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1890

Freitag den 10. Oktober

Nr. 236.

Gießener Anzeiger

General-Mzeiger.

Amts- und Anzrigeblutt für den Nveis Greben.

Redaction, Expedition und Druckerei:

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Die Gießener

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Der

-ietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Vorm. 10 Uhr.

GraÜsöeikage: Gießener Kamitienölälter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgehn. iSBssQ^aeroesRifiRRs

AMrtlichsv Th-tt.

Bekanntmachung,

das Einhalten der Tauben zur Saatzeit betreffend.

Die Besitzer von Tauben werden aufgefordert, während der Saatzeit vom 10. October bis 10. November ihre Tauben in den Schlägen einzuhalten. Uebertretungen dieser Vorschrift muffen nach Art. 79 des Feldstrafgesetzes zur Anzeige und Bestrafung gebracht werden

Gießen, den 8. October 1890.

Grobherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

Gnauth

Nebertficht.

Gießen, 9. October.

Die Hosjagden in der Steiermark, an denen sich Kaiser Wilhelm bis zuletzt eifrigst betheiligte, haben am Mittwoch mit einer Jagd am Schreibach im Eisenerzer Revier ihr Ende erreicht und noch am selben Tage ging die hohe Jagdgesell­schaft auseinander. Kaiser Wilhelm trat Nachmittags 3 Uhr von Station Radmer aus die Heimreise an, von Kaiser Franz Josef bis Klein-Reifling begleitet, woselbst sich die beiden Kaiser von einander in herzlichster Weise verabschiedeten. Das Befinden des Kaisers Wilhelm ist andauernd das denkbar günstigste.

Zu den bekannten Mittheilungcn derKöln. Ztg." über die Vorgeschichte des Erlöschens des Socialistengesetzes bringen jetzt dieHamb. Nachr." eine ergänzende Mittheilung, die zweifellos vom Fürsten Bismarck selbst herrührt und seine von den Anschauungen des Kaisers, der Bundesfürsten und der preußischen Minister abweichende Haltung erläutern soll. Hiernach hielt es Fürst Bismarck nicht für zweckmäßig, daß die verbündeten Regierungen auf die Nachricht hin, die Stimmung der Fractionen des Reichstages lasse die unverän­derte Annahme des Gesetzes nicht erwarten, ihre Vorlage durch Streichung des Ausweisnngsparagraphen verstümmelten. Wäre das geschehen, so würde der Vorwurf laut geworden sein, die Regierungen hätten in ihrer Vorlage mehr gefordert, als sie brauchten/ Der Reichskanzler rieth deshalb dazu, es auf den Beschluß des Reichstages ankommen zu lassen, und, wenn derselbe gegen die Ausweisung ausfiele, dem Gesetz auch ohne dieselbe die Zustimmung zu geben. Wäre der Verlaus so gewesen, so würden die Regierungen, wenn doch wieder eine Gesetzgebung auf diesem Gebiete nothwendig werden sollte,

nicht dem Einwande zu begegnen haben, daß sie ja 1890 sich besonnen hätten, mit der von den Nationalliberalen vorge­schlagenen abgeschwächten Fassung auskommen zu können. Diese Mittheilung erklärt jetzt allerdings so Manches, was damals hinter den Regierungscoulissen vorging!

Der Präsident des Reichsgerichtes, Dr. v. Simson, hat fein Entlassungsgesuch wieder zurückgezogen, da sein Gesund­heitszustand wieder ein besserer geworden ist, so daß also der hochverdiente Mann seinem Wirkungskreise erfreulicher Weise auch noch ferner erhalten bleiben wird.

Der Fortgang der Berathungen des Lippe'schen Landtages über das Regentschaftsgesetz läßt die Annahme desselben immer zweifelhafter erscheinen. Der von der liberalen Landtags-- Mehrheit eingebrachte Antrag, die nach der Vorlage lediglich dem Fürsten zugesprochene Befugniß, den Regenten ernennen zu dürfen, durch einen berathenden und mitbeschließenden Regentschaftsrath zu beschränken, ist vom Cabinetsminister v. Wolffgramm als für die Regierung unannehmbar erklärt worden und diese Erklärung ist nur geeignet, den sich zwischen der Lippe'schen Regierung und dem Landtage in der Regent­schaftsfrage bemerklich machenden Zwist zu verschärfen. Als bemerkenswerth ist aus der Dienstagssitzung des Detmolder Landtages zu ewähnen, daß sich der Abg. v. Lengerke gegen jede Personal-Union zwischen Lippe-Detmold und einem der benachbarten kleinen Fürstenthümer aussprach.

Die Cholera hat jetzt von Spanien aus auch dem benach­barten Frankreich einen Besuch abgestattet, indem der un­heimliche Gast in Lunel im Departement Herault erschienen ist. Zwar sind die beiden in genannter Stadt vorgekommenen und nachweislich aus Spanien emgeschleppten Cyolerafälle bis jetzt vereinzelt geblieben, aber dies entbindet die französischen Behörden nicht von der Psticht, alles Gebotene zu thun, um die Weiterverschleppung der Seuche zu verhindern, m welcher Beziehung man in Spanien so schwere Unterlassungssünden begangen hat.

