1890.
Nr. 4.
Amts- und Anzmgsblutt für den Ureis Gieren.
Sonntag den 5. Januar
Die Gießener
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Der
Oietzeuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des MontagS.
Vierteljähriger ASonncmcnLsprcis: 2 Marl 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pjg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger.
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Alle Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
nm
Amtlicher Tbeil.
Bekanntmachung,
den Frühjahrs- und Herbst-Pserdemarkt zu Friedberg im Jahre 1890 betreffend.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß mit Genehmigung Gr. Ministeriums des Innern und der Justiz mit demnächstjährigen Friedberger Frühjahrs- und Herbst-Pserdemarkt je eine Berloofung von Pferden und sonstigen Gegen- ständen verbunden wird. Bei dem Frühjahrsmarkte dürfen höchstens 10 000 Loose ä 1 JL 50 H ausgegeben und müssen 9650 JL zum Ankauf von Gemmngegenständen verwendet werden; bei dem Herbstmarkte darf ebenfalls die Zahl von 10,000 Loosen (ä 1 je 50 4M nicht überschritten werden und sind 9550 JL für den Ankauf von Gewinngegenständen zu verausgaben. Der Verkauf der Loose im Großherzogthum ist gestattet.
Gieße'n, am 30. December 1889.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern. ----
Gießen, den 2. Januar 1890.
Betr.: Das Reichsgesetz vom 14. Mai 1879 über den Verkehr mit Nahrungsmitteln und Gebrauchsgegenständen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an Groß herzogliches Poiizeismt Gießen und die Grvßberzoglichen Bürge-meiS-reien der Landgemeinden deS Kreifes.
Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 20. Febr 1886 (Anzeigeblatt Nr. 46) sehen wir der Einsendung der voischristsmabigen Auszüge aus der von Ihnen zu führenden Tabelle über die im Jahr 1889 vorgenommenen Untersuchungen von Nahrungsmitteln uni Gebrauchsgegenständen bis zum 15. Januar l. I. entgegen.
v Gagern.
Gefunden: 1 Taschenuhr, 1 Hut, 1 Peitsche, 1 Pelz- kragen.
Gießen, am 4. Januar 1890.
Großherzogliches Pvlizeiamt Gießen.
Fresenius.
Bekanntmachung.
Mittwoch den 13» Januar 1890,
Nachmittags 2V2 Uhr,
wird auf Lonys Felsenkeller zu Gießen (Westanlage) eine General-Versammlung deS landwirthschast- lichen BezirksvereinS abgehalten werden.
Alle Mitglieder des landwirthschastlichen Bezirksvererns und der landwirthschastlichen Localvereine und alle sonstigen Freunde der Landwirthschaft werden zu dieser Versammlung hierdurch ergebenst eingeladen. ,
Die Herren Bürgermeister werden ersucht , den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf zahlreichen Besuch der Versammüing hinzuwirken.
Tagesordnung:
1. Vortrag des Herrn Dr. von Peter zu Friedberg über die Behandlungs weise und Verwendung des Stalldüngers und künstlichen Düngers.
2. Vortrag des Herrn Professors vr. Thaer zu Gießen über das Thema „Untersuchungen über Grundsteuer- Reinertrag, Pachtzins und Pächterkapital."
3. Antrag des Herrn Oeconomen I. Güngerich aus Ausbildung junger Grobschmiede in der Reparatur und dem Scharfen der Pflüge neuerer Construction auf Kosten des landwirthschastlichen Bezirksvereins.
4. Berathung über die Frage, aus welchen Gegenden von Seiten des Vereins im nächsten Frühjahre Saathafer bezogen werden soll.
Gießen, den 27. December 1889.
Der Director des landwirthschastlichen Bezirksverems Gießen. Jost-
politifchs UebeMetzt.
Gießen, 4. Januar.
Kaiser Wilhelm hat den Reichskanzler Fürsten Bismarck anläßlich des Neujahrsfestes durch eine Ordre ausgezeichnet, welche auf's Neue von dem überaus innigen, zwischen dem erlauchten Herrscher und seinem ersten Berather bestehenden Einvernehmen, erhebendes Zeugniß ablegt. Der Kaiser sendet dem Kanzler zum Jahreswechsel seine herzlichsten Glückwünsche und gedenkt dann des verflossenen Jahres, in welchem nicht nur die Erhaltung des Friedens, sondern auch die Verstärkung der hierzu nöthigen Bürgschaften ermöglicht worden sei. Weiter hebt der Monarch das Zustandekommen des Gesetzes über die Alters- und Jnvaliditätsversicherung hervor, welches
er als einen wesentlichen Fortschritt in der Fürsorge für die Arbeiter bezeichnet, die ihm so sehr am Herzen liege. „Ich weiß sehr wohl", schließt die kaiserliche Kundgebung, „welch reicher Ancheil an diesen Erfolgen Ihrer , aufopfernden und schaffensfreudigen Thatkraft gebührt, und bitte Gott, Er möge Mir und Meinem schweren und verantwortungsvollen Herrscherberufe Ihren treuen und erprobten Rath noch viele >zahre erhalten." , , fXY1,
Fürst Bismarck sandte an den italienischen Ministerpräsidenten Crispi zum Jahreswechsel ein herzliches Glückwunsch- Telegramm. In demselben drückt Fürst Bismarck den Wunsch aus, Crispis Energie und Klugheit möchten dem europäischen Frieden noch lange erhalten bleiben.
