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1890
Mittwoch den 3. Deccmber
Der
Gteshener Anzeiger erscheint täglich, «it Ausnahme des Montags.
Die Gießener InmitienötLller »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
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verstsches Reich.
Darmstadt, 30. November. Nach dem Hauptvoranschlag für die Finanzperiode 1891/94 sollen bei den Kreisämtern und Provinzialdirectionen fünf weitere Amtmänner angestellt werden, da die Arbeitslast derselben in Folge Durchführung der socialpolitischen Reichsgesetze, sowie des hessischen Feldbereinigungsgesetzes die Beschaffung weiterer Arbeitskräfte nöthig mache. Der katholischen Kirche hat man 22,000 Mk., der evangelischen Kirche 40,000 Mk. mehr zugedacht, um die Maximalpfarrgehalte von 1400 Mk. aus 1800 Mk. normiren zu können. An den höheren Bildungsanftalten sind mehrfach Personalergänzungen in Aussicht genommen. So soll die Landesuniversität Gießen eine neue Professur für Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft und zwei außerordentliche Professuren für Chemie und Geographie erhalten. Ferner sollen mehrere Assistentenstellen errichtet und ein Docent für Ohrenheilkunde angestellt werden. Für die technische Hochschule ist ein Lehrstuhl für Agriculturchemie und weiter ein solcher für Botanik vorgesehen, auch sollen die Assistenten um zwei vermehrt werden. Für die Volksschulen sind insgesammt 1,087,000 Mk. im ordentlichen und 20,000 Mk. im außerordentlichen Budget vorgesehen. Der Zugang tm ordentlichen Budget betragt 228,000 Mk. und hat seinen Grund in der Erhöhung der Gehalte und Pensionen der Volksschullehrer (Gesetz vom 23. Juli 1890). Die Gymnasien, Real- gymnasieu und Realschulen erfordern einen Staatszuschuß von 381,000 Mk. (69,000 Mk. mehr als seither). — Auch die L an d w i r th s ch a f t s sch ul en und diejenigen, welche der Centralstelle für das Gewerbewesen unterstellt sind, sollen erhöhte Zuschüsse erhalten, so sind namentlich für die Neuerrichtung von erweiterten Handwerkerschulen in Darmstadt, Alsfeld, Bingen und Nidda entsprechende Staatszuschüsse vorgesehen.
V 1. December. Abermals ist in diesen Tagen nach juiinu.p i; i Pause der bedeutsame Act der Volkszählung im Deutschen Reiche vollzogen worden, selbstverständlich wird aber noch einige Zeit vergehen, ehe sich ein Ueberblick über das Gesammtresultat der diesmaligen Volkszählung ermöglichen lassen wird. Bekanntlich hat es sich bei der Zählung vom 1. December d. I. nicht nur um die Feststellung der gegenwärtigen Bevölkerungsziffer des Deutschen Reiches, sondern auch um andere wichtige statistische Erhebungen gehandelt, die sich auf die Nationalität resp. Staatsangehörigkeit, ferner aus das Alter, Geschlecht, den Beruf u. s. w. der einzelnen Bewohner beziehen. Jedenfalls wird sich ans der diesmaligen Zählung ein nach verschiedenen Richtungen hin sehr interessantes Bild ergeben, das außerdem | noch ein gewisses politisches Moment ausweist. Denn wenn I
sich, wie zu vermuthen steht, abermals eine beträchtliche Vermehrung der Einwohnerzahl Deutschlands ergibt, so dürfte dies die kriegslustigen Elemente im Auslande, die so gern einmal mit Deutschland anbinden möchten, denn doch etwas nachdenklich stimmen und ihnen das Gefährliche eines Angriffes aus das bevölkerungsstarke Deutschland vor Augen führen.
Münster, 1. December. Dem „Wests. Merkur" zufolge hat v. Schorlemer-Alst sein Reichstagsmandat wegen nicht unbedenklicher Erkrankung niedergelegt.
