Ausgabe 
7.12.1890 Zweites Blatt
 
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Adam Reinere^ n 7 December low- 5 Kaiserl. Russ. Hofschau- rrn Adalbert Brummer, er Abonnement).

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Nr. 286. Drittes Blatt. Sonntag de» 7. December

1890

Der tut«*« A«reißer erschein! täglich, h Ausnahme bei Montags.

Die Gießener M««ilie» Blätter »erben dem Anzeiger »ßchrvtlich dreimal deigelrgt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

VierteliShriger >86*ec«aibyrtte t 2 Mark 20 Pfg. aS Bringerlohn. Durch die Post bezog«: 2 Mark 50 Pfß.

Redaction, lkxpeditke^ und Druckerei:

Fchulstratze Fernsprecher 51,

Amts- unb Anzeigeblatt für den Areis Gieren.

-7- ! Hratiskeikage: Hi-ß-ner K-miN-nMtt-r.

Amtlicher Theil.

Polizei-Reglement, die polizeiliche Beaufsichtigung der Spinnstuben in der Gemeinde Allendorf a. d. Eahn betreffend.

Mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 1. December 1890 zu Nr. M. I. 28379 wird hiermit nachstehendes Polizei-Reglement für die Gemeinde Allendors a. d. Lahn erlassen:

1) Spinnstuben dürfen in Privathäusern nur bis zu der festgesetzten Polizeistunde stattfinden. Wer über diese Stunde hinaus eine Spinnstube hält oder an einer solchen Theil nimmt, wird mit Geldstrafe bis zu 30 Mk. bestraft-

2) Gegenwärtiges Polizei - Reglement tritt mit dem Tage seiner Verkündigung in Krast.

Gießen, den 1. December 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Gießen, den 5. December 1890.

Betr.: Die Ausführung des Gesetzes über den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grosib. Bürgermeistereien des Kreises.

Unter Bezugnahme aus unsere Ausschreiben vom 17. No­vember 1880 (Anzeiger Nr. 273), vom 27. März und 11. November 1885 (Amtsblatt Nr. 1 und 7 von 1885) erinnern wir Sie an Einsendung der Ueberwachungsbogen bezüglich der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren (§ 17 der Instruction) bezw. an die Ihnen oblie­gende Berichterstattung im Falle in Ihrer Gemeinde keine solche Kim er verpflegt worden sind.

v. Gagern.

Kaiser Wilhelm über die Schulftsgr.

Berlin, 4. December.

Die Rede, welche in der am 4. d. Mts. eröffneten Con­serenz zur Berathung der Frage des höheren Schulwesens der Kaiser hielt, hat nach demReichsanzeiger" folgenden Wortlaut:

Meine Herren! Ich habe mir zuerst ausgebeten, einige Worte zu Ihnen zu reden, weil mir daran liegt, daß die Herren von vornherein wissen, wie ich über die Sache denke. Es wird entschieden sehr Vieles zur Discussion kommen, ohne entschieden werden zu können, und ich glaube, daß auch manche Punkte nebelhaft im Dunkel bleiben werden,- deßhalb habe ich es für gut gehalten, die Herren nicht im Zweifel darüber zu lassen, welches meine Ansichten darüber sind. Zunächst möchte ich bemerken, daß es sich hier vor allen Dingen nicht um eine politische Schulsrage handelt, sondern lediglich um technische und pädagogische Maßnahmen, die wir zu ergreifen haben, um unsere Heranwachsende Jugend den jetzigen An­forderungen der Weltstellnng unseres Vaterlandes und auch unseres Lebens entsprechend heranzubilden. Und da möchte ich gleich Eines bemerken. Ich würde mich sehr gefreut haben, wenn wir diese Prüfungen, diese Verhandlungen nicht mit einem französischen WortSchulenquete", sondern mit dem deutschen WortSchulfrage" benannt hätten.Frage" ist das alte deutsche Wort Voruntersuchung und ich muß sagen, das ist auch mehr oder weniger eine Voruntersuchungj nennen wir die Sache doch kurzweg Schulsrage. Ich habe die vier­zehn Punkte durchgelesen, und finde, daß dieselben leicht dazu führen könnten, die Sache zu schematisiren. Das würde ich im höchsten Grade bedauern. Die Hauptsache ist, daß der Geist der Sache ersaßt wird und nicht die bloße Form. Und da habe ich meinerseits einige Fragen ausgestellt ich werde sie circuliren lassen von denen ich hoffe, daß sie auch Be­rücksichtigung finden werden. Zunächst Schulhygiene außer Turnen eine Sache, die sehr genau erwogen werden muß sodann Verminderung des Lehrstoffes, Erwägung des Aus- zllscheidenden- ferner die Lehrpläne für die einzelnen Fächer, s«dann die Lehrmethode für die Organisation es sind be­reits die Hauptpunkte vorgeschlagen worden. Sechstens ist b.tr Hauptballast aus den Examinas beseitigt und siebentens d>ie Ueberbürdung in Zuktlnfr vermieden? Achtens: wie denkt mian sich die Controle, wenn das Werk zu Stande gekommen isst? Neuntens: regelmäßige und außerordentliche Revision diarch verschiedene Obcrbehörden? Ich lege hier die Fragen miif den Tisch des H..: ses, wer sie sich ansehen will, kann

