Ausgabe 
8.5.1890
 
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1890

Donnerstag den 8. Mai

Nr. 106

Amts- und Anzeigeblatt für den TLreis Gieren

chratisöeikage: Gießener JamitienöläLter.

ASe Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehme« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Besoldungsverbesserung für einen Theil der Reichsbeamten nicht länger verzögert werden. Der Ihnen vorzulegende Nachtrag zum Reichshaushaltsplan wird Ihnen Gelegenheit geben, Ihr Interesse an der gerechten und wohlwollenden Befriedigung dieses Bedürfnisses zu be- thätigen. Wenn die Ihnen hiernach obliegenden Arbeiten zu einem gedeihlichen Abschlüsse gelangen, so werden damit neue, feste Bürgschaften für die innere Wohlfahrt und die äußere Sicherheit des Vaterlandes gewonnen werden. Möge es uns beschieden sein, dieses Ziel in gemeinsamer Arbeit zu erreichen!

Nach Verlesung der Thronrede trat der Reichskanzler vor den Thron und erklärte den Reichstag für eröffnet.

Se. Majestät der Kaiser verließen daraus unter erneutem dreimaligen Hoch der Versammlung/ ausgebracht von dem Königlich bayerischen Gesandten Grafen v. Lerchenfeld-Koefering, in Begleitung der Prinzen des Königlichen Hauses huldvoll grüßend den Saal.

Vierteljähriger

Aöonnemeutsprets:

2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogeo 2 Mark 50 Pfg.

Redactton, Expeditioo und Druckerei:

Kchukstraße Zlr.7.

Fernsprecher 51.

aurfanö.

London, 5. Mai. Die Königliche geographische Gesellschaft veranstaltete heute Abend zu Ehren Stanleys und seiner Begleiter einen glänzenden Empfang in der Albert- Halle. Unter den überaus zahlreichen Theilnehmern befanden sich der Prinz und die Prinzessin von Wales, der Herzog von Edinburgh und mehrere andere Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses, sowie zahlreiche Mitglieder des Ober­hauses, des Unterhauses, der Regierung, des diplomatischen Corps und Vertreter der Wissenschaft und Kunst re.

Madrid, 5. Mai. Im ganzen Königreich ist die Ruhe wiederhergestellt worden. Hier haben fast alle Strikenden die Arbeit wieder ausgenommen, in den Provinzen dauern die Strikes zwar fort, jedoch ohne daß Ruhestörungen vor­gekommen wären.

Deutscher Reichstag.

1. Sitzung vom 6. Mai.

Nach 2 Uhr ist der Saal des Reichstags-Gebäudes so stark gefüllt, wie man ihn seit einer Reihe von Sessionen nicht gesehen hat.

Abg. Graf v. Moltke übernimmt das Altersprasidmm als ältestes Mitglied des Hauses und eröffnet die Sitzung um 274 Uhr, indetn er die Schriftführer der vorigen Session mit der provisorischen Führung desselben Amtes betraut.

Der hierauf vorgenommene Namensaufruf ergibt die Anwesenheit von 318 Mitgliedern, das Haus ist also beschlußfähig.

Eingegangen sind: Gesetzentwürfe, betreffend die Ab­änderung der Gewerbeordnung, Gewerbegerichte, die Friedens­präsenzstärke des Deutschen Heeres, die Ergänzung des § 14 der Gebührenordnung für Zeugen und Sachverständige- ein Nachtrag zum Etat, ein Bericht über die ^hätigkeit de^ Reichscommissars für das Auswanderungswesen nebst zwei auf die Auswanderung bezüglichen Unterweisungen, Berichte der Reichsschulden-Commission, Rechnungsübersichten u. s. w., ein Bericht über die Verhandlungen der internationalen Ber­liner Arbeirerschutz-Conferenz. ..

Nächste Sitzung Mittwoch 2 Uhr. (Wahl des Prä­sidiums.)

Schluß gegen 3 Uhr.

