1890
Mittwoch den 12. Februar
Nr/ 36.
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.
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Gießener Anzeiger
Generat-Mnzeiger.
Amtlicher Tbeil.
Bekanntmachung.
In Berichtigung unserer Bekanntmachung vom 3. gebt, d. I. — Anzeiger Nr. 31 — bringen wir zur öffentlichen Kenntniß, daß
1) an Stelle des Stadtverordneten Herrn Professor Thaer Herr Rechtsanwalt Curtman zum Wahlvorsteher für den zweiten Wahlbezirk der Stadt Gießen,
2) an Stelle des Herrn Stadtverordneten Rendant Grüneberg Herr Stadtverordneter Kaufmann Richard Scheel zum Wahlvorsteher und Herr Kaufmann Louis Plank zum Stellvertreter des Wahlvorstehers für den fünften Wahlbezirk der Stadt Gießen,
3) an Stelle des verlebten Großh. Beigeordneten Atzbach das Gemeinderathsmitglied Herr GeorgSchmandtll. zu Hausen zum Stellvertreter des Wahlvorstehers der Gemeinde Hausen
ernannt worden ist.
Gießen, am 11. Februar 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, am 11. Februar 1890. Betr.: Die Reichstagswahlen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grvßh. Bürgermeistereien Gießen und Hausen.
Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie, soweit dieselbe Ihre Gemeinden betrifft, aLSbald ortsüblich veröffentlichen lasten und wie geschehen anzeigen.
v. Gagern.
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Deutsches Reich.
Darmstadt, 10. Februar". Heber den Aufenthalt des Großherzogs in Rom wird noch gemeldet, daß derselbe nebst der Prinzessin Alix am Nachmittag des 2. Februar bei prächtigstem Wetter im offenen Wagen eine Spazierfahrt nach dem Monte Pineio und der Billa Borghese machte. Bei der Rückkehr in die Stadt stattete der Großherzog dem deutschen Botschafter Grafen zu Solms-Sonnenwalde und dem englischen Botschafter Lord Dufferin Besuche ab. Am folgenden Tage, Montag den 3. Februar, besuchten der Großherzog und die
Feuilletsn.
Der Collega des Herrn Ziadtmufikus.
Humoreske von Carl Cassau.
(Schluß.)
Und der arme Lebrecht weinte wie ein Kind, als er den Fremden auf die Kammer führte, wo zwei saubere Betten standen.
Der Fremde stieß die Fenster aus, daß der Helle Mondschein mit den Düsten der Julinacht zugleich hereinströmte.
„Ich kann nicht schlafen!" jammerte Lebrecht.
„Ich auch nicht!" brummte Ole Bull. Er dachte an feine Kasette, aber sie war erst geleert und der Inhalt heimwärts geschickt/ Aber man konnte ja hier ein Concert geben! Mein, das dauerte zu lange. Doch halt, Mister Cavendish, der verrückte Engländer, sollte helfen.
Während nun Lebrecht sich an die eine Seite des unter den Fenstern stehenden Tisches setzte, nahm Ole Bull an der andern Platz, und der arme Junge erzählte dem Fremden sein ganzes Liebesleid und jener zog ein wunderliches Gesicht ; offenbar war sein Geist weit, weit weg. Dann sprang er plötzlich auf und rief:
„Wo haben wir Licht, Feder, Tinte und Papier?"
Lebrecht schaffte das Geforderte herbei.
„Wollt Ihr noch schreiben?"
//Ja!"
„Nun, so schreibt. Aber Ihr seid sicher doch etwas anderes als Ihr scheint!" meinte Lebrecht noch. — „®ute Nacht, will doch versuchen, ob ich nicht den Gram verschlafen kann."
„Gute Nacht! Wenn Ihr Euren Gram noch verschlafen könnt, junger Mann, so ists noch nicht zum Aergsten! Echter Gram frißt Tag und Nacht am Herzen!"
„Kennt Ihr den?"
„O ja, ich denke."
Prinzessin Alix die Kirche Santa Maria maggiore, die Peters- kirche, den Batican und das Colosseum.
