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Dienstag den 5. August

1890

Nr. 179

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger

Amts- «nd Anzeigebl«tt für den Ureis Gieren.

1 chratisöeikage: Gießener AamilienökäLter.

Amtlicher Theil.

Feuilleton

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmm Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.

11 Uhr im kam njeitä abzurW. sch-ff.

Die Gießener

WamitieuölLlter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelcgt.

Wittag 8 Uhr von [6395

Der

Stehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

8970 9420 7860 7^

1-9.60

Berlin, 2. August. Die Eröffnung der mit dem zehnten internationalen medicinischen Congreß verbundenen medici- nisch -wissenschaftlichen Ausstellung für das Publi­kum erfolgte unter Theilnahme zahlreicher hiesiger und aus­wärtiger Congreßmitglieder heute Mittag im Mittelsaale des Land'esausstellungsgebäudes. Der Generalsecretär des Con- gresses, Lassar, hielt eine Ansprache, woraus Virchow der preußischen Unterrichtsverwaltung, dem Senat der Kunstaka­demie, sowie den Ausstellern dankte. Der Director des Reichs- gesundheitsamtes, Köhler, begrüßte Namens der deutschen und der preußischen Regierung die Versammlung. An die Feier schloß sich ein gemeinsamer Rundgang durch die Ausstellungs­räume.

Berlin, 2. August. Der bei dem Landwirthschastsminister Lucius gestern abgehaltenen Soiree wohnten der Reichs­kanzler, der Minister Herfurth, das Lehrercollegium der thier­ärztlichen Hochschule, die Studenten und zahlreiche auswärtige Gäste bei. Der Reichskanzler ließ sich mehrere der auswärtigen Gäste vorstellen und unterhielt sich längere Zeit namentlich mit dem Generalinspector des französischen Veterinärwesens, Chanveau.

Aachen, 2. August. Heute sand die feierliche Ein­führung des neu ernannten Dompropstes Dr. Busch­mann statt.

Hamburg, 2. August. Die Blättermeldung, der Eisen- bahndirectionspräsident Krahn beabsichtige zurückzutreten, ist, wie derHamb. Corresp." aus bester^ Quelle ersährt, völlig unrichtig.

Lauterberg, 2. August. Die Krankheitserscheinungen Mißmanns sind als gehoben zu bezeichnen. Die Kräfte nehmen langsam, aber stetig zu. Er fuhr gestern eine Stunde spazieren. Dr. Kohletock reiste heute ab.

iermit die traurige gefallen hat, unser

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Auslands

Wien, 2. August. Der Kaiser richtete an Taüsfe ein Handschreiben, worin er für die vielen Beweise liebe­voller Theilnahme anläßlich der Vermählung seiner Tochter seinen, der Kaiserin und seiner Kinder innigsten Dank aus­spricht. Der ungarische Premierminister erhielt ein gleiches Dankschreiben.

Pest, 2. August. Im Kohlenschachte bei Fünfkirchen wurden drei Arbeiter durch schlagende Wetter getödtet. Im Szaßvarer Schacht wurden infolge Gasausströmung 11 Arbeiter ohnmächtig- drei derselben sind gestorben.

London, 2. August. Der deutsche Botschafter Graf Hatz- seldt hatte gestern eine lange Unterredung mit Salisbury,

Der arme Joseph.

Scizzevon Erich zu Schirfeld.

(Schluß.)

Der Hund bellte wüthend dazu und hatte anscheinend micht wenig Lust, sein weißes, scharfes Gebiß an ihm zu ver­suchen. So schnell es ihm der Schreck und seine Schwäche erlaubte, eilte er von dannen.

Ja, der Bauer ist hart und macht wenig Umstände. Er mag auch wohl oft genug Grund dazu haben, und man kann es ihm nicht verdenken, wenn er ungastlich wird gegen fremde, herabgekommene Menschenkinder. Der Bauer hatte ganz recht, ganz recht! Trotzdem fühlte er Mittags, als sie am wohlgedeckten Tische saßen, so etwas wie Reue und meinte:Wir hätten den armen Teufel doch nicht so hart behandeln sollen, es kann unter zehn Schlechten wohl ein Guter sein. Wir wollen künftig lieber zehn Unwürdige er­quicken, als einen Würdigen darben lassen um der anderen willen."

So sprach er, aber dem armen Joseph war damit nicht geholfen. Er schleppte sich weiter, der Hauptstadt zu. Seine müden Augen brannten wie Feuer und in der Brust fühlte er ein seltsames Stechen. Zwei Thränen stahlen sich über die hageren Wangen und erstarrten zu Eis im struppigen Bart. Das war die Kälte und der schneidende Ostwind, der ihm das Wasser in die Augen trieb. Sieh, die Gegend sollte dir doch bekannt sein, Joseph! Nun freilich, dort die vier Pappeln standen schon vor vielen Jahren. Damals waren sie freilich kleiner. Noch einige Jahre, dann werden sie abgehauen. Als er diesen Weg zum letztenmale ging, da war es auch Winter. Die Felder waren bedeckt vom Schnee und am Himmel stand wie heute der bleiche Mond. Sie nämlich die Mutter und er hatten sich früh auf­gemacht, um vor Tage die Heimath zu erreichen, denn es

Bekanntmachung.

