Ausgabe 
10.12.1890 Erstes Blatt
 
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1890

Erstes Blatt.

Rr. 288

Kießener Anzeiger

Kenerat-MnzvHer.

Rebaction, Expeditfe» und Druckerei:

Kchutstraße Ar.r.

Fernsprecher 61.

vierteljähriger AöonnemenIrpreiO» 2 Mark 20 Pfg. mh Bringerlohn, Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener

LDamtkieuvtLIter »erden dem Anzeiger 'wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

Anzeiger erscheint täglich, ortt Ausnahme deS MontagS.

Mittwoch den 10. December

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^WmuuUVlUUU, Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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AintliclM Theil.

Bekanntmachung,

die Maul- und Klauenseuche zu Obbornhofen betreffend.

Nachdem zu Obbornhofen unter den Viehbeständen des Christoph Daniel Nuppel, Konrad Philippi II. und Heinr. Block der Ausbruch der Maul- und Klauen­seuche amtlich festgestellt worden ist, ordnen wir die Sperre über die Gemarkung Obbornhofen hierdurch an.

ES gelten hiernach für die betreffenden Besitzer die Be­stimmungen unter I. und für die Gemarkung Obbornhofen die Bestimmungen unter II. unseres Ausschreibens vom 24. Juni l. Js. Kreis blatt Nr. 146.

Für die Gemarkungen Bellersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Trais-Horloff, Utphe wird bestimmt, daß Vieh­händler Rindvieh, Schafe, Ziegen, Schweine, auch wenn es sich um Schlachtvieh handelt, nur ausführen dürfen, wenn sie im Besitz eines vorschriftsmäßigen thierärztlichen Zeugnisses sind. Die sonst giltige Bestimmung, wonach für Schlachtvieh, welches durch Händler verbracht wird, die Gesundheitsscheine durch die Bürgermeister ausgestellt werden dürfen, ist also für jene Orte aufgehoben.

Gießen, den 8. December 1890.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen v. Gagern-

Gießen, den 8. December 1890. Betr effend: Wie vorhergehend.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh Bürgermeistereien Beller-Heim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Trat--Hor­loff, Utphe.

Wir verweisen Sie auf den Schlußabsatz unserer vor­stehenden Verfügung zur Nachachtung.

v. Gagern.

Das Gr. Steuer-Commiffariat Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien de- Bezirks.

Zur Wahrung der Besitzwechsel aus dem Jahre 1890 ersuchen wir Sie um baldige Einsendung der Ortsexemplare der Brandcataster, soweit solche sich nicht etwa zur Zeit hier befinden, oder in der Kürze mit Declarationen hier zu erwarten sind. Bescheinigungen über etwa im Laufe dieses Jahres obgebrannte oder niedergelegte und nicht bis jetzt wieder auf­gebaute Gebäude müßten, falls solche Berücksichtigung finden sollen, auch baldigst hierher vorgelegt werden und zwar für jede besondere Hausnummer auf einen besonderen halben Bogen.

Gießen, 8. December 1890.

Großh. Steuer-Commiffariat Gießen. Süfsert.

Ksiftr Wilhelm über die Schulsrage.

(Schluß.)

Sehr berechtigt ist die Klage der Gymnasialdirectoren über den ungeheuren Ballast von Schülern, den sie mit­zuschleppen haben, der nie zum Examen kommt und blos die Berechtigung für den einjährigen Heeresdienst erlangen will. Nun wohl, der Sache ist einfach dadurch abzuhelfen, daß wir ein Examen einschieben, da, wo der Einjährige abgehen will, und außerdem seine Berechtigung davon abhängig machen, daß er, wenn er die Realschule besucht, das Abgangszeugniß für die Realschule nachweist. Dann werden wir es bald erleben, Laß der ganze Zug dieser Candidaten für den einjährigen Heeresdienst von den Gymnasien auf die Realschulen geht; denn, wenn sie die Realschule durchgemacht haben, dann haben sie, was sie suchen. Ich verbinde damit noch einen zweiten Punkt, den ich vorhin schon erwähnte, das ist dieser: die Verminderung des Lehrstoffes ist nur möglich durch ein­fachere Gestaltung der Examina. Nehmen wir die grammatika­lischen Prodnctionen ganz aus dem Abiturienten - Examen heraus und legen sie ein oder zwei Klassen tiefer, lassen sie da ein Examen machen, ein technisch grammatikalisches Examen, dann können Sie die jungen Leute prüfen, so scharf Sie rtioffen, dann können Sie an dieses Examen die Freiwilligen- Hrüfung knüpfen und außerdem für denjenigen, der Offizier rverden will, das Fähnrich-Examen damit verbinden, so daß Lr dasselbe nicht mehr zu machen braucht. Sobald wir die Examina in dieser Beziehung modificiren und die Gymnasien ütt dieser Weise erleichtert haben, dann wird das Moment nieder zur Geltung kommen, das in der Schule und speciell

