Nr. 234.
Mittwoch den 8. October
1890
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Bekanntmachung.
die Ausblldung von Ackerbauschülern betreffend.
Der landwirthschastliche Bezirksverein Gießen hat in dem Voranschläge pro 1890/91 eine Subvention von 200 für junge Leute, welche an dem Cursus einer Ackerbauschule Theil nehmen, in Ausgabe vorgesehen.
Bei den Anforderungen, die jetzt an den Landwirth gestellt werden, erscheint es als eine Pflicht der Eltern auf eine bessere Berufsbildung ihrer Kinder hinzuwirken, damit dieselben später die Landwirthschast in rationeller und lohnender Weise zu betreiben im Stande sind.
Ein rationeller Wirthschastsbetrieb kann aber nur auf wissenschaftlicher Grundlage beruhen- Es kann daher den Landwirthen nur empfohlen werden, die verhältnißmäßig nicht großen Opfer, die mit dem Besuche einer landw. Schule verbunden sind, aufzubringen und ihre erwachsenen Söhne zu dem Besuche einer solchen Schule anzuhalten. Die landw. Winterschule zu Alsfeld wiro am 27. October l. I., die zu Büdingen und Friedberg den 3. November l. I. eröffnet und Ende März k. I. geschloffen werden.
Bewerber um Bewilligung einer Subvention von 50 bis 100 v*L werden zur alsbaldigen Einreichung ihrer Gesuche und etwaigen Zeugnisse bet der betr. Bürgermeisterei unter dem Anfügen aufgefordert, daß unter mehreren Bewerbern die Priorität der Anmeldung Anspruch auf vorzugsweise Be- cksichtigung gibt und daß die Subvention namentlich unbemittelten Personen zugewendet werden wird.
Die Großh. Bürgermeistereien werden gebeten, dieser Bekanntmachung die thunlichste Verbreitung zu verschaffen, Anmeldungen entgegenzunehmen und dieselben unter Begutachtung der Gesuche an den Unterzeichneten bis zum 20. October l. I. einzusenden. Zugleich werden die Großh. Bürgermeistereien ersucht, geeignete Zöglinge für die genannten Ackerbauschulen ausfindig zu machen und zur Anmeldung zu veranlassen.
Gießen, den 6. October 1890.
Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen. Jost, Regierungsrath.
Uebevfi^ht.
Gießen, 7. October.
Kaiser Wilhelm hat mit dem Kaiser Franz Josef und -dem König von Sachsen Schloß Mürzsteg nach Beendigung der dortigen Hofjagden am Sonntag wieder verlassen und sich nach dem Eisenerzer Jagdgebiete begeben. Das Befinden des hohen Herrn ist fortgesetzt das denkbar beste, obwohl er sich täglich nicht geringen Strapazen unterzieht.
Der Prin-regent Luitpold von Bayern, welcher erst unlängst auf einer Ausfahrt in München beinahe unter die Räder eines Dampflramway-Wagens gerathen wäre, hat schon wieder tn Lebensgefahr geschwebt. Der erlauchte Herr beehrte /am Sonntag die mit dem Octoberfeste in München verbundene -landwirthschastliche Feier mit seinem Besuche und wohnte auch dem Vorführen der Preisthiere vor. Hierbei geschah es, daß ein Blendftier in der unmittelbaren Nähe des Prinz-Regenten scheu ward und heftig um sich schlug, so daß sich der Prinz- Regent nur durch rechtzeitigen Sprung zur Seite vor einer -vielleicht ernsten Beschädigung zu wahren vermochte.
Ueber die Einberufung des preußischen Landtages scheint im Schooße des Staatsministeriums noch immer kein endgültiger Beschluß gefaßt worden zu sein. Indessen sind, wie 'i>ie officiösen „Berl. Pol. Nachr." zu berichten wissen, die -Vorarbeiten zu den Gesetzentwürfen über die Reform der birecten Steuern und über die Landgemeinde-Ordnung für die östlichen Provinzen soweit gefördert worden, daß in dem 'Stande der gesetzgeberischen Arbeiten kein Hinderniß mehr für die Einberufung des Landtages noch im Herbst zu erblicken wäre. Sollte das preußische Parlament trotzdem erst nach Neujahr einberufen werden, so würde dies wohl aus den Wunsch zurückzusühren sein, ein Nebeneinandertagen von Land- . lag und Reichstag wenigstens bis Weihnachten zu verhindern. |
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Der
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Arntlicyev Theil.
Nr. 28 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 2. d. M., enthält:
(Nr. 1917.) Allerhöchster Erlaß, betreffend die Festsetzung des Zinsfußes für die zufolge der Allerhöchsten Erlasse vom 17. December 1888, 7. September 1889 und 17. März 1890 noch zu begebenden Anleihebeträge. Vom 17. Septbr. 1890.
Gießen, den 6. October 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Die Gerüchte über den bevorstehenden Rücktritt des Ministers deS preußischen Hauses, v. Wedell-Piesdorf, haben zwar bislang noch keine Bestätigung gefunden, doch bezeichnet man sie in Berliner Hofkreisen als gerade nicht unwahrscheinlich. Es wird aber zugleich betont, daß ein etwaiges Ausscheiden des Herrn v. Wedell-Piesdorf aus seinem Amte keineswegs in persönlichen Differenzen, sondern in Fragen principieller Natur seinen Grund haben würde. Die hie und da aufgetauchte Vermulhung, Herr v. Wedell-Piesdorf gedenke wegen persönlicher Differenzen zurückzutreten, erscheint schon deshalb hinfällig, weil der jetzige königliche Hausminister bekanntermaßen persona gratissima bei Kaiser Wilhelm ist. Uebrigens heißt es, daß demnächst auch der Berliner Ober- Schloßhauptmann Gras Wilhelm Perponcher und der Ober- Stallmeister von Rauch aus ihren Stellungen scheiden würden.
Ueber die Ergebnisse der am Sonntag im (Santon Tessin stattgesundene Volksabstimmung über die liberalerseits geforderte Verfassungsrevision lagen am Montag noch keine abschließenden Meldungen vor. Eine osficiöse Depesche aus Bellinzona besagt, daß sich etwa 8100 Stimmen für und 6800 Stimmen gegen die Revision ergeben haben, daß jedoch noch eine größere Anzahl von Gemeinden fehlten- bislang seien noch keine Ruhestörungen vorgekommen. ES läßt sich demnach auf Grund der erwähnten Depesche noch nicht beur- theilen, ob die Gegner oder die Freunde der Verfassungsrevision den Sieg davongetragen haben, da die noch ausstehenden Stimmen die Mehrheit von ca. 1700 Stimmen, über welche nach dieser ersten Nachricht die Befürworter der Verfassungsrevision verfügten, leicht wieder erschüttern, und vielleicht gar eine Mehrheit zu Gunsten der clericalen Gegner des Revisionsprojectes herbeisühren könnten.
Die Ausstrenungen der serbischen Oppositionsparteien über angebliche Differenzen zwischen Exkönig Milan und der serbischen Regierung, sowie über hierdurch hervorgerufene Maßnahmen derselben werden jetzt von amtlicher Belgrader Seite als vollkommen unbegründet erklärt. Die Verhältnisse des Landes und die wiederholten loyalen Versicherungen Milans entzögen derartigen Muthmaßungen jede Berechtigung. Die privaten Berichte aus Belgrad, welche wissen wollten, daß namentlich die von Milan verfügte Enthebung des Gouverneurs des Königs Alexander, Dokic, von seinem Posten in den serbischen Regierungskreisen starke Verstimmung gegen Milan hervorgerufen hätte, scheinen demnach bedeutend übertrieben zu haben.
Deutsche» Leich.
Darmstadt, 6. October. Der Reichskanzler v. Caprivi traf heute zum Besuche Sr. Königl. Hoheit des Grobherzogs dahier ein und findet aus diesem Anlaß morgen Hoftasel statt, zu welcher zahlreiche Einladungen ergangen sind.
Berlin, 6. October. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Se. Majestät her König haben Allergnädigst geruht, den Staats- und Kriegs-Minister, General der Infanterie von Verdy du Vernois auf sein Ansuchen von dem Amt als Staats- und Kriegs-Minister zu entbinden und den Com- mandeur der 2. Garde-Jnsamerie-Division, Generallieutenant von Kaltenborn-Stachau zum Staats- und Kriegs- Minister zu ernennen.
Ausland.
Mürzsteg, 5. October. Heute fand eine Morgen- Pürsche statt, an welcher die beiden Kaiser nicht theilnahmen. Nach der Rückkehr von der Pürsche begaben sich die beiden Monarchen mit Begleitung nach der Pfarrkirche, woselbst der Pfarrer eine stille Messe las. Um 10V2 Uhr Vormittags erfolgte die Abfahrt zu Wagen nach der Bahnstation Neuberg. Sowohl vor der Kirche als bei der Abfahrt bildete fast die gesammte Bevölkerung des Ortes Spalier und brachte den Kaisern begeisterte Ovationen dar.
Genna, 5. October. Bei dem heutigen Banket der Municipalität zu Ehren des Marineministers Brin constatir- ten die Redner einen großen Fortschritt der heimischen Industrie und deren Emancipation vom Auslande bei dem Bau und der Ausrüstung der Schiffe.
Lyon, 5. October. Die Appretirer der Sei den- sabriken verlangten eine Regelung des Tarifs und den zehnstündigen Arbeitstag, widrigenfalls sie am 1. November die Arbeit einstellen werden.
Montevideo, 5. October. Die Einfuhrzölle sind erhöht und die Ausfuhrzölle wiederhergestellt worden.
Neueste Nachrichten.
Wolffö telegraphisches Lorrcspondenz-Bureau.