Helgoland, 30. November. Die Fernsprech-Verbind un g mit Cuxhaven ist zum Betrieb eingerichtet.
Ausland.
Pest, 30. November. Nach Telegramm des „Pesti Hirlap" und des „Neuen Pester Journals" aus Gran wird die Verordnung des Cultusministers, betreffend die Mischehen, bezüglich der Uebermittelung der Matrikel-Auszüge im Wege der Verwaltungsbehörden in kirchlichen Kreisen als entschieden den Dogmen widersprechend erachtet und daher für nicht vollstreckbar erklärt. Das „Neue Pester Journ." folgert daraus, daß es den Katholiken unbedingt verboten sei, Mischehen einzugehen.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Torrespondenz-Bureau.
Berlin, 1. December. An der Galatasel anläßlich der Jubelfeier der Thronbesteigung des Großen Kurfürsten nahmen an der Seite des Kaisers Prinz Friedrich Leopold und der Kronprinz von Griechenland Theil, dem Kaiser gegenüber Moltke zwischen Pape und dem Reichskanzler, ferner die in der Garde dienenden Prinzen, die Generalität, Minister und Commandeure der vier ersten Leibregimenter. Die Tafel bestand aus 156 Gedecken. Die Musik wurde gestellt vom schlesischen Kürassier-Regiment „Großer Kurfürst". Während der Tafel hielt der Kaiser eine Ansprache. Nach einem historischen Rückblick auf die damalige Zeit hob der Kaiser hervor, was der Kurfürst für die militärische und sittliche Hebung des Volkes gethan, seine Schöpfungen bildeten die Basis, auf der das Reich auferstanden sei, er wiederhole Friedrichs des Großen Worte: „Der Mann hat viel gethan" und rufe besonders den Herren vom Regiment „Großer Kurfürst" zu: „Wir wollen fortfahren auf der Bahn meines großen Ahnherrn, festhalten an der Gottesfurcht, Treue, Hingebung und Gehorsam. Ich trinke auf das Wohl Brandenburgs."
Berlin, 1. December. Der Kaiser erließ anläßlich des Gedenktags der Thronbesteigung des Großen Kurfürsten einen Armeebefehl: Er weist darin auf die Schaffung des stehenden Heeres als Grundlage der Machtentsaltung des
Staates hin, er habe die Feldzeichen aus jener glorreichen Zeit hier am Denkmal des Großen Kurfürsten versammelt, damit sie die Erinnerung an seine und seines Heeres Thaten wachrusen, welche nur möglich gewesen seien durch den Geist der Treue, Gottesfurcht, des Gehorsams und der Tapferkeit, welche der Ahnherr im Heere zu erwecken und zu erhalten wußte. Dieser Geist blieb über zwei Jahrhunderte Eigenthum des Heeres, auf ihm beruht die Größe und Stärke des Vaterlandes, ihn zu bewahren, zu pflegen ist auch heute noch die heiligste Pflicht der Armee; hinblickend aus den Großen Kurfürsten und sein ruhmreiches Heer, soll und wird jeder Einzelne der Armee dieser Pflicht eingedenk bleiben.
Berlin, 1. December. Die Gew er beschütz-Co n fer enz nahm Nachmittags eine Reihe von die Reformen der Markenschutzgesetzgebung betreffenden Thesen an, welche die fernere Beibehaltung des bloßen Anmeldeversahrens verwerfen, die Anmeldung sämmtlicher Waarenzeichen einer ausschließlich von Angehörigen der Industrie, des Handels und von richterlichen Beamten besetzten Centralstelle überweisen und den Klageweg gegen die Entscheidungen der Centralstelle beim Reichsgericht oder bei einer mit der Centralbehörde selbst geschaffenen obersten Instanz regeln wollen. Alsdann begann die Beratung der Specialfrage der Patente. Fortsetzung morgen.
