Wir hören darüber noch weiter, daß der Brandstifter früher Kellermeister der Brauereien und dadurch mit den Localitäten' sehr vertraut war. Er hat sich nach vollbrachter That an einem außer Gebrauch gesetzten Wagen, der sich in einem Winkel der einen Halle befindet, erhängt und wurde dort nach Löschung des Feuers tobt in kauernder Stellung aufgefunden, so daß man Anfangs glaubte, er schlafe. Rasfi- nirter Weise waren die Schläuche vor der That von ihm durchschnitten worden, so daß die erste Hilfeleistung von der benachbarten Brauerei Binding geleistet werden mußte, die zuerst mit ihrer Spritze und mit genügend Wasser am Platze war. Das im Keller ausgelaufene Bier, sowie der Schaden an den Gebäuden repräsentirt nach einer Mittheilung der Brauerei-Directoren einen Verlust von 30—35000 Mark.
* Frankfurt a. M., 3. September. Bei einer hiesigen größeren Bank wurde gestern der Versuch gemacht, einen gefälschten Creditbrief über 2200 Mk. anzubringen. Der Brief wurde Vormittags von einem jungen Mann vorgezeigt, der vorgab, Reisender des Ausstellers, eines guten Kunden der Bank in Heilbronn, zu sein. Die Unterschrift des Ausstellers wie auch die von zwei weiteren Firmen waren so, daß ein Zweifel an ihrer Aechtheit nicht auskommen konnte. Es fehlte aber der in solchen Dingen nothwendige Avis. Als der bett'. Bankbeamte vorschlug, diesen telegraphisch einzuholen, lehnte der Vorzeiger des Briefes dies unter dem Vorgeben ab, man könne das brieflich ordnen, er habe es nicht eilig und werde, wenn er seine zwei Tage dauernden Geschäfte in Darmstadt abgewickelt habe, wieder vorkommen. Das machte den Bankbeamten stutzig, noch mehr aber am Nachmittag das Ausfinden eines Briefes aus Heilbronn in dem Briefkasten der Bank, der nur Briese von Passanten aufnimmt, da die Briefträger ausnahmslos alle Postsachen in die Hände eines Beamten abliesern müssen. An dem Couvert, das den erwarteten, mit bester Unterschrift versehenen Avis enthielt, waren, wie es sich bei näherer Untersuchung herausstellte, augenscheinliche Fälschungen vorgenommen, insbesondere Marke und Stempel verändert worden. Als man das Couvert gegen das Licht hielt, fand man, daß eine frühere Adresse sehr vorsichtig herausradirt und eine neue über die Stelle geschrieben worden war. Damit stand die Fälschung fest. Bald darauf erschien der junge Mann selbst, um nachzufragen, ob vielleicht inzwischen der Avis angekommen sei. Während man ihn unter dem Vorwand, das Geld werde der Kassier sogleich bringen, in ein Zimmer wies, hatte mau die Polizei benachrichtigt. Bei dem Eintreten der Sicherheitsbeamten erbleichte der junge Mann und gestand sofort sein betrügerisches Verhalten. Er will aus Noth gehandelt haben, da er ohne Stellung ist. Er war früher in dem Hause, dessen Unterschrift er zu fälschen versucht hatte, angestellt gewesen.
* Heppenheim a. d. B., 5. September. Den Besuchern unserer Gewerbe- und Industrie-Ausstellung steht für nächsten Sonntag, den 7. d. Mts., ein besonderer Genuß in Aussicht. An diesem Tage wird nämlich zum ersten Male die Beleuchtung unserer herrlichen, sagenumwobenen Burgruine Starkenburg stattfinden, ein prächtiges Schauspiel, welches den an sich schon regen Besuch der hiesigen Ausstellung noch beträchtlich heben wird. Am letzten Samstag stattete Herr Bischof Dr. Haffner von Mainz der Ausstellung einen Besuch ab. Länger als eine Stunde verweilte der hohe Herr in Begleitung zahlreicher Geistlichen in den Ausstellungsräumen und spendete — sichtlich überrascht und hocherfreut — überall volle Anerkennung und hohes Lob. Man nimmt an, daß der Besuch unseres Groß- herzogs dahier nach dem 10. d. Mts., um welche Zeit Hoch- derselbe voraussichtlich aus Rußland zurückkehrt, stattfinden wird. Am Montag fand die Beurtheilung der Ausstellungsgegenstände behufs Zuerkennung von Diplomen durch eine hierzu gewonnene Commission von Sachverständigen statt. Das Endresultat ist zwar noch in Geheimniß gehüllt, doch konnte man wenigstens soviel erfahren, daß liberaler Weise besonders da Anerkennungen zugesprochen wurden, wo sie braves Streben des kleinen Handwerkers bekundete. Damit auch der Jugend leichter Gelegenheit geboten ist, die Ausstellung zu besuchen, wurde Schülern von Volks- und Gewerbeschulen, die sich in Begleitung ihrer Lehrer einfinden, der Eintritt zu 10 Pfennig gestattet.