In dem am Dienstag stattgesundenen französischen Minister- rathe bestätigte der Marineminister den Abschluß des Friedens­vertrages zwischen Frankreich und dem König von Dahomey. Mir der Ausführung des Vertrages durch Zurückziehung der französischen Expeditionstruppen sei bereits begonnen worden.

Die so verschiedene Arbeiterkategorien umfassende Sinke- bewegung in Australien erhält sich in dem fortdauernden Aus­stande der Bergleute noch immer aufrecht. Derselbe wirkt nun auch nachtheilig auf die südaustralischen Hüttenwerke ein, die infolge beginnenden Kohlenmangels von einem allgemeinen Stillstände bedroht sind. Viele Hüttenarbeiter mußten bereits

entlassen werden, da für sie keine genügende Beschäftigung vorhanden ist.

Die Deutschen in Nordamerika feierten am 6. October einen für sie bedeutungsvollen Erinnerungstag, denn am 6. October dieses Jahres waren zwei Jahrhunderte seit der Landung der ersten deutschen Einwanderer auf amerikanischem Boden vergangen.

Deutscher Reich.

Berlin, 8. October. Die der Stadt Berlin und mehreren anderen Städten ie Monarchie ertheilte Erlaubniß zur Ein­fuhr von lebenoen Schweinen aus den Mastanstalten Bielitz-Biala und Steinbruch ist nunmehr auch auf die Städte Gnesen, Waldenburg, Brieg, Magdeburg, Erfurt, Suhl, Münster i. W., Minben, Herford, Bielefeld, Paderborn, Kassel, Frankfurt (Main), Fulda, Düsseldorf, Elberfeld, Essen, Remscheid, München-Gladbach, Lennep, Köln, Neuwied, Koblenz, St. Johann und Saarbrücken ausgedehnt worden. Die Ein­fuhrbedingungen und der Zeitpunkt, von wann ab die Einfuhr erfolgen darf, sind den Polizeiverwaltungen der obigen Städte mitgetheilt.

Nsueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Burcr.u.

Hannover, 8. October. Die sechste allgemeine luthe­rische Conserenz wurde heute hier eröffnet. Achthundert Theilnehmer aus ganz Deutschland sind eingetroffen. Beson­ders stark sind Sachsen, die thüringischen Staaten, Württem­berg, Mecklenburg und Schleswig-Holstein vertreten. Vom Auslande sind Vertreter aus Dänemark, Norwegen und Schweden anwesend.

Posen, 8. October. DerDziennik Pozuanski" meldet: In der gestrigen Versammlung des Domkapitels Gnesen-Posen wurde beschlossen, von der Einreichung einer neuen Candidaten- liste für den erzbischöflichen Stuhl abzusehen und die Angelegenheit in die Hände des Papstes zu legen.

Hamburg, 8. October. Wie dieHamb. Corr." meldet, versammelte sich heute Nachmittag eine Anzahl von Bankiers und Kaufleuten, welche mit Argentinien in Verbindung stehen, im Verwaltungsgebäude, um mit dem Geh. Legations­rath Krauel, welcher sich auf der Reise nach seinem neuen Gesandtschaftsposten in Buenos Ayres augenblicklich hier auf­hält, ihre Ansichten über die Geschäftslage in Argentinien außzutauschen.

Lerrilletsn.

Die Miniatur.

Novellctte oon Robert M i s ch.

(Fortsetzung.)

Ihr Großvater, dessen Verzeihung die Mutter fortgesetzt erflehte, blieb unversöhnlich und ließ schließlich die Briefe seiner Tochter uneröffnet zurückgehen. Aber die Wolke, die das Leben der jungen Frau überschattete, wurde größer und größer. Der Gatte, eine zarte Künstlernatur, begann seine überreizten Nerven durch Alkoholgenuß und Morphium zu ruiniren. Durch allerlei Excentricitäten verlor er erst die glänzend bezahlten Stunden, dann seine Stellung. Eine Oper, aus deren Erfolg er seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, fiel durch. Es begann nun ein unstätes Wanderleben, bald fant) er eine feste Anstellung, bald verlor er sie wieder, ein rastloses Ringen um die Ruhmespalme, bis die überhitzte Maschine plötzlich barst und still stand: er starb eines jähen Todes.

Mit den Trümmern des Vermögens bestritt die Wittwe die Kosten der Übersiedelung nach Europa, wohin sie es zu ihrem Vater zog, und Minnies doppelte, künstlerische Ausbildung.

