Ausgabe 
5.10.1890 Zweites Blatt
 
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den Stall uff, 's komme vornehme Leit!" schaffte er Rath, und bald darauf zog die kleine Gesellschaft durch den geöff­neten Stall in die Wirthschaftsstube ein.Was dabei zu lachen wäre", meinte die biedere Wirthssrau, als man durch diesen römischen Einzug in die heiterste Stimmung versetzt wurde.

* Stadthagen, 30. September. Ein Fall hervorragender Pflichttreue ereignete sich in den letzten Tagen auf der Eisenbahnftrecke WunstorfLöhne. Das Töchterchen eines Weichenstellers war bei einem Kartoffelfeuer von den Flammen ergriffen worden und eilte hülfeflehend dem elterlichen Hause zu. Der Vater, der die große Lebensgefahr seines Kindes sah, verließ, da gerade der fällige Schnellzug im Anfahren war, seinen Posten nicht, versah vielmehr seine Weiche und eilte erst dann zu seinem brennenden Krude, welches bald darauf seinen Brandwunden erlag.

* Zur Nachachtung! Herr Commerzienrath Eilig, so erzählt derDorfbarbier", hatte die Gewohnheit, augenblick­liche Einfälle, um sie festzuhalten, auf den Manchetten zu vermerken. Eines Tages erinnert er sich an das nahe Ge- burtsfest seiner Gattin und schreibt:Geburtstag meiner Frau was diesmal geben?" Am anderen Morgen, als er die Notizen des vorigen Tages überfliegt, liest er darunter: Nichts persönlich kaufen, treffe Geschmack nie anstän- digen Credit auf Kasse eröffnen!"

* Die Geschichte einer Ehe. Um die Mitte der sechsziger Jahre lernte ein Oberlieutenant eines in Pest stationirten Husaren-Regiments die überaus reiche Frau G. kennen- der Offizier kam ihr nur mit pflichtgemäßer Artigkeit entgegen, da die verwittwete Dame nahezu 60 Jahre alt war. Um so größer war feine Ueberraschung, als ihn Frau G. zu sich bitten ließ. Er erschien bei ihr und fand sie schwer krank- die Mienen der ihr Bett umstehenden Aerzte ließen das Schlimmste befürchten. Die Kranke sagte dem Offizier mit schwacher Stimme, daß sie ihn lieb gewonnen habe und, da er vermögenslos sei, wolle sie ihm ihren auf Hunderttausende bewertheten Besitz hinterlassen- damit aber ihre entfernten Verwandten keine Einwendung erheben könnten, wäre es gut, wenn er sie zur Frau nehmen würde, da sie ja ohnehin nicht mehr zwei Tage lebe. Der Offizier erbat sich einen Tag Bedenkzeit und fragte seinen Obersten, ob es seiner Carriöre schaden würde, wenn er eixe reiche, alte Wittwe auf deren Todtenbett heirathe. Die Antwort war, dies werde nicht der Fall sein, da diese Carriere in dem Augenblicke zu Ende sei, in welchem er eine solche Gesinnung verrathen. Er qnittirte sofort und wurde erst 27 Jahre alt mit der 58 jährigen Frau getraut. Und das Wunderbare geschah: die Alte ward gesund und lebte noch 23 Jahre, das Leben ihres Gatten durch Eifersucht verbitternd- vor einigen Tagen ist sie im Alter von 81 Jahren gestorben.

* Göttliches Gebot und höhere Ueberzeugung befreien nicht von der Militärpflicht. Der Kaiser hat das Gesuch eines Reservisten, Friedrich May, ihn von der ferneren Aus­übung der Militärpflicht zu befreien, abschläglich beschieden. May hat sich nun nochmals schriftlich an den Kaiser gewandt und ihm als dem obersten Kriegsherrn den Gehorsam auf­gesagt, weil er laut seiner inneren Ueberzeugung und gött­lichem Gebot gemäß Niemand tobten dürfe, noch werde, weder in Kriegs- noch in Friedenszeiten. Wiederholt wurde May von Militärärzten auf seinen geistigen und körperlichen Zu­stand untersucht und als vollkommen gesund und zurechnungs­fähig erklärt. In dem Reserve-Unteroffizier Haase, von Beruf Buchhalter und ebenso wie May Mitglied der Neu­kirchengemeinde, hat letzterer bereits einen Nachfolger gefunden. Haase hat im Instanzenwege beim Landwehrcommando Berlin, unter Angabe derselben Gründe, um seine Entlassung aus dem Militärverbande gebeten.

