Nr. 6.
Mittwoch den 8. Januar
1890.
Der
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Amtlicher Theil.
Vorladung
Nachdem gegen den Rekruten Heinrich Schmitt von Heppenheim, Kreisamt Worms, Hessen, aus dem Landwehrbezirk Lörrach, der förmliche Desertionsproceß eingeleitet wurde, wird derselbe hierdurch ausgefordert, spätestens in dem auf
Dienstag den 15. April 1890,
Vormittags 10 Uhr, im hiesigen Militärgerichtslocal anberaumten Termine sich wieder einzufinden, widrigenfalls er nach Schluß der Untersuchung in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und in eine Geldstrafe von 150 bis 3000 Mark verurtheilt werden wirb. Freiburg i. B-, den 6. Januar 1890.
Königliches Gericht der 29. Division.
Politische Ueversicht.
Gießen, 7. Januar.
Heber die Ansprache, welche der Kaiser am Neujahrstage bei der Parole-Ausgabe an die hierzu versammelten Generäle und anderen höheren Offiziere gerichtet hatte, wird jetzt nachträglich Näheres bekannt. Der Kaiser wies zunächst daraus hin, daß die Armee jederzeit zur Verteidigung des Vaterlandes bereit sein müsse, betonte dann zwar, daß alle Mächte, und ihnen voran Deutschland, nach Erhaltung des Friedens trachteten, erklärte jedoch weiter, daß hierdurch das Heer trotzdem nicht von seiner Pflicht, jederzeit fertig und bereit zu sein, zur Grenze zu eilen, entbunden werde. Die besondere Pflicht — fuhr der erlauchte Monarch fort — der Generäle und Offiziere sei es, dieses Stetsfertigsein vorzubereiten und jetzt namentlich gelte es, sich in die Neuformationen und in die durch das neue kleinkalibrige Gewehr und das rauchlose Pulver bedingten Aenderungen einzuleben und die Soldaten zu möglichster Selbstständigkeit zu erziehen. Mit dem Ausdrucke der Erwartung, daß Generäle und Offiziere das Ihrige thun würden, damit dies Alles in dem neubegonnenen Jahre zu gutem Ende gelange, schloß der Kaiser seine markige Ansprache.
In Berliner parlamentarischen Kreisen nimmt man an, daß die Reichstagssesfion in der ersten Februarwoche geschlossen werden könne. Ob es aber in den vier Wochen, welche dem Reichstage alsdann noch zur Verfügung stünden, möglich sein wird, das gesammte noch übrige Arbeitsmaterial zu erledigen, möchte beinahe zu bezweifeln sein, indessen muß erst abgewartet werden, wie sich der Anfang dieser zweiten Sessionshälfte gestattet. Wenn freilich das Haus auch im neuen Jahre so große Lücken ausweisen sollte, wie dies in dem
Sessionsabschnitte vor Weihnachten saft immer der Fall war und wenn zudem sich die Debatten wiederum so weitschweifig gestalten sollten, dann dürfte der Reichstag doch wohl bis zum zulässigen äußersten Termin, bis gegen den 20. Februar, zu tagen haben.
In dem oberfchlesischen Kohlenbezirke sind jetzt ernstliche Einignngsverhandlungen zwischen den strikenden Bergleuten und den Grubenverwaltungen eingeleitet worden. Am Samstag conferirte der Regierungspräsident aus Oppeln in Kattowitz mit einem Vertreter des Oberbergamtes, den Landräthen von Kattowitz und Zabrze, sowie dem Direetor der Gewerkschaft von Giesches Erben, inwieweit den Forderungen der Strikenden entgegengekommen werden könne. Inzwischen hat bereits die Verwaltung des Schmiederschachtes ihren Arbeitern die von denselben in erster Linie verlangte achtstündige Arbeitszeit bewilligt und dürfte infolgedessen die Belegschaft des genannten Schachtes am 7. Januar wieder angefahren sein. Ein allgemeiner Ausstand der oberschlesischen Bergleute gilt jetzt als völlig ausgeschlossen.
Zum portugiesisch-englischen Conflict liegen aus Südafrika Nachrichten vor, welche auf eine neuerliche Verschärfung desselben hindeuten. Aus ihnen erhellt, daß die Portugiesen bis Katunges am Zambesi vorgedrungen sind, die Dampfer der englisch-südafrikanischen Gesellschaft angehalten und durchsucht, sowie aus allen Stationen die Einziehung der britischen Flagge erzwungen haben. Der britische Consul in Zambesi- Land, Johnston, soll dagegen die Freundschaftsverträge mit den Makololos, Harangos und anderen Stämmen im Nyassa- Gebiet erneuert haben und stehen diese Stämme dem Vernehmen nach verbündet gegen die Portugiesen da, ja, die offenen Feindseligkeiten zwischen beiden Parteien sollen Breits begonnen haben. Falls diese Nachrichten dem wirklichen Stande der Dinge in dem strittigen südafrikanischen Gebiete entsprechen, so dürfte von dem diplomatischen Notenwechsel zwischen London und Lissabon nicht mehr viel zu hoffen sein.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 6. Januar. Die Kaiserin Augusta hatte in Folge des gestern Abend wieder eingetretenen Fiebers eine unruhige Nacht ohne erquickenden Schlaf. Der Krankheitsverlauf ist indessen dem Charaeter der Influenza entsprechend, die Kräfte erhalten sich aus noch ausreichender Höhe.
