Ausgabe 
4.5.1890 Erstes Blatt
 
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1890

Sonntag den 4. Mai

Erstes Blatt

Rr. 103

Hratisöeil'age: Hich-ner KamilienbkLtter.

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I welche theilweise oder gänzlich den 1. Mai über feierten, im Vergleich mit derjenigen ihrer ruhig fortarbeitenden Kamera-

Amtlicher Theil

Gesunden: 1 Paar Kinderschuhe, 1 Portemonnaie, 1 Stiefelknöpfer, 1 Schraubenzieher, 1 Halstuch, 1 Messer,

1 Spazierstock, 1 Vorstecknadel, 1 Ledertäschchen.

Gießen, den 3. Mai 1890.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Vierteljähriger Abonnementspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Rcdaction, Expedition und Druckerei:

Schulstraße Ar.7.

Fernsprecher 51.

politische Ueversicht.

Gießen, 3. Mai.

So zahlreich auch die Berichte aus den Jndustriebezirken Deutschlands wie des Auslandes über den Verlauf des 1. Mai vorliegen, so sind doch nur ganz vereinzelte unter ihnen, welche von ernsteren Ausschreitungen der feiernden Arbeiter zu berichten wissen. Speciell was Deutschland anbelangt, so kehrt in allen Meldungen die befriedigende und erfreuliche Ver­sicherung wieder:Alles ruhig!" uno wenn es hie und da zu Ansammlungen und zu kleinen Demonstrationen, wie das Ausstecken rother Fahneu, kam, so hatten diese Zwischenfälle doch keine weiteren Folgen. Auch ist die Zahl der Arbeiter,

Anrts- und Zlnzeigebl«tt für den Areis Gieren

Bekanntmachung,

die Nachiuchung der Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst aus Grund von Schulzeugnissen betreffend.

Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst nachsuchen wollen, werden hierdurch auf die nachfolgen­den, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvoll- ständige Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden

1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs- Commisscon nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen gestel­lungspflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufenthaltsort hat.

2) Die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst darf nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem der sich Meldende das 20. Lebensjahr vollendet.

Der Nachweis der Berechtigung zum ein­jährigen Dienst ist bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. A-Ml"desselben Jahres zu erbringen. rr , ,

3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actensormat (nicht Briefpapier) zu verwenden. Auch erscheint es zweck­dienlich, wenn die nähere Adresse angegeben rotrb.

4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:

a) Geburtszeugniß;

b) ein Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereit- Willigkeit den Freiwilligen während einer ein­jährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrig­keitlich zu bescheinigen;

c) ein Unbescholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Real­gymnasien, Ober-Realschulen, Progymnasien, Real­schulen, Realprogymnasien,, höheren Bürgerschulen unb den sonstigen militärberechtigten Lehranstalten) durch den Director der Lehranstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit oder ihre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist;

r ä) das Schulzeugniß.

Sodann wird noch besonders bemerkt:

Zu pos. b: daß m dem Einwilligungs-Attest die Unter­schrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt fein muß.

Zu pos. d: daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezeugniffe für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugniffe für die Prima der Gymnasien, Realgymnasien und Ober-Realschulen, sämmtlich nach dem Schema 18 zur Wehr-Ordnung vom 22. November 1888 Reg. - Bl. Nr. 5 von 1889 ausgestellt sein müssen.

Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der §§ 88, 89, 90, 93 und 94 der angeführten Wehr-Ordnung verwiesen.

Großh. Prüsungs - Commission für einjährig Freiwillige zu Darmstadt.

Der Vorsitzende: Dr. Zeller.

den eine verschwindend geringe gewesen; besonders bezeichnend ist die Thatsache, daß in einem so großen Jndustriecenlrum, wie Chemnitz, in 139 Fabriken, welche zusammen 30 818 Ar­beiter beschäftigen, nur 3 Arbeiter ohne Entschuldigung fehlten. Verhaftungen machten sich, soweit die vorliegenden Nachrichten zu übersehen sind, lediglich in Danzig, wo junge Burschen die bei einem Festungsbau beschäftigten Erdarbeiter öum Ver- lassen der Arbeit ausstachelteu, nölhig und wurden deßhalb vier der Rädelsführer verhaftet. Auch der Abend des 1. Mai, wo in fast allen Industriestädten gesellige Versammlungen und Vereinigungen der Arbeiter stattfanden, scheint nn All­gemeinen ohne Ruhestörungen vorübergegangen zu sem. Gewiß ist diese musterhafte Haltung der Arbeiter aller Anerkennung werth, aber offenbar haben die getroffenen umfassenden polizei­lichen und militärischen Vorsichtsmaßregeln das ihrige zu dem friedlichen Verlaufe des 1. Mai wesentlich mit beigelragen und ebenso sicher ist, daß die Zahl der feiernden Arbeiter eine weit größere gewesen wäre, wenn die Arbeitgeber nicht so ernstlich mit scharfen Gegenmaßregeln drohten. Abzu­warten bleibt auch noch, wie sich diejenigen der feiernden Arbeiter, denen die Wiederannahme an ihren bisherigen Ar­beitsstätten aus eine gewisse Zeit oder auch für immer ver­weigert worden ist, verhalten werden.

