„Nettes Benehmen von Soldaten gegen junge Damen," rief er.
„Gott sei Dank, daß ich Sie treffe, mein Herr, ich kann Ihnen dech nun wenigstens Ihr Eigenthum zurückerstatten!" entgegnete ich, auf ihn zutretend. „Sie warfen mir neulich ein Visitenkartentäschchen mit einer Photographie in Kreuzdorf aus dem Coupe zu, ich werde es Ihnen noch heute übergeben."
„Potztausend!" rief der alte Herr sichtlich erfreut, „sind Sie mein Helfer aus der Noth? Wahrhaftig, hätte Sie fast gar nicht in der Uniform wieder erkannt."
Wir machten uns bekannt und ich erfuhr, daß er der Gutsbesitzer Wolf sei, der mit Frau und Tochter einige Tage bereits hier im Bade verweilte- er stellte mich dell jungen Damen vor und Fräulein Ilse meinte:
„Ja, Papa, war sehr in Sorge, wo mein Bild geblieben und wi^ er nun Ihren Namen erfahren könne."
Als wir nach dem Schießstande abmarschirten, mußte ich versprechen, den Abend in Jlgenburg zuzubringen.
Bald war ich ein gern gesehener Gast im Wols'schen Hause und einige Tage vor meiner Entlassung erhielt ich aus Ilses Händen das Vlsitenkartentäschchen mit ihrem Bilde wieder zurück mit der Versicherung, daß auch das Original mein sein werde für immer."
„Bist ein Glückspilz," meinte Stumpf, „wenn mir nur auch einmal solche fünf Minuten Aufenthalt würden."
Junges Mädchen: „Ich möchte mich zum Verheirathen anmelden." — Schreiber: „Haben Sie denn Ihren Taufschein?" — Mädchen: „Nein." — Schreiber: „Komm mit Deinem Scheine, süßes Engels bild!"
* Mutter: „Aber, Else, mit dem Hute aus dem Kopfe willst Du zu Bette gehen?" — Else: „Gewiß, Mama, wenn ich dann morgen aufstehe, habe ich mir die schönste neue Hutsatzvn herausgedrückt."
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201'5
1890
Freitag den 4. Juli
Nr. 152.
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Anrttichrv Theil.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach § 12 des Regulativs vom 26. Februar 1875 der Provinzialausfchuß während der Zeit vom 21. Juli bis 1. September Ferien hält.
Während dieser Ferien können in öffentlicher Sitzung nur schleunige Sachen zur Verhandlung gelangen.
Auf den Lauf der gesetzlichen Fristen sind dieselben ohne Einfluß.
Gießen, den 3. Juli 1890.
Der Provinzial-Ausschuß der Provinz Oöerheffen.
v. Gagern, Provinzial-Director.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß nach § 10 des Regulativs vom 26. Februar 1875 der Kreisausschuß während der Zeit vom 21. Juli bis 1. September Ferien hält.
Während dieser Ferien können in öffentlicher Sitzung nur schleunige Sachen zur Verhandlung gelangen, dagegen wird der Lauf der gesetzlichen Fristen dadurch nicht unterbrochen.
Gießen, den 3, Juli 1890.
Der Kreisausschuß des Kreises Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
die Maul- und Klauenseuche zu Bettenhausen betreffend.
Nachdem zu Bettenhausen unter den Viehbeständen des Georg Kammer, Konr. Adam Fritz, Johs. SteulHI. und Joh. G g. Steul der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt worden ist, verfügen wir neben der Sperre der verseuchten Gehöfte die Sperre der Gemarkung Bettenhausen.
Es gelten hiernach für die vorangeführten Besitzer die Bestimmungen unter I und für die Gemarkung Bettenhausen diejenigen unter II unseres Ausschreibens vom 24. Juni l. I. — Kreisblatt Nr. 146. —
Die Bestimmung unter III tritt für die Gemeinden Bellersheim, Birklar und Muschenheim in Kraft.
Gießen, den 2. Juli 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
politische Uebevsicht.
Gießen, 3. Juli.
