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1890

Nr. 8

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Freitag den 10. Januar

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folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. tO Uhr. | __ U V \c _____________

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

Feldbereinigung in der Gemarkung Ruttershausen betreffend.

Nachdem das Großh. Kreisamt Gießen die Einleitung des Verfahrens der FeldbereinigunL und der Anlage von Wegen in den Baumstücken in der Gemarkung Ruttershausen beantragt hat, nachdem von der Grotzh. Landescommission für Feldbereinigung das beantragte Verfahren als zulässig erachtet und der Unterzeichnete als Commiffär zur Leitung der Ab­stimmung bestellt worden ist, wird Tagsahrt zur Abstimmung über den gestellten Antrag auf

Montag den 13. Januar 1890, Vormittag- von 10 biS 12 Uhr, in das Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei NutterShausen

anberaumt und zu derselben die beteiligten Grundeigenthümec unter dem Rechtsnachthell eingeladen, daß diejenigen, welche in dem Termin weder persönlich noch durch gehörig Bevoll­mächtigte abstimmen, als jür den gestellten Antrag stimmend angesehen werden.

Gießen, am 17. December 1889.

Der zur Leitung der Abstimmung bestellte Commiffär:

Rebel, Amtmann.________________

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch bekannt gegeben, daß Klagen und sonstige Erklärungen und Anträge bei unseren Gerichts­schreibereien an den Wochentagen, Vormittags zwischen 10 und 12 Uhr vorzubringen sind.

Wer einen Richter sprechen will, ohne vorgeladen zu sein, hat sich Mittwoch, Vormittags, einzufinden.

Gießen, am 2. Januar 1890.

GroßherzoglicheS Amtsgericht.

Fresenius.

politische Neverftcht.

Gießen, 9. Januar.

Die Trauerkunde von dem nach kurzem Krankenlager erfolgten Heimgange der Kaiserin-Wittwe Augusta ist im ganzen deutschen Volke mit tiefster Theilnahme ausgenommen worden und in allen seinen Ständen und Schichten empfindet man schmerzlich den herben Verlust, den das deutsche Kaiserhaus durch das Hinscheiden der greisen Fürstin erlitten hat. Mit ihr ging die erste Kaiserin des neugeeinten deutschen Reiches, die langjährige treue Lebensgefährtin des unvergeßlichen Helden- kaisers Wilhelm I. zur ewigen Ruhe ein, und in dieser ihrer bevorzugten Stellung ist es der nun Verewigten in seltenem

Maße beschieden gewesen, die Hoheit der Fürstin mit dem Edelmuth der Frau zu verbinden und auf den verschiedensten Gebieten, namentlich aber auf dem Felde der Nächstenliebe und barmherzigen Fürsorge für die Armen und Kranken, eine Thätigkeit zu entwickeln, deren Spuren noch lange, lange nicht vergehen werden. Ist der hohen Entschlafenen schon deshalb ein bleibendes Andenken im Herzen des deutschen Volkes gesichert, so werden auch die schweren Schicksalsschläge, welche Kaiserin Augusta gerade in den letzten Jahren ihres Lebens erdulden mußte, nur dazu beitragen, der ehrwürdigen Greisin ein pietätsvolles Andenken zu sichern. Hatte sie doch in dem einen schmerzenreichen Jahre 1888 das Hinscheiden eines blühenden Enkels des Prinzen Ludwig von Baden dann aber den Heimgang des großen Gatten und bald darauf des edlen Sohnes zu beklagen und zudem wurde die hohe Frau von schweren körperlichen Leiden heimgesucht, dennoch überwand sie mit seltener Standhaftigkeit alle diese Schicksalsprüjungen, bis sie nun selbst, im noch nicht vollen­deten 79. Lebensjahre, für immer aus dieser Zeitlichkeit ge­schieden ist.