Was nun das Ausland anbelangt, so trug hier der ..Arbeiterseiertag" an vielen Orten insofern einen etwas bewegteren Charakter, als hier Umzüge der Arbeiter statt­fanden , bei denen jedoch ebenfalls keinerlei Ruhestörungen vorgekommen sind. Jii den meisten Ländern war allerdings die Zahl der feiernden Arbeiter eine, sehr beträchtliche und nament­lich in den Jndustriebezirken Frankreichs scheint die Behelligung an der Feier des 1. Mai fast eine allgemeine gewesen zu sein. In Paris selbst und in den Vororten hatte die Polizei noch am Vorabend des 1. Mai weitere Verhaftungen von Anarchisten und auch einzelner Socialistenführer vorgenommen und ferner eisenbeschlagene Knüppel, amerikanische Schlagringe und Revolvermesser in Maffe aufgefunden, welche angenehmen Werkzeuge bei dem beabsichtigten anarchistischen Putsch Verwend­ung finden sollten. Infolge dessen waren von der Regierung die Vorsichtsmaßregeln noch weiter ausgedehnt worden und verlies daher der 1. Mai in Paris verhältnißmäßig ruhig. In England, der Schweiz, Italien, Belgien scheint der 1. Atm gleichfalls ohne ernstere Ausschreitungen seitens der feiernden Arbeiter vorüber gegangen zu sein. Aus Holland wird ein vereinzelter Tumult gemeldet, der im Haag stattfand und bei welchem einige Personen, darunter ein Polizist, verletzt wurden. Auch in Oesterreich trug der 1. Mai ein ruhigeres Aussehen, als eigentlich zu erwarten stand; ein größerer Exceß ereignete sich indessen in Proßnitz in Mähren, wo 4 000 Arbeiter das Bezirksgericht stürmten und einige ver­haftete Kameraden befreiten; auch aus Pest wird ein Ar­beiter - Exceß gemeldet. In Wien fanden zwar zahlreiche Arbeiterversammlungen statt, doch verhielten sich deren Thell- nchmer durchaus ruhig; die übliche Praterfahrt wies freilich nicht den Glanz früherer Jahre auf, da die Betheiligung des Hofes nur eine schwache war. In Spanien und Portugal ist der 1. Mai trotz vielfacher Versammlungen der Arbeiter ebenfalls ohne Störungen der öffentlichen Ordnung vorüber- aeaanaen. So kann man denn im Großen und Ganzen sagen, daß der 1. Mai erfreulicher Weise ohne die vielfach gehegten Besorgnisse wegen bedenklicher Ausschreitungen der Arbeiter verlausen ist und hoffentlich werden auch keine hinken­

den Boten nachkommen.

Der hochverdiente Leiter der deutschen Reichspost Staatö- jecrctär Dr. v. Stephan, feierte am 1. Mai sein 20 jähriges Jubiläum als Ches der gesammten Reichspostverwaltung und gingen ihm aus diesem Anlasse zahlreiche Kundgebungen herz­licher Teilnahme an seinem Ehrentage zu. Was Herr v. Stephan in diesen 20 Jahren in seinem so wichtigen Reffort geleistet und mit welchem großartigen Erfolge er für die Hebung des Postdienstes im Besondern, in Weiteren aber auch des gesammten Verkehrswesens, gewirkt hat, das ist ja längst allen Zeitgenossen bekannt und bedarf keiner näheren Darlegung. Möge Herr Dr. v. Stephan noch lange zum Ruhnre und Segen unseres Vaterlandes an der Spitze fernes wichtigen Amtes verbleiben!

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Der Hietzcncr Anzeiger erschein! täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Aamitlenötätler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Alle Annonccn-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Deutsche- Reich-

Darmstadt, 2. Mai. Seine Königliche Hoheit der G r o ß h e r z o g haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom Heutigen den Generallieutenant und zweiten Inhaber des 3. Großh. Infanterie-Regiments (Leib-Regiments) Nr. 117,

Nerrefte Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 2. Mai. Der Bundesrath erklärte sich in seiner- gestrigen Sitzung mit der bereits erfolgten Ueberweisung des Gesetzentwurfs, betreffend die Friedenspräsenzstärke des Heeres, an die Ausschüsse einverstanden.

