Mittwoch den 7. Mai
Nr. 105
1890.
Der
Hießerrer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger.
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2lmtfid?er Theil.
Bekanntmachung.
Es wird zur Kenntniß der Interessenten gebracht, daß -er Vorstand der Tiesbau-Berussgenoffenschast zu Berlin die Ingenieure Georg Haupt und Hugo Urbahn, beide wohnhaft zu Berlin, als Beauftragte gemäß §§ 82 ff. des Unfallversicherungsgesetzes und § 44 des Bauunfallversicherungsgesetzes bestellt hat. Der Dienstbezirk beider erstreckt sich auf das deutsche Reich.
Gießen, am 1. Mai 1890.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Fräulein Julie Faber von Gießen nach Zeugniß der Großh. Direction der Entbindungsanstalt zu Gießen zur Ausübung der Hebammenpraxis für sehr gut befähigt erklärt und als Hebamme verpflichtet wurde und zur Ausübung der Hebammenpraxis berechtigt ist.
Gießen, am 2. Mai 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Gießen, am 5. Mai 1890.
Betr.: Die Bildung der für das Jahr 1890/91 nöthigen Weinsteuer-Einschätzungscommissionen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen die Großh. BürgermeiAereien der Landgemeinden de- KrerseS.
Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Erledigung unserer Auflage vom 12. v. Mts. — Anzeiger Nr. 89 — rm Ruck- stände sind, werden hieran mit Frist von 10 Tagen erinnert.
v. Gagern.__________________
Gießen, am 5. Mai 1890. Betr.: Die regelmäßigen Feuervisitationen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreise-.
Sie wollen binnen 8 Tagen berichten, welche Beträge -für Abhaltung der regelmäßigen Feuervisitationen und der Nachrevisionen in den beiden letzten Jahren 1888/89 und 1889/90 aus Ihrer Gemeindekaffe gezahlt worden sind.
v- Gagern.
Feuilleton.
Pie Wohnungsfrage.
Eine Spatzengeschichte.
Vor einigen Tagen saß ich Morgens an meinem Schreib- -Lisch und spitzte Bleistifte. Es ist dies für mich eine der Langweiligsten Beschäftigungen, die ich immer so lange ausschiebe, bis mit keinem der vielen Stifte, welche auf meinem Tische umherliegen, auch nur ein Halbwegs anständiger Strich mehr fertig zu bringen ist. Wie ich nun so schnitt und schabte, gingen mir allerlei Gedanken durch den Kopf, und so kam mir auch ein Vorfall ins Gedächtniß zurück, der sich kürzlich in unserer Nachbarschaft ereignet hatte. Einem säumigen Miether war von seinem Hausherrn gekündigt worden. Der Mann hatte sich wahrscheinlich nicht rechtzeitig um eine neue Wohnung bemüht oder bei der allgemeinen Wohnnngsnoth keine gefunden, kurz, als der neue Miether einziehen wollte, weigerte sich der alte, das Haus zu verlassen. Ersterer pochte aus sein Recht- der Hausbesitzer wurde gerufen und bald flogen böse Worte herüber und hinüber. Schließlich sollten die Möbel deS Widersetzlichen mit Gewalt aus die Straße geschafft werden- hierbei kam es zu Thätlichkeiten, und das Ende vom Liede war, daß der Hauswirth und beide Miether von der Polizei abgesührt wurden.
Während ich noch über diesen Fall nachdachte, erhob sich plötzlich aus dem Apfelbaum, der vor meinem Fenster steht, ein Heidenlärm, durch welchen ich jäh in meinen Betrachtungen gestört wurde. Ich stand auf und trat an das 'Offene Fenster, um zu sehen, was es gäbe.
Auf einem Aste des Baumes saß eine Schaar von ungefähr dreißig Spatzen — die ganze Nachbarschaft schien sich
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffenttichen Kenntniß gebracht, daß das Großherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz dem Oberheff. Bienenzüchterverein gestattet hat, in Verbindung mit der am 23. Juli d. I. zu Alsfeld stattfindenden 28. Wanderversammlung eine Verloosung von Bienenvölkern, Bienen- producten und Utensilien zu veranstalten.
Nach dem Verloosungsplan dürfen nicht mehr als 2500 Loose ä 50 ausgegeben werden; auch sind mindestens 62% des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden.
Der Vertrieb der Loose in der Provinz Oberheffen ist gestattet.
Gießen, den 5. Mai 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Es ergeht wie alljährlich die Mittheilung an die Handelsund Gewerbetreibende unseres Bezirks, daß unser Bureau Dienstags, Abends von 6—8 Uhr, geöffnet ist.