Kaiser Wilhelm ist an der Spitze des deutschen. Geschwaders in den Nachmittagsstunden des 1. Juli in Christiania eingetroffen und bat der erlauchte Monarch in der Hauptstadt Norwegens eineiA außerordentlich festlichen und begeisterten Empfang gefunden. Bereits einige Meilen vor Christiania wurde das kaiserliche Geschwader von einer Abtheilung der norwegischen Flotte und etwa 50 Lustdampfern eingeholt und nach dem Häfen geleitet, woselbst Hunderte von Kuttern und Booten Spalier für die deutsche Flotille bildeten. Kanonendonner und Militärmusik begrüßte dieselbe. Noch an Bord der „Hohenzollern" sah sich Kaiser Wilhelm vom König Oscar begrüßt, worauf der schwedisch-norwegische Herrscher sich wieder an Land begab, um hier seinen kaiserlichen Gast officiell zu empfangen. Dieser officielle Empfang ging nach erfolgter Landung des Kaisers in dem am Landungsorte „Pipervigs- bryggen" erbauten Pavillon vor sich, wo auch der Bürgermeister und der Bischof von Christiania, der Commandant, die städtischen Behörden, die höheren Hofbeamten u. s. w. versammelt waren. Im offenen Wagen begaben sich nun die beiden Majestäten, gefolgt vom Prinzen Heinrich von Preußen, dem Herzog von Mecklenburg und dem Prinzen Eugen von Schweden, durch die herrlich geschmückten Einzugsstraßen und fortgesetzt vom Jubel der dichtgedrängten Volksmassen umbraust nach dem Schlöffe. Hier fand die Begrüßung des Kaisers durch die Königin statt, ferner waren daselbst die Präsidenten der parlamentarischen Körperschaften, die Vertreter der Negierung, die Mitglieder des höchsten Gerichts und die Herren vom persönlichen Dienst anwesend. Abends war im Schlosse Familientafel. — Alle Blätter Christianias widmen dem deutschen Kaiser enthusiastische Begrüßungsartikel und feiern in denselben überwiegend den ofsiciellen Besuch des Kaisers in Norwegen als ein Ereigniß von historischer und politischer Bedeutung.
Die in voriger Woche begonnenen Landtagswahlcn in Oesterreich-Schlesien, Mähren und Steiermark haben in dieser Woche ihr Ende erreicht. Es ist bei denselben den Deutschliberalen gelungen, im Allgemeinen ihren bisherigen parlamentarischen Besitzstand in den genannten Kronländern gegenüber den theils von den Czechen und Slovenen ausgegangenen Angriffen zu wahren. Allerdings gingen den Deutschen bei den Wahlen in den schlesischen Landgemeinden zwei Sitze verloren, doch haben sie diesen Verlust dadurch wieder vollauf wettgemacht, daß sie bei den Landtagswahlen in den mährischen Städtebezirken und Handelskammern drei neue Mandate ge
wannen. Das hervorstechendste Characteristicum dieser gekämmten Wahlen bleibt jedenfalls der Sieg der neugegründellu jungczechischen Bauernpartei in Mähren über die dortigen Altczechen, welche an die Jungczechen sechs Sitze verloren. In Hinblick auf die im nächsten Jahre bevorstehenden allgemeinen Reichsraths-Neuwahlen verdient dieser abermalige Erfolg des radicalen Elements unter den Czechen volle Beachtung.
Die zwischen Frankreich und England wegen des englischen Protectorats über Zanzibar eingeleiteten Verhandlungen lassen dem Vernehmen nach ein befriedigendes Ergebniß erwarten, da auf beiden Seiten der beste Wille zu einer Verständigung vorhanden ist. Die Verhandlungen betreffen hauptsächlich die Frage, ob der englisch-französische Vertrag vom Jahre 1862 über die Unabhängigkeit des Sultans von Zanzibar durch die Beschlüsse der Berliner Congo-Conferrnz völkerrechtlich hinfällig geworden sei. Außerdem beziehen sich die zwischen London und Paris schwebenden diplomatischen Erörterungen auf die Frage, ob sich England und Frankreich durch den erwähnten Vertrag nur einen gewaltsamen Angriff auf die Unabhängigkeit des Sultans von Zanzibar gegenseitig untersagen wollten oder zugleich auch jedes gütliche Abkommen mit dem Sultan über zeitweilige oder dauernde Uebertragung seiner Hoheitsrechte. Schließlich sollen sich die Verhandlungen auch auf die Untersuchung der Frage erstrecken, ob das Berliner Protocoll auf die Jnselherrschaft Zanzibar anwendbar sei. — Wie man sieht, betreffen die französisch-englischen Verhandlungen über Zanzibar Punkte, die noch einer völligen Klarlegung bedürfen, zweifellos wird indessen hierüber eine Verständigung erzielt werden, denn wollte Frankreich den Engländern in der Zanzibarfrage ernstliche Schwierigkeiten bereiten, so würde es vermuthlich ganz anders auftreten.
Deutscher Reichstag.
32. Plenarsitzung. Mittwoch, 2. Zuli 1890, 10 Uhr.
Die Vorlage, betreffend die Consulargerichtsbarkeit in Samoa, wird in dritter Lesung debattenlos angenommen.
