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Nr. 30.

Mittwoch den 5. Februar

1890

Der

chtehener Anzeiger krscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

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Gießener Anzeiger

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Amts- rind Anzeigeblatt für den Nreis Gieren.

'innahm. °°n «nz.izen zu d« N°chmin°g, für ta, i rttfis6eitaqc: chießener Kamifleußfötfer.

folgenden Tag erscheinenden Nummer bi5 Dorm. 10 Uhr.-? ö

Alle Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Tbeil.

Gießen, den 1. Februar 1890. Betr.: Die Vertilgung der Raupennester.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh Bürgermeistereien hezw. Loeal- polizeibeamten deS KreiseS.

Wir beauftragen Sie, in Ihren Gemeinden unter Hin­weis auf § 368, pos. 2 des Reichsstrafgesetzbuchs und Art. 80 des Feldstrafgesetzes zur Vertilgung der Raupennester an Bäumen, Sträuchern und Hecken unter dem Bemerken öffent­lich aufzufordsrn, daß gegen diejenigen, welche dieser Auffor­derung nicht längstens bis zum 1. April l. I. entsprochen haben werden, aus Grund der genannten Gesetzesstellen Anzeige erhoben, sowie daß die Vertilgung aus Kosten der Säumigen angeordnet werden würde.

Wir erwarten, daß Sie die Feldschützen bei Erfüllung ihrer Obliegenheiten in dieser Beziehung überwachen und die bezüglich der säumigen Baumbesitzer anzuordnende Reinigung alsbald nach Ablauf des Termins anordnen, sodaß die Säu­berung bis zum 15. April überall vollständig ausgesührt ist. Außerdem ist gegen die Säumigen Anzeige zur Feldrüge nach § 368, pos. 2 des Strafgesetzbuchs zu erheben-

Aus den der Gemeinde gehörigen Grundstücken wollen Sie die Säuberung von den Raupennestern aus Gemeinde­kosten alsbald vecanlaffen.

Wenn hiernach auch jeder Baumbesitzer selbst zur Ver­tilgung der Raupennester verpflichtet erscheint und dieselbe gegen ihn erzwungen werden kann, so empfiehlt es sich doch viel mehr, wie es in manchen Gemeinden üblich ist, daß die Gemeinde die Vertilgung in die Hand nimmt. In den be­treffenden Gemeinden, welche diesen Weg eingeschlagen haben, werden taugliche Personen bestellt, welche aus Kosten der Gemeinde und unter Aufsicht des Ortsvorstandes die Säu­berung der Bäume vornehmen, wodurch eine bedeutend größere Garantie für eine gründliche Reinigung geboten wird. Wir können Ihnen dieses Verfahren nur empfehlen.

Ihrem Berichte, daß in Gemäßheit vorstehender Verfügung die Vertilgung der Raupennester erfolgt ist, sehen wir bis zum 15. April d I- entgegen.

v. G a g e r n

Politische Ueverftcht.

Gießen, 4. Februar.

Der Wechsel im preußischen Handelsministerium giebt der Tagespreffe noch immer Anlaß zu allerhand Erörterungen und Muthmaßungen über die Vorgeschichte wie über die

Folgen des Ereignisses. Es kann in ersterer Beziehung in­dessen wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Beruf­ung des Herrn v. Berlepsch an die Spitze des Handels­ministeriums durchaus im Sinne des Fürsten Bismarck erfolgt ist und eine Berliner Meldung bestätigt denn auch, daß der Reichskanzler selbst dem Kaiser Herrn v. Berlepsch als neuen Handelsminister empfahl. Was aber die etwaigen politischen Wirkungen dieses Ministerwechsels anbelangt, so herrscht nur eine Stimme darüber, daß derselbe von hervorragend social­politischer Bedeutung sei, und zwar speciell in der Richtung eines Ausbaues der Arbeiterschutzgesetzgebung. Bis jetzt haben die verbündeten Regierungen aus practischen Erwäg­ungen gegenüber den wiederholt geäußerten Wünschen des Reichstages nach energischerer Förderung der Arbeiterschutz­gesetzgebung stets eine ablehnende Stellung eingenommen und Fürst Bismarck selbst mochte sich wohl scheuen, in Hinblick auf seine anderwärts schon so sehr in Anspruch genommene Thätigkeit nun noch die schwierige Frage der vollständigen Regelung der Arbeiterschutzgesetzgebung in Angriff zu nehmen. Es scheint nun, daß mit dieser schwierigen Aufgabe der neue Handelsminister betraut werden sott, da er als ein warmer Befürworter eines reichsgesetzlichen Vorgehens aus dem Gebiete des Arbeiterschutzes gilt und sicherlich wird Herr v. Berlepsch hierbei auf die Sympathien und Unterstützung aller parla­mentarischen Parteien zählen dürfen.

Die Abkunft, durch welche der zwischen Preußen und den thüringischen Staaten bestehende Zoll- und Steuervertrag bis 1. April 1893 verlängert wird, ist jetzt veröffentlicht worden. Die bezügliche Vorlage wurde kürzlich im preußischen Abgeordnetenhause einstimmig genehmigt.