Gießen, am 5. Mai 1890.
Großherzogliche Handelskammer. Koch.
Deutsches Neich.
Berlin, 3. Mai. Schon ganz in der Kürze werden die Infanterie - Truppentheile wieder mit dem Seitengewehre älteren Modells ausgerüstet. Das Gardecorps und die Unteroffizierschulen haben das alte Modell weiter getragen, welches bekanntlich mehr wie doppelt so schwer als das neue ist. — Das neue Gewehr (Modell 88)'hat 3 Visiere: Standvisier 250 Meter, kleine Klappe 350 Meter, große Klappe 450 bis 2050 Melev. Ium 9M)mcit weiter Ziele dient ein Schieber, welcher auf- und abbewegt werden kann. Die geraden Zahlen stehen links, die ungeraden rechts, beide in mehr als doppelter Größe als diejenige des Gewehres 71/84. Der Lauf des neuen Gewehres hat ein Kaliber von 7,9 Mm. gegen 11 Mm. beim alten Gewehr. Das alte Geschoß wiegt 25 Gr., das neue nur 14,5 Gr. Das alte Gewehr wiegt 4,6 Kgr., das neue nur 3,8 Kg., ist also 800 Gr. leichter und außerdem 50 (Zentimeter kürzer.
Berlin, 4. Mai. Die zu erwartende Militärvorlage bezweckt in erster Linie die nothwendig gewordene Verstärkung der Feld-Artillerie durch Formation von 70 Batterien (in der gesammten deutschen Armee), sowie der dazu erforderlichen Abtheilungs-Stäbe, außerdem die Ergänzung der neu errichteten beiden preußischen Armee-Corps an Special- Truppen.
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hier ein Stelldichein gegeben zu haben. Die größte Aufregung herrschte unter ihnen, Alles lärmte und schrie durcheinander, es war ein Mordsspectakel. Ich war es zwar gewohnt, daß die Spatzen auf dem Apfelbaum ihr Wesen trieben, aber so laut waren sie noch nie gewesen- es mußte etwas ganz Außergewöhnliches vorgegangen sein.
Die Spatzen ließen sich durch mein Erscheinen am Fenster durchaus nicht'stören und so fand ich Muße, mir die Gesellschaft etwas genauer anzusehen.
Auf dem Zweige, der meinem Fenster am nächsten war, saß ein draller Spatzenjüngling neben einer rundlichen Spätzin- zweifellos ein Brautpaar, denn ohne sich um das Treiben der Uebrigen zu kümmern, ko'sten sie miteinander, warfen sich verliebte Blicke zu — und pickten dabei eifrig die jungen Fruchtansätze ab.
Welch eine Ungezogenheit! Es ist ja eine alte Geschichte, daß sich Brautleute selbst in der größten Gesellschaft meistens nur mit sich selbst beschäftigen, aber aus reinem Uebermuth die jungen Triebe zu zerstören, aus denen die schönsten Aepsel hätten werden können, das ist doch wahrhaftig keine Unterhaltung für ein Liebespaar. Ich wollte ine Beiden Anfangs verscheuchen, fürchtete aber damit auch die anderen zu vertreiben, und ich wollte doch wissen, worüber die Spatzenschaft sich so sehr aufregte.
Der ärgste Schreier des ganzen Schwarmes war ein stämmiger, untersetzter Spatz von ganz gewöhnlichem Aussehen. Er redete heftig auf einen Spatzengreis ein, der ihm mit bedächtigem Kopfnicken zuhörte.
Ich kannte die beiden ganz genau. Der Jüngere hieß Lude und wohnte in einem Schwalbennest unter einem Fensterbogen des Nachbarhauses. Er war, wenn ich im Winter die Reste meines Frühstücks auf das Fensterbrett gestreut hatte, immer der Erste und Unverschämteste, der nicht einmal seiner
Die bisherigen Verstärkungen der Artillerie, sowie die Erhöhung der Etats der am 1. April d. I. in die Reichslande vorgeschobenen Jnsanterie-Truppentheile hatten, unter Festhaltung der durch das letzte Septennat-Gesetz gegebenen Präsenzziffer nur durch Schwächung der Infanterie stattfinden können.
Die Verhältnisse bei unseren Nachbarn gestatten nicht, weitere Vermehrungen auf diesem Wege eintreten zu lassen. Unsere Infanterie kann nicht weiter geschwächt werden, ihre Cadres bedürfen selbst dringend der Verstärkung. Die zur Zeit gültige Präsenzziffer ist unter diesen Umständen nicht mehr festzuhalten, und wird daher eine neue Präsenzziffer bis zum Ablauf der jetzt gültigen Septennatsperiode gefordert werden.
