Samstag den 8. Februar
Nr.? 33.
1890
Der Kietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener Il«mikienvtä1ter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
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folgenden Tao erscheinenden Nummer bis Borm. T Gratisöeikage: Gießener Aamikienökätter.
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Amtlicher Theil.
Gießen, am 7. Februar 1890. Betr-: Die Einsendung der Waisenbüchsengelder.
Das GroWrzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Unter Hinweis auf unser Amtsblatt Nr. 3 vom JO. Febr. 1877 erinnern wir Sie an Einsendung der Waisenbüchsengelder und zwar durch eine Kosten nicht veranlassende Gelegenheit.
v. Gagern.
Nr. 5 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 4. d M., enthält:
(Nr. 1884.) Verordnung, betreffend den Verkehr mit Arzneimitteln. Vom 27. Januar 1890.
Gießen, den 6. Februar 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsche- Reich.
Darmstadt, 6. Februar. Das gestern ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 5 enthält:
1. Bekanntmachung Gcoßherzogl. Staatsministeriums/ den Erlaß polizeilicher Vorschriften für die Beförderung von Petroleum in Kastenschiffen auf dem Rhein betreffend.
2. Bekanntmachung der Großherzogl. Ministerien des Innern und der Justiz, die Inkraftsetzung der § 18 und 140 des Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes betreffend.
Ans dem Großherzogthum Hessen, 5. Februar. Die Reihe der von den Nationalliberalen im Einverständniß mit den Conservativen aufgestellten Caudidaten stellt sich in den neun hessischen Wahlkreisen wie folgt: Darmstadt-Groß- geran: Rechtsanwalt Dr. Osann-Darmstadt (nl.), Rechtsanwalt Munckel-Berlin (dfr.), Bildhauer Müller-Darmstadt (ioc.); Bensheim-Neustadt-Erbach: Scipio, bisheriger Abgeordneter (nl.), Professor Dr. Stengel (dfr.)- Offenbach- Babenhausen-Dieburg : Böhm, bisheriger Abgeordneter (nl.), Rechtsanwalt v. Brentano-Friedberg (cL), Ulrich-Offenbach soc.)- Worms-Heppenheim: v. Marquardsen, bisheriger Abgeordneter (nl.), Oberlandesgerichtsrath Franck-Darmstadt (cl.); Mainz-Oppenheim: Redacteur Jakoby-Mainz (nl.)- Racke, bisheriger Abgeordneter (cl.), Jöst-Mainz (soc.)- Alzey- Bingen : Bürgermeister Michel-Nenbremberg (nl.), Bamberger, bisheriger Abgeordneter (dfr.); Gießen: Schlenke-Hardthof bei Gießen (nl.), Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch-Gießen (dsr.); Friedberg-Büdingen: Gras Oriola-Büdesheim in Oberhessen (nl.), Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch-Gießen (dfr.) - Alsfeld : Kalle, bisheriger Abgeordneter (nl.). Bisher sieben Kreise
LenrlleLon.
Der Collrga des Herrn Stadtmusikus.
Humoreske von Carl Cassau.
Motto: Das böse Gewissen erkennt man an seiner Scheu, aber sonst steht nicht jedem an der «Stirn geschrieben, wer er ist.
Bor langen Jahren war es und herrliche Sommernacht. Ein Wagen rollte schnell auf der Landstraße dahin. In der Ferne erblickte man einen dickbauchigen Thurm und rothe Ziegeldächer zwischen den grünen Wipfeln der Buchen und Kastanien, ein Bild, das im Abendsonnenstrahl einen wohlthuenden Eindruck hervorbrachte.
Der Kutscher aus dem Bocke, der bisher stumm neben seinem Begleiter, einem hochgewachsenen Menschen in einfacher Dienertracht gesessen, hob die Peitsche ilnd zeigte nach drüben :
„Das ist Giersberg!"
„Giersberg? So? Hm!"
Dies Wenige sagte er mit fremdländischem Accent.
Man kam während dieses Gespräches an eine massive neue Steinbrücke, welche über ein tief in das Wiesengrün einschneidendes Flüßchen führte.
„Morgen ist dort Kirchweih !" hob der Kutscher wieder an.
„Kirchweih? Hm, so!"
Es schien, als ob der Diener diefe letzten beiden Wörter gepachtet habe.
Das mochte auch der Kutscher denken, denn er brummte etwas Unverständliches von hochmüthigem Musikantenpack in den Bart, versah aber dabei, die Pferde links zu reißen und fuhr mit dem rechten Vorderrade der Kalesche so gegen einen Brückenstein von Granit, daß die Achse wie eine welke
nationalliberal, eiiier clerical (Mainz), einer deutschsreisinnig (Alzey-Bingen) vertreten.
Neueste Nachrichten.
