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Samstag de» 4. October

1890

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.

Die Gießener KamirienSlätler «erden dem Anzeiger »Schentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger.

Vierteljähriger AVonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Kchutgraße 3it.1L Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblatt fSr den Nreis Gieren.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für deu folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

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Gratisbeilage:

Gießener Jamikienökätter.

Alle Annoncm-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

AnrLLLeher» Lheil.

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß zu Mitgliedern der Zählungs-Commission für die dies­jährige Volkszählung in der Stadt Gießen

der Großh. Beigeordnete Langsdorf, sowie die Stadtverordneten Adami, Habenicht, Hoch, Keller, Schmall, Professor Dr. Thaer, Vogt ernannt worden sind.

Vorsitzender der Zählungs-Commission ist der Großh. Polizeirath Fresenius.

Gießen, den 2. October 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 3. October 1890. Betr.: Die Versicherung der Gebäude gegen Feuersgesahr. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien de- Kreises.

Wir fordern Sie unter Bezugnahme auf Art. 11 des Gesetzes vom 6. Ium 1853 (Reg.-Bl. S 453) hierdurch auf, das Brandkataster Ihrer Gemeinden mit dem Gemeinderach zu durchgehen und, insoweit sich hierzu Anlaß bietet, die Ge­bäudebesitzer unter Hinweisung auf Art. 178 des Polizeistraf­gesetzes zur Stellung von Anträgen aus Versicherung neuer Gebäude oder auf Erhöhung oder Herabminderung der Ver­sicherungsanschläge solcher Gebäude, welche in chren Haupt­dimensionen wesentlich erweitert oder verringert worden sind, zu veranlassen, auch diesen Anträgen entsprechend das gesetz­liche Verfahren einzuleiten und uns die entstehenden Verhand­lungen demnächst vorzulegen.

Ueber das Ergebniß jener Durchgehung wollen Sie als­bald und, ohne die Erledigung des Drclarationsverfahrens abzuwarten, berichten, dabei aber zugleich angeben, inwieweit die Gebäudeeigenthümer Ihrer Aufforderung zur Stellung von Versicherungsanträgen Folge geleistet haben.

v. Gagern. ______________

Hauptversammlung

d-s landwirthsch. Verein- von Oberheffen.

Die diesjährige ordentliche Hauptversammlung des land- wirthschastlichen Vereins von Oberheffen soll am Montag den 20. October d. I., des Vormittags 11 Uhr, in Steins Garten zu Gießen abgehalten werden.

Gegenstände der Verhandlungen werden sein:

1) Die Frage der Organisation des Viehversicherungswesens (vergl. die in Nr. 9, 10, 11, 12 und 13 der landw. Zeitschrift d. I. abgedruckten Gutachten).

2) Die Fragen wegen Maßregeln zum Schutz gegen Verlust durch Perlsucht beim Rindvieh, sowie wegen Einführung von Schlachthäusern und Erlasses von Schlachthaus­ordnungen

3) Die Gründung von Viehzuchtvereinen und Genossen­schaften-

Der Unterzeichnete ladet die Vereinsmitglieder sowohl wie alle Freunde der Landwirthschaft zu dieser Versammlung hier­mit ergebend ein.

Laubach, am 28. September 1890.

Der Präsident des landwirthschaftlichen Vereins Oberhessen. Friedrich Graf zu Solms Laubach.

Deutsches Neich.

Darmstadt, 2. October. Telegraphischer Nachricht zufolge sind Seine Königliche Hoheit der Großherzog mit Seiner Königlichen Hoheit dem Erbgroßherzog, Ihren Groß­herzoglichen Hoheiten den Prinzessinnen Victoria, Prinzessin Ludwig von Battenberg, und Alix, sowie dem Gefolge heute Vormittag 11 Uhr 30 Minuten von Moskau abgereist. Allerhöchstdieselben werden über Warschau Weiterreisen, Sonntag früh in Berlin und Sonntag Abend (über Gießen) hier in Darmstadt eintreffen. D. Ztg.

Darmstadt, 1. October. Das heute ausgegebene Groß- herzogliche Regierungsblatt Nr. 36 enthält: Bekannt­machung, den Verkehr zwischen dem Großherzogthum Hessen und den angrenzenden Vereinsstaaten mit steuerpflichtigen Ge­tränken, sowie die zur Ausfertigung von Uebergangsscheinen ermächtigten Stellen betreffend.

Unter Bezugnahme auf die Bekanntmachungen vom 9. December 1841 (Regbl. Nr. 39), vom 15. August 1867 (Regbl. Nr. 35) und 12. December 1873 (Regbl. Nr. 49) wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß mit Wirkung vom 1. October d. I.

