1890
Nr. 130
Erstes Blatt
ießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger
Sonntag den 8. Juni
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OKtzeuer Anzeiger erscheint täglich, «it Ausnahme des MontagS.
Amts- unb Anzeigeblatt für den Nreis Gietzen.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den I Hä’T 8Dc ^nnoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm«
„lgmdm Tag erlchkinmdm Nummrr bi« »orm. 10 Uhr. [ Gransoeiiage. Gießener Lmmilienoittlier. «n,-ig-n für den „Bikßkoer Anzkiger" entgeg«.
Amtlicher Theil.
Gefunden: 3 Taschentücher, 1 Brosche, 1 Griffelkasten, 1 Uhrkette, 1 Manschettenknopf, 1 Armband, 1 Stück Kandel- rohr, 1 Kinderpeitsche, 1 Kinderspazierstock, 6 Wecksäcke, 1 Laterne, 1 Hundehalsband, mehrere Schlüssel.
Gießen, am 7. Juni 1890.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Gießen, 7. Juni.
Der Kaiser und die Kaiserin hatten am Donnerstag ihren schon früher beabsichtigten Ausflug nach Pasewalk gemacht und daselbst die Parade über das Königin-Kürassier- Regiment abgehalten. Die Kaiserin und Königin begab sich zu Pferde mit ihrem erlauchten Gemahl nach dem Paradefelde, wo die Parade in glänzendster Weise stattfand.
Der Kronprinz von Italien wird auf seiner Rundreise durch Europa von Petersburg kommend am Montag in Berlin eintreffen, aber während der Dauer seines Aufenthaltes in Deutschland im königlichen Schlosse zu Potsdam Wohnung nehmen. Während der Dauer des Aufenthaltes des Kronprinzen von Italien am deutschen Kaiserhofe werden zu Ehren des hohen Gastes mehrere große Festlichkeiten stattfinden.
Dem Reichstage, welcher am Montag seine Berathungen wieder aufnimmt, wild auch noch der Niederlassungsvertrag mit der Schweiz nebst Schlußprotocoll zur Erledigung zugehen. Wie man uns berichtet, wird die Vorlage an den Reichstag mit einer Denkschrift gelangen, über welche verlautet, es gehe daraus hervor, welchen Werth beide Theile darauf gelegt haben, nicht erst einen vertragslosen Zustand eintreten zu lassen, sondern im beiderseitigen Interesse an der Hand der mit dem bisherigen Vertrage gemachten Erfahrungen den Hauptbedingungen desselben fortdauernde Geltung zu verschaffen. Man hat sich über den von deutscher Seite gemachten Vorschlag verständigt welcher den Wünschen und Interessen beider Theile gerecht wird. In dem jetzigen Vertrage wird einerseits klar gestellt, daß die Schweiz dem deutschen Reiche gegenüber lediglich die Verpflichtung übernimmt, auf Grund des Zeugnipes über Reichsangehörigkeit und Leumund den Deutschen alle ihnen gebührenden Rechte zu gewähren.
Von den 19 Millionen Mark, welche in dem Nachtragsetat für das Reich zur Gehaltserhöhung für Beamte verlangt werden, sollen 5 Millionen Mark auf die Erhöhung der Besoldung von Offizieren: Premierlieutenants, Hauptleute 2. Klaffe und Stabsoffizieren entfallen. ,
Die Aussichten im preußischen Abgeordneteuhanse auf das Zustandekommen des Sperrgeldergesetzes sind, nachdem das Centrum auch in der zweiten Lesung den Rückzug aus seiner verlorenen Position nicht gefunden hat, gänzlich unsicher. In parlamentarischen Kreisen sind die Aussichten über den wahrscheinlichen Ausgang getheilt.