Berlin, 1. December. Die Abendblätter bestätigen das Gerücht, daß der Spender einer Million Mark für die Koch'sche Heilanstalt der/Geheime Rath von Bleichröder ist. Außer der Million hat derselbe auch noch Baugründe angewiesen.
Berlin, 1. December. Im Abgeordnetenhause wurde heute die Landgemeinde-Ordnung weiter berathen. Abgeordneter von Heydebrand und der Lasa spricht für die Vorlage, verlangt aber Erweiterung der Competenzen der Kreisausschüsse. Abgeordneter Rickert ist ebenfalls für die Vorlage, wenn jeder Parteistandpunkt fern bleibe, und wünscht die Erweiterung des Wahlrechts der dritten Klasse Abgeordneter von Tiedemann-Labischin ist mit der Bildung von Sammelgemeinden und Zweckverbänden einverstanden. Abgeordneter von Schalscha findet, daß die Vorlage eine Verkürzung der Ansässigen sei, ohne Compensation dafür zu bringen, da viele das Stimmrecht erhielten, ohne Communal- steuern zu zahlen. Minister des Innern Herrsurth ersieht, daß die Regierung die richtige Mitte getroffen habe. Dem geheimen Communalwahlrecht könne die Regierung nicht zustimmen, auch der Stärkung des Kreisausschusses nicht beipflichten. Abgeordneter Gras zu Limburg-Stirum betont die Nothwendigkeit selbstständiger leistungsfähiger Gutsbezirke. Abgeordneter Staatsminister a. D. Hobrecht erklärt die Verleihung des Wahlrechts an Nichtangesessene für einen Fortschritt, den er gut heiße. Die Abgeordneten Wessel (sreicons.) und Schroeder (Pole) sprechen gleichfalls für die Vorlage,
Feuilleton.
Rudlys Posaune.
Nach dem Italienischen deS Antonio Ghislanzoni.
(Schluß.)
Wenn Rubly sich auf der Straße zeigte, wieS man aus ihn, wie auf eine besondere Merkwürdigkeit. Er war stets allein- seine Blicke irrten unstät umher, bald auf den Himmel, bald auf die Erde gerichtet, bei fortwährend wechselndem Ausdruck. Die meisten hielten ihn für verrückt.
In jenem Jahre wurde zu Padua für die Messe des „Santo" eine außerordentlich glanzvolle Opernsaison vorbereitet. Den Reigen sollte, von Angelo Mariani*) in- fcenirt und dirigirt, „Robert der Teufel" eröffnen.
Rubly war Mitglied des Orchesters.
Jedermann kennt Bertrams phantastische Beschwörung im Kloster der heiligen Rosalie, Jedermann weiß, welche hervorragende Rolle in dieser großartigen Scene der Posaune zufällt. Rubly wuchs mit seiner Ausgabe, während er die mächtigen Klänge des großen Meisters wiedergab, war auch er groß und erhaben. Die der Probe beiwohnten, fühlten bei diesen Klängen einen Schauer ihre Adern durchrieseln.
Der Capellmeister erbleichte. Er konnte sich nicht entsinnen , jemals solche Macht der Töne kennen gelernt zu
*) Angelo Mariani, brr Sohn eines Arbeiters zu Ravemio, in seiner Jugend Stiefelputzer, war im letzten Jahrzehnt der oedeu- tendsle und anerkannteste C^pellme.fter Italiens. Er inscer.irte und dirtgirte in mustergiltiger Weise tm Herbste 1872 am Teatro com- ■wunale Bologna den „Lohengrttt". Es war Meß der erste von «lünzmdem Erfolge gekrönte Versuch, Richard Wagner dem Ver- ßMndniß der Italiener zu erschließen. Vor einigen Jahren starb er fci Genua, betrauert von seinem ganzen Volke. Anmerk. h. Rebers.
haben- ihm schien es, als bedeuteten diese Posaunenklänge etwas Ueberirdisches, Göttliches. Und da Niemand sich erhob, um ein Zeichen des Beifalls zu geben — so groß war das Staunen und die Bestürzung — da sprach, das düstere Schweigen brechend, Mariani zu Rubly gewandt: „Wenn Gott eine Posaune brauchen wird, um die Todten zu erwecken aus ihren Grüften, dann wird er Keinem besser als Ihnen dies feierliche Amt übertragen können. Sie sind von der Vorsehung bestimmt, der Engel des jüngsten Gerichts zu werden."