WoW telegraphisches Correspondenz-Bureau. i
Berlin, 6. Februar. Der Reichskanzler gab Nach- mittags den Beamten des Handelsministeriums ein M i t t a giesse n, wobei er dem Unterstaatsssecretür und den Vortragenden Räthen seinen Dank für die treue Unterstützung aussprach, welche sie ihm während seiner zehnjährigen Leitung des Handelsministeriums zu Theil werden ließen. Zum Diner war auch der neue Handelsminister v. Berlepsch anwesend.
— Von den National liberalen wird im Abgeordnetenhause beantragt, die Regierung zu ersuchen, die Ueber- nahme der aus dem Jahre 1807 herrührenden Kriegsschuld der Stadt Königsberg, sowie der übrigen aus dem französischen Kriege herrührenden Kriegsrestschulden, namentlich der Niederlausitz, Neumark und Kurmark auf Staatsfonds in Erwägung zu nehmen.
Berlin, 6. Februar. Als Subscriptionspreis der neuen 3^/2 procentigen Deutschen Reichsanleihe wird 1021/2 genannt.
Berlin, 6. Februar. Herrenhaus. Der Präsident, Herzog v. Ratibor, berichtet über das dem Kaiser anläßlich des Hinscheidens der Kaiserin Augusta ausgesprochene Beileid und übermittelte den königlichen Dank für dasselbe, ebenso £ür die Glückwünsche anläßlich des Geburtstages des Kaisers, nebst einem kaiserlichen Schreiben. — Die auf der Tagesordnung stehenden Vorlagen wurden sämmtlich angenommen. Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr: Gesetzentwurf betreffend die Unterhaltung nicht schiffbarer Flüsse Schlesiens.
Berlin, 6. Februar. Das Abgeordnetcnyaus verwies den Antrag Broemel betreffend die Ermäßigung der Personen-, Gepäck und Gütertarife an eine Commission von 28 Mitgliedern. Nächste Sitzung Freitag 11 Uhr: Eisen- bahneiat.
Stuttgart, 6. Februar. Der „Staatsauzeiger" theilt über das gerichtliche Verfahren gegen den Attentäter Martin Müller Folgendes mit: Der Oberamtsarzt in Ludwigsburg erklärte, Müller leide au primärer Verrücktheit. Dteselbe Ueberzeugung gewann der Untersuchungsrichter. Das Medicinalcollegium sprach aus, die Unzurechnungsfähigkeit Müllers sei unzweiselhast. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft entschied das Landgericht, Müller sei hinsichtlich der Beschuldigung des Mordversuchs (begangen an dem Prinzen Wilhelm) und des Hochverraths außer Verfolgung zu setzen. Da außer Zweifel steht, daß Müller geistesgestört sei, so wird derselbe nunmehr in eine öffentliche Irrenanstalt verbracht.
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Kohlrübe mitten durchbrach und der Wagen sich aus die rechte Seite neigte.
Der Kutscher war schon mit einem Fluche hinunter, aus dem Fond der Chaise aber fragte jetzt eine tiefe Stimme:
„Was gibts hier, Börs?"
„Mir scheint ein Achsenbruch vorgefallen zu fein, gnädiger Herr!" entgegnete der Diener.
Darauf sagte die Stimme drinnen einige Worte in einer fremden Sprache — es mochte norwegisch oder schwedisch sein — worauf der Diener ebenfalls vom Bock stieg und seinem Herr behilflich war, aus der Chaise zu klettern. Es war eine hohe, etwas gebeugte Gestalt, ganz in dunkle Stoffe gekleidet, ein Mann von etwa sechsunddreißig Jahren mit einem etwas dicken Kopse und breitem Gesicht, aber mit geistreichen Augen, welcher sich jetzt aus dem Wagen herausschälte und theilnahmlos sich die wirklich schöne Landschaft an- schaute. Er mochte wohl Besseres gesehen haben, denn er wandte sich an den Diener:
„Börs, meine Amati!"
Der Diener sprang in die Chaise und holte einen Geigenkasten von Ebenholz daraus hervor.
„Ich werde sie wohl verwahren, gnädiger Herr!"
„Nein, nein", meinte jener aber besorgt, „ich nehme sie selbst zu mir, Börs! Bleibe Du bei den Koffern. Ich gehe zu Fuß in die Stadt - suche einen guten Gasthof! Das Ding da ist klein, wir werden uns treffen schon!"
Damit war er leichtfüßig davon und schritt die Landstraße hinab durch das Thor, an dem einzigen dienstthuenden Stadtsoldaten mit dem obligaten Strickstrumpf in der Hand vorbei, bis an eine Schmiede, wo der Meister noch eifrig mit drei Gesellen am Ambos hantirte.
„Habe draußen Unglück gehabt, Meister," redete diesen
Stuttgart, 6. Februar. Der Personenzug von Göppingen fuhr heute früh in Canstatt auf den Güterzug, welcher entgleiste. Dem „Neuen Stuttgarter Tageblatt" zufolge sind mehrere Wagen zertrümmert. Das Geleise der Remsbahn ist gesperrt. Niemand wurde verletzt.