Seitdem der Sommer mit grünendem Finger ans Fenster pochte, von den Meisten so fröhlich begrüßt, seitdem sah sich Minnie genöthigt, was sie irgend entbehren konnte, aufs Leih­amt zu tragen, mit dem festen Vorsatz, es im Winter, wenn sie mehr Geld verdiente, wieder auszulösen. Heute wußte sich das tapfere Mädchen gar nicht mehr zu helfen. Eine große Rechnung mußte bezahlt werden- der Lieferant drängte heftig und wollte nichts mehr hergeben. Da war ihr ein kleines, alterthümliches Miniaturbild in die Hände gefallen.

Im goldenen Rähmchen ein Mann aus dem Anfang unseres Jahrhunderts. Schwarzes, nach damaliger Sitte in die Stirn gestrichenes Haar umgab den nicht schönen, aber energischen Kops mit blitzenden, blauen Augen und einem kleinen Backcn- bärtchen, das in den hohen Vatermördern fast verschwand. Die Ausführung zeigte die Hand des Meisters. Und es war auch ein Meister, der ihren Großvater auf Elfenbein gemalt hatte, einer der ersten Miniaturporträtisten seiner Zeit, dessen Initialen haarfein, kaum sichtbar in die Ecke gepinselt waren. In trüben Stunden versenkte sich die Mutter wehmüthig in das Bildchen, da das Original völlig verschollen war. Ob der alte Herr noch lebte, Niemand wußte es zu sagen. Er hatte schon seit Jahren alle Beziehungen zur Heimath gelöst, an die ihn weder Weib noch Kind, noch Verwandte und Freunde fesselten, und war einsam auf weite Reisen gegangen, Niemand wußte, wohin? Er hatte längere Zeit in^England gelebt. Später war einmal ein Brief von Indien an einen ehemaligen Freund gekommen: das war das Einzige, was seine Tochter bei ihren Nachforschungen erfuhr. Niemals würde sich diese von dem kostbaren Bildchen getrennt haben, das ihr letztes Andenken an die Jugend und die Heimath bildete. Aber es war sehr werthvoll. Der schwere dicke Nahmen bestand aus dem feinsten Dukatengold und für das Bildchen selbst würde der Kenner und Liebhaber einen hohen Preis zahlen. Doch wollte sie es nicht verkaufen, sondern nur versetzen, um es später wieder einzulösen.

So nahm sie denn heimlich das rothe Etui an sich und ging den wohlbekannten Leidensweg zum Pfandleiher. Un­barmherzig brannte die heiße Julisonne vom dunstigen Himmel herunter- das Asphaltpflaster der Berliner Straßen hauchte die dumpfe erstickende Hitze zurück. Wer doch jetzt im grünen Waldesschatten liegen und dem Zwitschern der Vögel lauschen könnte, oder dem plätschernden, rauschenden Bach, wie so viele ihrer Schülerinnen und bessergestellten Freundinnen! .... O, es war ein erbärmliches Leben, das sie führte! Der frische, kecke Jugendmuth, mit dem sie sonst allen Bitter­

nissen entgegentrat, drohte fast zu erliegen. Sie war daher ganz verwirrt und bestürzt, als ihr der Händler mittheilte, daß der Goldrahmen unächt set, und daß er ihr für das Bild nichts geben könne.

Der Rahmen unecht? Und die Mutter hatte ihr stets von dem feinen Dukatengolde gesprochen, aus dem er gefer­tigt sei. Welches dunkle Räthsel verbarg sich dahinter? Vielleicht hatte ihr Vater in einer verzweifelten Stunde den echten Rahmen durch einen nachgeahmten aus unedlem Metall ersetzen lassen. Jedenfalls wußte die Mutter nichts davon.

Verzweifelt stand sie dann vor der Hausthüre und blickte die Straße hinunter. Was nun? Sie mußte Geld Heimbringen! Plötzlich leuchteten ihr aus einem Schaufenster Waffen und kostbare alte Geräthe entgegen. Es war ein Antiquitätenladen. Sie trat näher und erblickte einige Miniaturen, ähnlich der ihren. Zweifelnd wog sie ihren Schatz in der Hand. Auf dieses Pfand nur zu leihen, dazu würde sich der Händler jedenfalls nicht herbeilassen. Und wenn sie es verkaufte, war das Bild für sie verloren. Wann könnte sie je an einen Rückkauf denken? Und die Mutter würde sehr, sehr betrübt sein über den Verlust der letzten Reliquie, die sie noch besaß. Aber das Geld, sie mußte das Geld haben! Und schnell entschlossen klinkte sie die Thür auf und betrat das dunkle Gewölbe. x

Ein kleiner, untersetzter Mann kam aus dem Hinter­gründe zwischen alten Möbeln und allerlei Gerüchen hervor und fragte sie nach ihrem Begehr. Sie hielt ihm schüchtern das Etui entgegen. Bedächtig prüfte der Mann das Bildchen, erst mit bloßem Ange, dann mit der Loupe bewaffnet.

(Schluß folgt.)

* Arzt:Soll ich Ihnen lieber Pillen oder Tropfen verschreiben?" Patient (zu seiner Gattin):Liebe Amalie, was ist Dir am angenehmsten?"