Berlin, 6. Januar. Das Emin-Pascha-Comito erhielt ein Telegramm von Clemens Denhardt aus Zanzibar, er habe aus Lamu neuerdings Briefe des Dr. Peters für das Comite erhalten. Peters sei unterwegs von Kenia zum Baringosee.
Berlin, 6. Januar. Wie die „Nordd. Allg. Ztg." vernimmt, wurde vom Reichskanzler eine Aeußerung des preußi
schen Staatsministeriums über die weitere Behandlung der Angelegenheit des Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. eingefordert.
Berlin, 6. Januar. Die „Nationalztg." schreibt: „In der Presse wird unter Benutzung der Thatsache, daß Sachsen und Hamburg besonders lebhaft sür Erhaltung der Ausweis u n g s b e f u g n i ß eintreten, eine angebliche Meinungsverschiedenheit zwischen dem Reichskanzler und dem Minister Herrfurth eombiuirt, indem ersterer den gedachten Regierungen zustimme, letzterer nicht, infolge dessen die Stellung Herrfurths erschüttert sei. Wir halten diese Angaben für völlig grundlos.
Würzburg, 6. Januar. Der Professor der Rechte Wirsing ist heute gestorben.
Wien, 5. Januar. Die heutige zweite Sitzung der Ausgleichseonserenz im Ministerrathspräsidium begann Nachmittags 2 Uhr und dauerte bis 41/2 Uhr. In derselben entwickelte Rieger im Namen der Altezechen die Stellung der böhmischen Vertreter zu den von Plener vorgebrachten Wünschen der Deutschen, und knüpfte daran die Darlegung der Wünsche der böhmischen Vertreter. Darauf erfolgte eine Reihe von Anfragen und eine längere Debatte. Die nächste Sitzung ist auf morgen Nachmittag anberaumt. — Für morgen Nachmittag 6 Uhr sind sämmtliche Mitglieder der Conferenz sowie die an derselben theilnehmenden Minister zum Diner zum Kaiser geladen. Heute gab der Ministerpräsident Graf Taaffe ein Diner bei Sacher, an welchem sämmtliche Conferenzmitglieder sowie die betheiligten Minister theilnahmen.
Paris, 6. Januar. Präsident Carnot ist wieder völlig hergestellt und hielt heute Vormittag die gewöhnlichen Empfänge.
London, 6. Januar. Eine von der Verwaltung der britisch-afrikanischen Seegesellschast heute veröffentlichte Depesche berichtet über Ausschreitungen der Portugiesen im Nyassa- lande und Beschimpfung der englischen Flagge durch dieselben. Das Reuter'sche Bureau erfährt, daß weder der englischen noch der portugiesischen Regierung eine den Inhalt dieser Depesche irgendwie bestätigende Nachricht zugegangen ist. Man glaubt, es handele sich um Vorfälle älteren Datums. Die Abendblätter verlangen bei der Besprechung der obigen Nachrichten allesammt Genugthuung von Seiten Portugals.
London, 6. Januar. Die Influenza grassirt außer in London auch sehr heftig in den Provinzen. In Birmingham allein sind gegen 50 000 Personen von derselben befallen. Alle Londoner Krankenhäuser sind mit Jnfluenzakranken überfüllt. Der Ackerbauminister Chaplin hatte einen heftigen Jnfluenzaanfall. Lord Salisbury ist in rascher Genesung begriffen.
Dublin, 6. Januar. Die Munizipalität lehnte den Antrag, die Königin zur Eröffnung des Kunstmuseums ein
Feuilleton.
Die rettende Schwiheur.
Humoristische Erinnerung eines „alten Hauses".
Ich war flotter Bursch bei der „Longobardia" in der Universitätsstadt X., dem alten lieben, krähwinkligen Neste, das seitdem durch die Eisenbahn angeblich in den großen Weltverkehr mit hineingezogen worden sein soll. Nun, ich bin seit jener schönen Zeit, in der ich nebst meinen Verbindungsbrüdern die „Philister" von X. in Angst und Schrecken setzte, noch ein paar Mal in dem alten Musensitze gewesen, ich kann aber demselben bezeugen, daß er trotz des recht stattlichen Bahnhofs und der hübschen Villen in der „Bahnhofstraße" sich doch seine Physiognomie von damals noch so ziemlich bewahrt hat. Wenigstens sind die krummwinkeligen Straßen im Innern der Stadt und ebenso die altberühmten Kneipen des Centrums, wie der „Fuchsbau", der „Zapfen" und der „Stolze Häring" noch dieselben geblieben, und was den Verkehr anbelangt, so scheint sich dessen „Hebung" nur dadurch zu doeumentiren, daß jetzt das Seidel Bier im „Fuchsbau" zwanzig Pfennige, anstatt wie früher zehn Pfennige kostet und daß man im Gasthof zum „Rothen Löwen" für ein Zimmer zwei Mark zahlen muß, während es früher nur fünf „gute Groschen" kostete.
