1890
Samstag den 7. Juni
Nr. 129.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
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Die Gießener zpMMttienvkäller werden dem Anzeiger »Kchentlich dreimal beigelegt.
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag-.
Amtliche» Theil.
Betreffend: Das Obcr-Ersatzgeschäft für 1890.
Bekanntmachung.
Das Ober-Ersatz-Geschäft für 1890 wird im Kreise
Gießen
Freitag -en 13. Juni im Rathhause zu Lich, Lor- mtttags 8V2 Uhr,
Samstag den 14. Juni in dem früheren Hofgerichts- gebäude (Brandplatz) zu Gießen, Vormittags 8 Uhr, Montag den 16. Juni daselbst, Vormittags 8 Uhr, Dienstag den 17. Juni im Gasthaus „Zum Rappen" zu Grünberg, Vormittags 8 Uhr, stattfinden.
Es haben sich nach Maßgabe der besonders ergehenden Vorladungen an den genannten Tagen vor der Großherzoglichen Ober-Ersatz-Commission im Bezirk der 49. Infanterie- Brigade in sämmtlichen Aushebungsorten zu ge- stellen:
a. die für dauernd untauglich befundenen Militärpflichtigen; soweit denselben eine besondere Ladung zugeht;
b. die zum Landsturm I in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen, soweit denselben eine besondere Ladung zugeht;
c. die zur Ersatz-Reserve in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen ;
d. die von der Ersatz-Commission als tauglich und einstellungsfähig erkannten Militärpflichtigen, einschließlich derjenigen aus früheren Jahrgängen;
e. die von den Truppentheilen zur Disposition der Ersatz-Behörden entlassenen Soldaten;
f. die von den Truppentheilen abgewiesenen einjährig Freiwilligen.
Den Grobherzoglichen Bürgermeistereien werden besondere Ladungen für die Militärpflichtigen k. H. zugehen, welche den Betreffenden unverzüglich zuzustellen sind. Der Vollzug der Ladungen ist innerhalb 5 Tagen anzuzeigen. Die Militärpflichtigen sind außerdem anzuwciseu, ihre Loosungsscheine mit zur Stelle zu bringen.
Die zur Beurtheiluug von Reclamationen in Betracht kommenden Personen haben ebenfalls zu erscheinen.
Zollte eine Ladung nicht vollzogen werden können, so ist der Grund hiervon bcrichtlich anzuzeigen und ist, wenn ein Militärpflichtiger von seinem bisherigen Wohnorte weg- gezogeu ist, zugleich anzugeben, wohin derselbe verzogen ist.
Die Großherzoglichen Bürgermeister haben bei dem Ober- Ersatz-Geschäfte selbst anwesend zu sein und sich darum zu bemühen, daß die Militärpflichtigen rechtzeitig zur Stelle sind.
Gießen, am 24. Mai 1890.
Der Civil-Vorsitzende der Groß herzoglichen Ersatz-Commission des Kreises Gießen.
Jost, Regierungsrath.
Lehrer-Conferenz
des Conferenz-Bezirks Lich-Hungen: Mittwoch den 11. Juni, Vormittags 10 Uhr, in Lich.
Lieder 19. 34. 81;
des Conferenz - Bezirks Grünberg: Donnerstag den 12- Juni, Vormittags 10 Uhr, in Grünberg.
Lieder: 20. 130. 152.
Gießen, den 6. Juni 1890.
Büchner, Schulrath.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 5. Juni. Die Absicht der Regierung, den Landtag am 19. Juni zu schließen, erweist sich wegen der von der Ersten Kammer noch zu bewältigenden Arbeiten als unausführbar. Der Schluß wird in der ersten Hälfte des Juli erfolgen.
Berlin, 5. Juni. Das neueste „Deutsche Colonialblatt" enthält folgenden kaiserlichen Erlaß: Ich bestimme, daß das von Mannschaften Meiner Kreuzerfregatte „Leipzig" in den Kämpfen bei Bagamoyo eroberte 7,5 Centimeter- Geschütz, nach erfolgter Rücksendung, der Direction des Bildungswesens der Marine zur Einverleibung in die Trophäen-Sammlung zu überweisen ist. Das gleichfalls bei diesen Kämpfen eroberte 4,7 Centimeter-Geschütz ist -dem Reichscommissar für Ostafrika, in dessen Besitz es durch Kauf von der Deutsch-Ostasrikanischen Gesellschaft übergegangen ist, zu belassen. Berlin, den 6. Mai 1890. Wilhelm. In Vertretung des Reichskanzlers: Hollmann. An den Reichskanzler (Reichsmarineamt)."
Neueste Nachrichten.
WolfsS telegraphisches Lorrcspondenz-Bureau.