Das Kaiserpaar und das großherzogliche Paar von Baden und die übrigen zur Zeit in Berlin anwesenden Mitglieder des kaiserlichen Hauses weilten seit den ersten Nachmittagsstunden -des Dienstag ununterbrochen am Sterbelager der Kaiserin Au­gusta- die hohe Kranke entschlief in der fünften Nachmittagsstunde fast ohne Todeskampf. Nach eingetretenem Tode sprach Ober- hosprediger Br. Kögel Gebet und Segen, indeß sämmtliche Anwesende niederknieeten. Abends 8 Uhr wurde im Sterbe­zimmer von Dr. Kögel ein Trauergottesdienst abgehalten, dem das Kaiserpaar und sämmtliche Mitglieder der Königs- samilie beiwohnten. Sämmtliche Berliner Theater sind ge­schlossen, die öffentlichen und private Gebäude haben Trauer- schmuck angelegt. Ueber das Leichenbegängniß u. s. w. wurden erst noch die endgültigen Bestimmungen Kaiser Wilhelms erwartet. Selbstverständlich müssen nun auch die sür^die Wintersaison am Berliner Hofe geplanten glanzenden Fest­lichkeiten ausfallen, wie denn überhaupt alle übrigen größeren Festlichkeiten in der Reichshauptstadt für die nächste Zeit nunmehr einen Aufschub erfahren. Die Kaiserin Friedrich ist mit ihren Töchtern infolge der Trauernachricht vom Ab­leben der Kaiserin Augusta Mittwoch Mittag 1 Uhr von Rom nach Berlin abgereist.

Gegenüber dem jüngsten schmerzlichen Ereignisse im Schooße unseres Kaiserhauses erscheint diesmal eine kürzere Zusammenfassung des politischen Tagesberichtes über die inner­deutschen Angelegenheiten wohl gerechtfertigt. Vor Allem verdient da Erwähnung, daß die schon längst angekündigte Vorlage, bett, die Errichtung einer Reichspvftdampferlinie nach Ostafrika, dem Reichstage endlich zugegangen ist, so daß derselbe die Vorlage bei seinem am Mittwoch erfolgten Wie­

derzusammentritte vorfinden konnte- der Entwurf weist die bereits vorher bekannt gegebene Begründung auf.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 7. Januar. Es dürste von Interesse sein, die Gründe näher kennen zu lernen, aus welchen der schon erwähnte Beschluß des Finanzausschusses Zweiter Kammer betr. Ablehnung der Vorstellung auf Begründung einer h e s s i s ch e n S t a a t s - K l a s s e n - L o 11 e r i e hervorgegangen. Bekanntlich ging diese Vorstellung von der Bankfirma S. Merzbach in Offenbach a. M. aus. Das Großh. Finanz­ministerium hat sich unterm 24. Mai 1889 in einem Schreiben an den Vorsitzenden des Finanzausschusses über den Gegenstand dahin geäußert ....daß wir keine Veranlassung haben, dem Gesuch des Bankhauses S. Merzbach in Offenbach a. M. um Uebertragung des Loosevertriebes für eine unter staat­licher Verwaltung und Coutrolle zu gründende Staats- Klassen-Lotterie näher zu treten, da die Negierung nicht die Absicht habe, die im Jahre 1832 ausgehobene Staats-Klassen- Lotterie wieder einzusühren." Der Ausschußbericht hebt nun, unter Festhaltung an dem ablehnenden Standpunkt der Re­gierung, die Nachtheile einer solchen Lotterie in sittlicher und wirthschaftlicher Beziehung hervor. Es sei in hohem Grade bedauerlich, daß die staatlichen Lotterien nicht längst in ganz Deutschland beseitigt worden seien, wie man seiner Zeit die öffentlichen Spielbanken durch reichsgesetzllche Bestimmung beseitigt habe. Eine Regierung, die es unternähme, sei es auf dem Wege freiwilliger Vereinbarung zwischen den Bundes­staaten oder mittelst gesetzlicher Anordnung dieses herbeizu­führen, würde sich, einerlei welches der augenblickliche Erfolg wäre, ein wirkliches Verdienst erwerben. Der Staat habe die Aufgabe, seinen Angehörigen vor Allem durch seine eigenen Maßnahmen zu beweisen, daß er nicht das Glücksspiel, sondern Arbeit und Sparsamkeit als die Quelle des Wohlstandes betrachtet wissen wolle. Könne er das vorhandene Spiel- bedürsniß nicht vollständig bekämpfen, könne er das Glücks­spiel nicht überall unterdrücken, so sollte er es doch möglichst einzudämmen suchen, am allerwenigsten aber dazu auffordern und daraus eine Einnahmequelle für sich herleiten. So lange das Ausbieten von Loosen nur im Geheimen stattfinden könne, werde es niemals den Umfang annehmen, als wenn es zu einer ordnungsmäßigen staatlichen Einrichtung erhoben fei, wenn die mit dem Vertrieb der Loose betrauten Personen, mit staatlicher Autorität ausgestattet, sich frei und ungezwungen an die Landesangehörigen wenden dürsten, um sie unter Vor­zeigung einiger verlockend hohen Treffer zum Einsatz ihrer ersparten oder erborgten Pfennige auszusordern, aus denen alsdann der Staat seinen Gewinn einstreiche. Möge deshalb auch jetzt aus dem Großherzogthum Hessen manches Taufen^