München, 6. October. Der Prinzregent ernannte den Kriegsminister Sasserling zum General der Infanterie.
München, 6. October. Der siebente Verbandstag der deutschen Frauenbildungs- und Frauenerwerbs- Vereine wurde vom Ministerialrath Auer, dem Ober-, regierungsrath Thelemann, dem Oberbürgermeister Wieden^ ' mayer, dem Geheimerath Schneider-Berlin (Namens des preußischen Kultusministers) begrüßt. Frau Schepler-Lette (Berlin) präsidirte. Frau Betty Name (München) referirte über Arbeiterinnenheim, Hilfskassen und Speise^nstalten. Sie hebt die kaiserliche Socialresorm als sehr wichtig für die Frauensragen hervor. Frau Biber-Böhm schilderte die Zustände in großen Städten als gefahrdrohend für die Sitten des weiblichen Geschlechts. Frau Löper-Honusselle (Jnspringen) besprach die Lehrerinnen-Frage. Morgen Schlußsitzung.
München, 6. October. Kaiserin Friedrich mit ihren Töchtern ist heute Nachmittags eingetroffen und beabsichtigt einen zweitätigen Aufenthalt in München zu nehmen. Die Prinzessinnen dagegen reisten Abends nach Berlin weiter.
Detmold, 6. October. Der Lippe'sche Landtag setzte die Berathung des Regentschaftsgesetzes fort. Die Linke beantragt, jene Bestimmung der Vorlage, welche den Fürsten zur Wahl des Regenten aus den Agnaten seines Fürstenhauses ermächtigen würde, durch die Einrichtung eines vom Landtage zu wählenden Regentschastsrathes zu beschränken.
Wien, 6. October. Der deutsche Botschafter Prinz Reuß richtete an den Gründer der Freiwilligen Rettungsgesellschaft, Grasen Wilczek, ein sehr verbindliches Schreiben mit der Mittheilung, daß Kaiser Wilhelm, welchem das segensreiche Wirken der Gesellschaft vielfach bekannt geworden sei, derselben 500 Mark zu geeigneter Verwendung zugewiesen habe. Graf Wilczek dankte dem Botschafter und bat ihn, seinen Dank nnd den Dank der Gesellschaft für die Gabe dem deutschen Kaiser zu unterbreiten.
Wien, 6. October. Der Bürgermeister Prix stattete heute dem Botschafter Prinzen Reuß einen Besuch ab und bat ihn, dem Kaiser Wilhelm seinen Dank für die ihm verliehene Ordensauszeichnung zu übermitteln.
Radmer, in Steiermark, 6. October. Bei der heutigen Kaiser-Jagd am Weißenbachl, woran auch Prinz Arnulf von Bayern theiluahm, wurden 47 Gemsen zur Strecke gebracht. Zum Hosdiner um 7 Uhr Abends wurde auch der Bezirkshauptmann zugezogen. Die Tafelmusik lieferte die Leobener Stadtkapelle. Morgen wird am Gerstenberg gejagt: Daß die gemeinsame Abreise der beiden Kaiser auf Mittwoch angezeigt ist, wird officiell bestätigt.
Bern, 6. October. Bei der Volksabstimmung im Canton Tessin wurde mit großer Majorität beschlossen, daß die Revision über die Verfassung nicht durch den großen Rath, sondern durch einen besonderen Versassungsrath vorzunehmen sei.
Kopenhagen, 6.October. Der Reichstag wurde heute eröffnet. Der Finanzminister wird morgen das Budget vorlegen. Dasselbe weist an Gesammteinnahmen 54^ Millionen Kronen und an Gesammtausgaben 59 Millionen auf. Für die Befestigung Kopenhagens auf der Seeseite wird die zweite Rate mit 3 Millionen veranschlagt. Der Kassenbestand wird aus 30 Millionen und der Reservefonds auf 18 Millionen angegeben.
Belgrad, 6. October. König Alexander und sein Vater Milan siedeln morgen aus dem Militärlager nach dem königlichen Konak in der Hauptstadt über. Die Meldungen, wonach Exkönig Milan das Obercommando über das serbische Heer verlangt haben und der Metropolit Michael pensionirt sein sollte, werden in Regierungskreisen als unrichtig bezeichnet.
Konstantinopel, 6. October. Wendt Pascha, der älteste Deutsche in türkischen Diensten, ist im Alter von 79 Jahren gestorben.
Cocates wtt» provittjiclte».
Gießen, 7. October.
— Samstag den 11. October l. I., Vormittags 9 Uhr beginnend, findet im Regierungsgebäude zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschuffes der Provinz Ober- heffen statt, in welcher folgende Gegenstände verhandelt werden:
1. Gesuch des Philipp Möser VI. zu Wieseck um Con- cession zu einer Schankwirthschaft.
2. Gesuch des Großh. FiscuS um Concessionirung einer Bewässerungsanlage für die fiscalische Seewiese jic Friedberg.


