Nr. 132
Mittwoch den 11. Juni
1890
Der
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Deutsches Reich.
Darmstadt, 9. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog werden nächsten Mittwoch von Friedberg hierher kommen und im Großherzoglichen Schlosse absteigen, um Audienzen zu ertheilen, sowie Vorträge entgegenzunehmen.
2lu»lattO.
Eydtkuhnen. 8. Juni. Der Kronprinz von Italien tras Nachmittags um 5 Uhr 50 Min. mittelst eines russischen Separatzugs hier ein. Aus dem Perron war eine Ehrenwache vom Füsilierregiment Graf v. Roon (Ostpreußisches Nr. 33) ausgestellt. Nach Entgegennahme der Meldungen der zum Empfange befohlenen höheren Militärs und höheren Civilbeamten nahm der Kronprinz den Rapport entgegen und schritt unter den Klängen der italienischen Nationalhymne die Front ab. Hierauf fand Vorbeimarsch der Ehrencompagnie in Sectionen statt. Nach einem Aufenthalt von 36 Minuten erfolgte nm 6 Uhr 26 Min. die Weiterreise nach Berlin mittelst Sonderzuges.
Prag, 8. Juni. Der Arbeiteragitator Franz Jaek wurde heute wegen Verbreitung aufreizender Druckschriften verhaftet und dem Strafgericht übergeben.
Rom, 8. Juni. Der König hat heute das Decret unterzeichnet, durch welches das Entlassungsgesuch des Unterstaats- secretärs im Ministerium des Innern, Fortis, genehmigt wird.
Queenstown, 8. Juni. Der hier eingetroffene Dampfer der Anchor-Linie, „City of.Rom", mit 800 Passagieren an Bord, stieß heute um 4 Uhr Morgens aus den Fastnet-Felsen an der Südküste von Irland auf und erlitt am Vordertheil Schaden. Ein größeres Unglück wurde durch schnelles Umdrehen der. Maschine verhindert. Unter den Passagieren herrschte die größte Aufregung, welche durch den zur Zeit herrschenden dichten Nebel noch gesteigert wurde.
Deutscher Rerehstag.
12. Plenarsitzung. Montag, 9. Juni 1890, 1 Uhr.
Eingegangen ist ein Weißbuch über Ostafrika, Nieder- lassungsvÄ-'trag mit der Schweiz und Nachtragsetat (Gehaltsaufbesserungen).
Von dem Abg. Baumbach (dfr.) wird die von demselben eingebrachte Interpellation, betr. den Niederlassungsvertrag mit der Schweiz, zurückgezogen, da dieselbe durch den inzwischen erfolgten Abschluß des Vertrages erledigt ist.
Es folgt die zweite Berathung des Nachtragsetats (betr. die Colonialsorderungen 4,890,000 Mk. und zu Bauausführungen im Auswärtigen Amt 140,000 Mk.). Die letztere Forderung wird debattelos bewilligt. Die Commission beantragt, die Forderung von 4,500,000 Mk. zur Unterdrückung des Sclavenhandels zu bewilligen.
Abg. Goldschmidt (dfr.): Ich bin Anhänger der Colonialpolitik gewesen und habe für die früheren Colonialsorderungen gestimmt. Jetzt aber geht die Colonialpolitik über den anfänglichen Rahmen hinaus. Nur die ostafrikanische Gesellschaft hat ein gewisses Interesse an den dortigen Unternehmungen. Wir können leicht in die Lage kommen, den Besitz dieser Gesellschaft als Kroncolonie übernehmen zu müssen. Der deutschen Ehre geschieht kein Abbruch, wenn wir uns von Ostafrika zurückziehen und für den Schutz dort angesessener Deutschen in angemessener Weise sorgen. Angesichts der großen Ausgaben, die uns bevorstehen, kann ich die Verantwortlichkeit für die Folgen der Bewilligung der hier geforderten Summen nicht übernehmen und stimme gegen dieselben.