Der Hteßeirer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

Die Gießener AnmittenötStler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

die Bedingungen der Fortsetzung oder Wiederaufnahme des Arbeitsverhältnisses als Einigungsämter anzurufen.

Ich vertraue auf Ihre bereitwillige Mitwirkung, um über die Ihnen vorgeschlagene Reform eine Uebereinstimmung der gesetzgebenden Körperschaften und damit einen bedeut­samen Fortschritt in der friedlichen Entwickelung unserer Arbeiterverhältnisse herbeizusühren. Je mehr die arbeitende Bevölkerung den gewissenhaften Ernst erkennt, mit welchem das Reich ihre Lage befriedigend zu gestalten bestrebt ist, desto mehr wird sie sich der Gefahren bewußt werden, die ihr aus der Geltendmachung maßloser und unerfüllbarer An­orderungen erwachsen müssen. In der gerechten Fürsorge für die Arbeiter liegt die wirksamste Stärkung der Kräfte, welche wie Ich und Meine hohen Verbündeten berufen und willens sind, jedem Versuche, an der Rechtsordnung gewaltsam zu rütteln, mit unbeugsamer Entschlossenheit entgegen zu treten. Immerhin kann es sich bei dieser Reform nur um solche Maßnahmen handeln, welche ohne Gefährdung der vaterländischen Gewerbthätigkeit und damit der wichtigsten Lebensinteressen der Arbeiter selbst ausführbar sind. Unsere Industrie bildet nur ein Glied in der wirthschaftlichen Arbeit derjenigen Völker, welche an dem Wettbewerb auf dem Welt­märkte theilnehmen. Mit Rücksicht hierauf habe Ich es Mir angelegen sein lassen, unter den in gleichartiger Wirthschafts- lage befindlichen Staaten Europas einen Austausch der Mein­ungen darüber herbeizuführen, bis zu welchem Maße sich eine gemeinsame Anerkennung der gesetzgeberischen Ausgaben bezüglich des Arbeiterschutzes feststellen und durchführen läßt. Es verpflichtet Mich zu dankbarer Anerkennung, daß diese Anregung bei allen betheiligten Staaten und besonders auch dort eine gute Stätte gefunden har, wo der gleiche Gedanke bereits angeregt und seiner Ausführung nahe gebracht war. Der Verlaus der hier versammelt ge­wesenen internationalen Confer en z erfüllt Mich mit besonderer Besriedigung. Ihre Beschlüsse bilden den Ausdruck gemeinsamer Anschauungen über das wichtigste Gebiet der Culturarbeit unserer Zeit,- die darin niedergelegten Grund­sätze werden, wie Ich nicht zweifle, sortwirken^äls eine Aus­saat, die mit Gottes Hilfe zum Segen der Arbeiter aller Länder aufgehen und auch für die Beziehungen der Völker untereinander nicht ohne einigende Frucht bleiben wird.

Die dauernde Erhaltung desFriedens bildet unausgesetzt das Ziel Meines Strebens. Ich darf der Ueberzeugung Ausdruck geben, daß es Mir gelungen ist, bei allen Auswärtigen Regierungen das Ver­trauen zu der Zuverlässigkeit dieser Meiner Politik zu befestigen. Mit Mir und Meinen hohen Verbündeten erkennt es das deutsche Volk als die Aufgabe des Reiches, durch Pflege der zu unserer Verteidigung ge­schlossenen Bündnisse und der zu allen auswärtigen Mächten bestehenden freundschaftlichen Beziehungen den Frieden zu schützen, um Wohlfahrt und Gesittung zu fördern. Zur Durchführung dieser Aufgabe aber bedarf es der seiner Stell­ung im Herzen Europas entsprechenden Heeresmacht. Jede Verschiebung der Machtverhältniffe gefährdet das poli­tische Gleichgewicht und damit die Gewähr für den Erfolg der auf die Erhaltung des Friedens gerichteten Politik. Seitdem die Grundlagen unserer Heeresverfassung für einen bestimmten Zeitraum festgestellt sind, haben sich die Heeres- einrichtungen unserer Nachbarstaaten in unvorhergesehenem Maße erweitert und vervollkommnet. Zwar ist auch bei uns nichts unterlassen worden, um unsere Wehrkraft, soweit dies innerhalb der gesetzlich gezogenen Schranken möglich war, zu stärken. Gleichwohl war das, was in dieser Beziehung geschehen konnte, nicht hinreichend, um eine Verschiebung der gesammten Lage zu unseren Ungunsten auszuschließen.