— Bei der Zweiten Kammer ist ein Antrag des Abg. Schröder eingebracht worden, welcher die erweiterte Unterstützung von Gemeinden bei Schulhaus - bauten zum Gegenstände hat. Für eine solche Unterstützung wurden bisher im Staatshaushaltsetat für je eine Finanzperiode (3 Jahre) 120,000 Mk. (wenn wir nicht irren, gegen früher 100,000 Mk.) ausgeworfen, die auch von den Ständen stets anstandslos bewilligt wurden. Auf das Jahr kommen demnach im Ganzen nur 40,000 Mk., das macht für den einzelnen Kreis nur 2200 Mk. und in 3 Jahren 6600 Mk. In den letzten 10 Jahren wurde zwar in erwähnter Beziehung viel gebaut, allein das Bedürfniß ist noch groß und für mehrere Finanzperioden zurückgeblieben, namentlich hinsichtlich einer Anzahl kleinerer und ärmerer Gemeinden. Eine entsprechende Erhöhung der hierfür im Budget vorgesehenen Summe wäre daher am Platze. Um nun gewisse Anhaltspunkte für die Höhe des hier bestehenden Bedürfnisses zu gewinnen, ist es nothwendig, daß die Kreisschulcommissionen nach Anhörung der betr. Gemeindevorstände die nöthigen Erhebungen veranstalten, um den Ständen eine bezügliche Vorlage machen zu können. Demgemäß wird beantragt: 1) Die Kammer möge die Großh. Regierung ersuchen, Erhebungen über die nothwendige Zahl der in den nächsten Jahren zu erbauenden Schulhäuser, über die Höhe der hierfür erforderlichen Geldmittel und über die finanzielle Lage der betreffenden Gemeinden zu veranlassen, 2) auf Grund dessen eine höhere Summe als die zuletzt dafür eingestellten 120,000 Mk. für die Finanzperiode in dem neuen Staatshaushaltsvoran- schlag zur Unterstützung von Gemeinden bei Schulhausbauten einstellen zu wollen.
Darmstadt, 9. Februar. Der Wortlaut der von dem Abgeordneten Reinhart an die Regierung gerichteten Interpellation über dieMißstände in den WohnungsVerhältnissen der Arbeiterbevölkerung, namentlich in den Städten mit ausgedehnter gewerblicher Thätigkeit, ist folgender: „Mit der raschen Entwickelung von Industrie und Gewerben in den Jndustriebezirken des Großherzogthums hat die Entwickelung der Wohnungsverhältnisse für die arbeitenden Bevölkerungsklassen nicht gleichen Schritt gehalten. Eine nicht kleine Anzahl von Arbeitern und Arbeiterfamilien ist gezwungen, wenn sie überhaupt unterkommen will, erbärmliche, ungesunde, eines Menschen unwürdige Wohnungen zu beziehen. Die auf dem Lande wohnenden Arbeiter sind, wenn die bewohnten Räume theilweise auch klein sind, wessentlich besser daran, als die Arbeiter in den Städten. Seit dem Erlaß
—■Wett’ —1^—
,,So habt Ihr auch einmal geliebt?"
„Geliebt? O ja, ich habe geliebt- es war eine kurze, selige Zeit!"
„O, dann versteht Ihr mich!"
„Ja, ich verstehe Euch!"
„Ich laufe morgen davon."
„Thut es nicht. Vaters und Mutters Worten soll man gehorchen! Beim Ungehorsam kommt nichts Gutes heraus, kommt heraus Unglück, nichts als Unglück."
Er schwieg, aber feine Feder flog wie der Blitz über das Notenpapier, bis es von oben bis unten voll war, er löschte das Licht und lehnte aufathmend zum Fenster hinaus. Lebrecht schlief fest, draußen und im Haufe war alles still. Es war eine köstliche Nacht. — Leise öffnete der Meister den Ebenholzkasten, nahm wie kosend eine seine, alte dunkle Geige heraus und suhr mit dem Bogen leise über die Saiten. Es war, als ob die Nachtigall in Blüthenbäumen ihr Liebeslied finge und Lebrecht war beim ersten Ton erwacht, hielt sich aber ganz still und leise. Und der Bogen flog immer feuriger über die Saiten, immer voller und singender ward der Ton, immer schwindelnder die Läufe, die Passagen, die Octavgänge immer mehr durchsetzt mit Staccatos und Piccatos, immer volltönender und vielstimmiger das Ganze: schwermüthig hörte man das Wasser rauschen, dann kicherten die Kobolde auf dem Felsen, als Margareth die Hände flehend faltete; und o, wie betete sie innig und herzlich! Dann ein krasser Ton — ein Rauschen und Murmeln, ein Sprudeln — sie war hinunter, der Trollhätta hatte sein Opfer verschlungen. Und der Geiger zog nun einsam durch die Lande, jagte dem Ruhme nach und sand — keine Befriedigung.
