ließ die Hand sinken, während Thorbecke ehrerbietig, aber mit eiserner Bestimmtheit nunmehr die politischen Gründe gegen eine Betheiligung Hollands an dem deutsch-französischen Kriege entwickelte und den Widerwillen der Parlamentsmehrheit dagegen hervorhob. Einige Stunden später erfuhr man, daß Wilhelm III. das gefährliche Schriftstück der Kriegserklärung selbst zerrissen habe.
Eingesandt.
Gießen, 6. December.
Alle Achtung vor dem idealen Ziele, das der Herr Verfasser des „Eingesandt" in Nr. 284 dem Theaterverein steckt. Aber wenn er sagt: „Wir meinen nicht jene spielende, leichtfertige Kunst, die nur zur Verkürzung der Stunden geschaffen, wir meinen jene Kunst, die mit ernster, sinnender Stirn über die Erde wandelt, die den Menschen erhebt in dm Mühen des Alltagslebens, sein Denkm verinnerlicht und veredelt, und ihn stark macht zum Kampf, den jeder Tag von ihm fordert" — so könnte dies mißverstanden werden.
Gewiß, die „leichtfertige" Kunst soll der Theateroerein nicht fördern. Elende Machwerke, die unter der iFlagge des Lustspiels segeln, weil sie mit mehr oder weniger schlechten Witzen ausgestattet sind, soll er nicht aufttschen. Daß dies nicht geschehen wird, dafür bürgt uns das Kunftverständniß der Männer an der Spitze.
Aber Kunst ist Kunst. Die Eomödie ist gerade so viel werth wie die Tragödie.
Soll die heitere Kunst, die uns, indem sie „die Stunden ver- kürzP, auch „über das Alltagsleben erhebt und veredelt", von dem Programm des Theatervereins ausgeschlossen sein?
Auf „Madame Bonivard" verzichtm wir gerne, aber „Freund Fritz"*) sehe ich unter Umständen lieber als Wallenstein.
Wenn nur jene Kunst herrschen soll, die „mit ernster, sinnender Stirn über die Erde wandelt", wie steht es dann mit den geplanten Dtlettantenaufführungen? t _ _, . . f ,
Die Darstellung von Tragödien und ernsten Schauspielen durch Dilettanten ist einfach undenkbar. Eine Aufführung der „Zrtng" durch Studenten hat mich davon gründlich überzeugt. Wenn einmal theatralische Dtlettantenaufführungen stattfinden sollen, dann muffen auch Lustspiele ins Repcrtoir ausgenommen werden. Ueber die Lustspiele von Benedix z. B., so hausbackm sie auch manchmal sind, kann man, wenn fie von einigermaßen geschickten Dilettanten gespielt werden, rC<^ Was^ie Aufführung von ernsten Stücken anbelangt, so möchte ick mir auch dazu eine Bemerkung erlauben.
Der Theaterverein will, denke ich, nicht nur „die künstlerischen Interessen Gießens" fördern, sondern die Kunst überhaupt. Dies kann er nicht besser als durck Erweckung und Vertiefung des Verständnisses der modernen Kunst. Die unsinnigen Ansichten, die man darüber häufig hört, werden verschwinden, wenn das Publikum aus eigner Anschauung urtheilen kann.
„Vor Sonnenaufgang" ist z. B. gar nicht o schlimm, wie aeschrieen wurde, sondern ein tief sittliches, mächtig erschütterndes Stück. Wenn der Theaterverein dieses Werk einmal aufführt, dann verdient er sich gewiß den Dank Aller. —t.
•) Gerade dieses Stück dürfte für eine Aufführung besonders zu empfehlen sein.
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