Berlin, 5. Juni. Vormittags 9!/4 Uhr erfolgte die Grundsteinlegung der Emmauskirche am Lausitzer Platz. Nach dem Gesang, der Festansprache und der Vorlesung der Stiftungsurkunde vollzog im Auftrage des Kaisers Prinz
Friedrich Leopold die drei Hammerschläge, danach der Minister v. Goßler und die Spitzen der kirchlichen und städtischen Behörden.
— Das Befinden desErbprinzenvonMeiningen hat sich seit gestern nicht verändert.
Düffeldorf, 5. Juni. Das Reichsgericht genehmigte die Revision des Urtheils des Elberfelder Schwurgerichts gegen die Zeugen Rieckmann, Krause und Gemmer, welche wegen Meineides, begangen in dem Wupperthaler Socialisten- proceß, zu 1%, resp. einem Jahre Zuchthaus verurtheilt waren, und verwies die Angelegenheit zur abermaligen Verhandlung an das Schwurgericht Elberfeld.
Wien, 5. Juni. Nach einer Meldung des Correspondenz- bureaus in Belgrad überschritt eine Anzahl Arn aut en zwecks Plünderung die Grenze und drang aus serbisches Gebiet vor. Nach längerem Widerstande gelang es den Grenzwachen, die Arnauten zurückzutrerben.
Paris, 5. Juni. Die Blätter melden: Der Herzog von Orleans richtete ein Manifest an die Conscribirten seiner Altersklasse, in dem er erklärt, er verzichte nicht aus die Hoffnung, dem Vaterlande einst dienen zu können.
— Während der Vorstellung gestern Abend im „Theatre Franeais" entstand in Folge der Entzündung eines Leitungsdrahts des Hauptlustres eine Panik. Das Publikum beruhigte sich indeß bald und die Vorstellung wurde beendet.
London, 5. Juni. Unter dem Vorsitze des Herzogs von Fise fand heute Nachmittag im Mansionhouse eine Versammlung statt behufs Einleitung einer Sammlung für die Beschaffung eines Dampfers auf dem Victoria-Nyanza-See. Der Herzog erklärte, England lasse sich keinesfalls von anderen Nationen in Afrika überflügeln. Stanley trat für die Noth- wendigkeit des besagten Dampfers ein, da an den Ufern des Sees zwölf Millionen Menschen wohnten. Was die zwischen Deutschland und England schwebenden Streitfragen anlange, so würden beide Länder zusammenwirken im Interesse der Civilisation und der Entwickelung Afrikas.
London, 5. Juni. Im Unterhause erklärte Fergusson aus eine Anfrage, daß das jüngst von Wißmann gegen den Eintritt von Karawanen in die deutsche Interessensphäre hinter Tanga und Pangani erlassene Verbot mit militärischen Operationen Wißmanns zusammenhänge. Das Verbot sei auf die Vorstellungen Smiths hin gleich darauf zurückgenommen. Aus eine weitere Anfrage erklärt Fergusson, es seien weder in der Georgsbay noch anderwärts auf Neufundland französische Streitkräfte gelandet. Ein französischer Marineoffizier sei ans Land gegangen und habe die Beseitigung von Netzen verlangt, welcher Aufforderung die Eigenthümer Folge leisteten. Das Verlangen des Offiziers jei völlig berechtigt
Feuilleton.
Die Generalversammlung.
Aus der Naturgeschichte des Vereinslebens.
Von Hermann Robert.
(Schluß.)
„Bis unsere bessere Hälfte," wandte sich Herr Menzel mit feiner Ironie zu den Herren Dietrich und Unverzagt, „mit ihren Arbeiten fertig ist, lassen wir, wenn sich kein Widerspruch erhebt, eine kleine Pause in den Verhandlungen eintreten."
Herr Redacteur Unverzagt benutzte diese Pause zu einer sehr eingehenden Beleuchtung der Wirkung von Schutzzöllen auf den Handel von Schenkhausen. Er wiederholte gerade die Kraflstelle seines heutigen Leitartikels:
„Die Bürger von Schenkhausen verschmähen jede in Form staatlicher Hilfe ihnen gebotene Krücke- sie halten sich für stark genug, um, treu ihrer Väter Art, auf eigene Kraft gestützt, von eigener Einsicht getragen, den Kampf nm das Dasein in Ehren zu bestehen."
Da meldete Herr Faßloch, daß die Prüfung der Kasse beendet und alles in musterhafter Ordnung sei. Daß eine schriftliche Quittung über das von Herrn Hojbuchhändler Dietrich dem Verein gelieferte Werk „Ueber die Nothwendig- keit der Abgrenzung von städtischen Hebammen-Bezirken" nicht zur Stelle sei, thue nichts zur Sache, denn Herr Dietrich habe soeben mündlich den richtigen Empfang des Betrages von P/2 Mk. für diese Schrift bestätigt.
„Meine Herren," begann der Vorsitzende, „Sie haben den Bericht des Obmanns der zur Prüfung der Kasse von Ihnen gewählten Herren gehört. Wünscht Jemand hierzu das Wort? Es scheint nicht. Ich schließe daher die Debatte und ersuche diejenigen Herren, welche für Entlastung des Herrn Kassenwarts sind, sich von ihren Plätzen zu erheben.