in den Gymnasien verloren gegangen ist: die Erziehung, die Characterbildung. Das können wir jetzt beim besten Willen nicht, wo 30 Knaben in der Klasse sind und ein solches Pen­sum zu bewältigen haben, und außerdem ost junge Leute den Unterricht ertheilen, deren Character noch häufig selber aus­gebildet werden muß. Hier möchte ich das Schlagwort, das ich von dem Geheimen Rath Hinzpeter gehört habe, an­führen:Wer erziehen will, muß selbst erzogen sein." Das kann man von dem Lehrerpersonal jetzt nicht durchweg be­haupten. Um die Erziehung zu ermöglichen, müssen die Klassen in Bezug auf die Schülerzahl erleichtert werden. Das wird aus dem Wege, den ich eben beschrieben habe, ge­schehen. Dann muß davon abgegangen werden, daß der Lehrer nur dazu da ist, täglich Stunden zu geben, und daß, wenn er sein Pensum absolvirt hat, seine Arbeit beendigt ist) wenn die Schule die Jugend so lange dem Eltcrnhause ent­zieht, wie es geschieht, dann muß sie auch die Erziehung und die Verantwortung für diese übernehmen. Erziehen Sie die Jugend, dann haben wir auch andere Abiturienten. Ferner muß von dem Grundsatz abgegangen werden, daß es nur aus das Wissen ankommt und nicht aus das Leben) die jungen Leute müssen für das jetzige praktische Leben vorgebildet werden."

Ich habe mir einige Zahlen ausgeschrieben, die statistisch interessant sind. Es gibt in Preußen Gymnasien und Pro- gymnasien 308 mit 80,979 Schülern, Realgymnasien und Real-Progymnasien 172 mit 34,465 Schülern, lateinlose Ober-Realschulen und höhere Bürgerschulen 60 mit 19,893 Schülern. Es erwarben die einjährig-freiwillige Berechtigung aus den Gymnasien 68 Procent, auf den Realgymnasien 75 pCt. und auf den lateinlosen Realanstalten 38 Procent. Das Reifezeugniß bei dem Abiturientenexamen erwarben auf den Gymnasien 31 Procent, aus den Realgymnasien 12 Pro- cent und aus den Realschulen 2 Procent. Jeder Schüler der genannten Anstalten hat etwa 25,000 Schul« und Hausarbeits­stunden und ungesähr nur 657 Stunden, darunter Turn­stunden. Das ist ein Uebermaß der geistigen Arbeit, das entschieden herabgedrückt werden muß. Für den Zwölf-, Dreizehn- und Vierzehnjährigen in Quarta und Tertia be­trägt einschließlich des Turnens und Singens die wöchentliche Stundenzahl durchschnittlich 32, steigt in einzelnen Anstalten auf 35 und in der Tertia des Realgymnasiums, sage und schreibe, 37 Stunden. Nun, meine Herren, wir sind alle mehr oder minder gereift und arbeiten, was wir können, aber aus die Dauer würden wir eine solche Arbeit auch nicht aus­halten. Die statistischen Angaben über die Verbreitung der Schulkrankheiten, namentlich der Kurzsichtigkeit der Schüler, sind wahrhaft erschreckend, und für eine Anzahl von Krank­heitserscheinungen fehlt es an einer allgemeinen Statistik noch. Bedenken Sie, was uns für ein Nachwuchs für die Landes- vertheidigung erwächst. Ich suche nach Soldaten, wir wollen eine kräftige Generation haben, die auch als geistige Führer und Beamten dem Vaterlande dient. Diese Masse der Kurz­sichtigen ist meist nicht zu brauchen, denn ein Mann, der seine Augen nicht brauchen kann, wie will der nachher viel leisten? In Prima steigert sich in einzelnen Fällen die Zahl der Kurzsichtigen bis auf 74 pCt. Ich kann aus eigener Er­fahrung sagen, daß wir, trotzdem wir in Kassel ein sehr- gutes Zimmer hatten, das Lehrerconferenzzimmer mit ein­seitigem schönen Licht und guter Ventilation, die auf Wunsch meiner Mutter angebracht wurde, doch unter 21 Schülern 18 mit Brillen hatten, und zwei darunter, die mit der Brille nicht bis an die Tafel sehen konnten. Diese Sachen verur- theilen sich von selber, da muß eingeschritten werden, und deß- halb halte ich es für sehr dringend, daß die Frage der Hygiene schon in den Vorbereitungsanstalten für die Lehrer ausge­nommen werde, die Lehrer einen Cursus darin erhalten und die Bedingung daran geknüpft wird, jeder Lehrer, der gesund ist, muß turnen können, und jeden Tag soll er turnen.

Meine Herren! Das sind im Allgemeinen die Gesichts­punkte, die ich Ihnen zu entwickeln habe, Dinge, die mein Herz bewegt haben, und ich kann nur versichern: die massen­haften Zuschriften, Bitten und Wünsche, die ich von den Eltern bekommen habe, obwohl wir Väter von meinem verehrten Herrn Hinzpeter im vorigen Jahre für eine Partei erklärt wurden, die bei der Erziehung der Kinder nicht mitzureden hätten, legen mir, als allgemeinem Landesvater, die Pflicht auf, zu erklären:Es geht nicht so weiter, meine Herren, die Männer sollen nicht durch Brillen die Welt ansehen, son­dern mit eigenen Augen, und Gefallen finden an dem, was sie vor sich haben, ihrem Daterlande und seinen Einrichtungen. Dazu sollen Sie jetzt Helsen!"

