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Rr. 208. Erstes Blatt. Sonntag den 7. September
1890.
Der
Hteßener Anzeiger erscheint täglich, Mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener Mnmittenökälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Keneral-Mnzeiger.
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Vierteljähriger ASonnementsprei»? 2 Mark 20 Pfg. mtt Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Arntlicyev Theil.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit darauf aufmerksam gemacht, daß durch Ine Errichtung von Naturalverpflegungsstationen in Grünberg, Hungen und in der Herberge zur Heimath in Gießen in ausreichender und zweckmäßiger Weise für die hülfsbedürftigen wandernden Arbeiter im Kreise Gießen gesorgt ist. In diesen .NaturalverpflegungSstationen erhalten die mit ordnungsmäßigen Legitimationspapieren versehenen Handwerksburschen unentgeld- lich die erforderliche Verpflegung und Nachtquartier.
Es wird deshalb wiederholt und dringend gebeten, den sogenannten armen Reisenden, welche vielfach nur Gewchnheits- bettler und Stromer sind, keine Geschenke an Gew oder Naturalien zu verabreichen, sondern dieselben an die Naturalverpflegungsstationen zu verweisen.
Durch Verabreichung von Almosen wird der Gewohnheitsbettelei und Landstreicherei nur Vorschub geleistet.
Zugleich wird darauf aufmerksam gemacht, daß mit der Naturalverpflegungsstation in Gießen eine Arbeitsnachweis- üelle verbunden ist.
Gießen, den 3. September 1890. Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gag er n.
Bekanntmachung,
die Abhaltung der öffentlichen Faselschauen betreffend.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß in Verbindung mit der am 22. l- M. zu Hungen stattfindenden Viehpreisvertheilung Vormittags 9 Uhr eine öffentliche Faselschau durch die Körcommission vorgenommen werden wird. Auf dem Markt zu Gießen am 23. l. M. wird dagegen eine öffentliche Faselschau durch die Körcommission nicht abgehalten werden. Die Schau am 22. d. M- in Hungen findet nur zum Zweck der Ankörung statt. Die Körcommission wird vorzugsweise Fasel der Berner und Simmenthaler Raffe (Reinzucht und Kreuzung) und der Vogelsberger Raffe (Reinzucht) berücksichtigen und Bullen anderer Raffen nur dann, wenn die Thiere besonders schön sind.
Es werden nur solche Bullen angekört, welche entweder Ichon sprungfähig sind oder dies wenigstens in kurzer Zeit werden.
Die Bullen müffen an einem Nasenring geführt werden. Gießen, den 5. September 1890.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Bekanntmachung,
Landesbaugewerkschule zu Darmstadt betreffend.
Im Interesse der jungen Gewerbtreibenden bringen wir Folgendes zur öffentlichen Kenntniß:
Beginn des Unterrichtes am 15. November, Vormittags 8 Uhr. Schluß Mitte März.
Die Schule umfaßt vier Abthellungen: - drei für Bauhandwerker (Maurer, Steinmetze,Zimmerleute, Dachdecker, Stuccateure, Ziegler, Töpfer, Glaser, Weißbinder, Zimmermaler, Pflästerer u. s. w.);
eine für Schlosser und sonstige Metallarbeiter. Das Schulgeld beträgt 40 Mark.
Nähere Programme und Anmeldeformulare sind zu erhalten bei Großherzoglicher Centralstelle für die Gewerbe und den Landesgewerbeverein, Darmstadt, Neckarstraße 3.
Schluß der Anmeldefrist am 10. October.
Gießen, den 4. September 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern
Bekanntmachung,
die Beschaffung von Saatsrucht betreffend.
Heinr. Backhaus vom Hof Rudlos bei Lauterbach hat uns Proben von Saatfrucht und zwar von
Shiriffs square head Weizen Champagne Roggen Stauden Roggen
mitgetheilt. Der Preis beträgt ab Bahnhof Lauterbach: für Roggen: für 100 kg 22 Mk., für 1000 kg 210 Mk.
» Weizen: „ 100 „ 25 „ „ 1000 „ 240 „
gegen Nachnahme oder vorherige Einsendung des Betrages.
Falls Säcke zur Füllung nicht übersandt werden, dann liefert Backhaus das Getreide in neuen starken Drellsäcken, enthaltend 100 kg, L 1,20 Mk-
Die Proben können aus dem Bureau des Unterzeichneten eingesehen werden.
Gießen, den 5. September 1890.
Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen- Jost, Regierungsrach.
Gefunden: 3 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Handkoffer , 1 Strohhut, 1 Paar Handschuhe, 1 Perlenarmband, 1 eiserner Haken, 1 Messer, 1 Regenschirm.
Gießen, am 6. September 1890.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Kraemer.
politifd^e Ueberficht.
Gießen, 6. September.
