Nr. 229.
Donnerstag den 2. October
189Ü.
Der
Lietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MsntagS.
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Unter der Schasheerde zu Münster ist die Räude aus- -Hebrochen. Es wird deßhalb die Sperre über diese Heerde werfügt. Gestattet ist die Ausfuhr von Schafen nur zum Zwecke sofortiger Abschlachtung und ist in jedem einzelnen Falle, in welchem dieselbe erfolgen soll, unsere Erlaubniß einzuholen. Zuwiderhandlungen gegen die angeordneten Schutz- rnaßregeln unterliegen der gesetzlichen Strafe.
Gießen, den 30. September 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Die nachstehende Bekanntmachung Großh. Kreisamts Büdingen wird hiermit zur Kenntniß der Interessenten gebracht.
Gießen, den 30. September 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche betreffend.
Nachdem die Maul- und Klauenseuche im Kreise Büdingen sowohl wie in den benachbarten Bezirken wieder stärker auf- betreten ist, bestimmen wir für den Transport von Rindvieh, Schafen, Schweinen und Ziegen aus einer Gemarkung in eine andere im Kreise Büdingen gelegene Gemarkung — unter Aufhebung unserer Bekanntmachung vom 6. August 1890 <Kreisblatt Nr. 93) — das Folgende:
1. Jeder Händler, der Vieh transportirt oder trans- Portiren läßt, bedarf hierzu eines von einem practischen Thierarzte ausgestellten Gesundheitsscheins, in welchem bescheinigt wird, daß die fraglichen Thiere sich mindestens seit 7 Tagen in seuchefreiem Zustande an dem Orte der Untersuchung befunden haben.
2. Wird von einem Händler Vieh aus einem außerhalb des Großherzogthums Hessen gelegenen Orte eingeführt, so muß in dem thierärztlichen Zeugnisse außerdem bescheinigt sein, daß die Gemarkung, aus welcher die Thiere eingeführt Werden, vollständig seuchenfrei ist.
3. Jeder (Händler, Metzger, Landwirth), der Vieh Auf einen Viehmarkt austreibt oder von einem Viehwarkt wegbringt, hat die Seuchenfreiheit der Thiere durch ein thierärztliches Zeugniß nachzuweisen.
4. Die erwähnten Zeugnisse sind 5 Tage gültig und müssen enthalten: Ort und Datum der Ausstellung, den Namen des Besitzers der zu transportirenden Thiere, jedes mitzuführende Stück Rindvieh nach Geschlecht, Alter, Farbe und Abzeichen, die Zahl der mitzuführenden Schafe, Schweine And Ziegen. Die Zeugnisse müssen von dem Aussteller unterzeichnet und mit seinem Siegel versehen oder von der Orts- Polizeibehörde beglaubigt sein.
5. Keines Gesundheitsscheines bedürfen Laudwirthe zum Transport selbstgezogenen Viehs (Ausnahme siehe 3.) und Metzger zum directen Transport von Schlachtvieh von den Verkäufern in ihr Schlachthaus. (Ausnahme siehe 3.)
6. Directe Eisenbahntransporte von Vieh nach dem Schlacht- -viehhof oder dem Sanitätsstall zu Frankfurt a. M. sind ohne -besondere Bescheinigung zulässig. Der Transport solchen Viehs .nach den Bahnhöfen muß jedoch per Wagen geschehen. Sollen die Thiere nach den Bahnhöfen getrieben werden, so muß deren Seuchefreiheit durch thierärztliches Zeugniß nach- gewiejen werden. w
7. Zuwiderhandlungen werden nach § 66 des Reichs- gefetzes vom 23. Juni 1880 mit Geldstrafe bis zu 150 Mk oder mit Haft bestraft.
Büdingen, den 24. September 1890.
Großherzogliches Kreisamt Büdingen.
I. V.: Dr. Göttelmann, Amtmann.
Ueberficht.
Gießen, 1. October.