Den Friedenszuversichtlichen Kundgebungen bei den Neujahrsempfängen in Pest und Rom hat sich nun auch eme gleiche Kundgebung des franzöfischen Staatsoberhauptes angereiht. Präsident Carnot warf in seiner Antwort auf die Ansprache, welche Nuntius Monsignore Rotelli beim Neujahrs- empfange des Pariser diplomatischen Corps hielt, einen kurzen Rückblick auf die großen Erfolge der französischen Republik im vergangenen Jahre unter specieller Hervorhebung cer Pariser Weltausstellung. Carnot erklärte dann, daß sich m dem neubegonnenen Jahre die gemeinsamen Anstrengungen darauf zu richten haben würden, diese großen Werke des Friedens und des Fortschrittes fortzusetzen. „Darin werden wir", schloß der Präsident, „Erfolg haben, dessen bin ich sicher, mit Ihrer Hilfe und dem Willen der Regierungen und Nationen, welche hier so würdig vertreten sind."
Das „Attentat", welches der Sicilianer Tancred Vita am Neujahrsfeste in Rom dadurch beging, daß er ein Gefäß mit brennender Lunte vor das Portal des königlichen Resi- denzschlosses schleuderte, erweist sich als ein politisch völlig belangloser Vorgang. Die Flüssigkeit, mit welcher die von Vita geworfene ^Büchse gefüllt war, ist, wie die vorgenommene chemische Untersuchung ergab, durchaus ungefährlich und bestätigt sich demnach die von Vita gemachte Aussage, daß die Flüßigkeit nicht schädlich sei. Es handelt sich also bei der „Attentat"-Affaire nur nm einen Dumme-Jungen-Streich, der seinem Urheber freilich immerhin ziemlich theuer zu stehen kommen wird.
Der zwischen England und Portugal wegen Südafrika schwebende Streitfall wird von beiden Seiten fortgesetzt in versöhnlichster Weise behandelt. So erklärte der englische Handelsminister Hicks Beach aus einer in Leamington stattgefundenen politischen Versammlung, daß er nicht bezweifele, daß die zwischen beiden Staaten bestehenden Differenzen bald auf friedlichem Wege und in einer für jeden Theil befriedigen-
Fenillston.
Aus öir Provinjiachauptstadt.
(Eine Festtagsnachlese.) 1
Wir haben sie glücklich Himer uns, die viel versprechenden, lange herbeigesehnten und ab und zu wohl auch weniger gern gesehenen Feiertage sammt ihrem Anhang, dem Neujahrstage. Man braucht kein besonderer Feiertagsmensch zu sein, um zu beurtheilen, welche Wünsche, Vermuthungen, Ansprüche, Arbeit, Drängen und Hasten namentlich in der letzten Hälfte des Decembers sich geltend machen. Flüstern und Flüchten, Verbergen und Verstecken in den Familten- zimmern, Durcheinanderstehen und -liegen von Einrichtungsgegenständen aus Gängen und in Vorzimmern, Dust nach Scheuertüchern und Spinnengeweben in jedem Raume, der selbst nur die allerwinzigsten vier Wände hat, und dabei eine Physiognomie der Küche, als ob ein Erdbeben erster Sorte darin gewüthet hätte — wer trotz alledem nicht das Herannahen des Festes merkt, der ist entweder aus dem Geschlechte, derer von Dickhaut oder — der glücklichste Mensch auf Erden. Man soll nach des Dichters Worten die Frauen ehren, denn sie flechten und weben, ob man sie auch ehren soll, wenn sie putzen und backen, davon singt der Dichter nichts, jedenfalls gehörte der Schlaumeier auch zu denjenigen seines Geschlechts, zu deren Herzen für eine Frau der Weg nur durch den Magen führt. Wahrlich, es gehört mehr wie Liebe dazu, m einer Frau den Gegenstand besonderer Verehrung zu erblicken, wenn man mindestens eine ganze Woche lang vor lauter Putzen, Möbelausklopfen und Anisbacken nichts zu eßen bekommt und obendrein trotz Salon, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Fremdenzimmer oder Speisezimmer kein Räumchen sindet, in dem ungestört der Magen sich ausknurren kann. Vom Standpunkte eines etwas materiell angelegten Mannes — und wer ist dies nicht bis zu einem gewissen Grade —