1) die Ortsstraße zu Ober-Laudenbach bezw. die Straße von Laudenbach nach Ober-Laudenbach als Uebergangs- straße für den Verkehr mit übergangssteuerpflichtigen Gegenständen erklärt und

' 2) in Ober-Laudenbach als diesseitige Uebergangsstelle für den obigen Verkehr eine Ortseinnehmerei errichtet und derselben die Befugniß zur Eingangsabsertigung von Bier, Wein und Obstwein und zur Ausfertigung und

Erledigung von Uebergangsscheinen über Bier, Wein und Obstwein ertheilt worden ist.

Darmstadt, den 13. September 1890.

Großherzogliches Ministerium der Finanzen.

Weber.

Weissenbruch.

Berlin, 2. October. Am 1. October ist die in der letzten Reichstagssession beschlossene Verstärkung der Reichs­armee in Kraft getreten. An Truppentheilen zählt das gesammte deutsche Heer: 519 Bataillone Infanterie, 19 Jäger- Bataillone, 1 Lehr-Bataillon, 465 Escadrons Cavallerie, 387 fahrende, 47 reitende Batterien, 3 Lehr-Bataillone, 31 Fuß-Artillerie-Bataillone, 2 Lehr-Compagnien, 20 Pionier­bataillone mit 83 Compagnien, 5 Eisenbahnbataillone mit 18 Compagnien, 2 Luftschiffer-Abtheilungen, 21 Train­bataillone mit 63 Compagnien. Die Friedensstärke der Armee beträgt von heute an bis 31. März 1894: 486 983 Mann.

Im nächsten Reichstage soll auch eine Aufbesserung der Pension der Militär-Jnv aliden vom Feldwebel abwärts in Anregung gebracht werden.

Neueste Nachrichten.

WoW telegraphisches Torrespondenz-Bureau.

Berlin, 2. October. DieNordd. Allg. Ztg." sagt in einer Erörterung des begeisterten Empfanges Se. Majestät des Kaisers Wilhelm in Wien: Alle aus Oesterreich- Ungarn herübertönenden Stimmen sprechen aus: Wie beide Herrscher, so stehen auch beide Völker treu vereint im Bunde der Freundschaft. Wir mahnten vor wenigen Tagen auf Grund zuverlässigster Sachkenntniß im Hinblick auf die Tage von Rohnstock von sanguinischen Hoffnungen in der Richtung einer Gemeinsamkeit auch auf solchen Gebieten ab, wo eine gesonderte Pflege der Interessen durch die Verhältnisse geboten ist. Unter den bestehenden Verhältnissen aber kann das, was der Bund Deutschlands und Oesterreich-Ungarns im Verein mit dem italienischen Freundschaftsbündnisse den betheiligten Völkern bietet und gewährleistet, vollauf genügen, um überall die lebendigste Freude an der Gegenwart und das hoffnungs­vollste Vertrauen auf die Zukunft zn wecken.

Berlin, 2. October. DerNordd. Allg. Ztg." zufolge begibt sich der Reichskanzler von Caprivi heute Abend nach Friedrichshafen, um sich dem König von Württemberg vorzustellen, sowie den Minister von Mittnacht zu besuchen. Aus dem Rückwege wird der Reichskanzler dem Großherzog

Ferrrllstsn.

Der Mann ohne Kopf.

Novelle von Wo Idem ar Urban.

(Schluß.)

Dann machte er sich mit Feuereifer darüber, aus etwaige Druckfehler Jagd zu machen. Dabei fiel ihm die Zierlichkeit und Sauberkeit des Druckes höchst angenehm aus,die Druckerschwärze roch so eigeuthümlich," das Format war ele­gant, das Papier nobel kurz, alle selbstverständlichen Kleinigkeiten wurden zur besonderen Ursache seiner glücklichen Zufriedenheit.

Noch nie in seinem Leben war Herr Schmalmann freu­diger, erhobener aus seiner kleinen bescheidenen Hofwohuung gegangen als an diesem Tagezur Aufführung". Hinter ihm gingen Herr Sander und Traudchen. Er sprach nicht mit ihnen, drehte sich nicht einmal nach ihnen um, und Herr Sander hatte Zeit, mit Behagen das eigenthümliche Gesühl auszukosten, was sich nach einem gelungenen Streich ein­zustellen pflegt. Glücklich wie kein König in ganz Europa schritt Herr Schmalmann vor ihnen her. Der Erfolg von Herrn Sanders stets sprungbereiter, findiger List und auf- opferungsfähigcr Theilnahme einerseits und des Interesses, das Frau Commerzienrath Claasen von ihrer erhöhten Position aus bethätigt hatte, andererseits, war ein durchschlagender und sollte nun auch dauernder werden. Der Weg zur Un­sterblichkeit lag frei.