Aber freilich, tempora mutantur — und wir ändern uns mit den Zeiten und daß sich eben nicht blos die Gast- hosspreise ändern, sondern auch das leichtlebige Menschenvolk selbst, das habe ich bei meiner letzten Anwesenheit in X. gemerkt. Gewiß, es herrschte unter den jungen Musensöhnen noch ein ebenso froher, lebendiger Geist wie zu „meiner Zeit" — und doch — und doch . ... es war anders geworden! Oder hätte mich sonst der junge Vandalenfuchs, der meinen
Lootsen während der Nachhausesahrt vom „Zapfen" zum „Rothen Löwen" abgab, ordentlich rührend gebeten, den behelmspitzten Wächter des Gesetzes in Ruhe zu lassen, der mich immer so höhnisch anlächelte? Oder — um die Sache von einer anderen Seite zu beleuchten — gingen wir damals so geschniegelt und gebügelt, trugen wir damals solch' schöne rothe und gelbe Handschuhe, rochen wir damals so nach „mille de fleurs“, spielte damals der „Kneifer" eine solche Rolle, als dies heutzutage in der akademischen Welt der Fall ist? . . . doch, wohin gerathe ich mit meinen Betrachtungen, — ich wollte ja ein lustiges Stücklein aus meiner Studentenzeit erzählen, aber keineswegs eine Charaeteristik der heutigen akademischen Jugend im Vergleiche zu der Generation der Musensöhne vor etwa 30 Jahren geben.
Nun also, wie schon angedeutet, ich war ein flottes Haus, pauckte mich tüchtig auf dem Fechtboden und der Mensur herum, hatte mit Schustergesellen und Bauernburschen meine regelmäßigen „Holzereien", war überhaupt der Schrecken aller Nachtwächter von X. und führte im Uebrigen eben ein so sorgloses und fröhliches, ja tolles Leben, wie man es als Studio im vierten Semester und gestützt auf einen sehr anständigen Wechsel, nur immer führen kann. Als Jurist hatte ich zwar verschiedene staatsrechtliche Collegia belegt, doch ließ ich mich nur höchst selten in denselben blicken — lieber Gott, wer ging denn auch des „Studirens halber" groß nach X.? Höchstens doch nur einige Muttersöhnchen, gewesene „Zierden" der Gymnasien, die gewissenhaft ihr Triennium, oder wenn es hoch kam, ihre sieben bis acht Semester „abschraubten" um dann „examine bene“ oder gar „optime superato“ schleunigst in Amt und Würden zu gelangen, aber wir Andern hatten es gar nicht so eilig, das luftige Studentenleben mit dem Dasein eines „Philisters" zu vertauschen, und vollends ich, der als Schläger wie als Trinker in X. gleichberühmte
wilde „Longobarde" bezeigte hierzu noch nicht die geringste Neigung.
Mein „Alter" nun, welcher in N., einem etwa zehn Meilen von L. entfernten großen Dorfe das sogen. Erblehn- gericht besaß, mußte trotz der sehr mangelhaften Verbindung zwischen beiden Orten auf irgend eine Weise von meinem Treiben Wind bekommen haben. Denn eines schönen Tages brachte mir der alte, bucklige Stadtpostbote Donner eine väterliche Epistel, welche leider nicht den von mir gewünschten Nachschuß von „Moos", wohl aber eine eindringliche Strafpredigt enthielt und mir für nächste Zeit den Besuch meiner Frau Mama in Aussicht stellte, die sich persönlich über das Thun und Treiben ihres Sprößlings informiren wollte. Indessen, ich hielt diese Mittheilung nur für einen Schreckschuß — wie, meine liebe, dicke Mama, welche die Bequemlichkeit über Alles liebte, sollte sich viele Stunden lang in einen Postwagen einzwängen und nach X. rädern lassen, lediglich, um einmal nach ihrem Söhnchen auszuschauen? Lächerlich, da glaubte ich die verehrte Mama viel zu gut zu kennen, und was Vater anbelangte, so wußte ich ohnehin, daß ihm dessen mannichfaltige Berufsgeschäfte nur sehr selten einmal erlaubten, von zu Hause abzukommen — was war da also zu fürchten? Und doch sollte mir das „Verhängniß" näher sein als ich annehmen durfte.
Im Saale des „Grauen Wolf", einem Gasthofe, in welchem gewöhnlich die ländlichen Honoratioren aus der Umgegend Absteigequartier nahmen, wenn sie ihre Geschäfte nach unserer Musenstadt fiihrten, pflegten die Longobarden in corpore zu paucken, wenn es sich darum handelte, irgend eine neue „Finte" oder dergleichen einzuüben. Dies war auch an einem schönen Junivormittag der Fall gewesen und nach beendigtem Exereitium stürmten wir, die Nappiere noch in der Hand, mitten unter uns die beiden Verbindungshunde