Eine Erhöhung der Friedenspräsenzstärke und eine Vermehrung der Truppenkörper, ins­besondere für die Feld-Artillerie, darf nicht länger hinausgeschoben werden. Es wird Ihnen eine Gesetzesvorlage zugehen, nach welcher die nothwendige Verstärkung des Heeres mit dem 1. October d. I. in Kraft treten soll. . ...

Die in Ostasrika eingeleitete Action zur Unterdrückung des Sclavenhandels und zum Schutz der deutschen Interessen hat, Dank der aufopfernden Thätigkeit der dorthin entsandten Offiziere und Beamten, während der letzten Monate Fort­schritte gemacht. Der vollständigen Wiederherstellung der Ruhe in jenen Gebieten darf in nächster Zeit entgegengesehen werden. Die dadurch entstehenden Kosten werden durch eine Nachtragsbewilligung zu decken sein.

Der Reichshaushalt für das laufende Rechnungs­jahr bedarf schon wegen der erwähnten Vorlagen einer ent- 1 sprechenden Ergänzung. Außerdem aber kann die schon längst 1 in Aussicht genommene und immer dringender gewordene

ießeucr Anzeiger

General-Anzeiger.

Deutsches Reich.

nn. Darmstadt, 6. Mai. Am nächsten Montag wird sich Seine Königliche Hoheit der Großherzog, sowie die Prinzessinnen zu einem mehrwöchentlichen Aufenthalt nach Friedberg in Oberhessen begeben, woselbst die Großh. Familie im dortigen Schlosse Wohnung nehmen wird. Wie ich schon früher mit- getheilt, wird Seine Königliche Hoheit der Badegast von Nauheim sein. Ausgeschlossen ist nicht, daß auch Prinz Heinrich von Preußen mit seiner Gemahlin zum Besuche seines Schwiegervaters in Friedberg eintreffen und einige Zeit dort bleiben wird.

Berlin, 6. Mai. Zur Charakteristik des Mai­tages in Berlin wird mitgetheilt, daß am 1. Mai in der Reichshauptstadt 10 Personen weniger verhaftet sind, als am Sonntag vorher. Als Curiosum ist noch mitzutheilen, daß die Socialdemokraten eine Hebeammeboykottirt" haben, weil deren Mann am 1. Mai arbeitete.

Die Eröffnung des neuen Reichstags.

Berlin, 6. Mai.

Die feierliche Eröffnung des durch die Allerhöchste Ver­ordnung vom 8. April 1890 einberufenen Reichstages sand heute Mittag 12 Uhr im Weißen Saale des Königlichen Schlosses statt.

Der der Eröffnung vorhergehende'Gottesdienst, welchem Se. Majestät der Kaiser beiwohnten, wurde für die evan­gelischen Mitglieder in der Schloßkapelle abgehalten und begann um 11 Uhr. Der Hofprediger D. Frommel legte seiner Predigt den Text Bries St. Judae, Vers 2:Gott gebe Euch viel Barmherzigkeit, viel Friede und Liebe" zu Grunde.

Für die katholischen Mitglieder des Reichstages sand um lli/2 Uhr in der St. Hedwigs-Kirche eine Segensandacht statt, welche Probst Di. Jahnel hielt.

Nach beendigtem Gottesdienst versammelten sich die Mitglieder des Bundesraths im Marinesalon, während die Generale, die Wirklichen Geheimen Räthe, die Räthe erster und zweiter Klasse und die Obersten bezw. Regiments-Com- wandeure unter der Tribüne auf der Lustgartenseite des Weißen Saales, die Abgeordneten zum Reichstage aber gegen­über dem Thron im Weißen Saale Ausstellung nahmen. Die Mitglieder des diplomatischen Corps ^nahmen in den Logen Platz, welche sich auf der nach der Capelle zu belegenen Tribüne befinden.

