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Samstag den 12. Juli
1890.
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
Mimitterrvtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Vierteljähriger AVonnernentspreisi 2 Mart 20 Pfg. mit Bcingerlohn.
Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schutgraße Nr.Tl.
Fernsprecher 51.
Amts- mrd Anzeigeblatt für den Nreis Gieren.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für dm 'olgmden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.
Graiisöeikage: Gießener AamikienötäLLer
Anrtlichev Theil.
Statut, die Benutzung der Gemeinde - Biehwaage zu Ober-Besfiugen betreffend.
Mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 2. Juli l. I. zu Nr. M. I. 15,754 und unter Zustimmung des Kreisausschusses des Kreises Gießen wird wegen Benutzung der Gemeinde-Biehwaage zu Ober- Bessingen bestimmt:
§ 1.
Alle zur Verwiegung gebrachten Gegenstände muffen durch einen verpflichteten Wiegmeister gewogen werden. Außer dem Wiegmeister oder deffen Stellvertreter hat Niemand das Recht auf der Waage zu wiegen.
§ 2. i
Der Wiegmeister oder deffen Stellvertreter haben der ihnen zugehenden Aufforderung zum Wiegen alsbaldige Folge zu leisten.
Die Aufforderung hat von den Betheiligten (Käufer oder Verkäufer) direct an den Wiegmeister zu geschehen. Wenn der Wiegmeister der Aufforderung nicht entspricht, so ist sich an die Großh. Bürgermeisterei zu wenden, die denselben zum Wiegen anhalten und nöthigenfalls Großh. Kreisamt Anzeige erstatten wird.
§ 3. '
Der Wiegmeister oder dessen Stellvertreter haben über die von ihnen besorgten Geschäfte ein Tagebuch zu führen, in welchem unter fortlaufenden Ordnungs-Nummern anzugeben sind:
a) der Ort des Wieggeschästs,
b) der Name des Verkäufers und Käufers,
c) Datum der Verwiegung,
d) Art der gewogenen Gegenstände,
e) das Gewicht der einzelnen Gegenstände, f) der Betrag der erhobenen Wieggebühren.
§ 4-
Der Wiegmeister hat dem Käufer oder Verkäufer einen dem Eintrag ins Tagebuch gleichlautenden Wiegschein auszustellen , aus dem sowohl das Gesammtgewicht der einzelnen verwogenen Gegenstände, als auch der erhobene Gebührenbetrag zu ersehen ist.
Gebührentarif.
§ 5.
An Wieggebühren sollen erhoben werden:
A. Von Ortseinwohnern:
1) Von jedem Stück Vieh oder Gegenstand bis zu 100 Kilo.......10 H,
2) Von jedem Stück Vieh oder Gegenstand
über 100 Kilo aufwärts.....20 „
B. Von Ortsfremden:
1) Von jedem Stück Vieh oder Gegenstand bis zu 100 Kilo.......15 „
2) Von jedem Stück Vieh oder Gegenstand über WO Kilo aufwärts.....30 „
§ 6.
Sogleich nach stattgesundener Wiegung sind die vorbemerkten Wieggebühren ohne besondere Vergütung an den Wiegmeister oder deffen Stellvertreter auszubezahlen.
Dieselben erhalten für ihre Bemühungen entsprechende Vergütung aus der Gememdekafse.
§ 7.
Am Schluffe jeden Halbjahres und zwar Ende September und Ende März hat dec Wiegmeister im Tagebuch sowohl das Gewicht der gewogenen Gegenstände, als auch den erhobenen Gebührenbettag zu summiren, das Tagebuch abzuschließen und dem Ortsvorstande zur Einsicht vorzulegen. Der Bürgermeister fertigt aus dem vorgelegten Tagebuch eine Einnahme-Anweisung in runder Summe, deren Richtigkeit durch den Ortsvorstand zu bescheinigen ist, worauf die erhobenen Wieggebühren dem Gemeinde-Einnehmer in Einnahme decretirt und von dem Wiegmeister ausbezahlt werden.
§ 8.
Der Wiegmeister und dessen Stellvertreter werden von dem Ortsvorstand aus Widerruf ernannt und von dem Kreisamt verpflichtet und unterliegen als Gemeindebeamten den für solche geltenden Disciplinarvorschriften-
Gießen, den 8. Juli 1880.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Unter dem Rindvieh des Straßenwartes Jacob Mülle r zu Bettenhausen ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Sperre des Gehöfts ist von uns angeordnet worden.