— Es waren einmal vier Fliegen und diese hatten Hunger. Die erste machte sich über eine Wurst her, die recht appetitlich aus dem Teller lag. Die Fliege starb an Dünndarmentzündung, denn die Wurst war mit Anilin gefärbt. Die zweite Fliege naschte am Mehl, welches unbedeckt in einem Topfe dastand, und siehe da — sie krepirte an Magenverengung, denn das Mehl war mit Schwerspat gefälscht. Die dritte Fliege machte sich über den Milchtops her, aber sie verendete elendiglich an der Kolik, denn zu ihrem Unheile war die wässrige Milch mit Kalk gekräftigt. Da dachte denn die vierte Fliege: „Hin ist hin, verloren ist verloren! Soll denn einmal Alles sterben, so wähle ich das sicherste Mittel", und sie flog auf ein dastehendes Fliegenpapier, aus welchem
ein Todtenkopf mit der Inschrift „Gift" gemalt war. Sie trank und trank, sie sog und sog eine ganze Zeit, blieb aber röhlich und guter Dinge, und sie — starb nicht, denn auch das Fliegenpapier war gefälscht!
* Das Gesetz vom 22. Juni 1889, betr. die Alters- und Jnvaliditäts-Verficherung der Arbeiter wird voraussichtlich am 1. Januar nächsten Jahres in Kraft treten und es ist deshalb höchste Zeit, daß sich die betheiligten Kreise, namentlich auch die Arbeiter selbst, mit dem Inhalt des umfangreichen Gesetzes genau vertraut machen. Am zweckmäßigsten wird dies ge- chehen können mittelst Benutzung einer kleinen von der Bergischen Handelskammer zu Lennep vortrefflich zusammengestellten Schrift, welche in gedrängter Form die wesentlichen Bestimmungen enthält und Formulare beifügt. Wir empfehlen die Benutzung des kleinen Schristchens, das den Titel „Winke ür Arbeiter" führt und in größeren Partien zum Preise von 10 Psg. das Stück von I. F. Ziegler, Remscheid bezogen werden kann.
* Verkürzung der Arbeitszeit. Nach den Ergebnissen der Physiologie brauchen die Muskeln und Nerven ebensoviel Zeit sich zu erholen, als man vorher Zeit gebraucht hat, sie zu ermüden. Demgemäß ist jede Arbeitsleistung über den zwölf- stündigen Arbeitstag hinaus vom Uebel. Es ist indeß eine Thorheit, die gesammte Industrie über einen Leisten zu schlagen und, wie der Pariser Socialistencongreß, den Achtstundenarbeitstag für jedes Gewerbe zu verlangen, denn offenbar sind acht Stunden Arbeit in der Stickluft eines Bergwerks etwas völlig anderes als acht Stunden Maurer- und Tischlerarbeit. Eine gesetzliche Regelung der Arbeitszeit ist freilich der Willkür gewissenloser Ausbeuter gegenüber durchaus am Platze, denn in der nationalen Arbeitskraft liegt das kostbarste nationale Capital, das unbedingt geschont werden muß. England, Nordamerika, Frankreich, Oesterreich und die Schweiz haben deshalb den zehn-, elf- und zwölfstündigen Arbeitstag eingeführt, während in Deutschland noch häufig bis zu fünfzehn Stunden gearbeitet wird. Ein staatlicher Eingriff ist hier durchaus erforderlich, und den einzuschlagenden Weg zeigen die beiden berühmten Erlasse Kaiser Wilhelms II. Die nächste Etappe aus diesem Wege wird eine maßvolle Begrenzung auch für die erwachsenen Arbeiter sein müssen. Wer sich näher über den Gegenstand zu unterrichten wünscht, empfehlen wir, den Artikel in „lieber Land und Meer" (herausgegeben von Professor Joseph Kürschner, redigirt von Otto Baisch, Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) selbst nachzulesen, in welchem sich Dr. Heinrich Fränkel über die „Verkürzung der Arbeitszeit" ebenso ruhig und objectiv, wie belehrend und anregend ausspricht. „Ueber Land und Meer" bemüht sich überhaupt, nicht nur den Zeitereignissen zu folgen, sondern seine Leser über alle Zeitbewegungen und theoretischen Auseinandersetzungen in leicht verständlich und anregend geschriebenen Aufsätzen zu unterrichten und ist heute, ganz abgesehen von seinem Unterhaltungswerth, entschieden die vielseitigste deutsche Zeitschrift.