Wegen Herstellungsarbeiten bleibt die Flügelszasse (Damm­straße) von heute ab bis aus Weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt.

Gießen, den 4. August 1890.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

I. V.: Kraemer.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.

Berlin, 3. August. In der Universität wurde heute die Gedächtnißfeier für König Friedrich Wilhelm III. in der üblichen Weise begangen. Der derzeitige Rector der

war Festtag und die Geschwister warteten auf den Kuchen, den sie mitbrachten. Damals hatte ihn auch gefroren und die Mutter hatte sich ihres warmen Rockes entledigt und ihn ihrem Joseph übergezogen. Unter dem Halse band sie ihn zu und er ging einher wie eine wandelnde Glocke. Er hatte gelacht vor Vergnügen, nun er warm wurde. Daß die Mutter für ihn klaglos weiter fror, bedachte er ja damals nicht. O, Mutterliebe, Mutterliebe! Wenn sie sehen könnte, wie er jetzt, nach so langer Zeit, ein verlorener Mann dieselbe Straße zog.

Er setzte sich aus einen Baumstumpf, legte den Arm auf die Knie und verbarg das Gesicht. Damals! Sein Geist kehrte zurück zu den Tagen seiner Jugend. Wenn er im Frühling durch die Felder zog, wo die Saaten grünten und die Lerche in der blauen Lust ihr fröhliches Lied sang das war doch schön. Dann lag er wohl im wogenden Klee auf dem Rücken und sah träumend empor zum glänzenden Frühlingshimmel. Die Bienen summten um ihn her und Schmetterlinge tummelten sich im warmen Sonnenschein. Heber ihm aber rauschte der Wind in den Zweien der Pappeln und ihre Blätter flüsterten geheimnißvoll. Das war wie ein Wiegenlied der Natur, die ihn in süßen Schlummer sang.

So versenkt in Erinnerung saß er da und fühlte nicht den kalten Wind, der eine klagende Weise anstimmte in dem dürren Geäst über ihm, und er fühlte nicht, wie der Tod herankroch an sein müdes Herz. Ein Nabe flog krächzend vorüber. Joseph fuhr erschrocken empor.So zu schlafen, hinüber zu schlafen in die Ewigkeit, das wäre nein, das wäre ja Sünde!" rief er und rieb sich die Stirn mit Schnee. Arn Horizont tauchte der Tag herauf aus der Dämmerung und der Mond verblich im Glanze der Morgenröthe. Die Sonne weckte neues Leben selbst in der Welt des Winters, nur Joseph wankte, müder als je, seinem Ziele zu.

Nun war er in der Hauptstadt, aber die Hoffnung, die ihn endlich hergeführt hatte, erfüllte sich nicht. Hier waren

I 1880.

Bekanntmachung.

Zu Wißmar und Niederquembach (Kreis Wetzlar) ist die Schafräude ausgebrochen.

Gießen, den 2. August 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Jost.

Leute im Ueberfluß, hier verlangte Niemand nach ihm. Er sah verzweifelnd um sich. Zufällig gelangte er in die Gegend eines Bahnhofs. Vor dem Portal desselben standen viele Wagen und Männer in blauen Blousen. Jetzt mußte wohl ein Zug eingelaufen fein. Reifende strömten in großen Schaaren aus dem Gebäude, gaben ihre Sachen den Kutschern oder Dienstleuten und entfernten sich. Er hatte sich zu den Blousenmännern gestellt und wartete. Da kam ein feiner Herr, musterte die Reihe der Dienstleute, die sich zu ihm drängten, und winkte dann Joseph, den er mitleidigen Blickes fragte, ob er ihm seine Tasche tragen wolle.Sie ist nicht schwer," setzte er hinzu.

Joseph nickte dankbar. Aber als er sich anstrengte, die Last zu heben, taumelte er und stürzte lautlos zu Boden. Ein Schutzmann, der ihn schon lange beobachtet hatte, rief eine Droschke herbei. Joseph wurde hineiugelegt und in ein Krankenhaus gebracht. Der anwesende Arzt erkannte geübten Auges sofort das Leiden und ließ den Ohnmächtigen in ein warmes Bett bringen. Man flößte ihm einige Tropfen Wein und ein wenig Bouillon ein und über sein bleiches Gesicht flackerte ein rosiger Hauch. Dann ließ man ihn ruhen und stille ward es im Gemach. Nach einiger Zeit sah der Arzt wieder nach dem Kranken, der mit geschlossenen Augen dalag. Ein zufriedenes Lächeln verklärte seine Züge, er war ein* geschlafen, er hatte eine Hejrnath gesunden. Der Arzt legte prüfend seine Hand auf Josephs Herz, und als er zurücktrat, glänzte es feucht in feinen Augen.Er starb an den kalten Herzen feiner Mitmenschen," sprach er bewegt. Der Artikel aber, den die Zeitungen über diesenVorfall" brachten, schloß mit den Worten:

Als Todesursache nahm man ursprünglich Mangel an genügender Nahrung an. Diese Voraussetzung hat sich jedoch als falsch erwiesen, da man noch ein Zehupsemügstück bei iljnt vorgefunden hat. Der Verstorbene dürfte einem älteren Herz - oder Lungenleiden erlegen sein."