Gießen, am 9. Juli 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Juli. Die beginnende sommerliche Stille in der inneren Politik macht es wohl erklärlich, daß die Gerüchte über anderweitige bevorstehende Veränderungen im preußischen Ministerium sich mit einer gewissen Breite behaupten. Nachdem zunächst die Erörterungen über das Verbleiben oder Nichtverbteiben des Kriegsministers v. Verdy auf seinem Posten wieder verstummt sind, tauchen dafür allerhand Meldungen auf, welche den demnächstigen Rücktritt des Unterrichtsministers Dr. v. Goß ler und des Eisenbahnministers v. Maybach als mehr oder weniger wahrscheinlich hinstellen. Anderseits freilich fehlt es aber auch nicht an Versicherungen, wonach weder Herr v. Goßler noch Herr v. Maybach sich mit Rücktrittsgedanken tragen sollen und wonach speeiell die Stellung des gegenwärtigen Unterrichtsministers keinen Augenblick erschüttert gewesen sei. Es wird sich wohl nach der Rückkehr des Kaisers von seinen Sommerreisen bald Herausstellen, ob die Meldungen von weiteren Ministerveränderungen in Preußen begründet waren oder nicht. — Die ziemlich lebhaften Erörterungen in der Tagespresse über die Candidatenfrage bei der bevorstehenden Reichstagswahl im Wahlkreise Kaiserslautern-Kirchheimbolanden, soweit es sich hierbei um die nationalliberale Partei handelte, sind durch die erfolgte Aufstellung des Gutsbesitzers Brunck-Kirchheimbolanden als nationalliberaler Can- didat vorläufig wieder gegenstandslos, geworden. In der zu Langmeil stattgefundenen betreffenden Versammlung der nationalliberalen Vertrauensmänner war auch die angeregte Candidatur des Fürsten Bismarck in Kaiserslautern-Kirchheimbolanden zur Sprache gekommen, doch legten der Vorsitzende, Anwalt Gros, wie Reichstagsabgeordneter Dr. Buhl die Gründe dar, die gegen eine Aufstellung der Candidatur Bismarcks sprächen, und es erfolgte hierauf einstimmig die Pro- elamirung der Candidatur Bruncks.
Berlin, 10. Juli. In der Ersten Beilage zur heutigen Nummer des „Deutschen Reichs- und Königlich Preußischen Staats-Anzeigers" wird das Abkommen Deutschlands und Großbritanniens über verschiedene die Colonialinteressen betreffende Fragen in deutscher und englischer Sprache veröffentlicht.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondenz-Bnreau.
Wiesbaden, 10. Juli. Der Erbprinz von Sachsen- Meiningen ist vollkommen wiederhergestellt und setzte seine Abreise von hier auf Samstag Nachmittag fest.
Leipzig, 10. Juli. Im heute vom Reichsgericht verhandelten Hochverrathsprozeß gegen Reinhold und deffen Ehefrau, Behr und Wagenknecht wurde wegen Aufforderung zur Ermordung des Kaisers, Vorbereitung einer gewaltsamen Aenderung des Deutschen Reiches und Beleidigung des Kaisers Frau Reinhold zu sechs Jahren Zuchthaus und sechs Jahren Ehrverlust verurtheilt- die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen.
Lauterberg i. H., 10. Juli. Der Reichseommissar W i ß- m a n n leidet seit einigen Tagen an asthmatischen Beschwerden und hütet das Bett. Gravenreuth ist zum Besuche hier eingetroffen.
Wien, 10. Juli. Die „Wiener Zeitung" dementirt die Meldung von der bevorstehenden Einberufung des niederösterreichischen Landtags behufs Beschlußfassung über die Gesetzvorlagen wegen der Vereinigung Wiens mit den Vororten, weil die Frage sich noch im Stadium der Vor- berathung befinde.
Pest, 10. Juli. Das Amtsblatt veröffentlicht ein Verbot der Einfuhr von Hadern wegen der in Egypten herrschenden Blättern-Epidemie.
London, 10. Juli. Heute früh wurden weitere hundert Briefträger entlassen. Fünfzig Beamte des östlichen und sechzig des nördlichen Distriets legten, ebenfalls heute früh, die Arbeit nieder. Die Postverwaltung drohte jedem Beamten Entlassung an, welcher den Gehorsam verweigern oder Angestellte an der Fortsetzung ihrer Thätigkeit zu verhindern suchen würde. 200 Briefträger demoustrirten durch
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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen. W——■■■—H eine Prozession von Islington nach der City und setzten, durch 150 Beamte des Westbezirks verstärkt, ihren Marsch nach den westlichen Stadttheilen durch Oxfordstreet fort, um aus dem Wege die übrigen Beamten zum Anschluß zu überreden. — Heute Abend veranstalteten die strikenden Briefträger verschiedene Umzüge, es kam dabei kein Zwischenfall vor.
Eide, 10. Juli. Die „Hohenzollern", welche die deutsche Flotte heute früh um 8 Uhr in Bergen verließ, ist Abends 6 Uhr mit dem Kaiser an Bord hier eingetroffen.