Herr Kilian Zingst war eben erwacht. War es ihm nicht, als höre er ein wundervolles Geigenspiel, wie er es gar nicht für möglich gehalten? Er sprang aus dem Bette, so daß Frau Livia ihn tadelte und meinte:
„'S ist nichts, alter Narr! Wirst Dir noch einen Schnupfen am offenen Fenster holen."
btr neuen Bauordnung ist die Errichtung mißständiger neuer Wohnungen nicht mehr möglich, aber die alten Mißstände sind geblieben, deren Beseitigung eine Notwendigkeit erscheint. Gerade diese ganz kleinen, ungesunden Miethswohnungen, wie sie in den Städten noch vielfach Vorkommen, müßten einer gesetzlichen Controle unterzogen sein. Sie sind der Herd von Krankheiten und nähren mit Recht die Unzufriedenheit ihrer Bewohner, sie sind daher vorzugsweise geeignet, die sociale Gefahr zu vermehren. Es erscheint mir deshalb eine Pflicht des Staates zu fein, auf diesem Gebiete einzugreifen, um den materiell Schwächeren zu schützen, besonders gegen die Gefährdung seiner Gesundheit. In Baden hat man, gestützt auf §§ 87 a, 116 des Polizei-Straf-Gesetzbuches, § 366 Ziff. 10 des Reichs-Straf-Gesetzbuches die Verordnung vom 27. Juni 1874 erlassen, die Sicherung der öffentlichen Gesundheit und Reinlichkeit betreffend, welche fragt: § 12. Der Bezirksrath kann nach Benehmen mit dem Gemeinderath Untersuchungen der Miethswohnungen, in welchen durch ihre bauliche Beschaffenheit, durch den Mangel an Lust und Licht, durch Feuchtigkeit oder die Einwirkung von Ausdünstungen die Gesundheit der Bewohner gesährdet wird, durch den Ortsgesundheitsrath der größeren Städte oder besondere Commissionen anordnen. In die Letzteren sind jedenfalls der Bezirksarzt, dem die Gemeinde Angewiesen ist, ein Mitglied des Gemeinderaths und ein Bauverständiger zu berufen. Die Commission hat dem Bezirksrath über die Ursache der Gesundheitsgefährdung und die Mittel zur Abhilfe zu berichten. Sind die Mißstände eine Folge der Handlungen oder Unterlassungen des Eigenthümers, so wird der Bezirksrath nach Maßgabe der bestehenden polizeilichen Vorschriften bestimmen, in welcher Weise und in welchen Fristen derselbe für die Abhilfe zu sorgen hat. Wird der Auslage nicht entsprochen oder rühren Mißstände nicht von dem Eigentümer her, oder ist eine Abhilfe nicht thunlich, so kann der Bezirksrath die weitere Vermietung zu Wohnungen unterfragen. § 14. Gastwirthen und Vermietern von Schlafstellen kann das Bezirksamt vorschreiben, wieviel Personen sie äußersten Falles zur nächtlichen Beherbergung in den einzelnen Räumlichkeiten aufnehmen dürfen. — Auf Grund meiner vorstehenden Ausführungen gestatte ich mir die Frage: „Ist die Großh. Staatsregierung geneigt, im Sinne meiner Interpellation gesetzgeberisch oder auf dem Verordnungswege vorzugehen?"
Berlin, 8. Februar. Am Sonntag Abend wird Major Liebert vom Großen Generalstab seinen dreimonatlichen Urlaub nach Ostafrika antreten, um in Unterstützung von Major Wißmann die Action gegen die Araber des Sudans beginnen zu können. Zugleich mit Major Siebert werden
Ja, es war Alles still und Herr Kilian legte sich wieder schlafen.
Aber ein Anderer hatte um so viel besser gehört- an der Gartenhecke tauchte ein Plaid, Mr. Cavendish auf; er hatte andächtig zugehört. Kaum erblickte ihn der Künstler, so rief er:
„Pst, Mister Cavendish!"
Der Engländer war in drei Sprüngen unter dem Fenster.
„Was wünschen Sie, Mister Ole Bull?"
„Pst, leise! Suchen Sie eine Leiter!"
„Eine Leiter? 0 yes!“
Er war schnell mit einer solchen bei der Hand und erschien nun am offenen Fenster.
„Was wollen Sie?"
„Sie wollten ein Autograph?"
„Well! For tausend Pfund!"
„Haben Sie das Geld bei sich?"
„Yes! Gutes Papier!"
„So gebt, hier ist das Autograph!"
Der Engländer zog kaltblütig seine Brieftasche und legte den abgezählten Pack Banknoten in des Künstlers Hand. So ward der sonderbare Handel abgeschlossen, ohne daß Lebrecht recht dahinter kam, um was es sich handele.
„Nun geht," forderte Ole Bull den Enthusiasten ausi „Geht und verrathet mich nicht!"
„No, no, ick werde mir zeigen dankbar! Börs haben fertig die Kutsch und Sie können morgen früh weiterfahren !"
„Ist das wahr?"
„0 yes, ick haben noch nie gelugt."
„So sagt Börs —"
Das Andere ging dem horchenden Lebrecht wieder verloren.
Darauf verschwand der Engländer, das Fenster toarl* geschloffen.