Gießen, 5. September.
Ein Erfurter socialdemokratisches Blatt versteigt sich zu der traurigen Bemerkung, daß das Sedan fest ein Fest der Mordbrenner sei. Von solchen Ausdrücken und Gesinnungen sollte man sich eigentlich mit Ekel abwenden, wenn es nicht anderseits Pflicht wäre, denselben gegenüber zu treten.
Wir glauben dies im vorliegenden Fall nicht besser thun zu können, als indem wir hier auf den Schlußtheil der in Lollar gehaltenen Festrede eingehen, über welche uns von befreundeter Seite Informationen zugingen.
Der Festredner hatte zunächst der Wichtigkeit des Tages gedacht und dieselbe begründet- der Tag erinnere an die Wendezeit des Deutschen Reiches und an die großen Männer, welche unsere Geschichte gemacht, außerdem an den Zusammenbruch des napoleonischen Systems. Deshalb sei nicht der Schlachtentag zum Nationalfesttag erhoben, sondern der 2. September, welcher uns den Preis und die Gewißheit erbrachte, daß der Grundstein zum Reich, der politische Kampspreis errungen.
Auch in Frankreich scheine man mehr und mehr den eigentlichen Sinn unserer Feier zu verstehen, welche weitaus mehr ein Friedensfest und Fest der Versöhnung als ein Fest kriegerischen Geistes sei. Das Fest soll trotzdem nicht ein Fest kriegerischen Geistes sein, obgleich wir uns der Errungenschaften und der Siege aufrichtig freuen, sondern ein Ver- söhnungssest und eine Mahnung, Einkehr in uns selbst zu halten, aus Einigkeit hinzuwirken und die Meinungsverschiedenheiten im Innern des Reichs zu begleichen, leben wir doch in einer Zeit socialpolitischer Neugestaltung, wie sie die Welt vorher noch nicht gesehen.
Nachdem gerade durch den Tag von Sedan der Weg zur Einigung des Kaiserreichs deutscher Nation beschritten, habe Kaiser Wilhelm der Siegreiche nicht nur noch weitere kriegerische Lorbeeren errungen, sondern auch Sieg auf Sieg
auf dem friedlichen Kampffeld des inneren Reichs-Ausbaues erstrebt und verzeichnet und er krönte fein Werk durch den Beginn der socialpolitischen Gesetzgebung.
Kaiser Wilhelm II., Soldat vom Scheitel bis zur Zehe,, gleicht seinem erhabenen Ahn auch in dem Bestreben, der Gesammtheit seines Volkes, namentlich den minderbegüterten Klassen, dasjenige Maß von Wohlthaten zuzuführen, welches in dieser einmal unvollkommenen Welt denkbar möglich erscheint.
Blickten wir in die Zukunft, so wäre der Tag nahe, an dem ein Gesetz fiele, welches seither gegen denjenigen Bruch- theil unserer Bevölkerung gerichtet gewesen wäre, welcher — nehmen wir es zu seiner Ehre an — aus Ueberzeugung glaubte ein Ziel erstreben zu müssen und zu können, auf anderen Wegen sich und den Mitmenschen bessere Lebensbedingungen zu verschaffen als auf den durch die Cultur und Gesetz bezeichneten Wegen.
Wenn die jetzige Regierung wohl mit voller Berechtigung glaubt, dieses Gesetz entbehren zu können, so sei dies nicht allein ein Zeichen für die Stärke und Festigkeit des Reiches nach innen und außen, sondern auch ein Beweis dafür, daß die Regierung sicher tst, ohne Ausnahmegesetz im friedlichen Wettkampfe der Geister den Umsturz-Anhängern die Waffe aus der Hand nehmen zu können.