Unter der Studentenschaft der Universität Neapel herrscht eine hochgradige Gährung, über deren Ursache noch nichts Genaueres bekannt ist, die aber schon wiederholt Ausschreit­ungen der Studirenden veranlaßt hat. Dieselben erforderten schließlich polizeiliches Eingreifen und am Samstag besetzte sogar eine Abtheilung Militär in Begleitung eines Polizei­beamten die Umgebung der Klinik. Die versammelten Stu­denten (Mediciner) rissen dem Beamten die Schärpe herab, woraus es zu einem Zusammenstoß zwischen ihnen und der Wache kam, doch zog dieselbe wieder ab, nachdem sich der Vorstand der Klinik für die Aufrechterhaltung der Ordnung verbürgt hatte. Trotzdem beharrt der akademische Rath aus Schließung der Universität und sollten die bei den früheren Demonstrationen verhafteten Studenten am Montag vor Gericht erscheinen. Die Vorgänge in Neapel haben auch auf die römische Studentenschaft zurückgewirkt, denn am Samstag Abend versammelten sich im Hofe der Universität zu Rom 500 Studenten und beriechen über die angesichts der Studenten-Demonstrationen in Neapel zu beobachtende Haltung.

Nachdem Professor Ferri die Anwesenden zur Ordnung er­mahnt, faßten dieselben einen gegen die polizeiliche Besetzung des Universitätsgebäudes zu Neapel protestirenden Beschluß.

Private Berichte aus Zanzibar melden, daß sich das Befinden Emin Paschas jetzt täglich bessere und ist demnach gegründete Hoffnung vorhanden, daß er seinen gefährlichen Rückfall wieder überwindet. Emin beschäftigt sich seit einiger Zeit auch ernstlich mit seiner Zukunft und heißt es, daß er die ihm vom Khedive Tewfik Pascha angebotene Stelle eines egyptischen Civilgouvernenrs für den östlichen Sudan in Suakin dankend abgelehnt habe, da er beabsichtige, wenn irgendmög- lich, nach Wadelai zurückzukehren. Inwiefern die weitere Nachricht zutrifft, Emin Pascha unterhandele bereits mit der deutschen Regierung, damit sie ihm zur Ausrüstung seiner geplanten Expedition behülflich sei, läßt sich jedoch noch nicht beurtheilen.

Die Engländer wollen den innern Hafen der unter ihrem Schutze stehenden ostafrikanischen Küstenstadt Mombasa in einen Marinehasen umwandeln. Admiral Freemantle lief dieser Tage mit elf Kriegsschiffen in genannten Hafen ein und constatirte, daß er für die doppelte Zahl bequem Platz biete.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 2. Februar. Das gestern ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 4 enthält:

1. Allerhöchste Verordnung, die Ausfiihrung des § 66 des Reichsmilitärgesetzes betreffend.

2. Allerhöchste Verordnung, die Ausübung der Fischerei im Neckar betreffend.

3. Allerhöchste Verordnung, den Verkehr mit explosiven Stoffen betreffend.

Darmstadt, 3. Februar. Nr. 1 des Amtsblattes des Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, Section für Justizverwaltung, enthält Ausschreiben d. d. Darmstadt, am 24. Januar 1890, betreffend die An­wendung des § 362 des Reichsstrafgesetzes, hier die Fest­setzung der correctionellen Nachhast.

Berlin, 2. Februar. Bekanntlich beabsichtigt der Kaiser, den diesjährigen Herbstmanövern des 5. und 6. Armeecorps beizuwohnen und dabei einen achttägigen Aufenthalt in Breslau zu nehmen. Die Manöver des 6. Armeecorps sollen in der Umgegend von Breslau und die Parade in der unmittelbaren Nähe der Stadt stattfinden. Es ist Aussicht vorhanden, daß die Kaiserin ihren Gemahl nach Breslau begleitet. Bereits wird ein Fest, das die Provinz dem Kaiserpaar wohl wieder in den Räumen des Museums geben will, geplant. Außer in Breslau wird der Kaiser voraussichtlich auch in Liegnitz einige Tag^

Feuilleton

Naturgenuß.

Man schätzt die Güter dieses Lebens am meisten, wenn man sie eine Zeitlang genossen hat und danach entbehren muß. Darum ist auch der Winter die rechte Zett, von Naturgenutz zu reden. Zwar auch im Winter ist die Natur an Schönheiten reich, aber die meisten Menschen kommen doch in der kalten Jahreszeit recht selten dazu, sie zu genießen. Im Sommer ists besser. Aber Hand aufs Herz, erfreuen sich im Sommer die Menschen so viel an Gottes Schöpfung, wie sie könnten? Nein, und abermals nein. Die meisten Leute haben eine wahre Sucht nach Freude, jagen allen Ge­legenheiten, sich zu vergnügen, nach- aber die Freude an der Natur, wie viel sie auch von den Dichtern und Weil en^ ge­priesen und empfohlen wird, wissen doch recht viele Menschen nicht zu finden. M .