Der Kaiser kehrte am Donnerstag Mittag von der glänzend verlaufenen Parade des 9. Armeecorps nach Flensburg zurück, und zwar nach der Gepflogenheit des Monarchen an der Spitze der Fahnencompagnie- die Kaiserin fuhr ihrem erlauchten Gemahl voraus. Die Majestäten nahmen im Rathhause das Frühstück ein und fuhren alsdann nach Schloß Gravenstein, wo dem Kaiserpaare von der zahlreich zusammen geströmten Bevölkerung der Umgegend ein begeisterter Empfang bereitet wurde. Um 6 Uhr Abends fand in Schloß Gravenstein das Paradediner statt.
Der Afrikareisende Dr. Peters hat sich auf dem ihm zu Ehren in München am Mittwoch veranstalteten Festbanket u. A. auch über den deutsch-englischen Vertrag und über Emin Pascha geäußert. In Bezug aus den Vertrag betonte Dr. Peters, daß demselben zufolge Deutschland und England in Uganda und dem gesammten Victoria Nyanza-Gebiet völlig gleiche Rechte hinsichtlich der Handelsfreiheit und der Niederlassung besäßen, auch erklärte er, es habe für ihn in Uganda lediglich gegolten, dem deutschen Handel die ihm in diesem Lande gebührenden Rechte zu sichern. Weiter erklärte Peters, der König von Uganda würde bei aller Freundlichkeit gegenüber den Weißen niemals ein fremdes Protectorat anerkennen, höchstens dasjenige Deutschlands, denn die Deutschen allein hätten ihm, dem König, nach dessen eigener Versicherung, in den Kämpfen mit seinen Feinden Hilfe gebracht. Peters schloß seine Aeußerungen über das deutsch-englische Abkommen mit einem Hinweis auf den Stanleh'schen Vergleich, wonach der Deutschland verbliebene Antheil an Ostasrika einen Hosenknopf im Verhältniß zu einem neuen Anzug bedeute, und versicherte er, er könne sich Verhältnisse denken, unter denen der Hosenknops wünschenswerter und notwendiger, als der neue Anzug sei.
Betreffs seines Zuges zur Aufsuchung Emin Paschas versicherte Dr. Peters, er habe hierdurch keineswegs bezweckt, Emin zur Aufgabe seines civilisatorischen Vorpostens zu bewegen, sondern ihn nur mit den vorhandenen schwachen Mitteln zu unterstützen und seine Verbindung mit der Ostküste Afrikas zu sichern. Dr. Peters theilte ferner mit, er fei von Emin zu der Erklärung ermächtigt, daß dieser nur auf einen ihm von Stanley überbrachten formellen Befehl des Khedive hin seinen Posten ausgegeben habe, weil Stanley behauptete, er sei ermächtigt, Emin nötigenfalls mit Gewalt zum Abzüge zu zwingen. Auf Peters Frage, warum von Emin der Gewalt nicht wieder mit Gewalt begegnet sei, habe letzterer erwidert, seine Stellung beruhe daraus, daß er der Vertreter der weißen Rasse in Centralasrika gewesen sei und aus diesem Grunde niema^ gegen Weiße habe fechten können. — Die Feier endete mit dem Gesänge patriotischer Lieder.
Auch Herr Liebknecht hat sich jetzt, gleich Herrn Bebel, ein Vertrauensvotum seitens der Berliner Socialdemokrateu geholt. Es wurde ihm dasselbe nach einer Rede erteilt, die er am Mittwoch in einer nach Schwarzmüllers Salon ein- berusenen socialdemokratischen Versammlung über die Taktik der Socialdemokratie gehalten hatte. Die Aeußerungen des socialistischen Führers waren ungewöhnlich maßvoll gehalten und betonte er u. A. ausdrücklich, daß die socialdemokratische Partei mit brutaler Gewalt gar nichts ausrichten könne, daß sie vielmehr ihre Bestrebungen darauf richten müsse, die Mehrheit im Reichstage zu erhalten. Auf eine Anfrage aus der Versammlung, was dann geschehen solle, da die besitzenden Klassen doch nicht freiwillig ihre Vorrechte aufgeben würden, erwiderte Liebknecht, man müsse das Weitere vorerst abwarten. Wenn aber die Socialdemokratie die Mehrheit des Volkes erst hinter sich habe, so werde sich Deutschland entweder in einen socialdemokratischen Staat verwandeln ober es werde eine furchtbare Katastrophe geben, bei welcher der Socialismus schließlich doch siegen werde. — Die Versammlung nahm im Uebrigen einen ruhigen Verlauf.
Der bisherige Militärgouverneur von Bosnien und der Herzegowina, General von Appel, wird demnächst in den Ruhestand treten und verlautet, daß alsdann ein Civilgouver- iteur an die Spitze der Verwaltung der occupirten Provinzen treten solle. Die Ernennung eines Civilgouverneurs für Bosnien und die Herzegowina würde als ein besonders erfreulicher Beweis für die Festigung der Verhältnisse in „Neu- Oesterreich" zu betrachten sein.