! " ........

Feuilleton.

Die rettende Hchwihcur.

Humoristiiche Erinnerung einesalten Hauses".

(Schluß.)

Ich staunte denPseudo-Doctor es war kein Mediciner, sondern ein Philologe, ein Lsemestriget^Philologe Namens Schellhorn ob dieser Rede an . . . die beiden anderen Vandalen steckten sehr gesetzte Mienen auf . . . Mama konnte sich jedenfalls noch nicht zurecht finden, immer lieber schaute sie mit einem ganz sonderbaren Ausdruck aus mich hin, bis sie endlich, sich in den Stuhl niederlassend, den ihr Schellhorn galant präsentirte, ihren sie bestürmenden Gefühlen in den Worten Lust machte:

Wie, Fritz, Du . . . bist krank . . . . aber warum hast Du denn nur niemals eine Silbe geschrieben . . . und doch .... wie ist das denn nur .... ich- glaubte Dich doch ganz gewiß unter den schrecklichen Menschen amGrauen Wolf" bemerkt zu haben .... Ach Gott, Fritz, Fritz V'

Ehe ich indessen nur im Stande war, irgend etwas zu erwidern, griff Freund Schellhorn nochmals rettend in den Gang der Dinge ein und bemerkte int mildesten Tone:

,,O, beste Frau Oeconomieräthin, es handelte sich, wie ich mir schon erlaubte hervorzuheben, nur um ein leichtes Fieberchen, das lediglich einige Tage Zuhauseble^ben und eine angemessene Diät erforderte, und um Sie und Ihren werthen Herrn Gemahl nicht in unnöthige Besorgniß zu ^stürzen, mußte es Fritz auf ausdrückliche Anordnung des Herrn Dr. Windmeier unterlassen, Ihnen Mittheilung von seinem Unwohlsein zu geben . . . aber, ich verstehe nicht, verehrte .Frau, was Sie da von irgend einer Scene amGrauen

Wolf" erwähnten und womit Sie den Namen Ihres Herrn Sohn in Verbindung zu bringen beliebten."