* In dem Hygienischen Volkskalender spricht aus Grund eines reichen Materials Dr. Kübner über den Einfluß der Ehe auf Gesundheit, Lebensdauer und Lebensglück so erbaulich, daß vielleicht einige hartgesottene Junggesellen davon weich werden. Er greift den Herren an den Egoismus, und das ist ja bei den Junggesellen eine besonderes empfindliche Seite. Während ein Ehemann die Aussicht hat, 60 Jahre alt zu werden, muß sich ein Junggeselle mit 45 Jahren begnügen, und während der 4. Theil der Ehemänner 70 Jahre alt wird, erreicht nur der 20. Theil der Junggesellen dieses Alter.

Die Gründe der nachgewtesenen längeren Lebensdauer der Verheirateten werden in einer Menge von Vortheiten, welche der Ehestand für körperliche und geistige Gesundheit bietet, gesucht und namhaft gemacht. Dabei legt der Arzt auf ge­eignete Wartung, Pflege in Krankheiten, zu deren glücklicher Begleichung, unbeschadet des Jndividiums, besonderes Gewicht. Stets aber wirkt in gesundheitlicher Beziehung die Ehe vor- theilhaster beim männlichen, als beim weiblichen Geschlecht. Unter 100 Ehemännern bringen 21, unter 100 Frauen 17 mehr, als unter ebensoviel Unverheirateten, ihr Alter über 70 Jahre. Man würde irren, wenn man die Ursache dieser größeren Sterblichkeit vielleicht in der unregelmäßigeren Lebens­ordnung der Unverheirateten suchen wollte. Im Gegentheil, je eingezogener der Unverheiratete lebt, desto früher scheint ihm sein Lebensziel gesteckt. Nach den in Paris angestellten Erhebungen hat sich ergeben, daß innerhalb einer gewissen Zeitperiode nur wenige Klostergeistliche und Klosterfrauen das Alter von 80 Jahren erreichen, daß die Weltpriester, welche mehr Freiheit haben, älter werden als dir Mönche und Nonnen, und daß die Hagestolzen aus dem Laienstande länger leben, als die Geistlichen, während die Verheirateten die längste Lebensdauer erlangen."

* Sauer Schwabenheim, 30. September. Die Ehefrau eines Taglöhners legte ihr halbjähriges Kind ins elterliche Bett und begab sich ins Feld. Als sie des Abends heim kam, fand sie das Kind todt. Dasselbe hatte sich in die Kissen verkrochen und war erstickt. Heute Morgen fand in Anwesenheit des Kreisarztes die gerichtliche Leichen­schau statt.

* Meißen, 30. September. Ein historisches Sch lacht ew roß wurde hier dieser Tage vom Leben zum Tode befördert. Der arabische Schimmelhengst des dortigen Bezirksthierarztes Schleg hatte im Feldzuge 1870/71 den französischen General Brion getragen und wurde beim Ueberfall von Etrepany in der Nacht vom 28. zum 29. November verwundet. In seinem Schmerz lief das Thier in die feindliche deutsche Armee, seinen im linken Bügel hängenden Reiter hinter sich schleppend. Dem General war dabei der ganze Hinterkopf zerschlagen. Als das Pferd geradenwegs auf den Lieutenant von Boddien vom 17. Ulanen-Regiment zujagte und denselben sicher niederge­treten hätte, sprang der Ulan Lehmann (jetzt Weichenwärter am Meißener Bahnhof) aus das Pferd zu, riß es zur Seite und rettete so seinem Herrn das Leben. Lehmann wurde da­mals reichlich beschenkt und steht noch heute bei der Familie von Boddien in gutem Andenken. Der Lieutenant hat nun das Pferd während des übrigen Feldzuges geritten und es dann später verkauft- so kam es in die Hände des Herrn Schleg. Am Tage vor dem Tode des Thieres erschien Herr Ritt­meister a. D. von Boddien, zeichnete und photographirte das Roß und gab ihm das letzte Geleite. Natürlich wurde auch der Ulan Lehmann hinzugezogen- dieser hielt das Thier beim Zeichnen und begleitete es dann zum Abdecker.