Die am Mittwoch in Budapest eröffneten Sitzungen der österreichisch-ungarischen Parlamentsausschüsse haben zunächst dahin geführt, daß sich die Ausschüsse constituirt haben. Die österreichische Delegation wählte Fürst Georg Czartoryski zum Vorsitzenden. In der ungarischen Delegation wurde einstimmig Graf Tisza zum Präsidenten, Graf Franz Zichy zum Vice- präsidenten ernannt. Wie bei der neulichen Verhandlung über das Koffuth-Gesetz, so trat auch bei der Eröffnung der ungarischen Delegation der Aufschwung zu Tage, der sich in neuerer Zeit bei der reichstreuen Partei Ungarns kundgiebt. Graf Ludwig Tisza (der jüngere Bruder Koloman Tiszas) führte in feiner Ansprache aus, die Delegation dürfte die Vorlagen der gemeinsamen Regierung nicht ausschließlich vom finanziellen Gesichtspunke aus beurtheilen, sondern müsse sich die Sicherheit des Throns und des Staates vor Augen holten, die Organisirung der Wehrkraft muffe mit derjenigen der übrigen europäischen Großmächte Schritt halten. Tisza schloß mit Segenswünschen für den König und das Vaterland. Mit stürmischen Eljenrufen wurde die patriotische Kundgebung ausgenommen.
Der vor wenigen Tagen begnadigte Herzog von Orleans hat seine Freiheit sofort dazu benutzt, um aufs Neue gegen die französische Republik zu demonstriren. Wie die Pariser Blätter melden, hat der Herzog von Orleans von der Schweiz aus ein Manifest an die Soldaten seiner Altersklassen gerichtet, in welchem er erklärt, er verzichte nicht aus die Hoffnung, dem Vaterlande zu dienen.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 6. Juni. Der Erbprinz von Meiningen hatte eine gute Nacht. Sein Allgemeinbefinden ist unverändert.
Berlin, 6. Juni. Zwischen drei für die Sperrgelder- Vorlage eingetretenen Fractionen und dem Centrum sanden Verhandlungen statt, welche eine das Zustandekommen des Gesetzes ermöglichende Haltung des Centrums nach dem Grundsätze tolerari posse event. durch Stimmenthaltung des Centrums in Aussicht nahmen. Die Verhandlungen sind jedoch gescheitert und ist das Zustandekommen des Gesetzes in dritter Lesung deßhalb nicht wahrscheinlich.
Straßburg, 6. Juni. Der Groß h erzo g von Baden traf gestern Abend hier ein. Er besichtigte seit früh Morgens in Begleitung des Statthalters die Landwirtschaftliche Ausstellung mit großem Interesse. Um 11 Uhr fand ein Aufzug von 120 badischen Bauern zu Pferde in Landestracht statt. Der Fremdenverkehr ist außerordentlich groß.
Wien, 6. Juni. Der Kaiser ist Mittags nach Pest abgereist.
London, 6. Juni. Im Unterhause erklärte Fergusson, die Pforte dementire das Gerücht, daß eine Anzahl armenischer Arbeiter aus der Heimkehr aus Rußland von den Kurden im Alaschgerdthal angegriffen und fünf derselben ge- tödtet worden seien. Nachforschungen werden in dieser Richtung angestellt.
Rom, 6. Juni. Wie hiesige Blätter melden, besucht der Kronprinz von Italien im Verlause seiner Reise auch die Höfe in München und Dresden. Die Rückreise erfolgt über Innsbruck, wo er durch einen Abgesandten des Kaisers von Oesterreich begrüßt wird.
Belgrad, 6. Juni. Die „Agenee de Belgrad" meldet aus Ueskneb: Edem Pascha und Salib Pascha griffen mit 4 Bataillonen und einer Escadron die Arnauten in der Richtung von Devitsch an, wo ein türkisches Streiseorps augenscheinlich von den Arnauten blokirt war. Die Maissoren Ipek und Djakova unterstützten die Truppen der Regierung. Edem Pascha war von dem Mutessanriff (Gouverneur), dem Musti und zwei Richtern des Gerichtshoses Mitrovitza begleitet. .
Sofia, 6. Juni. Die „Agenee Balcanique" erklärt die Meldung auswärtiger Blätter, Wangenheim habe der bulgarischen Regierung eine Note überreicht, worin er den Widerrus der Meldung bezüglich einer Theilnahme der russ. Regierung an der Panitza-Verschwörung verlangt, für vollständig unbegründet.
Petersburg, 6. Juni? Die Meldung der „Saale-Ztg.", Fürst Bismarck habe den Inhalt seiner Unterredung mit dem Correspondenten der „Nowoje Wremja" selbst ausgeschrieben, bezeichnet letzteres Blatt als einen Unsinn. Der Correspondent sei der deutschen Sprache durchaus mächtig.
— Der Kronprinz von Italien kehrt heute Abend 11 Uhr von seinem Ausfluge nach Finnland zurück und fährt, soweit bis jetzt bestimmt, morgen srüh nach Gatschina, um sich von der kaiserlichen Familie zu verabschieden. Nach Einnahme des. Dejeuners auf dem Schlosse reist er sofort nach Berlin.
Newyork, 6. Juni. In den westlichen Unionsstaaten sind starke Gewitter niedergegangen. Flüsse sind ausgetreten, Städte beschädigt. Der Blitz hat viele Personen getödtet.
Washington, 5. Juni. Das Repräsentantenhaus begann die Debatte über die vom republikanischen Caucus angenommene Mc Kinley'schen Silbervorlage. Die Abstimmung ist auf Samstag Nachmittag 3 Uhr festgesetzt.
CocaUs ttnd provinzielles*
Gießen, 7. Juni.
— Stenographisches. In der Monatssitzung des „Gabelsberger Stenographenvereins" vom 5. Juni wurde der Beschluß gefaßt, den Uebungsabend während des Sommers von Donnerstag auf Montag zu verlegen. Da sich eine größere Anzahl Herren dazu bereit erklärt haben, findet unter Leitung des 2. Vorsitzenden cand. phil. Ed. Pfaff ein Fortbildungscursus statt, an welchem außer den Mitgliedern alle Stenographen nach Gabelsbergers System unentgeltlich theilnehmen können. Der Cursus findet jeden Montag Abend von 9—11 Uhr im Vereinslocal ((Safe Ebel) statt.
— Zu unserem Berichte über die Generalversammlung des Turnvereins sei bemerkt, daß der an der Nordanlage
gegenüber dem Oswaldsgarten gelegene, von allen Seiten zugängliche Platz ganz besonders geeignet zur Erbauung einer für diesen großen Verein zweckdienlichen Turnhalle ist. Der nach den demnächst auszulegenden Plänen auszusührende Bau dürste ebenso durch seine innere practische Einrichtung als durch die einfache und gediegene äußere Ausstattung eine Zierde unserer Stadt, wie eine den Turnverein ehrende Anstalt werden. Die seither noch wenig in Umlauf gesetzten Einzeichnungslisten für Antheilscheine und Geschenke zeigen in ihrem Ergebniß, daß die Sympathieen für den Turnverein und seine Bestrebungen noch die früheren sind. Es dürfte daran auch die Erwartung zu knüpfen sein, daß sich dies noch mehr bei der demnächst fortgesetzten Circulation der Listen zeigen wird, damit dem immer vorwärts strebenden Verein die Lasten nicht allzu groß werden.
Friedberg, 6. Juni. Zu Ehren des hohen Geburtsfestes Ihrer Großherzoglichen Hoheit der Prinzessin Alix sand heute Familientafel statt, zu welcher noch Oberkammerherr Frhr. v. Schenck zu Schweinsberg, sowie Ministerialrath Rohde, beide von Darmstadt, zugezogen waren. Während der Tafel spielte die Bad Nauheimer Curmusik unter Direction des Capellmeisters Machts.
— In einigen Orten der Provinz Oberhessen, Altenstadt 2c., hat ein Preisabschlag des Schweinefleisches stattgesunden, es wird dort das Pfund für 56 Pf. verkauft.