sich darüber weiter insormiren. Die ganze Frage, meine Herren, hat sich allmählich vollkommen von selber entwickelt. Sie stehen hier einer Sache gegenüber, von der ich fest über­zeugt bin, daß sie durch die Vollendung, die Sie ihr geben werden, durch die Form, die Sie thr aufprägen werden, dieselbe wie eine reife Frucht der Nation überreichen werden. Dieser Cabinetsordre, die der Herr Minister vorhin zu erwähnen die Güte hatte, hätte es vielleicht nicht bedurft, wenn die Schule aus dem Standpunkte ge­standen hätte, auf welchem sie hätte stehen müssen. Ich möchte im Voraus bemerken, wenn ich etwas scharf werden sollte, so bezieht sich das auf keinen Menschen per­sönlich , sondern aus das System, aus die ganze Lage. Wenn die Schule Das gethan hätte, was von ihr zu verlangen ist und ich kann zu Ihnen als Eingeweihter sprechen, denn ich habe auf dem Gymnasium gesessen und weiß, wie es da zugeht so hätte sie von vornherein von selber das Gefecht gegen die Socialdemokratie übernehmen müssen. Die Lehrer- collegien hätten alle miteinander die Sache fester greifen und die Heranwachsende Generation so instruiren müssen, daß die­jenigen jungen Leute, die mit mir von etwa 30 Jahren, von selbst bereits das Material bilden würden, mit dem ich im Staate arbeiten könnte, um der Bewegung schneller Herr zu werden. Das ist aber nicht der Fall gewesen. Der letzte Moment, wo unsere Schule noch für unser ganzes vater­ländisches Leben und für unsere Entwickelung maßgebend ge­wesen, ist in den Jahren 1864, 1866, 1870 gewesen. Da waren die preußischen Schulen, die preußischen Lehrercollegien Träger des Einheitsgedankens, der überall gepredigt wurde. Jeder Abiturient, der aus der Schule herauskam und als Einjähriger eintrat oder ins Leben hinausging, Alles war einig in dem einen Punkte: das deutsche Reich wird wieder anfgerichtet und Elsaß-Lothringen wiedergewonnen. Mit dem Jahre 1871 hat die Sache aufgehört- das Reich ist geeint; wir haben, was wir erreichen wollten, und dabei ist die Sache stehen geblieben. Jetzt mußte die Schule von der neu gewonnenen Basis ausgehend die Jugend an- feuern und ihr klar machen, daß das neue Staatswesen dazu da wäre, um erhalten zu werden. Davon ist Nichts zu merken gewesen, und jetzt schon entwickeln sich in der kurzen Zeit, seit der das Reich besteht, centrisugale Tendenzen. Ich kann das gewiß genau beurtheilen, weil ich oben stehe und an mich alle solche Fragen herantreten. Der Grund ist in der Erziehung der Jugend zu suchen. Wo fehlt es da? Da fehlt es allerdings an manchen Stellen. Der Hauptgrund ist, daß seit dem Jahre 1870 die Philologen als beati possidentes im Gymnasium gesessen haben und hauptsächlich aus den Lernstoff, auf das Lernen und Wissen den Nachdruck gelegt haben, aber nicht aus die Bildung des Characters und die Bedürfnisse des jetzigen Lebens. Herr Geh. Rath Hinzpeter werden verzeihen, Sie sind ein be­geisterter Philologe, aber nichtsdestoweniger, die Sache ist meiner Ansicht nach bis zu einer Höhe gekommen, daß es schließlich nicht mehr weiter geht. Es ist weniger Nachdruck auf das Können wie auf das Kennen gelegt worden. Es wird von dem Grundsätze ausgegangen, daß der Schüler vor allen Dingen so Viel wie möglich wissen müsse, ob das für das Leben paßt oder nicht, das ist Nebensache. Wenn man sich mit einem der betreffenden Herren darüber unterhält und ihm klar zu machen versucht, daß der junge Mensch doch einigermaßen practisch für das Leben und seine Frage vor­gebildet werden solle, dann wird immer gesagt, das sei nicht Ausgabe der Schule; Hauptsache sei die Gymnastik des Geistes, und wenn diese Gymnastik des Geistes ordentlich getrieben würde, so wäre der junge Mann im Stande, mit dieser Gymnastik alles für's Leben Nothwendige zu leisten. Ich glaube, daß nach diesem Standpunkt nicht mehr verfahren werden kann. (Fortsetzung folgt.)