An heutigem Tage ist das Socialistengesetz erloschen, nachdem es unter dem Eindrücke der verabscheuungswürdigen Mordanschläge Hödels und Nobilings gegen Kaiser Wilhelm I. entstanden und am 21. October 1878 zum ersten Male in Krast getreten war. Fast zwölf Jahre hat demnach der Ausnahmezustand gewährt, in welchen sich die Anhänger der Socialdemokratie in Deutschland durch dieses Gesetz versetzt
sahen und unläugbar trug gerade letzteres durch seine vielfachen Härten und Schroffheiten zu dem erstaunlichen Anwachsen der socialdemokratischen Partei mit bei, wenngleich es die bisherigen Ausschreitungen der Socialdemokratie sichtlich verhinderte. Die Erkenntniß von der Wirkungslosigkeit des Ausnahmegesetzes in Bezug auf die erhoffte Verhinderung des weiteren Wachsthums der Socialdemokratie hat die maßgebenden Kreise in Berlin, besonders, nachdem mit dem Fürsten Bismarck, der energischste Vertreter des bisherigen Bekämpfungssystems dersocialistischen Bestrebungen, aus der Regierung ausgeschieden war, bewogen, das Socialistengesetz fallen zu lassen und die hierzu vorliegenden Aeußerungen der nichtsocialistischen Presse beweisen, daß man in den bürgerlichen Kreisen mit diesem entscheidenden Schritte der Reichsregierung weit überwiegend einverstanden ist. Welchen Entwickelungsgang nunmehr die socialdemokratische Bewegung nehmen wird, da die Fesseln des Socialistengesetzes gefallen sind, bleibt freilich noch abzuwarten, jedenfalls hat aber das deutsche Bürgerthum keine Ursache, mit besonderem Bangen dem entgegenzusehen, was die Zukunft von Seiten der Socialdemokratie bringen wird.
In Karlsruhe wurde von ehemaligen Angehörigen des 109. Regiments (bad. Leibgrenadierregiment) am Montag die Wiederkehr des Jahrestages der Uebergabe Straßburgs (28. September 1870) festlich begangen - bekanntlich hatte die damalige badensische Division einen hervorragenden Antheil an der Belagerung Straßburgs. Dem veranstalteten Fest- banket wohnte auch der Großherzog als Chef des 109. Regiments bei und hielt der hohe Herr eine zündende Ansprache.
Heber das Befinden des Königs Wilhelm von Holland sind neuerdings wieder ungünstigere Nachrichten eingegangen. So mußte der König am vorigen Samstag und Sonntag das Bett hüten und scheint sein Zustand nicht unbedenklich zu sein, da am Montag im Schloß Loo eine Berathung zwischen den behandelnden Aerzten des Königs und andern Aerzten stattfand.
Die Wiedereinsetzung der früheren clericalen Regierung von Tessin scheint vom schweizer Bundesrathe nun doch im Princip wenigstens beschlossen worden zu fein. Wenigstens wird die Wiedereinsetzung in der seitens des Bundesrathes im Nationalrathe am Montag abgegebenen Erklärung in Aussicht gestellt, sobald die Ergebnisse der am nächsten Sonntag im Tessin stattfindenden Volksabstimmung über die Verfassungsrevision vorliegen. Indessen will sich der Bundesrath noch keineswegs endgültig entscheiden und diese Vorsicht ist angesichts der zwischen den beiden Parteien im Tessin noch immer herrschenden Erbitterung auch vollkommen gerechtfertigt und das gegenwärtige Regierungsprovisorium im Tessin kann daher leicht noch längere Zeit dauern. Als das Hauptübel, an dem die gegenwärtigen Verhältnisse im genannten Canton kranken, ist nach dem bundesräthlichen Berichte über die jüngste Aus- gleichsconserenz vom 27. September das mangelhafte Wahlsystem zu betrachten, welches verhindert, daß die liberale Partei die ihr gebührende Vertretung im Großen Rathe von Tessin findet. Die in Bern versammelten Vertreter der liberalen und clericalen Partei des Tessin stimmen hierüber überein und nm so merkwürdiger ist es, daß sich die clericale Parteileitung im Tessin der so nothwendigen Abänderung des Wahlsystems mit allen Kräften entgegenstemmt.
Der französische Minister des Auswärtigen, Herr Ribot, hat dieser Tage vor seinen Wählern in St. Omer eine Rede gehalten, welches als ein neues Zeugniß für die, die gegenwärtigen leitenden Politiker Frankreichs beseelenden friedlichen Gesinnungen gelten kann. Namentlich betonte der Minister, daß Frankreich, obwohl es seiner Krast bewußt sei, doch friedlich bleibe und verfehlte er auch nicht, darauf hinzuweisen, daß das Ausland das gegenwärtige Regime in Frankreich als das festeste und dauerhafteste anerkenne. Freilich gedachte Herr Ribot auch der „wunderbaren Armee" Frankreichs, doch bezweckte er hiermit offenbar keinerlei versteckte kriegerische Drohung, vielmehr ist diese Wendung lediglich als eine Schmeichelei an den nationalen Stolz der Franzosen zu betrachten.
Als König Alexander in Begleitung seines Vaters, des Ex-Königs Milan, am Sonntag in Belgrad eine Spazierfahrt unternahm, platzte unter dem Wagen des die hohen Herrschaften begleitenden Adjutanten eine Patrone. Ursprünglich hieß es, die Patrone sei unter dem königlichen Wagen ex- plodirt, was Anlaß zu dem Gerüchte von einem beabsichtigt gewesenen Attentat auf König Alexander oder auf Milan gab. Es hat sich indessen bei der kleinen Affaire um einen bloßen Zufall gehandelt, auch ist durch das explodirte Geschoß keinerlei Schaden angerichtet worden.
