Nr. 3.
Samstag den 4. Januar
1890
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.
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Gießener Anzeiger
Generat-Mzeiger.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Vorm. 10 Uhr.
Amtliche»» Theil.
Gieren, am 2. Januar 1890.
Betr. - Die Ausführung des Gesetzes vom 10. September 1878 über den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Erledigung der Verfügung vom 3. v. Mts. — Anzeiger Nr. 285 — im Rück« stände sind, werden hieran mit Frist von 5 Tagen erinnert.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Militärdienst im Frühjahr 1890 betreffend.
Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Frühjahr 1890 stattfindenden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgesordert, ihre desfallsigen Gesuche um Zulassung bei Meidung des Ausschluffes von dieser Prüfung
spätesten- bi- zum 1. Februar 1890
bei der unterzeichneten Commission einzureichen.
Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Speciellen das Folgende bemerkt:
1) Das Gesuch ist bei der unterzeichueten Prüfungs- Commission nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthaltsort hat.
2) Die Zulaffung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr erfolgen.
3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn bie nähere Adresse angegeben wird.
4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a. Geburtszeugniß;
L. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über deffen Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeit- lich zu bescheinigen und muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt fein;
c. ein Unbescholtenheitszeugniß, welches von der Polizei-Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist;
d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.
5) In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (von Französisch, Englisch, Lateinisch und Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.
6) Ist bereits früher ein Gesuch um Zulaffung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheitszeugniß beizulegen.
lieber die Anforderungen, welche an die, zu Prüfenden gestellt werden, gibt die Prüfungs»Ordnung (Anlage 2 zur Wehr-Ord. vom 22. Novbr. 1888 — Reg.-Bl. Nr. 5 von 1889) Aufschluß.
Bezüglich des Prüfungstermins, sowie des Lokals, in welchem die Prüfung statlfindet, erfolgt event. weitere Bekanntmachung; auf specielle Ladung kann nicht gerechnet werden.
Darmstadt, den 20. December 1889.
Großh. Prüfungs-Commission sür einjährig Freiwillige.
Der Vorsitzende:
Dr. Zeller.
Keber die epidemische Grippe oder Influenza
wird der „Nordd. Allg. Ztg." von sachkundiger Seite Folgendes geschrieben:
Die Influenza ist eine acute Infektionskrankheit, welche in Form von mehr oder weniger ausgedehnten Epidemien, die oft den Character wahrer Pandemien angenommen haben, seit Jahrhunderten den ganzen bewohnten Erdkreis von Zeit zu Zeit überzieht.
Die Krankheit ist beobachtet worden in allen Zonen und zu allen Zeiten des Jahres. Es besteht über sie eine sehr umfangreiche Literatur aus älterer und neuerer Zeit. Aus dem Alterthum liegen zwar keine Nachrichten vor, welche mit Sicherheit aus Influenza bezogen werden können, aber schon von dem 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung ab häufen sich die Berichte von epidemischen Krankheiten, die möglicherweise
als Influenza anzusehen sind. Sicher können mit diesem Namen diejenigen Epidemien belegt werden, welche in den Jahren 1323, 1327 und 1387 in Italien und Frankreich auftraten, von denen uns Buoninsegni und Villani berichten. Nach Hirsch sind noch ältere Angaben auf Influenza zu beziehen, so für 1173 von Sigbertus über das Auftreten der Seuche in Italien, von Godefridus in Deutschland, von Rodulfus de Dicetus in England. Ein nachweislich pandemisches Auftreten der Krankheit ist zuerst aus den Jahren 1510, 1557, 1580, 1583 berichtet worden. Seitdem haben die Seuchenzüge sich noch ost wiederholt. Eine übersichtliche Zusammenstellung der Jnfluenzaepidemien in den Jahren 1173 bis 1875 findet sich in dem Handbuch der historisch-geographischen Pathologie von Professor Dr. A. Hirsch, Seite 14; die diesbezügliche Quellenliteratur ist zusammengetragen an derselben Stelle Seite 30—40.
Die Benennung der Krankheit hat nach Zett und Ort geschwankt. Nach Gluge wurde sie z. B. schon 1712 in Deutschland „Modekrankheit" genannt. Andere Bezeichnungen sind: Spanischer Ziep, Schashustcn, Blitzcatarrh, in Frankreich: Coqueluche, Baraquette, Generale Grippe, Follette, petite peste, Allure chapeau quarre, in England: Influenza, epidemic catarrh. Grippe ist nach Biermer von agripper, nach Frank vom polnischen cbrypkaraucedo abzuleiten.