In vielen Gegenden Oesterreichs, namentlich aber in Vorarlberg, Böhmen, Schlesien und Niederösterreich, herrscht in Folge der stattgefundenen Ueberschwemmungen bedeutende Nothlage.
Das in seiner Vorgeschichte noch nicht genügend aufgeklärte Attentat der Tochter des auf einem amerikanischen Dampfer erschossenen salvadorianischen Generals Barrundia gegen den Vertreter Nordamerikas in Guatemala, Mizner, hat zu einer lebhaften diplomatischen Correspondenz zwischen Washington und Guatemala Anlaß gegeben. Einstweilen ließ Präsident Harrison der Familie Barrundias seine Theilnahme ausdrücken und mittheilen, er erwarte osficielle Darstellungen des Sachverhalts, um seine Maßregeln zu treffen.' In der Stadt Guatemala selbst geben sich fortgesetzt die lebhastesten Sympathien weiter Kreise für Fräulein Barrundia kund, welche noch immer in strenger Hast gehalten wird. Dieser Tage kam es sogar zu einer drohenden Zusammenrottung von Volkshaufen vor dem amerikanischen Gesandtschaftsgebäude in Guatemala, so daß das Gebäude polizeilicherseits bewacht wird.
Berlin, 3. September. An den schlesischen Kais er - manövern werden von fürstlichen Personen außer dem Kaiserpaare, dem Kaiser Franz Joseph von Oesterreich und dem Könige Albert von Sachsen noch theilnehmen: Prinz und Prinzessin Friedrich Leopold von Preußen, Prinz Albrecht von Preußen, Prinz Arthur von Großbritannien, Herzog von Connaught, begleitet vom Oberst Lanca, Major Sir North Dalrymple, Capitän de Carre und Lieutenant Herbert, die Herzogin von Connaught, Prinz Ludwig von Bayern, Chef des 2. Niederschlesischen Infanterie-Regiments Nr. 47, begleitet vom Major Frhrn. v. Riedheim, Prinz Rupprecht von Bayern, begleitet vom Hauptmann Zerreiß, Prinz Georg von Sachsen, begleitet vom Oberstlieutenant v. Broigem und Rittmeister Frhrn. v. Müller, Prinz Friedrich August von Sachsen, begleitet vom Hauptmann Frhrn. v. Wagner und Herzog Ernst Günther von Schleswig Holstein-Sonderburg-Augusten- burg. Ferner sind vom Kaiser geladen: Generalfeldmarschall Gras v. Blumenthal, begleitet vom Rittmeister Prinzen Hans zu Schönaick-Carolath, der General der Cavallerie Graf v. Wartensleben, ä la suite des Dragoner-Regiments v. Arnim (2. Brandenburgisches) Nr. 12, der commandirende General des Gardecorps, General der Infanterie Frhr. v. Meerscheidt- Hüllessem u. a. hochgestellte Offiziere mehr. Zum Ehrendienst bei dem Herzoge von Connaught ist der Flügeladjutant Major v. Zitzewitz commandirt.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.
Berlin, 5. September. Dem Vernehmen nach hat die Wiederwahl Forckenbecks zum Oberbürgermeister von Berlin, die Bestätigung des Kaisers erhalten.
Flensburg, 5 September. Seine Majestät der Kaiser brachte bei dem gestrigen Paradediner etwa folgenden Toast aus: „Er freue Sich, auf dem Boden von Schleswig-Holstein zu weilen und das neunte Armee-Corps zu begrüßen. Er wisse sehr wohl, daß eine Zeit wie die jetzige viel Arbeit, Mühe und Vorbereitung erfordere, ebenso aber auch, daß dem Soldaten das Lob seiner Vorgesetzten zur höchsten Genug- thuung gereiche. Er werde nie die hohe Freude vergessen, die Er empfunden, als Er als junger Soldat zum ersten Male von Seinem Hauptmann belobt worden sei. Er trinke auf das Wohl des neunten Armee-Corps." — Der commandirende General v. Leszcynski dankte dem Allerhöchsten Kriegsherrn für diese hohe Auszeichnung, gab die Versicherung unwandelbarer Treue im Namen des Armee-Corps ab und brachte ein dreifaches Hoch auf Seine Majestät den Kaiser aus.
Gravenstein, 5. September. Abends nach dem Damenempfang trugen vor dem Kaiserpaar 120 Flensburger Sänger im Schloßhos vier Lieder vor. Alle Gesangvereine waren vertreten.
München, 5. September. Der Beisetzung des verstorbenen Ministers von Lutz aus dem südlichen Friedhose..