Berlin, 2. Mai. Nach einer glänzenden Festvorstellung im Berliner Theater, begleitet von enthusiastischen Kund­gebungen für Barnay, sand ein Banket seiner Freunde im Gesellschaftssaale statt. Nach dem Toast aus den Kaiser feierte Redacteur Frenzel den Jubilar, welcher in thells ernster, theils launiger Rede tiefbewegt dankte und ein Hoch auf die deutsche Kunst ausbrachte. Hunderte von Tele­grammen liefen in diesen Stunden ein. Der Kai s e r hat dem Jubilar mit eigenhändigem Schreiben den Kronenorden vierter Klasse verliehen.

Potsdam, 2. Mai. Bei der Rückkehr vom heutigen Rennen des Berlin-Potsdamer Reitervereins stürzte ein Break um, worin sechs Offiziere des dritten Garde-Ulanen-Regt- ments saßen; vier erlitten leichte Verletzungen, Freiherr v. Hintze ist anscheinend schwer verletzt.

Wien, 2. Mai. Sämmtliche Zeitungen sprechen sich anerkennend über die ruhige Haltung der Arbeiter­in Wien und in Oesterreich-Ungarn am gestrigen Tage aus. Die Arbeiter hätten ihrer Sache damit Dienste geleistet, während die vorher vorgekommenen Exzesse ihrer Sache nur hätten schädlich sein können.

Paris, 2. Mai. Aus Tourcoing von Vormittags 10 Uhr hier eingegangene Meldungen bezeichnen die Lage daselbst als ernst. In 26 Etablissements strikt die Arbeiterschaft. Aus Roubaix sind 5000 strikende Arbeiter nach Tourcoing gekommen nnd verbreiten sich in der ganzen Stadt. An mehreren Punkten ist es zu Ordnungsstörungen und zu Gewaltthätigkeiten gekommen. Die Einfriedigungen von mehreren Fabrikanlagen wurden niedergerissen. Die Behörden haben um Verstärkung der Truppen nachgesucht.

Paris, 2. Mai. Die Verhaudlung gegen den Vorsitzen­den und die Mitglieder des Administrationsraths der So- ciete des M6taux findet am 5. ds. statt.

Paris, 1. Mai, Nachts 11 Uhr. Die Polizei hält den Place de la Concorde besetzt, Cavallerie säubert die Straßen in der Umgebung des Platzes und der Madeleine-Kirche von den äußerst zahlreichen Neugierigen, viele Personen wurden wegen Widerstandes verhaftet. Die Zahl der im Ganzen vorgenommenen Verhaftungen beträgt über 500. Bet dem Nachmittags in der Rue de Cirque zwischen der herbeige- rusenen Escadron Munizipalgarde und den Manisestanten stattgehabten Zusammenstoß wurden gegen 30 Personen ver­wundet. _ .

Paris, 2. Mai. Das Hauptsactum des gestrigen ^ages ist die gewaltsame Besitzergreifung des Stadt­hauses durch den Seineprüfecten Poubelle auf Constans Befehl, trotz des heftigsten Protestes des Gemeinderathes, der in denselben Räumen eben zusammentrat. Um 3 Uhr tras der Präsect ein und ergriff vom Stadthause Besitz, in­dem er Besehl gab, Jfcie Thüren zu schließen. Das wichtige Faetum erregt die Wuth der radicalen Presse, die Constans einenStaatsstreichler" nennt und ihn zugleich wegen der Brutalität seiner Beamten angreift. Thatsächlich gmg die Polizei gestern rücksichtlos und unterschiedslos, selbst wider die ruhigsten Spaziergänger vor. Die Crawalle in der Circusstraße werden übrigens der Polizei zur Last ge­legt, die sofort auf die von den Champs Elysees kommenden 500 Manifestanten mit dem Säbel losging und die Cavallerie chargiren ließ. Die Asfaire war sonst unbedeutend und die Zahl der Verwundeten wird von den Blättern übertrieben.. Der Marschall MacMahon, der ruhig vor den Tui- lerien aus dem Trottoir spazieren ging, wurde von den. Polizisten grob angesahren und thätlich beleidigt und gestoßen. Der Redacteur desEcho de Paris" und viele angesehene Bürger wurden verhaftet, sind aber seither sreigelassen.

Turin, 2. Mai. Gestern Abend versuchte eine Anzahl. Arbeiter aus einem öffentlichen Platze eine Versammlung zu veranstalten. Als die Polizeimannschast dieselben auseinander­zutreiben versuchte, wurden von den Arbeitern Revolver - schlisse gefeuert und mit Steinen geworfen, wobei zwei Polizisten verwundet wurden. Das Militär gab eine blinde Salve ab, worauf sich die Menge zerstreute. Nach­dem einige Verhaftungen vorgenommen wurden, war die. Ruhe um 10 Uhr überall hergestellt.

Prinz Wilhelm von Hessen und bei Rhein, Großherzog­liche Hoheit, zum General der Infanterie zu ernennen geruht.

Annahm e von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Äorm. 10 Uhr.