolles Studium ihrer Partie. Daß Herr und Frau Jaskowski, die wir als alte, sehr willkommene Bekannte wieder begrüßen, ihre Rollen (von Kostau, bezw. Dorothea von Bernack) mit bestem Ge­lingen dnrchführen würden, waren wir von vornherein über­zeugt. Als Theologe Weiland ließ sich Herr Richard le Goullon verleiten, zu ausgiebig jenen pastoralen Ton anzuschlagen, den man in der gestern beliebten Stärke ent­weder gar nicht oder von unverbesserlichen Muckern schlimmster Sorte erwartet. In Weiland aber steckt ein gesundes Naturell, das der falschen Gleißnerei abhold ist, und das sich von Anfang an schon gelegentlich verrathen muß. Während Herr Goullon sogar in seinen Liebesscenen nicht völlig von der salbungsvollen Manier loszukommen vermochte, hätte er umgekehrt schon in den frommen Augenblicken seines Daseins im ersten und zweiten Acte seine wahre Natur durchschimmern lassen müssen, wie es Herrn Jaskowski trefflich gelang. Uebrigens war indessen die Darstellung des Herrn Goullon recht hübsch. An Herrn Fritz sch le rs Spiel haben wir die manchmal störende Uebertreibung auszusetzen. Die wenig dankbare Rolle des Gallapfel konnte nur die famose Dar­stellung des Herrn Reiners retten. Ausdrücklich wollen wir hervorheben, daß die Direction eine große Anzahl neuer, wirklich schöner Conlissen, Decorationen und Costüme hat Herstellen lassen. Wir erinnern uns nicht, in Gießen seit Jahren eine so hübsche Ausstattung der Bühne gewahrt zu haben, wie dieses Mal, und wissen der opsersreudigen Direction aufrichtigen Dank, daß sie nunmehr auch nach dieser Seite alle billigen Ansprüche befriedigt hat.

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Nr. 237.

Samstag den 11. Oktober

1890

Der Lietzener Knzeigrr erscheint täglich, mit Ausnahme dcS MonlagS.

Die Gießener -«mtkienStäller »erden dem Anzeiger »Lchentlich dreimal bdfldegt.

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'.olgenden Tag erscheinenden Nummer bis Lorm. w Uhr. j MaNSVeNkge. Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgehn.

AmtLicher Lhril.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf­schlags von Fünf vom Hundert, pro Monat September für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen:

Hafer 16.30, Heu Jt 6 30, Stroh v4. 4.70.

Gießen, am 9. Octvber 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung, die Nachsuchung der Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst auf Grund von Schulzeugnissen betreffend. Diejenigen jungen Leute, welche yuf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst nachsuchen wollen, werden hierdurch aus die nachfolgen­den, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvoll­ständige Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden-

1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs- Commission nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen gestel­lungspflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufenthaltsort hat.

2) Die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst darf nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem der sich Meldende das 20. Lebensjahr vollendet.

Der Nachweis der Berechtigung zum ein­jährigen Dienst ist bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. April desselben Jahres zu erbringen-

3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actensormat (nicht Briefpapier) zu verwenden- Auch erscheint es zweck­dienlich, wenn die nähere Adresse angegeben wird.

4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:

a) Geburtszeugniß;

b) ein Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Eiklärung über Bereit­willigkeit den Freiwilligen während einer ein­jährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrig­keitlich zu bescheinigen;

c) ein Unbescholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Real­gymnasien, Ober-Realschulen, Progymnasien, Real­schulen, Realprogymnasien, höheren Bürgerschulen und den sonstigen militärberechtigten Lehranstalten) durch den Director der Lehranstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit ober ihre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist;

d) das Schulzeugniß.

Sodann wird noch besonders bemerkt:

Zu pos. b: daß in dem Einwilligungs-Attest die Unter­schrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein muß. Zu pos. d: daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezeugniffe für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugnisse für die Prima der Gymnasien, Realgymnasien und Ober-Realschulen, sämmtlich nach dem Schema 18 zur Wehr-Ordnung vom 22. November 1888 Reg.-Bl. Nr. 5 von 1889 ausgestellt sein müssen.

Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der §§ 88, 89, 90, 93 und 94 der angeführten Wehr-Ordnung verwiesen.

Großh. Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige zu Darmstadt.

Der Vorsitzende: Dr. Zeller.

Hauptversammlung

des landwirthsch. Verein- von Oberhrffen.

Die diesjährige ordentliche Hauptversammlung des land- wirthschastlichen Vereins von Oberhessen soll am Montag den 20. Oktober d. I., des Vormittags 11 Uhr, in Steins Garten zu Gießen abgehalten werden.

Gegenstände der Verhandlungen werden sein:

1) Die Frage der Organisation des Viehversicherungswesens (vergl. die in Nr. 9, 10, 11, 12 und 13 der landw. Zeitschrift d. I. abgedruckten Gutachten).

2) Die Fragen wegen Maßregeln zum Schutz gegen Verlust durch Perlsucht beim Rindvieh, sowie wegen Einführung von Schlachthäusern und Erlasses von Schlachthaus­ordnungen.

3) Die Gründung von Viehzuchtvereinen und Genossen­schaften-

Der Unterzeichnete ladet die Vereinsmitglieder sowohl wie alle Freunde der Landwirthschast zu dieser Versammlung hier­mit ergebenst ein.