Armer Joseph!

Deutsches Reich.

Berlin, 3. August. Kaiser Wilhelm hat auf seiner am Freitag in Begleitung der Manöverflotte angetretenen Reise nach England am Samstag in Ostende einen ebenso großartigen wie begeisterten Empfang gesunden, der hinläng­lich davon Zeugniß ablegte, welcher Sympathien sich der kaiserliche Enkel Wilhelm I. auch in Belgien erfreut. Die gesummte belgische Königsfamilie war zur Begrüßung des hohen Gastes in Ostende erschienen, ebenso hatten sich daselbst fast sämmtliche Minister und zahlreiche sonstige höhere Staats­oder Hochwürdenträger Belgiens eingcfunden; außerdem war Ostende anläßlich des deutschen Kaiserbesuches zum Zielpunkt eines riesigen Fremdenzufluffes geworden. Die Begrüßung zwischen Kaiser Wilhelm und den belgischen Majestäten, sowie den übrigen zum Empfang erschienenen Mitgliedern des bel­gischen Königshauses trug einen ungemein herzlichen Charakter, ebenso diejenige zwischen Prinz Heinrich von Preußen und der belgischen Königsfamilie. Der Kaiser und Prinz Heinrich hatten ihr Absteigequartier im königlichen Seeschlosse genom­men. Im Laufe des Sonntags verließ der Kaiser, nachdem ihm zu Ehren, trotz der beschränkten Zeit, eine Reihe von Festlichkeiten veranstaltet worden waren, Ostende mit der Flotte wieder und setzte die Fahrt nach England fort. In der Nacht zum Montag langten das deutsche Geschwader auf der Höhe von Dover an, der Landung des Kaisers in Cowes auf der Insel Wight wurde für Montag Nachmittag ent- ,gegengesehen.

wobei die letzten Abmachungen über die Abtretung Helgolands vereinbart wurden.

Madrid, 2. August. Aus der Provinz Valencia wur­den von gestern 59 Erkrankungen und 34Todesfälle an Cholera gemeldet. Die Strikes in Manresca und Malaga sind als beendet anzusehen.

Lifsabon, 2. August. Osficielle Meldungen bestätigen den Ausbruch der Cholera in Badajoz. Die portugiesischen Behörden ergriffen energische Maßregeln, um die Einschleppung der Krankheit zu verhüten.

Konstantinopel, 2. August. Der britische Botschafter White wurde nach seiner Rückkehr vom Sultan in Audienz empfangen. Der russische Botschafter Nelidow hat sich nach Sewastopol eingeschifft.

Sansibar, 31. Juli. Der stellvertretende Reichscom- missar kehrte heute von der Expedition gegen Mahenge hierher zurück. Die Masiti entflohen vor ihm und der letzte der aufständischen Häuptlinge, Pangire, unterwarf sich. Auch die Pacificirung der Nordprovinz bis Rufidji ist be­endet. Es herrscht, entgegen derTimes"-Meldung vom 31. Juli, völlige Ruhe.

Newyork, 2. August. Nachrichten aus La Libertad bestätigen die Niederlage des Generals Rivas in Sal­vador. Nivas flüchtete, wurde aber verfolgt, gefangen und am Freitag öffentlich erschossen und sein Leichnam aus der Plaza Armas ausgestellt. Verschiedene Personen sind stark compromittirt und eine Untersuchung ist eröffnet. Die Be­lagerung San Salvadors dauerte 40 Stunden. Die Stadt ist stark beschädigt, gegen 100 Personen sind getödtet. Die Regierungstruppen, welche sich an der Verschwörung bethei- ligten, haben sich unterworfen und sind bereit, nöthigenfalls an die Grenze zurückzukehren.

Buenos Aires, 2. August. Der Congreß beschloß ein dreitägiges Moratorium. Die Börse wird wahrschein­lich am 15. August wieder eröffnet.

Buenos Ayres, 2. August. Telegramm des Reuter'schen Bureaus. Die Ministerkrise ist noch nicht erledigt. Dr. Caruno, Generaldirector der Posten und Telegraphie, hat seine Entlassung gegeben. Die Ordnung ist nicht gestört, die Börse bleibt aber noch geschlossen.

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