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Gießen, 6. December.

Kaiser-Panorama. Das Kaiser-Panorama wird von morgen Sonntag ab eine romantische Serie bringen, nämlich den schönen Rhein, hochinteressante Reise von Mainz bis Köln. Diese Abtheilung ist mit prächtigen Bildern ausgerüstet; namentlich sind hervorragend: die herrliche Perspective durch den Rolandsbogen, der Drachenfels mit der neuen Drachen­burg, Stolzenfels, Mäusethurm, Ehrenbreitstein, Bacharach, Niederwald-Denkmal, Kölner Dom,Moltke- u. Goebeu- Denkmal u. s. w. Daß der Besitzer stets bemüht ist, etwas Neues zu bieten, ist jedenfalls der beste Beweis, indem von jetzt ab in Dreh-Apparaten als Extra-Ausstellung 100 plastische Ansichten von den Samoa-Inseln gezeigt werden. Dieselben sind ausgenommen von einem Zahlmeister der Marine, und

sehen wir Marinebilder, Kriegsschiffe sowie die Sitten und Gebräuche der dortigen Einwohner, Missionsniederlassungen rc.

F Butzbach, 5. December. Sonntag den 7. December Nachmittags x/24 Uhr findet in Griedel eine Monats-Ver­sammlung der Section Butzbach des Wetter au er-Obst­bau-Vereins statt. Vorträge werden halten: Landwirth- schaftslehrer C. Reichelt über den Werth des Obstbaues, ins­besondere Taxation von Obstbäumen, und Obstbautechniker Metz überdie Ausstellung."

Friedberg, 4. December. Von hier ging eine mit vielen Unterschriften versehene Petition an den Reichstag ab, welche sich gegen die Zurückberufung der Jesuiten ausspricht.

Babenhausen, 4. December. Welchen Schaden der orkan­artige Sturm am 2. August d. I. in unseren Waldungen anrichtete, läßt sich jetzt erst in seinem vollen Umfange ersehen. Die niedergelegten Bäume bezw. die abgerissenen Aeste lieferten in dem Bezirke der hiesigen Oberförsterei ca. 6000 Festmeter Windfallholz und in dem benachbarten Bezirke der Ober- forfterei Dudenhofen ca. 3000 Festmeter.