Sobald im Weißen Saale die Abgeordneten zum Reichs­tage versammelt waren, erschienen die Bevollmächtigten zum Bundesrath und stellten sich links vom Throne auf.

Se.jMajestät der Kaiser erschienen hierauf in Begleitung der hier anwesenden Prinzen des Königlichen Hauses nebst Allerhöchstem und Höchstem Gefolge und wurden von der Ver­sammlung mit einem dreimaligen begeisterten Hoch empfangen, welches der Abgeordnete Feldmarschall Graf Moltke als das älteste Mitglied des Reichstages ausbrachte.

Se. Majestät geruhten demnächst, aus der Hand des Reichskanzlers, Generals der Infanterie v. Caprivi, die Thron­rede entgegenzunehmen und, das Haupt mit dem Helm bedeckt, dieselbe zu verlesen, wie folgt:

Geehrte Herren

Nachdem Sie durch die Neuwahlen zu gemeinsamer Ar­beit mit den verbündeten Regierungen berufen worden sind, heiße Ich Sie bei dem Eintritt des Reichstages in die achte Legislaturperiode willkommen. Ich hoffe zuversichtlich, daß es Ihnen gelingen wird, die bedeutsamen Fragen der Ge­setzgebung, die an Sie herantreten, einer befriedigenden Lö­sung entgegenzuführen. Ein Theil dieser Fragen ist so dring­licher Natur, daß es nicht thunlich erschien, die Einberufung des Reichstags länger hinauszuschieben.

Ich rechne dahin vornehmlich den weiteren Ausbau der Arbeiterschutz-Gesetzgebung. Die im Laufe des verflossenen Jahres in einigen Landestheilen vorgekommenen Aus st andsbe wegungen haben Mir Anlaß gegeben, eine Prüfung der Frage herbeizuführen, ob unsere Gesetz­gebung den innerhalb der staatlichen Ordnung berechtigten rmd erfüllbaren Wünschen der arbeitenden Bevölkerung in ausreichendem Maße Rechnung trägt. Es handelte sich dabei in erster Linie um die den Arbeitern zu gewähr­leistende Sonntagsruhe sowie um die durch Rücksichten ber Menschlichkeit und im Hinblick aus die natürlichen Ent­wickelungsgesetze gebotene Beschäftigung der Frauen- und Kinderarbeit. Die verbündeten Regierungen haben sich überzeugt, daß die von dem letzten Reichstage in dieser Be­ziehung gemachten Vorschläge ihrem wesentlichen Inhalte .nach ohne Nachtheil für andere Interessen zu gesetzlicher Geltung gebracht werden können. Im Zusammenhänge damit hat sich aber noch eine Reihe weiterer Bestimmungen als der Verbesserung bedürftig und fähig erwiesen. Hierhin gehören insbesondere die gesetzlichen Anordnungen zum Schutze der Arbeiter gegen Gefahren für Leben, Gesundheit und Sittlichkeit, sowie über den Erlaß von A r b e i t s - Or d n u n g e n. Auch die Vorschriften gegen­über der zunehmenden Zuchtlosigkeit jugendlicher Arbeiter, Vorschriften über die Arbeitsbücher be­dürfen einer Ergänzung zu dem Zwecke, um das elterliche Ansehen gegenüber der zunehmenden Zuchtlosigkeit jugend­licher Arbeiter zu stärken. Die hiernach erforderliche Um­gestaltung und weitere Ausbildung der Gewerbeordnung findet ihren Ausdruck in einer Vorlage, welche Ihnen unverzüglich zugehen wird. Eine weitere Vorlage erstrebt die bessere Regelung der gewerblichen Schiedsgerichte und zugleich eine Organisation derselben, die es ermöglicht, die Gerichte Hei Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern über