Nr. 131
Dienstag den 10. Juni
1890
Der Hießever Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Kenerat-Unzeiger.
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Amts- und Anzelgeblutt für den Areis Glsszsn.
Hrattsönkag-- Hi-ß-n-r I-mili-nttätt-r.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat Mai für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen:
Hafer JL 19.70, Heu Jfc. 5.80, Stroh JL 5.30.
Gießen, am 7. Juni 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großherzogk. Bürgermeister Christian Rein zu Allen- dorf a- d. Lda. zum Standesbeamten dieser Gemeinde ernannt und als solcher in Pflichten genommen worden ist.
Gießen, am 6. Juni 1890.
Großheczogliches Amtsgericht.
Fresenius.
politifd^e rleberficht.
Gießen, 9. Juni.
Der Kaiser, welcher vollständig wiederhergestellt ist, besichtigte in den letzten Tagen in der Begleitung des Prinzen Heinrich mehrere Garderegimenter auf dem Tempelhofer Felde bei Berlin. — Anläßlich des Besuches des Kronprinzen von Italien am deutschen Kaiserhose werden in Berlin und Potsdam größere Festlichkeiten zu Ehren des Kronprinzen stattfinden. Der Aufenthalt des Kronprinzen, dessen Ankunft in Berlin heute Nachmittag entgegengesehen wird, dürfte 4—5 Tage dauern. Darauf gedenkt der Kronprinz von Italien auch den Höfen in Dresden und München einen Besuch zu machen.
Der Reichstag setzt am heutigen Tage seine durch die Psingstferien unterbrochenen Sitzungen fort und erwartet man mit großer Spannung die Entscheidungen über die Militärvorlage und die Nachtragsetats, bezüglich der Erhöhung der Beamtengehälter, der Colonien u. s. w. Die Commissionen des Reichstages sind in den letzten Tagen bereits sehr thätig gewesen, um den Hauptberathungen des Reichstages entsprechend vorzuarbeiten. In der Berathung der Militärcommission des Reichstages, an welcher sich die Abgeordneten v. Bennigsen,
v. Huene, Windthorst, Hinze, Müller, Gras Stolberg, Richter und Orterer betheiligten, erklärte der Kriegsminister, es werde noch eine Vorlage zur besseren Heranbildung der Reserven und der weiteren Armirung eingebracht werden. Alle Wehrfähigen sollten nicht sofort ausgebildet und eingestellt werden. Es solle jetzt nur die Grundlage gelegt werden. Die jetzige Forderung sei gegenüber dem französischen Wehrgesetze sehr gering. Ueber die jährliche Feststellung der Präsenzstärke oder das Septennat könne er sich nicht bestimmt aussprechen, weil er dazu nicht ermächtigt sei. — Die Arbeiterschutzcommission des Reichstages berieth die Novelle zur Gewerbeordnung.
Die augenblicklich im Mittelpunkte des Tagesinteresses stehende Vorlage zur Verbesserung des Diensteinkommens der Beamten nnd Offiziere verlangt netto 19 924 082 Mark zu dem gedachten Zweck. Diese Summe soll durch Erhöhung der Matricularbeiträge aufgebracht werden. Für Offiziere bis zum Major einschließlich werden verlangt 4 926162 Mk., für etatsmäßige Beamte 11921263 Mark, für diätarisch beschäftigte Beamte und Unterbeamte nur 2 536 657 Mark. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Reichstag diese Vorlage sehr eingehend prüfen und vielleicht nur in veränderter Fassung annehmen wird.
In parlamentarischen Kreisen nimmt man an, daß in der letzten Sitzung des preußischen Staatsministeriums auch die Frage der Vertagung des Reichstages erörtert worden sei. Es wird geglaubt, daß nach Erledigung der wichligsten Vorlagen der Reichstag Ende Juni vertagt werden wird. Die Novelle zur Gewerbeordnung dürfte allerdings erst in der nächsten Session zur Berathung kommen, da ihre sorgfältige Durchberathung allein vier Wochen Zeit in Anspruch nehmen dürfte.
Der Kaiser von Oesterreich weilt seit dem 7. Juni in der ungarischen Königsburg in Budapest. Diese Anwesenheit des Kaisers in der ungarischen Hauptstadt hängt mit den in Budapest startfindenden Beratungen der österreichischen und ungarischen Parlamentsausschüsse zusammen, deren Präsidenten der Kaiser am Samstag empfing. Das gemeinsame österreichisch-ungarische Heeresbudget enthält eine Mehrsorder- ung für die Anschaffung rauchfreien Pulvers und die Verbesserung der Patronen.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Juni. Gegenüber der von einem hiesigen Correspondenzbureau verbreiteten falschen Nachricht, der Kaiser habe seine Reise nach Christiania aufgegeben, sind wir in der Lage, festzustellen, daß im Gegentheil der Kaiser
vor wenigen Tagen mit dem Chef des Marinecabinets die letzten Reiseanordnungen getroffen habe und zu dem festgesetzten Termine abreisen werde.
— Das Befinden des ErbprinzenvonMeiningen ist bedeutend besser.
Berlin, 7. Juni. Die „Nordd. Allg. Ztg." bezeichnet die Meldung über die beabsichtigte Versetzung Graven- reuths als Gouverneur nach Kamerun als vollständig aus der Luft gegriffen. Es sei niemals davon die Rede gewesen.
München, 7. Juni. Im Befinden des Ministers Lutz ist keine Besserung zu verzeichnen. Zeitweise treten Athmungs- beschwerden aus, welche des Nachts des Oefteren den Schlaf verscheuchen, so daß auch in der letzten Nacht Morphiumeinspritzungen zu Hilfe genommen werden mußten.
Hamburg, 7. Juni. Nach einem Telegramm der ^Hamburgischen Börsenhalle" aus Philadelphia vom 6. Juni wurde der Hamburger Dampfer „Hans und Kurt" der auf Grund gerathen war, bereits nach dem Löschplatz geholt, wo er heute löscht. Der Schaden, der sich auf etwa 25,000 Doll, beziffert, könne in eiüigen Wochen reparirt werden. Die Besatzung sei wohlbehalten.
Straßburg, 4. Juni. Gestern ist hier der 4. Verbandstag der deutschen Berufs^genossenschaften unter Vorsitz des Commerzienraths Rösike-Berlin abgehalten worden. Von Interesse war die Mittheilung des Vorsitzenden, daß Württemberg, wie dies schon von Preußen sür die technischen Hochschulen in Berlin, Hannover und Aachen geschehen, einen Lehrstuhl für Gewerbe-Hygieine zu errichten beabsichtige. Einer Anregung des Directors Wenzel-Berlin folgend beschloß die Versammlung, den Ausschuß zu beauftragen, der Durchführung einer von den Berufsgenossenschasten zu bewirkenden Lohnstatistik die Wege zu bahnen und die geeigneten Schritte zu unternehmen. Besonderen Beifall fand die Erklärung des Präsidenten des Reichs-Versicherungsamtes Dr. Bödiker, welcher die Herstellung einer Lohnstatistik als eine bahnbrechende That bezeichnete, zu welcher zwar die Berufsgenossenschasten gesetzlich nicht angehalten werden könnten, welche aber voraussichtlich den Beweis liefern würde, daß mit der fortschreitenden Entwickelung unserer Industrie die Steigerung der Löhne die der Lebensmittel übertroffen hab^ Die Versammlung beauftragte ferner ihren Ausschuß, darüber in Erörterung zu treten', wie die Errichtung von Unfallkrankenhäusern und Reconvalescentenanstalten dem allgemeinen Wunsch entgegengeführt werden können. Es wurde dann beschlossen, versuchsweise in Berlin eine Centralstelle zur Vermittelung von Beschäftigung sür invalide Arbeiter sür die Provinz Brandenburg zu
Feuilleton.
Wie ich Director wurde.
Aus den Erinnerungen eines fahrenden Mimen.
Von Fritz Brentano.
(Nachdruck verboten.)
Man spricht und liest jetzt viel von der Theatermisere. __ Krach — Pleite und wie die lieblichen Bezeichnungen eines nicht ungewöhnlichen, immer aber unerquicklichen Zustandes sonst heißen mögen, fliegen nur so in der Lust herum, wenn von irgend einer Bühne die Rede ist, und häufiger denn je begegnet man auf den Bureaus der Theateragenturen Schauspielern, welche den Rock unheimlich hoch nach oben zugeknöpft haben und Lackstiefel tragen.
Das Letztere namentlich ist höchst verdächtig.
„Oho!" höre ich den denkenden Leser ausrufen. „Lackstiesel! Solch ein Luxus! Und Sie reden von verdächtig?"
„Ja, Verehrtester," antwortete ich, „verdächtig! Für Sie allerdings mögen diese Lackstiefel eine Repräsentation des Luxus sein, für den theaterkundigen Thebaner aber, und ein solcher bin ich, sind sie das Wappen des Krachs, ein Zeichen, daß es mit dem Geldbeutel des betreffenden Mimen sehr schlecht bestellt sein muß, weil er seine Bühnen-, das heißt diejenigen Stiesel trägt, in welchen er sonst nur Grasen und Barone oder ähnliche noble Menschenkinder „vertritt".
Ich schließe aus diesem Umstande mit fast apodictischer Gewißheit, daß die Straßenstiefel des gelackten Künstlers zerrissen sind und er augenblicklich nicht die Mittel hat, sie neu besohlen zu lassen.
Und das nenne ich Theatermisere. Aber man thut Unrecht, diese Misere als eine Ausgeburt der Gegenwart zu bezeichnen. Sie machte sich zu allen Seiten breit, freilich weniger in den großen Städten, als in den kleineren, den Flecken und Dörfern des heiligen deutschen Reiches.
Sie gab sich früher vielleicht auch komischer und wurde jedenfalls sorgloser ertragen. Das fahrende Comödianten- thum war mehr in der Mode, wahrscheinlich, weil das seßhafte noch nicht so ausgebildet war und Berlin beispielsweise noch keine 15 bis 18 Theater und verwandte Etablissements hatte, von welchen allerdings einige immer an der Schwindsucht leiden und oft zu den wunderlichsten Experimenten greisen müssen, um ein kümmerliches, stets von dem Gespenst des Krachs umschwebtes Dasein zu fristen.
Fahrendes Comödiantenthum! Ach, es hatte auch seine Poesie, man mußte sie nur verstehen!
Ich spreche aus eigener Erfahrung, denn ich war, wie ich hier schüchtern eingestehen will, auch einmal ein solch fahrender Mime und gestern wurde ich lebhaft an die schöne Zeit erinnert, wo ich noch sorglos durch das Land strich, um der hehren Göttin Kunst in Scheunen und Wirthshaussälen Altäre zu bauen und den Bauern und kleinsten Kleinstädtern die unsterblichen Werke unserer todtesten und lebendigsten Dichter vorzusühren, notabene, so weit die letzteren honorarfrei waren.
Es war in Berlin bei Franz Siechen in der Behrenstraße , wo ich meinen Durst mittelst eines Seidels echt Baierischem stillte, als ich mir gegenüber einen corpulenten Herrn erblickte, der mir verdächtig, Pardon, bekannt erschien, und der offenbar der Bühne angehörte, da sein Knopfloch die Coburger Medaille für Kunst und Wissenschaft zierte.
„Der Mann muß ein Theaterdirector sein," das war mein erster Gedanke, „er hat Diana von Solange aufgesührt," mein zweiter."
Und ich irrte mich nicht. Der Fremdling war nicht nur Theaterdirector, er war sogar vor Jahren einmal mein Mitdirector, denn ich schwang damals drei Tage lang mit ihm gemeinschaftlich das Bühnenscepter, wobei wir freilich verkrachen mußten, weil er krampfhaft das obere, ich das untere Ende sesthielt und keiner loslassen wollte.
Dabei konnte die Sache allerdings nicht gehen. Unsere
Bekanntschaft war rasch erneuert* unb die Unterhaltung drehte sich vorwiegend um unsere damalige Dtrectionssührung, zu welcher wir „der Noch gehorchend, nicht dem eigenen Trieb", gekommen waren.
Unser Herr Director war nämlich wieder einmal „alle" geworden, d. h. er hatte die letzte Sonntags-Einnahme von 5 Thalern 24 Silbergroschen eingesteckt und sich mit seiner Gemahlin, der Heldenmutter, seinen drei Töchtern und zwei Söhnen unsichtbar gemacht, meinen Freund, die komische Alte, ihre naive Tochter und mich schnöde als Pfand sür unsere gemeinschaftlichen Schulden in dem nassauischen Marktflecken, wo wir 14 Tage lang gegaukelt hatten, zurücklassend.
Das war nicht schön von dem Mann; er hätte uns anstandshalber wenigstens zum gemeinschaftlichen Durchgang auffordern müssen.
Wir armen verwaisten „Kunstjünger" beschlossen nach einer etwas stürmischen Conserenz, uns selbst als „Gesellschaft fürs Dramatische" zu constituiren und das Land unsicher zu machen. Inventar war reichlich vorhanden. Der verduftete Director hatte uns 13 Rollen Tapete, 7 zerrissene Einacter, eine alte Polizeidieneruniform und einen rostigen Cavalleriesäbel für die rückständige Gage hinterlassen, außerdem besaß ich einen allerdings, etwas zweifelhaften Frack, die komische Alte von ihrem verstorbenen Gatten, dessen sich merkwürdiger Weise die ältesten Leute nicht erinnerten, ein großes kupfernes Uhrberloque und mein Freund ein Paar schwarze Glacehandschuhe, von welchen nur der rechte fehlte und der linke nur ganz wenig defect war. Das genügte.
(Fortsetzung folgt.)
* Musiker: „Nun, Herr Doctor, was sagen Sie zu meinen Compositionen?" — „Was ich dazu sage? Nun, man wird sie spielen, wenn Beethoven, Schubert, Wagner u. s. w. vergessen sind." — „Wirklich?" — „Ja, aber nicht eher!"