Aus dem Orchester und von der Bühne herab erscholl nach diesen Worten einstimmiger Beifall. Rubly rührte sich nicht von seinem Platze. Aber er heftete auf den Capellmeister einen Blick voll Zweifel und Hoffnung. Dann neigte er den Kopf und drückte das Instrument wie einen Freund an sein Herz, indem er seufzend vor sich hin sprach: „Jetzt ist der rechte Augenblick da für uns beide."
Am anderen Morgen sollte die zweite Probe stattfinden. Die Künstler waren versammelt, nur Rubly fehlte. Dem Capellmeister wurde ein Brief gebracht, in welchem es hieß: „Verzeihen Sie, daß ich heute meine Schuldigkeit versäume - ich bin durch zwingende Nothwendigkeit abgehalten. Sollte ich binnen 24 Stunden nicht wiederkehren, dann rechnen Sie nicht mehr aus mich." Natürlich trug dieser Bries Rublys Unterschrift.
Der Leser wird errathen haben, welchen Weg der arme Posaunenbläser eingeschlagen hatte. Nein, er war kein Narr. Die von des Zweifels Bläffe angekränkelte Welt liebte es, mit diesem Namen verleumderisch jede große, ungewöhnliche Leidenschaft zu bezeichnen.
Eine Stunde nach Sonnenuntergang kam er in dem Dörfchen an. Zuerst besuchte er das Stübchen, wo seine Maria gestorben war- dann schweifte er einsam durch die
Felder, bis keine menschliche Stimme mehr an sein Ohr klang. Sein Antlitz, wie seine ganze Art hatte nichts Auffallendes. Er war ruhig und heiter. Unter dem Arme*trug er seine in ein grünes Tuch gehüllte Posaune.
Bevor es Mitternacht wurde, schlug er einen kleinen Seitenweg ein, welcher zu dem unterhalb des Hügels gelegenen kleinen Friedhof führte.
Das im Mondlicht weißschimmernde Dörfchen war stumm. Die Lebenden schliefen so ruhig wie die Todten, die Häuser waren nicht belebter als die Gräber.
Er näherte sich der niedrigen Mauer, blickte sich um und schwang sich dann hinüber. Unter den wenigen Kreuzen war eins, das zeigte ein reineres Weiß als die übrigen und war von einem Blumenbeet eingefaßt. Zu diesem richtete Rubly seine Schritte. Hier lag, seit Jahresfrist etwa, seine Maria begraben.
Er kniete nieder vor dem Kreuze und vorgebeugten Hauptes sprach er leise und zärtlich wie ein Jüngling heimlich zu seiner Geliebten: „Ich bin gekommen, Maria! Verzeih mir, daß ich Dich warten ließ. Ich habe gelitten so wie Du. Nun aber ists nicht möglich, länger getrennt zu leben. Entweder Du kommst zu mir oder ich bleibe hier zurück."
ES schlug Mitternacht. Rubly stand auf, nahm seine Posaune aus der Umhüllung, führte sie an die Lippen und Klänge von übermenschlicher Zaubergewalt erschollen über den Gräbern. Unbeschreiblich war die Wirkung dieser so plötzlich das Schweigen der Nacht durchbrechenden, vom Echo der Häuser und Hügel zurückgeworsenen Töne.
Dieses Echo war wie die Antwort der Todten, wie ein Seufzer der aus einem tiefen und geheimmßvollen Schlafe zu de» Schrecken des Lebens wiedererwachenden Menschheit.
>. In dem überhalb des Friedhofs gelegenen Dörfchen