* Das Brautkleid der Prinzessin Victoria von Preußen, welches von einer bedeutenden Berliner Confectionsfirma an­gefertigt wird, ist von überraschender Schönheit und ausge­suchtem Geschmack und liefert den Beweis, daß dieser deutsche Industriezweig mit dem Pariser durchaus auf gleicher Höhe steht. Die Schleppe namentlich ist geeignet, allen Damen einen Ruf des Entzückens zu entlocken. Dieselbe wird von einer Lehrerin am Königlichen Kunstgewerbe-Museum ange­fertigt und schreitet demnächst ihrer Vollendung entgegen. Die Schleppe besteht aus weißem Broeatstosf und ist durch Silberstickereien in erhabener Arbeit geziert. Ein auf der­selben zur Darstellung gebrachter Rosenzweig hebt sich pracht­voll von dem weißen Untergründe ab. Umsäumt wird die Schleppe von einem Myrthenkranz, welcher durch weiße Orangenblüthen durchbrochen ist. Die Orangenblüthe, in bürgerlichen Kreisen ein Wittwenschmuck, ist bei Hose an Brauttoiletten seit längerer Zeit Mode.

* Der letzte Wagen. Calin, so erzählt derFigaro", besteigt einen Eisenbahnzug und wird von dem durch ein Trinkgeld ausgemunterten Condueteur darauf aufmerksam ge­macht, ja nicht in den letzten Wagen zu steigen, weil der­selbe bei einem Unglücksfalle für seine Insassen der gefähr­lichste sei.Der Gefährlichste", erwidert Calino verwundert, weshalb hängt man ihn denn überhaupt an?"

Landwirthschaftliche Winke und Rathschläge.

A Oberhesse«, Anfang October.

Zwei Feinde hat der Landwtrth zu bekämpfen, mit denen er fast niemals fertig wird. Der eine, das Unkraut auf den Feldern und hier den Kleemörder: die Flachsseide. Der andere ist die Blutlau- auf den Bäumen, die ebenfalls schwer auszurotten ist. Zur Beseitigung des Unkrautes ist jetzt die geeignete Zett. Der Landwtrth pflügt die verunkrauteten Stücke ganz ftach; der Unkraut­samen geht bald auf, kann aber wegen der vorgeschrittenen Jahres­zeit keinen Samen mehr bilden und stirbt daher beim Eintritt der rauhen Jahreszeit gänzlich ab. Beim Abnehmen ves Obstes ist der Landmann in der Lage, die Stellen an den Bäumen leicht aus­findig zu machen, wo sich die Blutlaus etngenistet hat, er kann ihr also gründlich zu Leibe gehen.

Ein großer Fehler wird von vielen Landwirthen dadurch gemacht, daß sie die Wiesen z« lange im SpLtherbste beweiden lassen. Wer genügend Futter hat, sollte ein Beweiden der Wiesen nach der Grummeternte möglichst vermeiden. Der abgelaufene diesjährige September hat mit seiner vortrefflichen Witterung allerdings noch schönes Futter productrt und es gibt Leute genug, welche glauben, das Futter sei verloren, wenn es nicht weggenommen würde. Das ist ein Jrrthum, denn das abgestorbene Gras bildet eine Decke, welche die Wurzeln der Graspflanzen im Winter gegen heftige Kälte schützt und sie im nächsten Frühjahre, beim Wiedererwachen der Natur, kräftigt. Der Unterschied zwischen abgehüteten und geschonten Wiesen ist darum nach harten Wintern ein sehr deutlich erkennbarer. Der Landwtrth sorge also nur für eine gute Grasdecke im Winter, sie wird sich im folgenden Jahre wohl rentiren.