Der Saal war vollständig gefüllt. Ein summendes Tosen, ein wirres Stimmeildurcheinander klang auf das Orchester hinauf, wo die Musiker gemächlich ihre Jnstru- mente stinlmten. Da scheuchte Herr Schmalmann durch drei kleine Schläge mit dem Tactstock all daS wüste, un­harmonische Gelärm hinweg. Er schien über den Erfolg seines TactstockeS selbst erschrocken nnd sah sich fast ängstlich

nach den Musikern um. Da sah er Reinhold sitzen, der ihm eine ermuthigende Bewegung mit der Hand machte. Eine Thräne trat in seine Augen und mit einem Gefühl, als wenn er in einen Strom springen müsse, gab er das Zeichen zum Beginn zumErwachen der Natur".

Die Musiker thaten ihre Pflicht und spielten entzückend. Jede Figur, jede Feinheit in der Composition, jede Steige­rung kam in vollendeter Weise zur Geltung. Herr Schmal­mann hätte jedem einzeln um den Hals fallen mögen. Das Violinsolo im Dreivierteltacte wurde meisterhaft gespielt und Reinhold brachte sein Flötensolo mit einer Hingabe und Zart­heit zu Stande, die auch im Publikum Aufmerksamkeit er­regte. Wie im Traume dirigirte Herr Schmalmann. Das war etwas ganz anders als zu Hause an seinem Klapper­kasten, das waren die Geister, von denen er tief im Innern geträumt, leibhaftig und fest gestaltet, das war wirklich das übermächtige Brausen und Wehen einer allgewaltigen, er­wachenden Natur. Voll und tief empfand der Componist die Wirkung dieser Geister, wie Niemand sonst, und vor diesem Augenblick schwanden die Jahre des Kummers und der ver­sunkenen Verlassenheit wie ein Nebel vor der Sonne fort.

Auch im Publikum hatte das immerhin wunderliche Ton­stück einen gnädigen Sonntagserfolg. Man klatschte viel Beifall und Herr Schmalmann erntete ihn als eineAn­zahlung auf die Unsterblichkeit", wie Reinhold später sagte, ein. Aber zu vergleichen mit dem Eindruck, den das Musik- stück aus ihn selbst gemacht hatte, war das nicht. Wie eine Weihe, wie eine Versöhnung war es über ihn gekommen und hatte ihn gestählt und gekrästigt gegen die Unbill des Lebens.

Als das Concert beendet war, wartete Frau Com- merzienrath Claasen mit ihrem Gatten und ihrer Tochter in einem Nebenraume auf den Componisten, um ihn zu beglück­wünschen. Als Herr Schmalmann mit Herrn Sander und Traudchen eintrat, gab ihm der Eommerzienrath freundlich die Hand und sagte:

Sie sehen mich überrascht, mein lieber Herr Schmal­

mann, von Ihren Talenten! Nehmen Sie meine besten Glück-- wünsche zu ihrem heutigen Erfolg und für Ihre spätere (Saniere. Möge Ihnen der unvergängliche Ruhm eines großen Meisters bescheert sein."

Ich danke Ihnen, Herr Eommerzienrath, aber so hoch versteigt sich mein Ehrgeiz nicht. Halten Sie es für mög­lich, daß Jemand, der Schmalmann heißt, je ein berühmter Klassiker wird?"

Und warum nicht?"

Der Name eignet sich nicht und der Mann noch weniger, aber dankbar will ich ewig Denen sein, die mir zu den er­lebten Stunden verhalfen haben, die mir mein verbittertes Leben in ein sonniges Dasein verwandelt, mein krankes Herz geheilt haben. Diese Thränen" fuhr Herr Schmalmann schluchzend zu Frau Claasen gewendet fortdiese Thränen gehören Ihnen, gnädige Frau. Möge Ihnen reichlich ver­golten werden, was Sie an mir gethan haben."

Bitte, Herr Schmalmann," nahm Frau Claasen in glücklichster Laune das Wort,bitte, keine Sentimentalitäten. Wir haben zu viel zu thun, um sentimental zu sein. Wie stehts mit dem Hochzeitsmarsch, Herr Schmalmann? Wie stehts mit Traudchens Hochzeitsmarsch?"

Gnädige Frau"

Vater, leugne nicht, daß Du ihn in Arbeit hast. Ich weiß es! Der große Satz für Trompeten und Posaunen ist fast fertig," sagte Traudchen.

Die Sache ist noch in weitem Felde," bemerkte Herr Schmalmann hartnäckig.

Bitte recht sehr, Herr Schmalmann," sagte Frau Claasen wieder,Sie dürfen Ihren Nachruhm nicht sozusagen auf die lange Bank schieben. Die Nachwelt hat ein Recht auf Ihre Meisterwerke, und Traudchen und Herr Sander haben auch ein Recht darauf, Sie müssen sich also bestimmt erklären, wann der Hochzeitsmarsch angetreten werden soll. Für daS Flötensolo stehe ich- nicht wahr, Herr Sander? Sie sorgen dasür. Haben Sie nur keine Angst, ich lasse meine