Abg. vr. Dohrn (dfr.) erklärt sich ebenfalls gegen die Bewilligung. Bisher habe die Colonialpoliük noch keinen nennenswerthen Erfolg auf unseren Exporthandel gehabt - nur die seit längerer Zeit der ostasrikanischen Küste ferngehaltenen Elfenbein-Vorräthe haben infolge ihres plötzlichen Anlangens an der Küste ein Emporschnellen der Export- und Jmportziffern zur Folge gehabt. Förderung des Verkehrs im Lande ist das einzige richtige Mittel, um die Cultur dort zu fördern. Gegenüber den Leistungen der. ostasrikanischen Gesellschaft ist die hier verlangte Summe, die allein dieser Gesellschaft zu Gute kommt, eine ganz enorme. Wenn aber selbst die Gesellschaft prosperirte, so würde man vielfach inländische landwirthschaftliche Interessen schädigen. Nicht blos Dr. Fischer allein, sondern auch zahlreiche andere Reisende haben übereinstimmend diejenigen Gegenden Ostasrikas, die für uns in Betracht kommen, als in höchstem Maße gesundheitsschädlich geschildert. Eine Garantie dafür, daß das in Ostafrika angelegte Capital eine gute Rente giebt, wird auch
Herr Major Liebert nicht übernehmen können. Für diese Vorlage ein gutes Wort einzulegen, bin ich um so weniger im Stande, als sich die Finanzlage in der letzten Zeit so wenig günstig gestaltet hat, daß man auf alle irgend entbehrlichen Ausgaben verzichten muß und deshalb stimme ich gegen die Vorlage.
Abg. Graf v. Mirbach (eons.): Die ostafrikanische Gesellschaft ist ein deutsches Unternehmen, das dort gefährdet war und des Schutzes der deutschen Negierung bedurfte. Das afrikanische Klima mag ja aus nördliche Völker eine gewisse geistige Depression hervorbringen, allein das geschieht bei anderen Völkern auch. Die Colonialpolitik sollte nicht als Parteipolitik behandelt werden- auch in meiner Fraction ist das Maß des Wohlwollens ein sehr verschiedenes- trotzdem sind wir einig, für die Vorlage zu stimmen. _ Ich wünschte wohl im Interesse unserer Landwirthschaft, daß die Frage der Colonialpolitik einige Jahre zurückgesetzt worden Wäre. Allein ich sehe ein, daß die Erwerbung eines größeren Terrains für uns nur möglich ist, wenn wir jetzt in Ostafrika vorgehen. Deutschland hat die Mission, für Kultur und Gesittung in Ostafrika einzutreten, und es ist ein Verdienst der ostasrikanischen Gesellschaft, durch den Vertrag mit dem-Sultan von Zanzibar die ostafrikanische Küste in den Machtbereich der deutschen Regierung gebracht zu haben. Major Wißmann hat die ihm ausgetragene Ausgabe prompt und muthvoll erledigt. Wir müssen uns aber bereit finden lassen, das Gewonnene festzuhalten und ist es ein großer Fehler, wenn man, wie es oft geschieht, die ostafrikanische Gesellschaft discredirt. Ich hoffe, die Forderung für Ost- afrika wird mi^ großer Mehrheit bewilligt werden.
Abg. Haußmann (Volksp.): Es ist zu bedauern, daß wir über die Verhältnisse in Ostafrika noch immer nicht im Klaren sind und noch immer nicht wissen, wie sich die Verhältnisse dort gestalten werden. Welche Mittel sind noch erforderlich? Soll der Besitz der ostasrikanischen Gesellschaft eine Kroncolonie werden oder nicht? Ich will Deutschland nicht ausschließen, seine Kultur und Gesittung in Afrika zu verbreiten. Aber man soll sich nichk einbilden, solches Unternehmen mit 4 Millionen durchsetzen zu können. Dazu sind Jahr für Jahr viele Millionen nöthig. Solche Ausgaben aber können wir jetzt, angesichts der Militärvorlagen, nicht machen. Die Ehre unseres Landes ist in Ostafrika nicht engagirt. Wäre es der Fall, so würden wir unbedenklich die Consequenzen ziehen. Aber die der Regierung zugefallene Ausgabe ist gelöst und wir müssen uns hüten, durch neue Unternehmungen die Ehre Deutschlands engagiren zu lassen. Daß die Colonialpolitik eine Forderung der nationalen Empfindung sei, können wir in Süddeutschland nicht sagen- dort besteht in den weiteren Volkskreisen . diese Empfindung nicht. Wir lehnen die Vorlage ab, weil sie uns Lasten auflegt, deren Consequenzen nicht abzusehen sind.