Laub ach, am 28. September 1890.

Der Präsident des landwirthschaftlichen Vereins Oberhessen. Friedrich Gras zu Solms Laubach.

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Netteste Nachrichten.

Wolffs telegraphijches Eorrespondenz-Bureau.

Berlin, 9. October. S e. Majestät der Kais er ist heule Nachmittag 2 Uhr 25 Min. hier eingetroffen, begleitet von dem Reichskanzler v. Caprivi und mehreren höheren Offizieren, welche Allerhöchstdemselben bis Cummersdorf, woselbst Se. Majestät den Schießübungen beigewohnt hatte, entgegengefahren waren. Se. Majestät der Kaiser fuhr als­bald nach dem hiesigen Königlichen Schlosse.

Berlin, 9. October. Die d eutsch - ostafrikanis ch e Gesellschaft hat am 17. v. M. einen Beamten nach Witu gesandt, um von dem dortigen Vertreter der Witu-Gesellschast den Besitzstand der Witu-Gesellschast zu übernehmen. Dieser Besitzstand besteht in 25 Quadratmeilen Landes, welche seiner Zeit von der Witu-Gesellschast durch Herrn Denhardt von dem Sultan von Witu erworben sind und an die Witu-Ge­sellschaft mit allen Rechten inclusive Hoheitsrechten übergeben wurden. Die Witu-Gesellschaft hat nunmehr ihre Rechte der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft abgetreten, welche die von der Witu-Gesellschaft in Lamu errichtete Agentur ebenfalls übernommen hat.

Kiel, 9. October. Nach einem der hiesigen astronomischen Centralstelle zugegangenen Telegramm ist auf der Lick-Stern- warte in Californien am 6. September ein schwacher Komet entdeckt worden.

Frankfurt a. M., 9. Oktober. Die Commission zur Vorbereitung der Wahl eines neuen Bürgermeisters beschloß einstimmig, den Oberbürgermeister Adikes aus Altona als Bürgermeister von Frankfurt in Vorschlag zu bringen.

München, 9. October. Der russische Staatsrath, Pro­fessor der Kinderheilkunde Dr. Alfred Vogel, welcher früher Docent an der Universität Dorpat war, ist hier ge­storben.

Wien, 9. October. An dem heute in Schönbrunn ftattgehabten Hosdiner nahmen der Kaiser Franz Joses, der König von Sachsen, die anwesenden Erzherzöge, Prinz Leopold von Bayern, der Obersthofmeister Prinz Hohenlohe, der Minister des Aeußeru Graf Kalnoky, der Ministerpräsident Graf Taaffe, der Kriegsminister Baron Bauer, Admiral Sterneck, der commandirende General FZM. Baron Schönfeld und die Gesandten von Bayern und Sachsen theil.

Wien, 9. October. Kaiser Franz'Joses stattete heute dem König van Griechenland im Hotel einen nahezu einstündigeu Besuch ab. Der König hatte zum Empfang des Kaisers die Uniform seines österreichischen Regiments mit dem Bande des Stephansordens angelegt.

Bern, 9. October. Der Ständerath hat nach drei­tägiger Debatte mit 22 gegen 17 Stimmen die Maßnahmen des Bundesraths, betr. die Intervention im Tessin, gutgeheißen und den Bundesrath zu den weiter uöthigeu Vor­kehrungen ermächtigt.

Paris, 9. October. Die Deputirten Millevoye und Gauthier werden bei dem Zusammentritt der Kammer ein Gesetz beantragen betreffs Verschärfung der Strafen für Spiona ge, insbesondere wollen sie die Todesstrafe ein- gesührt wissen für Spione französischer Nationalität, die öffentliche Aemter bekleiden oder ehemals Offiziere oder Unter- osfiziere waren.

London, 9. October. Auf Anordnung des Ackerbau« Ministers ist die Vieh ein fuhr aus Holland von gestern Nacht an verboten, mit der Maaßgabe, daß die bereits aus See befindlichen Consiguationen zugelassen werden sollen, wenn dieselben seuchenfrei sind. Die Verordnung bezieht sich hauptsächlich aus Schafe und Kälber, auch ist die Einfuhr von Milchkühen untersagt. Das Verbot soll durch den Aus­bruch der Maul- und Klauenseuche in Holland veranlaßt sein.

Nizza, 9. October. Jtatienische Soldaten errich­teten während der Manöver im Thale Viniadio eine Schutz- hütte an einer Stelle, welche der französische Generalstab als nicht mehr zu Italien gehörig ansieht. In Folge von Unter­handlungen wurde die Schutzhütte abgetragen. Zur Grenz­bestimmung wurden von beiden Negierungen Delegirte dorthin abgesandt.

Konstantinopel, 9. October. Nach derAgence de Kon- stantinople" wird nunmehr als feststehend angesehen, daß die Reise des Großfürsten-Thronsolgers hierher und zwar wegen der im Orient herrschenden Cholera unterbleibt.

Algier, 9. Ociober. Der Gouverneur Firman gab zu Ehren des englischen Geschwaders ein Diner und toastete auf die Königin von England. Der englische General- consnl toastete aus die französische Republik.