Ferner stehen Etatserhöhungen, hauptsächlich bei den Infanterie- und Cavallerie-Truppentheilen an der West- und Ostgrenze, in Aussicht. Diese Truppentheile müssen bei Eintritt eines Krieges sofort, ohne das Eintreffen der Reserven abwarten zu können, an die Grenze vorrücken, um etwaige feindliche Einfälle abzuwehren und den Aufmarsch der aus dem Innern des Reiches herankommenden Heereskörper zu sichern. Zur Erfüllung solcher Aufgaben bedürfen sie eines höheren Präsenzstandes im Frieden. In den Reichslanden hat deßhalb die gesammte Infanterie bereits einen erhöhten Etat mit Ausnahme der 4 dort jetzt garnisonirenden Jäger- Bataillone. Für diese letzteren, sowie auch für die in Elsaß- Lothringen stehenden Cavallerie-Regimenter, welche bisher nur auf normalem Etat standen, wird eine Erhöhung des Friedenspräsenzstandes für erforderlich erachtet. Auch an der Ostgrenze werden, wenn auch in geringerem Maße, Etats- Verstärkungen der in erster Linie stehenden Truppentheile beabsichtigt". Diese Maßnahmen werden die Sicherheit unserer Grenzprovinzen erhöhen und unsere Mobilmachung erleichtern.
Tlnc luciiere Aoroerung wiro ourcy oie oeuüfitfjügtv Neuformation einer Königlich bayerischen 5. Division bedingt. Die gleichmäßige Gliederung der größeren Schlachtenkörper — zugleich Grundlage der Friedensausbildung, wie der Führung im Kriege — ist in Sachsen bereits seit längerer Zeit erreicht, in Preußen durch die Formation der beiden neuen Armee-Corps angestrebt worden- eine solche muß nunmehr auch in Bayern, wo die vorhandenen 2 Armee-Corps übermäßig stark sind, hergestellt werden.
Endlich wird der Einführung von Unteroffizier-Dienstprämien entgegenzusehen sein, da das Beneficium des Civil- versorgungsscheines allein sich nicht als ausreichend erweist, um der Armee einen an Zahl und Güte ausreichenden Unteroffizier-Ersatz zuzuführen und im Besonderen ältere Unter- i Offiziere in genügender Zahl im activen Dienst zu erhalten.
Frau einen guten Brocken gönnte. Der alte Spatz, welcher Philipp gerufen wurde, wohnte unter der Dachrinne unseres Hauses. Ein sonderbarer Bursche war der alte Philipps Mit seinem grauen, von Borsten umgebenen Schnabel und seinem struppigen Gefieder machte er den Eindruck eines verkommenen Landstreichers, dabei blinzelten aber seine Augen so listig und verschlagen in die Welt hinein und auf seinem ganzen Gesicht lag ein so unverkennbarer Zug von Spott und Sarkasmus, daß man sich unwillkürlich für den Vogel interessirte. Bei den anderen Spatzen stand Philipp in sehr großem Ansehen. Wenn es etwas zu fressen gab, ließen sie ihm, sogar der gierige-Lude, immer das Beste- das Seltsamste jedoch war, daß zur Winterszeit, in der doch das Futter so rar ist, seine Mitspatzen dem Alten noch von ihren spärlichen Krümmchen zutrugen, ganz so, als wenn brodlose Arbeiter ihren letzten Heller zu Agitationszwecken hingeben. Wie ein richtiger Demagoge war mir der alte Philipp immer vorgekommen - wenn es unter dem Spatzenvolk solche gibt, so ist er sicherlich einer der verwegensten.
Ich hatte mich bis dahin vergeblich nach der Ursache der allgemeinen Aufregung umgeschaut. Von den Reden der Spatzen konnte ich bei dem großen Lärm nichts verstehen als einzelne Worte, wie: „Bande", Mückenjäger", „'raus werfen", ohne daß ich einen Zusammenhang dazwischen zu finden vermochte. Da fiel mein Blick zufällig auf das Nachbarhaus, und sofort wurde mir alles klar.
In dem Schwalbennest, das Lude bewohnte, saß mit ausgebreiteten Flügeln dessen Frau und blickte heraussordernd nach einem auf dem Dache des Nebenhauses sitzenden Schwalbenpaar. Dies waren jedenfalls die rechtmäßigen Eigenthümer des Nestes, das konnte man aus ihrem ganzem Gebahreu deutlich erkennen. (Forts, folgt.)
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