Staarssecretär im Auswärtigen Amt Frhr. v. Marschall: Es ist seltsam, hier die Politik der Negierung unklar und verschwommen bezeichnet zu hören in demselben Momente, wo im Auslande diese Politik als einsichtig, energisch und zielbewußt anerkannt wird. In den weiten Volkskreisen findet die Politik der Regierung Anerkennung und Beifall. (Na, na! links.) Ein festes Programm aufzustellen hält die Regierung nicht für zweckmäßig, weil es sonst leicht passiren könnte, daß wir eines Tages wieder von vorn anfangen müßten.
Abg. Dr. Bamberger (dfr.). Der Credit eines Unternehmers ist nicht von der Reclame abhängig, die man für sein Unternehmen macht und Kaufleute, die auf die Reden aus dem Parlamente und von Regierungscommifsarien etwas borgen, die gehen bankerott. Ob man Geld in Colonialunternehmungen anlegen soll, das wissen die Colonialenthusiasten am wenigsten. Am besten wissen es die Leute, die Jahr aus Jahr ein Erfahrungen in solchen Dingen sammeln. Die beste Art, sich und dem Lande zu nützen, besteht darin, Geschäfte zu machen, bei denen man Etwas gewinnt. Solche Geschäfte kann man auch in Deutschland machen und es ist ein Jrrthum der neueren Zeit, sich einzubilden, man müsse Länder besitzen und Soldaten dorthin schicken, um Geschäfte zu machen. Wenn wir die Millionen, die Kanonen und Gewehre in Afrika lassen und uns ganz von dort zurückziehen, dann werden wir immer noch ein gutes Geschäft machen und viele Millionen sparen, die sonst später noch nöthig werden dürften. Wo man das nationale Empfinden für die Colonialpolitik suchen soll, weiß ich jetzt nicht mehr, denn ich glaubte bisher, in Süddeutschland sei diese Empfindung zu Hause. Herr Haußmann hat uns heute von dort das Gegentheil versichert. Jedenfalls können solche Empfindungen auch irreführen. Begeisterung wo sie hingehört und Berechnung wo sie am Platze ist- aber nur keine Verquickung von beiden.
Die Colonialpolitik ist kein Product nationaler Begeisterung, sondern ein Ausfluchtsmittel, um für die Schranken der Zoll- polittk einen Ersatz zu bieten. Der Ruhm für die Thaten in Ostafrika gebührt vielmehr der deutschen Marine als dem Major Wißmann, der ja von seinem anfänglichen Princip der absoluten Vernichtung und Unterdrückung der Araber auch zurückgekommen ist. Mit einem bestimmten Plan nach Afrika zu gehen wäre noch thörichter, als überhaupt hinzugehen - jedenfalls geht man auf gut Glück hin. Lassen Sie es genug sein an der unerschwinglichen Militärlast in Europa und laden Sie uns nicht noch die unübersehbaren Lasten für Colonialpolitik dem Volke auf.
Abg. Scipio (natl.) tritt als Mitglied des Aufsichts- raths der Ostafrikanischen Gesellschaft für dieses Unternehmen ein und begründet die Nothwendigkeit einer Colonialpolitik. Afrika biete werthvolle und vielfach verwendbare Rohproducte für Handel und Gewerbe. Der deutsche Colonialverein zähle über 18 000 Mitglieder in ganz Deutschland und man kann deshalb nicht sagen, daß die Colonialpolitik in weiteren Kreisen der Bevölkerung nicht beliebt sei.
Hierauf vertagt sich das Haus.
Nächste Sitzung Dienstag 2 Uhr. Präsidentenwahl. Antrag Richter (Paßzwang im Elsaß), Fortsetzung der heutigen Debatte.
Schluß 41/2 Uhr.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Torrespondenz-Bureau.
Berlin, 9. Juni. Der Bundesrath beschloß, das Nationaldenkmal des Kaisers Wilhelm I. auf dem Platze der bisherigen Schloßfreiheit in Gestalt eines Reiterstandbildes zu errichten und über den Denkmalsentwurf einen engeren Wettbewerb auszuschreiben. Ferner stimmte der Bundesrath der Abschließung des Vertrags über den internationalen Eisenbahnfrachtverkehr auf Grund der Entwürfe der Berner Conferenz zu, jedoch unter Vorbehalt der Ratification.
— Der „Reichsanzeiger" meldet: Das Staatsministerium beschloß, den zu Capitularvicaren gewählten Domherren Kraus und Likowski die Ausübung bischöflicher Rechte und Verpflichtungen ohne die vorgeschriebene eidliche Verpflichtung zu gestatten.
Berlin, 9. Juni. Der Kronprinz von Italien passirte heute früh 7 Uhr 30 Min. den Centralbahnhof. Der italienische Botschafter, die Mitglieder der Botschaft und der Stadlcommandant waren anwesend. Der Aufenthalt dauerte 5 Minuten, Launay begleitete den Kronprinzen nach Potsdam.
Potsdam, 9. Juni. Der Kronprinz von Italien traf 8 Uhr 5 Min. auf dem festlich geschmückten Bahnhofe ein, wo eine Ehrenwache von den Gardejägern ausgestellt war. Der Kaiser in Garde-Ulanenuniform küßte den Kronprinzen mehrmals, hierauf folgte die herzliche Begrüßung durch die anwesenden Prinzen, Parademarsch, sodann Vorstellung des gegenseitigen Gefolges und der Spitzen der Behörden. In vierspännigem Galawagen fuhr der Kaiser mit dem Kronprinzen nach dem Stadtschloß, wo nach dem Parademarsch der Ehrenwache der Kronprinz in seine Gemächer geleitet wurde. Nach kurzer Rast fuhren der Kaiser und der Kronprinz nach dem neuen Palais, um die Kaiserin zu begrüßen. Nach Einnahme des Frühstücks stiegen Kaiser und Kronprinz zu Pferde und ritten nach dem Bornstedter Feld zur Besichtigung der Cavallerie.
Potsdam, 9. Juni. Die Kaiserin fuhr mit der Herzogin Friedrich Ferdinand, der Prinzessin Heinrich und dem Kronprinzen von Italien nach dem Bornstedter Felde, wo der Kronprinz zu Pferde stieg. Der Kaiser, umgeben von glänzender Suite, erwartete an der Spitze der 2. Garde- Cavallerie-Brigade die Herrschaften. Nach dem Abreiten der Fronten folgte die Besichtigung der Truppen, wobei der Kaiser die Evolutionen selbst mitritt. Hierauf war Feuergefecht mit dem zweiten und dritten Bataillon des ersten Garderegiments, sodann Parademarsch der Escadronscolonnen im Trabe. Der Kaiser und der Kronprinz ritten an der Spitze des 1. Garde - Ulanen - Regiments nach der Kaserne zurück, wo sie ein Lunch einnahmen.
Bremen, 9. Juni. Heute Vormittag 10 Uhr fand im Ausstellungspark die Eröffnung der Handels-Ausstellung durch den Vorsitzenden derselben, Pagenstecher, statt.
Straßburg i. E., 9. Juni. Für die nächstjährige landwirthschaftliche Ausstellung wurde Bremen bestimmt.
Paris, 9. Juni. Der „Temps" erklärt, anderweitigen Meldungen gegenüber, daß das französische Geschwader nicht nach Spezzia geht. Ebenso sei die Nachricht unrichtig^