Zur Erreichung dieses hohen Zieles bedarf es aber eines ehrlichen Willens und der Mitwirkung Aller; dann aber wird der Tag nicht mehr fern sein, an dem der innere Meinungsausgleich geschaffen, der Tag, an dem — als einem zweiten Sedanssest in socialpolitischer Beziehung — die Wortführer der Gegner von selbst die Waffen des Geistes und der Ideen niederlegen werden in die Hand desjenigen, der allein von Gott berufen ist, über das Wohl seines Volkes zu wachen, dasselbe zu schützen und zu fördern.
Daß dies gelinge und daß wir allezeit treu und fest zu dem Kaiser stehen, ihn ehrlich und redlich in allen Kämpfen, unterstützen, dies wollen wir durch ein dreifaches Hoch bekräftigen.
Literatur uit» Kanft
— Die erste Nummer der von uns bereits angekündigten neuen Ausgabe der »Modernen Äunft* — das erste Vierzehntagsheft — ist erschienen und übertrifft die höchsten Erwartungen, welche man an Ausstattung und Inhalt eines tllustrirten Blattes stellen kann. Zum ersten Male in Deutschland wird hier der Aquarell-Facsimile- Druck nach dem Vorbilde der französischen WeihnachtS-Nummer des „Figaro" angewandt und wir constatiren mit Genugthuung, daß daS deutsche Blatt dem französischen nicht nur in jeder Weise ebenbürtig ist, sondern, wenn man die Billigkeit der „Modernen Kunst" ins Auge faßt, dasselbe bei Weitem übertrifft. Die neue Ausgabe der „Modernen Kunst" erscheint in einem überaus vornehmen Gewände;, der Umschlag enthält ein prächtiges Porträt der beliebten Sängerin Lola Beeth. Im Text fesselt uns der große Roman Ernst v. Wol- zogens „Der Thronfolger", sowie eine Novelle „Eines Künstlers Weib" von Ida Boy-Eo, sowie der Artikel „Circusbilder" von Paul Dobert, „Berliner Sommerabende" und „Die Kunst der Mode" von Georg Buß, welcher Aufsatz eine Serie von Modeberichten einleiteb die mit geschmackvollen Modebildern ausgestattet ist. Literarische, Theater-, Musik- und Kunstberichte bringen reiche Anregung und orientiren über alle diesbezüglichen Fragen der Gegenwart. Die Vierzehntagsheft-Ausgabe der „Modernen Kunst" (Berlin, W. 57, Verlag von Rich. Bong) erscheint jährlich in 24 Heften d 60 Psg. und in zwei sehr starken und glänzend ausgestatteten Extraheften (Weihnachts- und Frühlings-Nummer) r» während diese Extra- Hefte für Nichtabonnenten 3, resp. 2 kosten. Alle Buchhandlungen und Postanstalten nehmen Bestellungen an.
verkehr, Cauö» «nd votkrwirth schäft.
— Zur Feststellung de- Schlachtgewichts unserer Hans- thiere. Oft genug ist schon daraus hingewiesen, wie große Bedeutung die Diehwaage hat, um das sogenannte „Schätzen" zu beseitigen und eine Bezahlung des wirklichen Gewichtes zu sichern. Unter diesen Verhältnissen lohnt es sich nicht, das Fettvieh über das Stadium der Halbmast hinaus zu mästen, weil eine Gewichtszunahme später nur in geringem Maße staltfindet. Das in dem Fletsch vorhandene schwere Wasser, welches in größeren Mengen in den Fettzellen eingeschlossen ist, wird zum großen Theil durch leichteres Fett ersetzt. Diese sog. Kernmast kommt aber bei dem alleinigen Bezahlen nach Gewicht nicht zum Ausdruck, wird nicht bezahlt, sodaß die letzte Fütterungsv riode nur Kosten verursacht. Um nun den Zeitpunkt, wo eine größere Gewichtszunahme und mit ihr die Rentabilität auf- bört, feststellen zu können, ist eine Waage unumgänglich nothwendig. Der Großgrundbesitzer kann sich allein eine Waage anschaffen, während die Nehmen Besitzer auf genossenschaftlichem Wege am besten zum Ziel kommen.
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