sind die Feiertage eigentlich nur da, um eine ganze Reihe solcher Tage abzuschließen, von denen man getrost sagen kann, „die gefallen mir nicht." Glücklicherweise lügt sich auch der wahrheitsliebendste Mensch über manches Unangenehme hinweg, wenn ihm der erste Festtagsmorgen die Aussicht auf einen ordentlichen Braten eröffnet. Beschenkt von den Seinen mit nöthigen und unnöthigen Gegenständen, drückt der Papa gern ein Äuge zu, wenn er die vorhergehenden Tage nochmals betrachtet. Ueberhaupt geben die Feiertage und deren Nachfolger „zischig de Joarn" hinreichend Stoff zu allerhand Betrachtungen. Daß es z. B. in und um die Feiertage int lieben Gießen keine frischen Morgenbrödchen gibt und man gezwungen ist, den durch allerlei Von der lieben Gattin Hand selbst Gebackenem ohnehin schon gründlich verdorbenen Magen noch weiter mit Kuchen nnd dergl. zu verderben oder Schwarzbrod zu essen, daran ist der Durchschnitts- Gießener ja gewöhnt- der richtige Gießener Familienvater ist auch von der Leistungsfähigkeit seiner Frau oder erwachsenen Tochter in weiblichen Handarbeiten noch überzeugt, wenn im Innern seines „selbstgestickten" Hauskäppchens eine „eingetragene Schutzmarke" ihr Dasein fristet, er ist stets gerührt von dem kleinsten Zeichen seiner um die Weihnachtszeit doppelt „theuren" Angehörigen — und warum auch nicht, denn den außerhalb Gießens wohnenden Vätern geht es nicht anders. Wer unter den vielen Vätern von seinen großen Kindern in dieser oder jener Weise überrascht wurde, braucht nicht sonderlich darauf versessen zu sein, sich eingehender mit den kleinen Kindern zu beschäftigen. Nachdem die Spuren des Weihnachtssestes so ziemlich verwischt, mit Neujahr die Lichter des Christbaums verlöscht, der letztere selbst gehörig geplündert wurde, werden in der Kinderstube nunmehr die geriebensten Experimente unternommen, um die geheimnißvolle Füllung eines Schockelpferdes zu ergründen, die Qualität der Puppencorsetts und Tournüren zu prüfen oder den Mechanismus einer Bewegungsmaschinerie zu belauschen. Der unausbleibliche Erfolg aller dieser Kinderarbeit
ist das Entzweikriegen auch der garantirtesten Unzerstörbarkeiten. Die Epidemie der Weihnachtssüßigkeiten veranlaßt die Hausärzte zu dem üblichen Festtagsdauerlauf, um so viele verdorbene Kinderwagen zu heilen. Ob die Geschäftsleute, abgesehen davon, daß ihrer viele recht gern vor dem Feste noch recht viel mehr verkauft hätten, nun nach den Feiertagen ob ihrer gemachten Geschäfte zu beneiden sind, steht noch sehr in Frage. Sie erleben gerade nach dem Feste die eigenartigsten Dinge, denn sie müssen die Saison des Umtausches durchkämpfen. Es ist ja auch kein Spaß, die ungangbarsten Luxusartikel drei oder viermal von den lieben Verwandten und Freunden bekommen zu haben, die es nun einmal nicht unterlassen konnten, die Geheimniß- krämerei vor dem Feste so weit zu treiben, daß eine Doppel- bescheerung die unausbleibliche Folge sein mußte. Die „armen Beschenkten" aber, die Opfer dieser Discretion, sind dann, als Gott den Schaden resp. ihre enttäuschten Gesichter besah, mit der Ausrede getröstet worden, es sei beim Kaufen ausdrücklich mit Herrn X. der Umtausch Vorbehalten worden. Nun rücken die Umtauschlustigen heran, und der Kaufmann, der so unvorsichtig war, mit einem so discreten Käufer ein „Geschäft" zu machen, muß eben gute Miene zum bösen Spiel machen, sofern das zum Umtausch verdonnerte Geschenk nicht zufällig eine angeschnittene Wurst ist. Es hängt ja sonst viel von individuellen Verhältnissen und Gewohnheiten ab, wie man sich wieder in die gewohnte Thätigkeit nach dem Feste findet, die Hauptsache ist und bleibt, daß es geschieht. Diese Thätigkeit bringt Alles wieder in das richtige Geleise, die Arbeit, die Gemüthlichkeit innerhalb unserer vier Pfähle, die vielen verdorbenen Magen, die Gangart der Aerzte und die Gemüthsruhe ber Geschäftsleute — Alles was vom Feste übrig bleibt, ist doch immer die Erinnerung. an das Liebe, Schöne und Erfreuliche- das Unangenehme wird ja gern vergessen, denn dafür sind die Menschen im Allgemeiner^ so gute und gern vergeßliche Geschöpfe! H. E.