Wien, 6. Februar. Die Blätter begrüßen befriedigt die beiden Erlasse des Justiz Ministers für Böhmen. Die „Neue Fr. Pr." erkennt an, daß dieselben nicht nur tm Wortlaute, sondern auch im Geiste den Conserenzbeschlüssen entsprechen. Die „Presse" erblickt in der raschen Initiative des Justizministers einen Beweis für den Eifer und das warme Interesse desselben für den Ausgleich.
Wien, 6. Februar. Kaiser Franz Joses reiste heute Abend nach Budapest ab.
— lieber die Erlasse des Deutschen Kaisers äußert sich die gesammte hiesige Presse sehr anerkennend- so schreibt das „Frerndenblat:": Die Erlasse werden vom deutschen Publikum zweifellos freudigst begrüßt werden und auch auf die Wahlen nicht ohne Einfluß bleiben. Sie sind geeignet, auch im Auslande allseitige Aufmerksamkeit zu erregen. Die „Presse" meint, es sei dies eine politische That ersten Ranges, welche für die sociale Frage in ganz Europa lange Zeit epochemachend sein werde. Für die Wahlen bildeten die Erlasse ein Programm, durch welches die Arbeit auf den socialen Gebieten zum Zwecke des Friedens vorgezeichnet sei. Die „Neue Freie Presse" sagt, die Bedeutung der Erlasse reiche weit über den Rahmen des vorübergehenden Wahlkampfes hinaus.
Wien, 6. Februar. Die „Polit. Corr." ist ermächtigt, zu erklären, daß die Darstellung einiger Blätter unrichtig sei, wonach durch die beabsichtigte Einführung des rauchlosen Pulvers in der beendigten Ausrüstung der Infanterie mit dem achtmillimeterigen Repetirgewehr Veränderungen nothwendig würden, welche neue finanzielle Belastung und Störungen, bez. der Schlagfertigkeit der Armee befürchten ließen. Bei der Construction des Repetirgewehrs fei auf die Einführung des rauchlosen Pulvers bereits von vornherein Rücksicht genommen worden. Die nothwendig werdende Veränderung des Gewehrs beschränke sich ausschließlich aus eine Correctur der Visirvorrichtung und wird weder die Schlagfertigkeit stören, noch eine namhafte finanzielle Belastung Hervorrufen.
Wien, 6. Februar. Wie die „Abendpost" vernimmt, sind im Ministerium des Innern die Vorarbeiten zur Reform der böhmischen Landtagswahlordnung und Errichtung nationaler Curien im, böhmischen Landtage im Sinne der Beschlüsse der Ausgleichs^onferenz bereits in vollem Zuge. Ein Gesetzentwurf betr. den Gebrauch der Landessprachen bei den autonomen Behörden Böhmens wurde bereits am 29. Januar behufs Vorlage an die Landesvertretung nach
der Fremde an, „eine Achse gebrochen! Wann kann sie fein wieder fertig? Habe Eile!"
Der Schmied ließ den schweren Hammer auf die Erde sinken, stemmte die Hände in die Seite und sagte:
„Achse gebrochen? Hm, schöne Geschichte!"
„Wann wird sie fertig wieder?" fragte der Andere nochmals ungeduldig in fremdländischem Accent.
„Heute nicht," lautete die lakonische Antwort.
„Morgen denn?"
„Morgen ist Kirchweih, da wird nicht gearbeitet!" „Aber ich werde gut bezahlen, Meister Schmied!" „Dann will ich sehen- vielleicht morgen Mittag." Pink, pank, bink, bunk, hieben nun alle Vier wieder aus ein Stück Eisen, welches der Lehrjunge unterdeß glühend gemacht, so daß die Funken dem Fremden um die Ohren flogen und er scheu zurücktrat.
Er stand noch eine Weile, faßte dann grüßend an den breitrandigen Hut und ging davon, in die Stadt hinein, an der Kirche mit dem schon beschriebenen Thurm vorbei, während er die Häuser der Nachbarschaft musterte. Vor einem derselben stand ein corp ul enter, pausbackiger Mann von etwa 45 Jahren in Hemdsärmeln und rauchte aus einer kurzen Pfeife. Er musterte den Fremden mit dem Geigenkasten scharf und sprach ihn dann folgendermaßen an:
„Der Herr ist wohl Musiker?"
Der Fremde lächelte leicht:
//Ja, so viel das tägliche Brot verlangt!"
„So, so? Glaubte schon, der Herr wolle hier ein Con- cert geben?"
„Ah, morgen zur Kirchweih? Nicht übel!"
„Das meinte ich nicht", entgegnete der Pausbackige und that einen tüchtigen Zug aus der Tabakspfeife. „Der Herr muß nämlich wissen, daß ich hier im Orte die göttliche Musika


