Nr. 83.
Freitag den 11 April
1890
»ichener Anzeiger
Keneral-Mnzeiger.
Die Gießener
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chratisbeikage: Hießener Kamilienbkätter
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politische lleberficbt
Gießen, 10. April.
Der Reichstag ist laut kaiserlicher Cabinetsordre nun» mrrhr auf den 6. Mai einberufen worden, die Meldungen, imlche von einer Einberufung des neuen Parlanlents bald imch Ostern wissen wollten, erweisen sich demnach als unzu- ter ff ent). Der Zwischenraum von etwa mehr als drei Wochen, M'lcher uns noch vom Zusammentritte des Reichstages trennt, ist jedenfalls zur Fertigstellung dieser und jener bereits angekündigten Vorlage 'enügend, so daß der Reichstag nach seiner ve: muthlich besonders feierlichen Eröffnung sofort wird an seime Geschäfte gehen kann. Obwohl sich über die Dauer her Session zur Stunde selbstverständlich noch nichts Be- slinimteS sagen läßt, so kann es doch in Anbetracht der so jpint im Frühjahr erfolgenden Einberufung des Reichstages oh höchst wahrscheinlich gelten, daß derselbe vor Ende Juli schwerlich zum Abschlüsse seiner Thätigkeit komnren wird und gehen wir also diesmal einem „politischen Sommer" in der tiinetn Politik entgegen.
Die Ernennung des Geheimraths Dr. v. Krauel zum le. ter der neuen Eolonial-Abtheilnng im Auswärtigen Amte ist nunmehr durch den „Reichsanzeiger" veröffentlicht worden. Geichzeitig giebt das genannte amtliche Organ auch die Bergung des Wirkt. Geh. Legationsraths Humbert an die E?ütze der Personalien »Abtheilung des Auswärtigen Amtes fcehannt. Mit diesen jüngsten Ernennungen dürsten die Per- somlveränderungen, welche der Rücktritt des Fürsten Bismarck $ur: Folge halte, zunächst als abgeschlossen zu betrachten sein.
In der vielerörterten Frage der Biehsperre ist ein von bexi hierbei zunächst betheiligten Kreisen gewiß nur mit höchster Ntsfriedigung begrüßter Schritt des Reichskanzlers v. Caprivi zu verzeichnen. Herr v. Caprivi genehmigte auf neuerliche Lv.regung der bayerischen Regierung die Einfuhr lebender Nhwcinc aus Oesterreich-Ungarn nach den Central-Viehhöfen von Nürnberg und München unter der Bedingung strengster thiierärztlicher Controle. sDcit dieser Vtaßregel ist die erste Aiefche in das von unserm Volke so hart empfundene System bei Viehsperre gelegt worden und darf man wohl der Ec- wartung Ausdruck verleihen, daß die vollständige Aufhebung bei leidigen Grenzsperre gegen die Vieheinfuhr nicht mehr lange auf sich warten lassen wird.
Die bestimmte Annahme, daß der Kauzlerwcchscl auf bie auswärtige Politik Deutschlands, namentlich aber auf beilicn Beziehungen zu Oesterreicb-Ungarn und Italien ohne ßiiiffluß bleiben werde, hat durch den kürzlichen Briefwechsel zimschen dem Reichskanzler v. Caprivi und Herrn Crispi, sowie duirch das an den Grafen Kalnoky gerichtete Begrüßungs- schreiben Caprivis eine neuerliche Bestätigung erfahren, lieber den Inhalt des letzteren Schreibens verlautet zwar noch nichts Siciheres, indessen ist es zweifellos, daß diese Kundgebung des neuen deutschen Reichskanzlers an den Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Oesterreich-Ungarns dem engen politischen ßr»eundschastsverhältnisse völlig entspricht, welches die beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche seit mehr als einem Jahrzehnt niiit einander verknüpft. Was aber den Briefwechsel zwischen Loprivi und dem leitenden Staatsmanne Italiens anbelangt, |o glaubt der officiöse „Capitano Fracassa" bestätigen zu ibinnen, daß in demselben die Fortdauer der Friedenspolitik unzweifelhaft ihre Bekrästigung ersahren werde und sicherlich Urin der Vorgang als ein äußerliches Zeichen deS unverminderten herzlichen Einverständnisses zwischen Deutschland uni) Italien gelten. Dieses erfreuliche politische Verhältniß wieft aber augenscheinlich mehr und mehr auch auf die gegen- jetüigen wirthschafilichen Beziehungen zwischen beiden Staaten jur.uef, wie die soeben in Berlin erfolgte Errichtung eines Richtigen deutschen BankconsortiumS zur Mitwirkung bei ilcrllienischen Finanzgeschäften bekundet und mit Recht be- üchnel die Münchener ,,Allg. Ztg." dieses Ereignis; als ein Zeichen der intimen Gestaltung der auf fester politrscher ttimnblage bc ruhenden wirthschaftlichen Beziehungen zwischen Z)«utschland und Italien.
In der österreichischen Hauptstadt haben die Dtnte- tifichciuuugcu in zahlreichen Gewerbszweigen, hauptsächlich aber dier große Ausstandsbewegung unter den Maurern, einen teilen Schatten auf die Feier des Osterfestes geworfen. An beiden Cffierfeiertagen fanden in Wien zahlreiche Arbeiterversamm- lunigen statt, von denen einige sehr stürmisch verliefen, obwohl ti zu eigentlichen Ruhestörungen nicht kam. Dagegen sanden üiiui Dienstag im Vororte 9kenlerchcnseld tumultuarische Ansammlungen strikender Maurer, denen sich Pöbelmaffen an- Wossen, statt, ebenso in der Leopoldstadt, so daß^sich die Poolizei zum Einschreiten und zur Absperrung ganzer Straßen- ziigge veranlaßt sah. Die Ansammlungen mußten schließlich
gewaltsam zerstreut werden, wobei es nicht ohne Verhaftungen abging.
Die Arbeiter-Exceffe in Rculerchenstld wiederholten sich am Dienstag Abend in größerem Umfange und begingen die Ruhestörer hierbei grobe Ausschreitungen, so daß Militär die Ruhe wieder Herstellen mußte. Im Ganzen wurden 37 Personen verhaftet, mehrere Civilisten und zehn Schutzleute erhielten Verletzungen, und sind manche derselben ernster Natur.
Deutscher Reich.
Darmstadt, 9. April. Militärdieustnachrichten. a. Niebelschütz, Major vom Husaren-Regiment von Schill (1. Schlesisches) Nr. 4, unter Entbindung von dem Eommando als Adjutant bei der Großh. (25.) Division, als Escadrons- chef,sin das Ulanen-Regiment Kaiser Alexander II. von Rußland (1/Brandenburg.) Nr. 3 versetzt,- Frhr. v. d. Goltz, Hauptmann vom Jnf.-Regt. Prinz Friedrich der Niederlande (2. Westfäl.) Nr. 15, tritt von seinem Eommando als Adjutant von der 7. Division zur Großh. Hess. (25.) Division über; Scotti, Hauptmann und Compagniechef vom 4. Großh. Jnf.-Regt. (Prinz Karl) Nr. 118, als Adjutant zur 7. Division commandirk.
Berlin, 8. April. Ihre Majestät die hochselige Kaiserin Augusta hat, wie die „Germania" mittheilt, auch das hiesige St." Hedwigs-Krankenhaus in ihrem Testament mit einem Legat von 5000 Mk. bedacht.
Berlin, 8. April. Dem Begründer des Reichs, Kaiser Wilhelm 1., ist am Ostermontag in dem benachbarten Zehlendorf ein würdiges Denkmal unter zahlreicher Betheiligung der umliegenden Orte geweiht worden. Die Staatsbehörden waren, ' dem „Dtsch. Tgbl." zufolge, durch den Regierungs-Präsidenten Grafen Hue de Grais und den Landrath des Teltower Kreises Stubenrauch vertreten. Das Denkmal besteht aus einer bronccnen Colossalbüste des Kaisers, die auf hohem Sockel von rothem Meißner Granit sich erhebt. Der mehrstnsige Unterbau wird ans schlesischen Granitquadern gebildet.
Berlin, 9. April. Der 19. Gong r eß derDeutschen Gesellschaft für Chirurgie ist heute Mittag in der Aula der Universität feierlich eröffnet worden, nachdem bereits gestern Abend im Central-Hotel eine Begrüßung stattgefunden hatte. Der Congreß ist überaus zahlreich besucht. Die deutschen Hochschulen sind vollzählig vertreten, den akademischen Lehrern haben sich namhafte deutsche und ausländische practische Aerzte und Gelehrte angeschlossen.
Berlin, 8. April. Nach einer vom „Reichsanzeiger" veröffentlichten Hofansage trägt der Hof nach Ablauf der großen Hoftrauer noch bis zum 7. October Familientrauer.
Neueste Naehvichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 9. April. Dem „Reichsanzeiger" zufolge sind die auf Grund des Socialistengesetzes erfolgten Verbote eines Flugblattes an den Handelsstand in Königsberg, der Filiale Düsseldorf des Vereins deutscher Schuhmacher mit dem Hauptsitz Nürnberg, der Flugblätter an die Wähler des Reichstagswahlkreises Hof, sowie von Württemberg, Bingen- Alzey und Mainz-Oppenheim durch die Reichscommission aufgehoben worden.
Mainz, 9. April. Der Landtagsabgeordnete Racks erklärte seinen Austritt ans dem Gentrum der zweiten hessischen Ständekammer.
Benthen, 9. April. Die Schweine-Einfuhr ans Steinbruch nach dem hiesigen Schlachthaus ist wieder frei- gegeben.
Wien, 9. April. Zwei einberufene Verfammlungen der Maurer und Bäcker wurden polizeilich verboten. — Heute Vormittag wiederholten sich die Excesse in Neulerchenfeld. Die Menge bewarf eine Branntweinschänke mit Steinen, doch erfolgten keine ernsteren Ausschreitungen. Es sind die umfassendsten Sicherheitsmaßregeln getroffen.
Wien, 9. April. Graf Wedelt binirte heute bei Kalnoky und ist Abends nach Berlin abgereist.
Paris, 9. April. Der Rath, welcher über die Epizoo t i e n (größere Viehseuchen) zu wachen hat, gab unter dem Vorsitz des Ackerbauministers bekannt, daß es gut wäre, in den Schlachthäusern von La Billette ein eigenes Gebäude für das aus den verseuchten Ländern ksmmende Vieh zu errichten und die strengsten Maßregeln gegen die Verbreitung der Seuchen zu treffen. Man könnte alsdann den Erlaß vom November 1889, wonach die Einfuhr von Vieh aus Deutschland und Oesterreich absolut verboten ist, modificiren.
Marseille, 9. April. Der gestern hier herrschende furchtbare Sturm verhinderte die Schiffe am Auslaufen. Das Dach des ValettaDheaters ist eingestürzt. In Toulon zerstörte der Sturm daS Dach des Gebäudes der Hygiene^ Ausstellung.
Loudon, 9. April. Wie das Rcuter'sche Bureau auS Ganea vom 7. ds. M. meldet, richteten die Bewohner einer Anzahl Bezirke zur Ucbermittlung an die Pforte eine gemein same Bittschrift an Schakir Pascha, in welcher sie die Amnestie für die vom Kriegsgerichte vernrtheilten Christen nachsuchen.
Madrid, 9. April. Das Festmahl zu Ehren deS Prinzen Heinrich fand gestern Abend im königlichen Palais statt. Der Prinz faß zur Rechten der Königin, der Infantin Isabella gegenüber. Außer den Hofchargen und dem Gefolge nahmen an dem Mahle Theil die Minister des Auswärtigen und der Marine, der deutsche Botschafter Stumm mit Gemahlin und das deutsche Botschaftspersonal.
Madrid, 9. April. Prinz Heinrich von Preußen verläßt heute Abend Madrid und begibt sich nach Cadix zurück, wo das deutsche Geschwader ankert.
Petersburg, 9. April. General Knropatkin vom Generalstabe ist zum Chef vou Transkaspicn und zum Com- mandirenden der Truppen daselbst ernannt an Stelle des Generals Komarow, welcher zur Verfügung des Kriegsministers gestellt wird.
Konstantinopel, 9. April. Die „Agence de Coustan tinople" erfährt: In Folge dringender Vorstellungen soll die Frage der oberherrlichen Genehmigung des zwischen dem Finanzminister und einem internationalen Cmffortium abgeschlossenen Uebereinkommens betreffs Cönvertirung der Prioritäten und Emission eines An l eh en s, welche bisher seitens des Sultans Anstand sand, einer noch maligen Prüfung unterzogen werden.
Sofia, 9. April. Die Untersuchungs-Commission in der Angelegenheit Panitza hat ihre Arbeiten beendigt. Der Bericht geht au den Kriegsminister, welcher ihn dem Staatsanwalt übersendet.
Locales und Provinzielles.
Gießen, 10. April.
— Der neuerdings in der sogen. Franzosenschanze durch unbeaussichtigte Kinder herbeigeführte Waldbrand veranlaßt uns, wiederholt darauf hinzuweisen, daß nach den bestehenden feld- und forstpolizeilichen Bestimmungen die Eltern haftbar beziehungsweise strafbar sind für die Verfehlungen ihrer Kinder, wonach es im Interesse aller Eltern liegen dürfte, ihre Kinder nicht ohne Beaufsichtigung die benachbarten Waldungen besuchen zu lassen.
— Am Dienstag unternahm der Oberhesfische Geschichtsverein seinen ersten diesjährigen Ausflug nach Nidda-Schotten- Grünberg. Der zweifelhaften Witterung halber war die Zahl der Theilnehmer nur eine geringe, doch wurden dieselben in jeder Beziehung reichlich belohnt. In Nidda und Schotten wurden unter der liebenswürdigen Führung ortskundiger Herren die Sehenswürdigkeiten besichtigt, vor Allem die Kirche in S. mit ihren reichen Schätzen. Es gelang bei vorzüglicher Beleuchtung mehrere photographische Aufnahmen zu machen, wobei die Theilnehmer die Staffage bildeten. Auch wurden durch Kauf und Schenkung interessante Gegenstände für die Sammlungen des Vereins erworben. Die letzte Strecke wurde zu Wagen zurückgelegt und, nachdem noch beim „Jägerhause" der „Kirchenstumpf" im Scheine der sinkenden Sonne ausgenommen worden, fuhr man mit Einbruch der Nacht unter den Klängen eines munteren Posthorns in Grünberg ein. Die Verpflegung war überall eine vorzügliche. Den nächsten Ausflug beabsichtigt der Verein, hoffentlich bei regerer Theit- nahme, nach Büdingen zu unternehmen.
— Im Anschluß an die Localnotiz von gestern, betr. den Turnhallenbau für den Turnverein Gießen, sei noch erwähnt, daß, nachdem eine Entscheidung zwischen den Projecten der Architecten Stein & Meyer und L. Senling nicht getroffen werden konnte, weil diese beiden Projecte dem Preisgericht- gleichwerthig erschienen, dasselbe empfahl, weitere Projecte nebst speciellen Vorcmschlägen vorzulegen. Dieselben wurden: nun dem zuerst in der gestrigen Notiz erwähnten Preisgerichte wieder zur Begutachtung unterbreitet und das Stein'sche Project erhielt den Vorzug, weil an dem Seuling'schen eine Abweichung am Dachwerk des Turnsaales — statt Ziegelbedeckung- Holzcementbedachung mit einem Aufbau für Oberlicht und Ventilation — vorgesehen war.