Diese wohlangebrachte birectc Aufforderung veranlaßte denn Mama, das ihr und ihrer Freundin widerfahrene Abenteuer in der Kutsche zu erzählen, und es ist wohl kaum nöthig, besonders zu versichern, daß Mama meine Verbin­dungsbrüder ob der seltsamen Promenade durch die Kutsche mit Ausdrücken belegte, welche mehr als hinlänglich von der Entrüstung derFrau Oeconomieräthin" zeugten. Als sie aber nun hierbei der fabelhaften Aehnlichkeit zwischen dem letzten derKutschenstürmer" und mir gedachte, intervenirte der vermeintliche Jünger Aesculaps zum dritten Male zu meinen Gnnsten, indem er, ein herzhaftes Gelächter aus­stoßend, meinte:

Da hat der arme Fritz seinem Doppelgänger wieder einmal etwas Nettes zu verdanken! Sie müssen wissen, ver­ehrte Frau, daß seit letztem Semester hier in X. ein junger Mann studirt, der eine wirklich frappante Aehnlichkeit mit Ihrem Herrn Sohne besitzt, und da der betreffende junge Manu ein rechter Leichtfuß ist, so kommt es gar nicht selten vor, daß die Streiche, die er macht, Ihrem Fritz aufs Conto geschrieben werden, so daß Fritz den Herrn schon einmal vor die Klinge hat fordern müssen und"

Ach Gott, Fritz," fuhr bei dieser Stelle in den Aus­führungen des vortrefflichen Schellhorn Mama von ihrem Sessel auf,diese abscheulichen Stechereien . . . . mir wird da ganz plümerant vor den Augen, wenn ich nur daran denke . . . Fritz, Du mußt es mir fest versprechen, Dich nie wieder auf Eurer Mensur, oder wie Ihr es sonst nennt, herumzuhauen und herumzustechen"

Aber, Mama", unterbrach ich die Erregte, indem ich mich bemühte, meiner Stimme einen möglichst leidenden Klang zu geben,wenn meine Ehre angegriffen wird, so kann ich

das doch unmöglich auf mir sitzen lassen und gerade jetzt ich ließ meine Stimme wie in zorniger Erregung anschwellen, wo ich auf dem Krankenlager liege, hat dieser Kerl wieder einen so nichtswürdigen Streich ausgesührt und Du mußtest natürlich bei der colossalen Aehnlichkeit glauben, Du habest Deinen Sohn vor Dir ... na warte, Bursche . .

Fritz," klang da wiederum die Stimme der Mama, diesmal mit einem Anflug von Strenge,Du wirst mir noch­mals versprechen, Dich nicht wieder zu schlagen und nament­lich jenen Menschen in Ruhe zu lassen, ich verlange es von Dir, ich befehle es Dir"

Beruhigen Sie sich nur, Frau Oeconomieräthin," mischte sich der Pseudo-Doctor noch einmal ein,es wird nicht zu dem kommen, was Sie befürchten, der Doppelgänger Ihres Herrn Sohnes ist im Grunde genommen eine ganz gutmüthige Natur, er wird die Erklärung abgeben, daß es ihm bei der eigenthümlichen Affaire vor demGrauen Wolf" gar nicht eingefallen ist, hierbei als Ihr Herr Sohn aufzutreten und damit kann sich derselbe zufrieden geben. Also, was ich vor­hin sagte, verehrte Frau, noch einen Tag Schonung und strenge Diät, dann wird es sich mit Fritz schon machen. Ich habe die Ehre, Frau Oeconomieräthin, mich Ihnen zu em­pfehlen Adieu, lieber Wellmann!"

Die drei Vandalen drückten sich zur Thüre hinaus und ich blieb mit meiner Frau Mama allein. Nun, ich brauchte nichts mehr zu fürchten, meine simulirte Krankheit wie die Mär von dem angeblichen Doppelgänger hatten mich gerettet und Mama würde Stein und Bein daraus geschworen haben, daß ich vier Tage am gastrischen Fieber darniedergelegen hatte und daß in X. ein mir zum Verwechseln ähnlicher Studio existire die Geschichte war wirklich kostbar. Indessen, wenn mir auch soweit geholfen war, die Consequenzen der mir eigentlich von unserem würdigen Senior verordneten