(Alle, mit Ausnahme des Kassenwarts, stehen auf.) Die Entlastung ist ertheilt. Meine Herren! Ich glaube in Ihrer Aller Sinn zu handeln, wenn ich hiermit Herrn Apotheker Büchsel für seine mit so großer Sorgfalt geführte Amtsverwaltung den Dank des Vereins ausspreche." (Vielstimmiges Bravo; Herr Büchsel verneigt sich dankend.)
„Wir kommen nun zur Neuwahl des Vorstandes. Diese hat so zu erfolgen, daß die Versammlung den Vorsitzenden, den Schriftführer und Kassenwart in geheimer Abstimmung wählt. Die Gewählten treten dann sofort zu der ihnen allein obliegenden Zuwahl von drei Beisitzern zusammen."
Herr Faßloch hat das Wort zur Geschäftsordnung.
„Meine Herre," begann Herr Faßloch in seinem etwas nachlässigen Schenkhäuser Dialect, „wie Sie all wisse, ist viel rede nit mei Sach'. Aber das müsse Se mir zugewe: wenn ich emal red', dann kommts vom Herze. (Hier vibrirte die Stimme des Redners.) Meine Herre! Se wisse all', mit welcher Treue, jawohl Treue! der Gesammtvorstand, in erster Linie unser verehrter Vorsitzender, das Vereinswohl unter ihren starken und gewissenhaften Arm genomme hawe. Meine Herre! Ich will Ihne nur ein vielgenanntes Wort unseres Dichterpaares Schiller und Goethe dahin ins Gedächtniß rufe, daß ich sage:
„Dankbarkeit des Bürgers Zierde, Ehre sei der Mühe Preis."
Wir könne unserem bisherige Vorstand nit scheener ehre, als wenn wir ihm unsere einstimmige Dankbarkeit durch accla- mationsweise Wiederwahl an den Tag lege. Das ist meine Meinung und ich stelle den Antrag."
„Indem ich zugleich Namens des Vorstandes," sagte der Vorsitzende, „den Dank für die ehrenden, unser Verdienst freilich überschätzenden Worte des Herrn Vorredners ausspreche, bemerke ich, daß eine Wahl durch Zuruf nur dann erfolgen kann, wenn kein Widerspruch sich erhebt. — Das ist wohl der Fall. Ich stelle also den Antrag Faßloch:
„Versammlung wolle den bisherigen Vorstand durch Zuruf wiederwählen"
zur Abstimmung, und bitte diejenigen Herren, welche diesen Antrag annehmen wollen, sich von ihren Plätzen zu erheben." (Herr Menzel setzte sich, die Herren Unverzagt, Faßloch und Märker standen freudig auf, der Schriftführer Herr Dietrich, folgte zögernd, der Kassenwart blieb sitzen.) — „Das ist die Mehrheit- der Antrag Faßloch ist angenommen, die Herren Dietrich, Büchsel und Menzel sind wiedergewählt. — Meine Herren! Tief gerührt durch Ihr Vertrauen, darf ich vor Ihnen, zugleich im Namen der beiden Mitgewählten, die Annahme Ihrer ehrenden Wahl erklären. Wir werden nicht nachlassen, durch festes, mannhaftes Auftreten nach oben und unten dem Gemeinnützigen Verein die ihm zukommende Stellung zu wahren, so viel in unseren schwachen Kräften steht."
Wirklich etwas bewegt, wechselte Herr Menzel mit den Herren Büchsel und Dietrich einige Worte und fuhr dann fort: „Der uns, Ihrem wiedergewählten engeren Vorstand, als erste Amtshandlung obliegenden Verpflichtung zur Wahl dreier Beisitzer sind wir in der Weise nachgekommen, daß wir die bisherigen Beisitzer, in erster Linie Herrn Redacteur Unverzagt, ebenfalls wiedergewählt haben. Es freut mich, letzterem zugleich dadurch eine Anerkennung feiner selbstlosen Amtsniederlegung, die bekanntlich heute Abend unseren Verhandlungen so sehr förderlich gewesen ist, darbringen zu können. Wer sich selbs^erniedrigt, wird erhöhet werden. Ich frage Herrn Unverzagt, ob er die Wiederwahl annimmt."
Herr Unverzagt stand auf, stützte beide Hände auf die Tischkante und sagte: „Es kann mir nur eine Ehre und Freude'sein, im Verein mit so wohlbewährten Kämpen überall für das Wohl unserer Stadt einzutreten, wohin uns auch der ost dornenvolle Pfad der Pflicht führen möge.
„Nah bet einander liegen öle Gedanke»-, Doch hart im Raume stoßen sich die Dinge."
Dies letztere, das harte Aneinanderstoßen, kann die Zukunft dereinst auch unserem Verein bringen. Dann, meine