Die Krankheit tritt stets epidemisch aus und endigt saft stets in vollkommene Heilung. Die davon Besallenen pflegen meist plötzlich zu erkranken, eigentliche Prodromalerscheinungen in Form "von Unbehagen und Verschnupstsein sind ziemlich selten. Unter mehr oder weniger starkem Frösteln, selten ausgesprochenem Schüttelfrost, stellen sich hohes Kcunkhrüts- gesühl, Schmerzen in den Gliedern, dem Kreuz, Kopfschmerzen, sowie mehr oder weniger heftiges Fieber ein. Eine catarrha- lische Erkrankung sümmtlicher Schleimhäute, insbesondere der Athmungsorgane, fehlt selten. Husten und Schnupfen ist in oft sehr quälender Art vorhanden. Ernstere Erkrankungen, Lungenentzündungen, Darmerscheinungen, Ohnmächten, Delirien, Convulsionen gehören schon zu den Seltenheiten. Nach 3—4 Tagen lassen alle Erscheinungen schnell nach und im Verlauf von 8—14 Tagen pflegen die Kranken meist wieder hergestellt zu sein. In leichteren Fällen dauert die ganze Krankheit nur 1—3 Tage, in sehr vielen Fällen steht jedoch das hohe Krankheitsgefühl in keinem Verhältniß zu den sonst so geringfügigen Symptomen, nur die Kranken sind noch längere Zeit hindurch sehr matt und angegriffen. Die seltenen Todesfälle ereignen sich meist bei Kindern und Greisen, bez. sonst geschwächten Individuen.
Ein einmaliges Ueberstehen der Krankheit schützt nicht vor Wiedererkrankung; eine solche ist sogar" im Verlause derselben Epidemie nicht selten beobachtet worden.
Ueber die Ursachen der Krankheit ist nichts bekannt. Es steht nicht einmal sest, ob die Krankheit von Mensch zu Mensch ansteckend ist oder nicht. Die einzelnen Epidemien, welche im Verlauf einer Pandemie austreten, erreichen meist sehr schnell ihren Höhepunkt. Sie verbreiten sich mit großer Schnelligkeit und treten gleichzeitig auf weiten Landstrecken aus, ohne daß irgend eine Beziehung zu den Wegen des menschlichen Verkehrs sich bisher hat herausfinden lassen. Der Zug der Jnflueuza-Epidemien ging häufig von Ost nach West über die ganze Erde, aber auch in umgekehrter Richtung, sowie auch in der Richtung von Nord nach Süd sind die Epidemienzüge beobachtet worden. Meere und Gebirge scheinen dem Laufe der Seuche keine Hindernisse zu bieten, wenigstens ist ein Ausbrechen der Krankheit auf Schiffen, welche wochenlang mit keiner Küste in Verbindung waren, öfters beobachtet worden. So berichtet Pop von einer Schiffsepidemie, die im Februar 1856 im Hafen von Makassar von 340 Leuten einer niederländischen Fregatte urplötzlich 144 ergriff. Ganze Flotten wurden durch die Krankheit zur Umkehr in den Hafen gezwungen. Häufig brach die Krankheit aus solchen Schiffen aus, dw in der Nähe von mit Influenza befallenen Ländern fuhren. Die Schnelligkeit, mit welcher die Epidemien von Ort zu Ort sich bewegen, ist sehr verschieden, meist aber erstaunlich groß. In den Pandemien von 1833 und 1837 wurden ausgedehnteste Länderstrecken wie mit einem Schlage ergriffen, in anderen Fällen schritt die Seuche dagegen sehr- langsam weiter. Sehr oft wird ein sprungweiser Fortgang beobachtet, auch kommen Abweichungen von der einmal eingeschlagenen Verbreitungsrichtung nicht selten vor.
Unerklärliches Verschontbleiben gewisser Plätze oder bestimmter Bevölkerungsklassen ist zuweilen beobachtet worden. Zahlreiche Einzelheiten dieser Art sind von Dr. Hirsch zusammen getragen. Die Influenza ergreift alle Rassen, kommt' in allen Klimaten und zu allen Jahreszeiten vor.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 2. Januar. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht solgenden Erlaß des Kaisers vom 30. December an den Reichskanzler: „Zum bevorstehendeu Jahreswechsel sende ich Ihnen, lieber Fürst, meine herzlichsten und wärmsten Glückwünsche. Voll innigen Dankes gegen Gott blicke ich zurück aus das zu Ende gehende Jahr, in welchem uns bc- schieden war, nicht nur unserem theuren Vaterlande den äußeren Frieden zu erhalten, sondern auch die Bürgschastcn I für Aufrechterhaltung des Friedens zu verstärken. Mit hoher
Irgend eine Bezeichnung'^ ätiologischer Art zu Einflüssen der Jahreszeit oder der Witterung hat sich bisher nicht auffinden lassen.