Hungen, 5. Juni. Ein heute Nachmittag 2 Uhr über unsere Gegend ziehendes Gewitter brachte den Fluren den ersehnten Regen,- damit ist Hoffnung vorhanden, daß die vom Froste geschädigten Pflanzen sich wieder erholen. Der wegen Mangel an Grünsutter in hiesiger Gegend viel angepflanzte Pferdezahn-Mais ist durch den Frost gelb geworden, man hofft indeß, daß er sich auch wieder entwickeln wird, doch werden die Bohnen, zu denen in den Gärten schon die Stangen gestellt waren, wieder frisch gesetzt werden müssen. Am meisten von den Kartoffeln haben die Frühkartoffeln und solche welche in der Nähe von Wiesen angepflanzt waren, gelitten. Alte Kartoffeln werden hier das Malter zu 2.40 Mk. ausgekauft. Es ist dieses der Preis, welchen unsere Land- wirthe schon das ganze Frühjahr bekommen haben.
0. Crainfeld, 6. Juni. Der Darlehnskassen- Verein Crainfeld-Bermuthshain, welcher schon seit 10 Jahren zum Segen der Landwirthe besteht, soll nach Inkrafttreten des Genossenschaftsgesetzes vom 1. Mai 1889 in eine sogen. Actiengesellschaft umgewandelt werden. Sonntag den 15. Juni findet hier behuis Unternehmung weiterer Schritte eine Generalversammlung statt.
A Bermuthshain, 5, Juni. Nachdem sich im vorigen Jahre aus dem hiesigen sogen. Bauern-Verein ein Consum- Verein gebildet hatte, gedenkt derselbe sich infolge der ihm durch das neue Genossenschaftsgesetz vom 1. Mai 1889 auserlegten Verpflichtungen aufzulösen.
8. Villingen, 5. Juni. Unser Kriegerverein bekommt eine neue Vereinssahne und wird dieselbe am 13. Juli l. I., an dem Tage unseres Kirchweihfestes, eingeweiht werden. Einladungen an die auswärtigen Kriegervereine sind bereits ergangen.
Schlitz, 3. Juni. Der hiesige Weber Heinrich Kraft begab sich gestern Morgen nach seiner Heimath, Pfordt, um seinem Bruder, welcher einen Neubau aufführt, behilflich zu sein. Beim Lehmhacken wurde K. von plötzlich zusammenstürzenden Erdmassen getroffen und so schwer verletzt, daß er noch am gestrigen Tage starb.
(JD Bleichenbach, 5. Juni. Das Jahr 1890 zeichnet sich, wenn man so sagen darf, durch eigenthümliche Erscheinungen aus, denn wenn man erwägt, daß im Januar Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen vorkamen, daß der Februar, auch Hornung oder Kothmonat genannt, so Helles trockenes Wetter brachte, daß man in Pantoffeln über Land gehen konnte und daß im März der Märzenschnee aus den Märzenstaub fiel, wodurch alle Bauernregeln aus den Kopf gestellt wurden, dann braucht man sich thatsächlich nicht mehr zu wundern, wenn Mai und Juni auch an Ueber- raschungen nicht arm sind. So haben wir Korn- und Kar- toffelblüthe im Mai zu verzeichnen, während die Eisheiligen ihre Tücken im Juni bewiesen, ohne daß sie uns grade sehr belästigten. Das Seltenste aber ist, daß wir hier seit gestern blühende Trauben haben. An den Traubenstöcken des Herrn Lehrers Diehl dahier, der allerdings in Obst- und Weinbau erfahren ist, blüht seit gestern — also in der ersten Juniwoche — ein Gutedeltraubenstock. Alle Stöcke zeigen eine solche Masse von Gescheinen, daß man meint, sie wären mit Körben darangeschüttet worden. Dabei zeigen die Scheine eine Größe, Frische und Gesundheit, wie sie nur in den