Ueber den Antrag der verbündeten Regierungen, betr. die Errichtung eines Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I., referirt Abg. Freiherr v. Unruhe-Bomst (Reichsp.). Er empfiehlt den Antrag der Commission zur Annahme: Die Entscheidung 1. über den Platz, 2. über die Gestaltung des Standbildes und 3. über die Art des vom Reichskanzler auszuschreibenden Wettbewerbs, wird der Entschließung Seiner Majestät des Kaisers anheimgegeben. — Der Commissionsantrag wird ohne weitere Debatte an-
Feuilleton.
Fünf Minuten Aufenthalt.
Von Alexander von Degen.
(Schluß.)
Nach zweistündiger Fahrt langte ich in R. an und begab mich sofort nach der Jnfanteriekaserne, wo ich der elften Compagnie überwiesen iwb sofort eingekleidet wurde.
Ein Gefreiter, Wohlgemuth mit Namen, führte mich zu diesem Zwecke auf die Compagniekammer, woselbst mich der Kammerunterosfizier Tobe mit brummiger Miene empfing.
„Der Reservegesreite soll bessere Sachen haben!" sagte Wohlgemuth.
„Das glaube ich!" schalt Tobe, „für die Kerls möchte man immer etwas Besonderes haben."
Er griff in einen Stoß Röcke und reichte mir einen ziemlich himmelblauen mit den Worten:
„Da, der ist gut genug für Sie!"
Ein etwas fadenscheiniges Beinkleid folgte, eine verschossene Mütze, Seitengewehr und Leibriemen.
„Die anderen Sachen muß ich erst heraussuchen, schicken Sie nur in einer halben Stunde Ihren Putzer her."
Ich war entlassen und so glücklich, bald in der Nähe der Kaserne eine mir zusagende Wohnung zu finden, in welcher nach einiger Zeit mein Putzkamerad Hornist Tüller mit den übrigen Montirungsstücken anlangte.
Die nächsten vierzehn Tage vergingen mir aus dem Exercierplatze wie im Fluge. Von der Stadt und ihrer nächsten Umgebung hatte ich so gut wie nichts gesehen, denn nach dem anstrengenden Dienste war man froh, wenn man Abends zu Hause bleiben konnte.
„Na, morgen gehts Schießen los!" meinte Hornist Tüller eines Abends, als er meine Kleidungsstücke reinigte.
„Dann ist doch wenigstens mal etwas Abwechselung," entgegnete ich.
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„Ja, wenn der Weg nur nicht so weit wäre, wir müssen fast zwei Stunden bis zu den Schießständen marschiren."
„Recht angenehm," dachte ich.
Tüller hatte nicht zu viel gesagt. Es war am andern Morgen ein anstrengender Marsch auf der Chaussee nach den Schießständen hinaus, und ich war froh, als wir an dem Gasthof des Dorfes und Bades Jlgenburg ein Viertelstündchen rasten dursten.
Wir waren recht bestaubt und mancher Schweißtropfen rann über die sonnenverbrannten Gesichter.
Ich saß bei einem Glase Bier unter einer schattigen Linde, als mich der Ausruf eines Soldaten: „Seht mal, sind das nicht hübsche Mädchen!" ausblicken und der Richtung folgen ließ, nach welcher der Soldat zeigte.
Dort kamen durch den schattigen Badepark, der unmittelbar an das Wirthshaus stieß, vier junge Mädchen in Hellen Sommergewändern auf uns zu.
Die eine der Damen, eine schlanke Blondine, kam mir recht bekannt vor. Wo nur hatte ich die Dame bereits gesehen? Ich grübelte und grübelte, die Gesellschaft kam immer näher. Jetzt ging es wie ein Blitz durch meine Seele, das war die junge Dame, deren Wld ich auf so eigenthüm- liche Weise erhalten hatte.
Ich sprang vom Tisch auf, trat zu den Damen, die jetzt in unmittelbarer Nähe waren, und sagte: „Gestatten die Damen, mich Ihnen bekannt zu machen, Referendar Heyne!"
Die Damen sahen mich verwundert an. Die schlanke Blondine zuckte die Achseln und meinte:
„Kommt schnell ins Haus, daß wir nicht weiter von diesen Soldaten belästigt werden!"
Die Soldaten lachten, während ich stotterte:
„Aber, mein gnädigstes Fräulein — ich besitze Ihr — Bild."
Die Dame sah mich verwundert an und schien etwas entgegnen zu wollen, als in diesem Augenblick mein Reisebegleiter aus der Thür des Gasthofes trat.