Mit dem Namen „Influenza" sind bekanntlich auch gewiße Thierkrankheiten belegt worden, ohne daß jedoch daraus ein Zusammenhang derselben mit der Influenza der Menschen abgeleitet werden dürfte. Die Thierinfluenza ist kein einheitlicher Begriff, und wenn auch gewisse, mit diesem Namen bezeichnete Krankheiten in ihrem Austreten entfernte Ähnlichkeit verrctthen mit der menschlichen Influenza, so ist eine nähere Beziehung jedoch mit ziemlicher Sicherheit auszu- chließen. .
Die diesjährige Influenza-Epidemie hat, soweit sich bte bisher vorliegenden Nachrichten übersehen lassen, in schnellem Zuge unter oft sprungartigem Vorgehen im Verlaufe weniger Monate von Rußland her zunächst!das europäische Festland ergriffen, ist dann auch nach England übergetreten und zuletzt auch in Amerika ausgebrochen. Sichere Angaben über Zahl und Ausdehnung der Einzelepidemien können zur Zeit noch nicht gemacht werden, nur soviel scheint sest- zustehen, daß die Epidemien einen durchweg gutartigen Character zeigen.
Vorschläge über die Heilung bezw. Behandlung der ^n= fluenzakranken zu machen, kann hier nicht beabsichtigt werden. Zur Behandlung Erkrankter ist vielmehr ärztliche Hilfe rechtzeitig in Anspruch zu nehmen. Bei der großen Ausdehnung der Epidemie und der Schädigung, welche sie Handel und Wandel allerorts zufügt, möge jedoch daraus hingewiesen werden, wie voraussichtlich ein noch weiteres Umsichgreifen der Seuche verhindert werden kann.
Zunächst sind thunlichst Ansammlungen von Menschen zu vermeiden. Wo solches, wie in den Kirchen behufs des Gottesdienstes nicht angängig ist, würde nach Kräften für eine ausreichende Heizung der Versammlungsräume zu sorgen sein, damit Erkältungen, welche das ^Zustandekommen der Jnfluenzaerkrankung zu begünstigen scheinen, möglichst vermieden werden. Ucberhaupt ist einem Jeden während des Herrschens der Epidemie der Rath zu ertheilen, sich vor jähem Temperaturwechsel thunlichst zu bewahren. Der Verkehr mit Jnfluenzakranken ist zu beschränken, denn es ist nicht ausgeschlossen, daß eine Ansteckungsgefahr besteht. Ein Ueber- heizen der Wohnungen ist ebenso wie das Ungeheiztlassen einzelner in Benutzung befindlicher Räume zu vermeiden. Eine gleichmäßige Temperatur von 14 bis 15 Grad Reaumur ist am zweckmäßigsten. Beim Aufenthalt im Freien vermeide man möglichst, sich dem Winde auszufetzen. Ebenso ist das Eindringen kalter Lust direct durch den Mund in die Athmungsorgane thunlichst zu verhüten. Man athme lieber durch die Nase und halte den Mund geschlossen.
Deutsches Reich.
][ Darmstadt, 2. Januar. Am morgenden Vormittage findet in dem Kranichsteiner Wildpark, in welchem jüngst Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. der Jagd oblag, Großherzogliche Hofjagd statt; es sollen nur Sauen geschossen werden. Außer der Hosjagdgesellschast werden auch der Herzog von Nassau nebst dem Erbprinzen von Nassau, welche morgen Vormittag von Frankfurt hier eintreffen und im Großherzog- lichen Schlosse Absteigequartier nehmen, an der Jagd theil- nehmen. Prinz Christian von Schleswig-Holstein ist mit seinem ältesten Sohne, Prinz Victor, bereits heute Mittag von Wiesbaden hier eingetroffen und mit den beiden Prinzessinnen Töchtern Victoria und Louise' im Neuen Palais abgestiegen. — Im sogenannten alten Palais am Luisenplatz findet Samstag, 4. Januar, Abends 8 Uhr ein Grobherzoglicher Hos- ball statt, zu welchem zahlreiche Einladungen ergangen sind. Derselbe ist zugleich als ein Ersatz sür die Neujahrsgalatasel zu betrachten, welche in diesem Jahre ausfällt. — Sicherem Vernehmen nach wird Seine Königliche Hoheit der Großherzog am 11. Januar einer Einladung Sr. Majestät des Kaisers zur Theilnahme an der Grunewalder Jagd- entsprechen.