Deutsches Reich.

Aus Kurhefsen, 7. December. Die Mittheilung eines demokratischen Blattes, dem zufolge der Kaiser die Errichtung einer Kriegsschule in Hersfeld vorläufig abgelehnt und Kulm hierfür in Aussicht genommen hätte, trifft zur großen Freude der Einwohner Hersselds nicht zu. Nach sofort ein­gezogenen telegraphischen Erkundigungen bei dem Reichstags­abgeordneten des Kreises, Herrn Landrath Frhr. v. Schleinitz, ist in Berlin von einer derartigen Aenderüng nichts bekannt. Ueberdies sind erst gestern Schriftstücke in Hersfeld ein­gegangen, welche bauliche Aenderungen in der Kaserne be­treffen und aus keine Aenderüng des früheren Beschlusses hindeuten. Auch Erkundigungen an zuständiger Stelle in Kassel bestätigen, daß die Kriegsschule nach Hersfeld kommt.

Arrsland.

Petersburg, 8. December. Nach derMoskauer Ztg." geht dem Reichsrathe demnächst ein Gesetzentwurf zu, wonach die Rechte des baltischen Adels und des russischen derart nivellirt werden sollen, daß ersterer keine Vorzüge mehr vor dem letzteren genießen dürfe.

Chicago, 6. December. Eine Depesche aus Pineridge berichtet, daß 31 Häuptlinge der feindlichen Indian er­st ämme gestern eine Zusammenkunst bei General Brooke gehabt haben, welcher alle Forderungen der Indianer zu­gestanden hat. Dieselben berathen jetzt über Vorschläge, nach welchen den Indianern gestattet werden soll, näher an die. Agenturen zu kommen.

Netteste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.

Berlin, 7. December. Dem Vernehmen nach ist dem Bundesrath ein Entwurf wegen Abänderung des Ge­setzes über die Besteuerung des Branntweins zu­gegangen.

Berlin, 8. December. DerReichsanzeiger" veröffent­licht eine kaiserliche Verordnung, welche das Verbot der Einfuhr von Schweinen, Schweinefleisch und Würsten dänischen, schwedischen und norwegischen Ursprungs aufhebt. Die Verordnung tritt mit dem Tage der Verkündigung in Kraft.

DerReichsanzeiger" hebt aus der Begründung des Entwurfs, betreffend die kaiserliche Schutztruppe in Ostafrika, hervor, die Umwandlung der Truppe des Reichs- commissars in eine kaiserliche sei zw einer unaufschiebbaren Nothwendigkeit geworden. Im Interesse des moralischen * Elements der Schutztruppe sei es erforderlich, die deutschen Angehörigen derselben auf gleiche Stufe mit den Angehörigen des Reichsheeres zu stellen.

Berlin, 8. December. Schulenquete. Schluß dee Samstagssitzung. Volkmann (Pforta) will nur geringe Be­schränkung des klassischen Elements concediren. Schottmüller sprach sich für Beschränkung aus. Helmholtz kennzeichnete die Anforderungen für den naturwissenschaftlichen Unterricht an den Gymnasien. Stauder gab thatsächliche Mittheilungen über die einschlägigen Verhältnisse; er hält eine Verminderung der Stundenzahl nur bei Einschränkung des altsprachlichen Unterrichts für möglich. Fortsetzung Dienstag Vormittag 10 Uhr.

Berlin, 8. December. DiePost" kann auf Grund der sichersten Informationen mittheilen, daß es bei den bisherigen Ansätzen des Militäretats sein Bewenden haben wird und keine nachträgliche Forderung zu erwarten ist.

Breslau, 8. December. DieSchlesische Zeitung" be­richtet : Der erste in Schoppinitz eingetroffene, einer Berliner Firma gehörige Transport lebender russischer Schweine enthielt unter 107 Stück 30 an Maul- und Klauenseuche erkrankte. Da russischerseits der Rücktransport verweigert wurde, erfolgte die Abschlachtung des ganzen Transports in dem öffentlichen Schlachthause zu Beuthen.

Hamburg, 8. December. Der Hauptverein des Evangelischen Bundes wird zur Wahrung der deutschen protestantischen Interessen eine Petition gegen Wieder- aufhebung des Jesuitengesetzes an den Reichstag absenden.

Hamburg, 8. December. DemHamburgischen Corre- spondenten" zufolge hätte der Kaiser einen Bericht über den Cigarrenarbeiter-Strike eingefordert. Der Vor­sitzende des Tabak-Fabrikanten-VereinS sei nach Berlin ge­reist, um die betreffenden Schriftstücke vorzulegen.

Wien, 8. December. Der Congreß der Berg­arbeiter, aus dem auch einige Reichstagsabgeordnete er­schienen waren, beschloß mehrere Resolutionen betreffs deL