* Ergebnisse der Volkszählung vom 1. December. Barmen: 116,192 (+ 13,124 seit 1885). Karlsruhe: 73,413 (+ 12,258). Kaiserslautern: 37,159 (+ 6710). Lud­wigshafen: 28,295 (+ 7253). München: 340,000 (+ 78,000).

* Chemnitz, 4. December. Der Freiberger Landtags- Abgeordnete Franz Müller überwies dem dortigen Magistrat 15 000 Mk. zur Behandlung unbemittelter Tuberkulöser nach Kochs Verfahren.

* Vom letzten Oranier entwirft ein Mitarbeiter derN. Zür. Ztg." ein fesselndes Characterbild. Im Jahre 1870 war König Wilhelm III. von Holland sehr kriegslustig gegen Deutschland gesinnt. Tagelang lief er mit der Kriegserklä­rung in der Brusttasche so zornig wie ein hungriger Löwe umher. Sein Jähzorn galt schon in gewöhnlicher Zeit als furchtbar, jedoch in jenen kritischen Tagen war man bei dem kleinsten Anlaß auf wllde Ausbrüche gefaßt, Niemand wagte es, mit dem König die Angelegenheit weiter zu besprechen. Da aber eine Klärung der Lage durchaus nöthig war auch der Berliner Hof hatte bereits von den Kriegsgelüsten des Königs Wilhelm gehört, entschloß sich aus das Drängen seiner Arntsgenossen und politischen Freunde endlich der alte Minister Thorbecke, ein ernstes Wort mit dem König zu reden. Thorbecke war damals der angesehenste Staatsmann Hollands. Er war ehedem Professor in Utrecht gewesen und. König Wil­helm konnte ihn nicht recht leiden. Selbst aufbrausend wie eine Rakete, wußte er sich mit der unerschütterlichen Ruhe, welche Thorbecke als echter Holländer besaß, nicht abzufinden. Dazu war der König klein und dick, der Minister hager und lang, kurzum, Beide die vollsten Gegensätze, nur darin übereinstimmend, daß Jeder für ein treffendes Wort zur rech­ten Zeit oder einen guten Witz höchst empfänglich war. Thor­becke behielt zeitlebens etwas in seinem Wesen vom Lehrstuhl an sich und der König redete ihn selbst als Minister mit Herr Professor" an. Andererseits behandelte Thorbecke den König ganz mit der trockenen Ueberlegenheit eines alten Schulmeisters, der Alles besser weiß und außerdem noch körper­lich so 'groß ist, daß er seinem Gegner über den Kops sieht. An dem verhängnißvollen Morgen der Entscheidung trat Thor­becke mit besonders ernstem Gesicht in das Gemach'des Königs, der ihn mißtrauisch musternd mit dem gewöhnlichen:Guten Tag, Herr Professor, was gibt's Neues in der Welt?" empfing.Sire, nichts Neues, nur die Haager erzählen sich viel dummes Zeug."So, hoffentlich doch nur von meinen Ministern und nicht von mir?"Sire, auch von Ihnen."Auch von mir? Was denn, mein verehrter Herr Professor?" sagte der König in gedehntem Ton, wäh­rend es bereits in seinen Augen bedenklich flackerte.Sire, ich möchte es kaum wiederholen, wenn nicht..."Schon gut, ich wünsche es zu hören.'"Nun, Sire," begann Thorbecke, indem er langsam jedes Wort betonte,die Haager sagen, Ew. Majestät wären verrückt geworden . . ." Weiter kam der kühne Redner nicht. Wie ein Pfeil schnellte der König empor. Dnnkelroth vor Zorn riß er das schwere silberne Tintenfaß vom Tisch, um es dem Minister in's Ge­sicht zu schleudern. Doch das Schreibzeug hatte sich mit der großen Tischdecke verwickelt und ebenso rasch hatte sich Thor­becke in seiner ganzen Länge ausgerichtet, war hart an den König herangetreten und sagte voll unerschütterlicher Gelassen­heit, aber mit eisigem Nachdruck:Sire, wenn Sie mir das schöne silberne Tintenfaß an den Kops werfen, dann haben die Haager wirklich recht!" Der König verfärbte sich und