Es ist aber noch ein zweiter Grund vorhanden, der für Schonung der Wiesen spricht, nämlich: Wenn feuchtes Wetter eintritt und der Wiesenboden weich wird, zertritt das Weidevieh die Grasnarbe in bedenklicher Weise. Es bilden sich Wasserpfützen, die wegen ihrer stockenden Nässe sauere Gräser Hervorrufen, wodurch die Wiese ver­schlechtert wird. Ferner werden die Ab- und Zulettungsgräbchen vielfach zugetreten, was der Wiese schädlich ist. Feuchte Wiesen sollte man darum im Herbste unbedingt nicht mehr beweiden lasten.

Für die Hausfrauen, besonders auch für diejenigen, welche in den Städten wohnen, möge hier ein Wink in Bezug auf ihre Kartoffelvorrstthe folgen. Die diesjährigen Kartoffeln haben, wenn sie nicht in leichtem Sandboden wuchsen, Neigung zum Faulen. Selbst bei großer Sorgfalt läßt es sich nicht vermeiden, daß eine angekränkelte mit in den Keller kommt. Diese wird bald ihre Nachbarn anstecken und die Folge wird sein, daß der Vorrath ins Faulen geräth. Hier bleibt nur übrig, daß der Vorratb in Zwischenräumen von 2 bis 3 Wochen ungeschaufelt oder, was besser ist, umgelesen und die kranken Knollen beseitigt werden. Das erfordert nun allerdings Zeit, folglich auch Geld. Aber der ausgegebene Taglohn rentirt ganz außerordentlich. Zugleich bewirkt man durch das Umlesen und Um­schaufeln, daß die Kartoffeln nicht so leicht keimen, was gewöhnlich im Nachwinter aufzutreten pflegt. Durch das Keimen verliert die Kartoffel bedeutend an Werth; sie keimt nur, wenn sie in Ruhe gelassen wird. Man laste ihr also keine Ruhe und man kämpft erfolgreich gegen Krankheit und Auswachsen.

Zum Schluste noch etwas über ein für die Landwirthschaft nützliches, aber aus Unverstand oft verfolgtes Thier, den Igel. Dieser plumpe, polternde Geselle ist der vorzüglichste Mäusejäger, den man sich denken kann; dabei harmlos und unschädlich. Die Mäuseplage scheint sich da und dort zu zeigen, der warme September hat Vorschub geleistet. In Mühlen und Bäckereien ist der Igel fast unentbehrlich, denn er leistet mehr als mehrere Katzen. Außerdem beseitigt er Schnecken, Würmer, Schaben und Kerbthiere aller Art; selbst die giftigen Schlangen: Kreuzotter und Ringelnatter, über­wältigt er und verzehrt sie, ohne Schaden zu nehmen. Der Land­wirth sollte darum den Igel hegen und schützen wo er kann. Statt besten entsteht ein Geschrei, wenn sich einmal ein Igel zeigt und die liebe Jugend ruht gewöhnlich nicht eher, als bis der harmlose Geselle zu Tode gequält ist. Wer das thut, schadet sich selber und wer sich selber Schaden thut, den heißt man nach einem Bibelworte einen Erzbösewicht.

Der PostdampferWaesland" derRed Star Line" in Ant­werpen ist laut Telegramm am 2. October wohlbehalten in New- york angekommen.

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Aufforderung.

Nachdem der ftühere Großherzog­liche Gerichtsvollzieher Karl Bühner in Gießen in Folge Uebertritts in den Gerichtsschreiber­dienst aus dem Gerichtsvollzieherdienste ausgeschieden und er um Rückgabe der von ihm geleisteten Dienstcaution ge­beten hat, ergeht die Aufforderung, etwaige Ansprüche aus dem Dienst- verhältniffe des rc. Bühner als Ge­richtsvollzieher, binnen drei Monaten bei dem unterzeichneten Gerichte schrift­lich oder zu Protokoll des Gerichts­schreibers anzumelden, als sonst die gedachte Caution zurückgegeben werde.

Gießen, 30 September 1890.

Großherzogliches Amtsgericht.

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