Wer ans dem Lande lebt, hat die Natur den ganzen Tag und das ganze Jahr um sich- und gerade darum lernt er meist nicht, sie zu genießen- sie ist ihm etwas Alltägliches. Die Städter haben viel bessere Augen für Naturschonhetten, wenn sie nach der Arbeit in dumpfen Räumen enger Gassen aus den Stadtthoren herausströmen und an den Wundern von Feld und Wald, Strom und Berg sich erquicken. Aber der größte Theit von ihnen, der unbegüterte Thett,kann nur Sonntags in die freie Natur Hinaus, und das hat manche Uebelstände. Es bedeutet Ueberfüllung der Schiffe und Eisenbahnen, der Wege und Wirtschaften. Durch die aroßen Schaaren Menschen, die man an den schonen Platzen überall trifft, unter denen sich auch gewöhnlich einige weniger liebenswürdige Vertreter unserer Gattung befinden, wirw der Naturgenuß sehr beeinträchtigt. Wer ein Buch, ein Kunst­

werk, einen Menschen recht genießen will, muß mit ihm allein sein- so ists auch mit der Natur. Einige Angehörige oder Freunde hindern uns nicht, aber eine lärmende Schaar Unbekannter lenkt uns ab und verdirbt die Stimmung. Dazu kommt noch ein Zweites: Sonntags zieht man gute Kleider an. Das ist eine schöne, sinnige Sitte. Aber sie kann ausarten. Wer hätte nicht beobachtet, wie die sonn­täglichen Spaziergänge und Ausflüge von eitlen Menschen beiderlei Geschlechts zu einer Vorführung der Sommermoden benutzt werden, die zwar unserer Bekleidungsindustrie nach dem Herzen ist, aber den Naturgenuß doch vermindert. Wer bei jedem Schritt auf seine Garderobe Acht geben muß, kann sich der Natur nicht halb so sehr freuen, wie jener, welcher auch einmal laufen und springen kann, auf ein wenig Staub oder Straßenschmutz nicht Acht geben, sich durch Gebüsch und Gestrüpp schlagen darf. Wer fein gekleidet ist, muß sich bei jedem Negenwölkchen in eine Wirthschaft retten, und dann verwandelt sich dasNaturkneipen" gar leicht in Bier­kneipen.

So kommt es denn, daß dieMutter Natur", die Mutter Erde" für viele Städter nichts mütterlich Trautes bleibt, sondern etwas Fremdes, welches sie gelegentlich besehen, das ihrem Herzen, ihrem Geiste und auch ihrem Leibe nur wenig von den versteckten Schätzen gibt. Und das ist ein großes Unglück.

Was ließe sich dagegen thun? Von allen Besserungs­vorschlägen gefällt uns der Plan von Gartengenoffenschaften am besten, den uns ein Naturfreund mittheilt. Unsere großen Städte sind im nächsten Umkreise mit Feldern umgeben. Das ist bei den jetzigen Transportverhältnissen nicht nöthig- Korn, Kartoffeln und der Rest können ohne Schaden aus der weiteren Umgebung bezogen werden. Diese Felder sollten in Gärten verwandelt werden. Wohlhabende Leute sollten es sich zur

Ehrensache machen, Gärten zu besitzen oder zu pachten- sie geben jetzt ihr Geld oft für Dinge aus, die ihnen weniger nützen, und könnten in diesen Gärten mancher Badereise vor­beugen. Aermere Leute könnten sich auch kleine Gärten pachten, wenn sich Unternehmer genug fänden, die ihre Felder in kleine Gärtchen, jedes mit einer Laube, umwandelten und diese verpachteten. Da sie daraus aber nicht warten können, sollten sie sich zu Gartengenoffenschaften zusammenthun, Felder kaufen, einzäunen und dieselben unter dem Beirath eines Landschaftsgärtners in kleine Theile theilen. Diese Theile würden dann an die Meistbietenden oder an die Mitglieder verpachtet. Aus die Einzelheiten des Planes können wir nicht eingehen, der Gedanke kann ja auch aus mannigfache Weise ausgesührt werden. Wenn erst einmal der Wunsch nach solchen Gärten in vielen Menschen lebhaft erwacht, wird man auch Mittel und Wege zur Ausführung finden. Ein größeres Bedürfniß nach Naturgenuß zu erwecken, ist eine gemeinnützige Ausgabe, denn hier ist Bedürsnißlosigkeit ein Uebel. _____________

* Wachtmeister beim Rekrutenreiten:Halten Sie sich gerade, Müller, und legen Sie die Arme an! Der rechte Arm muß einen rechten, der linke Arm muß einen linken Winkel bilden."

* Zuvorkommend.Wenn ich um zehn Uhr nicht zu Hause bin, liebe Frau, brauchst Du nicht mehr aus mich zu warten."Fällt mir auch gar nicht ein- wenn Du um neun Uhr nicht da bist, bol ich Dich!"

* Genügsam. Mutter (zu ihrem kleinen Söhnchen):Ich glaube, Du kannst noch nicht bis drei zählen!" Sohn: Aber, Mama, ich will doch auch gar kein Genie sein!"

'* * Bertheidiger:Allerdings hat der Angeklagte die Würste gestohlen, aber nicht in diebischer Absicht."