Madrid, 10. Juli. In einer gestern abgehaltenen Versammlung der Führer der Liberalen erklärte Sagasta, die Liberalen würden fortsahren, die Monarchie und die Freiheit zu unterstützen und sich nicht mit anderen Parteien vereinigen. Bei den Wahlen seien sie verpflichtet, ihre Rechte zu ver- theidigen.
— Die earlistischen Journale veröffentlichen ein Manifest der Carlistenpartei, welches ein Uebergewicht der Kirche in der Regierung, dem Staate, der Erziehung und der Familie empfiehlt und Spanien räth, diese Prineipien zu erhalten und die unendlich glücklicheren Zeiten vergangener Jahrhunderte wieder herzustellen.
Konstantinopel, 10. Juli. Der ehemalige Gouverneur von Kreta, Schakir Pascha, ist zum Mitglied der großen Militäreommission des Palastes ernannt und derselbe kehrt bis auf Weiteres nicht'' nach Kreta zurück. Statt seiner ist der bisherige Militär - Commandant von Kreta, Djevket Pascha, mit den Functionen des Generalgouverneurs der Insel betraut.
CocoUs ttttv prwirtiielte».
Gießen, 11. Juli.
— Die Festrede des Rectors. Unser Versprechen, ausführlicher über die Rede des Herrn Prof. Dr. Adolf Philippi zu referiren, können wir insofern nur halb lösen, als es unmöglich erscheint, ein auch nur einigermaßen ähnliches Bild der bis ins geringste Detail hochinteressanten und an geistreichen Pointen aller Art überreichen Darstellung zu liefern. Was wir bieten, können nur die allergröbsten Umrisse sein. Wie schon mitgetheilt, beschäftigte sich Herr Prof. Philippi mit der Frage, woher es wohl komme, daß die Philologie heutzutage in weiteren Kreisen einer gewissen Geringschätzung ausgesetzt sei. Zunächst wandte sich der Redner gegen die Pädagogik, insoweit sie als eine besondere Diseiplin Existenzberechtigung beansprucht. . Beanlagte Menschen fänden als Lehrer von selber die richtigen Wege; wenn sie vielleicht auch beim Suchen und Versuchen Zeit verlören, so erhalte ihr Unterricht eine um so größere Unmittelbarkeit und Originalität. Bei Unbegabten sei die Schablone eines angelernten Einszweidrei ein zweifelhaftes Surrogat für die eigene Thätigkeit. Die schlechten Lehrer müsse es auch geben, bei ihnen erhole man sich vielleicht, wenn man sich bei den guten anstrengen müsse. In Bezug auf die Philologie selber sei es nicht zu leugnen, daß sie ihren Gipfelpunkt bereits überschritten habe. Die großen Männer seien alle tobt und der nervöse Hinweis aus die durch das Jnschriftenwesen geschaffenen, angeblich unbebauten Felder, und die reinlichere Methode, nicht minder aber die ewigen Betrachtungen über den Umfang der Philologie bestätigten nur die Richtigkeit der behaupteten Thatsache. Die Inschriften feien Gegenstand eines unberechtigten Cultus der Begeisterung geworden. Es scheine, als ob das, was der Schooß der Erde verborgen gehalten, eben deßwegen in den Augen Mancher eine gewissermaßen magische Kraft besitze. Gleichwohl sei durch Inschriften heute die Gesammtanschauung nirgend geändert worden und höchstens die oder jene Detailkenntniß ermöglicht worden. Hier zeige sich eine Freude an der Sammlung von Rohmaterial und keine Spur von Neigung zu geistiger Verarbeitung. Ebenso stehe es mit der rein mechanischen Thätigkeit der Hand schri ften eo l lati o n en, die schließlich auch jeder gebildete Handarbeiter verrichten könne. Und doch verehre man die Besitzer von Collationen, wie Leute, die den Himmelsschlüssel besäßen, namentlich so lange ihre Collation — noch unedirt sei. Die Archäologie könne, obwohl sie gesellschaftsfähig geworden sei, auch nicht für die Philologie gewinnen. Sie beschränke sich auf den kleinen Kreis der Reisestipendiaten, vornehmlich deshalb, weil auch hier nur Filigranarbeit getrieben werde und die eigens zu diesem Zwecke erfundene Kunstsprache jedem Nichtarchäolvgen unverständlich sei. Aller wahren Wissenschaft letztes Ziel aber bestehe in der Verarbeitung der wissenschaftlichen Resultate in einer jedem Gebildeten verständlichen Darstellung. Auch die gerade in der Philologie unanständige Polemik habe die philologischen Studien disereditirt. Schuld an dem häß-