Deutsche- Reich.
Darmstadt, 30. September. Sicherem Vernehmen nach werden Seine Königliche Hoheit der Großherzog am 5. October von Jlinskoe abreisen und am Donnerstag hier wieder eintreffen.
Neueste Nachrichten.
WolfiS telegraphische- Lorrespondenz-Bureau.
Berlin, 30. September. Heute, am Geburtstage der verstorbenen Kaiserin Augusta, fand im Mausoleum zu Charlottenburg eine Gedächtnißfeier statt, welcher die Kaiserin mit dem Kronprinzen und dem Prinzen Eitel Fritz, die Prinzessin Leopold, die Hofstaaten des verstorbenen Kaiserpaares und zahlreiche andere Notabilitäten beiwohnten. Die Gedächtnisrede hielt Oberhofprediger Kögel, die liturgischen Gesänge führte der Domchor aus. Die Kaiserin, die Prinzen und die Prinzessin Leopold legten am Sarge kostbare Kränze nieder/ auch aus anderen Kreisen und von auswärts waren zahlreiche Kränze eingegangen.
Berlin, 30. September. Die zur Feier des Ablaufs des Socialistengesetzes in verschiedenen Localen abgehaltenen socialdemokratischen Versammlungen verliefen überall ohne Störung unter zahlreicher Betheiligung auch von Frauen und Kindern. Die Vorsitzenden konnten allenthalben mühelos die Ordnung aufrecht erhalten. Die Polizei verhielt sich zuwartend.
Stettin, 30. September. In Gegenwart des Fürstbischofs von Breslau, Kopp, und anderer hoher katholischer Geistlichen fand heute die feierliche Einweihung der ersten katholischen Kirche Hierselbst statt.
Trakehnen, 30. September. Der Kaiser traf, begleitet von dem Grafen Dohna und dem Landstallmeister Frankenberg, um 121/4 Uhr am hiesigen Bahnhofe ein und trat die Reise nach Wien an.
Karlsruhe, 30. September. Der Großherzog richtete an den Staatsminister Turban ein Handschreiben, welches besagt: die Wiederkehr des Geburtsfestes der hochseligen Kaiserin Augusta als des ersten Jahrestages nach ihrem Heimgange laste ihn wünschen, dem Gedächtniß dieser großen Fürstin bleibenden Ausdruck zu geben, wie ihr ganzes Leben dem Wohlthun gewidmet war, so habe die Kaiserin auch dem Aufblühen Baden-Badens ihr ganzes Interesse geschenkt und vom neuen Frauenbade die schönsten Erfolge erhofft. Zum Denkmal treuen Andenkens bestimme er, daß das Frauenbad den Namen Kaiserin-Augusta-Bad erhalte.
Hamburg, 30. September. Der hier tagende deutsche Gewerbekammertag wählte zum ersten Vorsitzenden Bauer-Hamburg, zum zweiten Gemeinderath Stähle-Stuttgart und zu Protokollführern Schulze-Dresden, Dr. Dittrich-Plauen, Assessor Hoysen-Hamburg. Heute sand die erste Hauptversammlung statt. Den Verhandlungsgegenstand bildete die Novelle,zur Gewerbeordnung. Viele Abänderungsvorschläge betreffs, der Sonntagsruhe und des gewerblichen Fortbildungsunterrichts sanden die Zustimmung der Versammlung.
Wien, 30. September. Die Vorbereitungen zu dem Kaiserempsange sind fast beendet. Kaiser Wilhelm wird in Schönbrunn wohnen, wo die Offiziere der Arcierengarde die Ehrenwache halten. Ein dejeuner dinatoire findet um I1/2 Uhr mit 40 Teilnehmern in Jagdcostüm statt.
— Der deutsche Botschafter Prinz Reuß und der Militär-Attache Deines reisen dem Kaiser Wilhelm bis Gänserndorf entgegen. — Prinz Georg von Preußen reiste heute nach mehrwöchentlichem Aufenthalte nach Prag.
Wien, 30. September. Das Amtsblatt veröffentlicht eine im Einvernehmen mit den Ministerien der Justiz, des Handels und des Ackerbaues erlassene Verordnung des Ministeriums des Innern vom 27. September, welche in Folge der von mehreren Regierungen im Deutschen Reiche gestatteten Einfuhr von Schlachtschweinen österreichisch- ungarischer Provenienz besonders.nach Preußisch-Schlesien und Berlin veterinärpolizeiliche Verfügungen trifft, über Beschau, Confiscirung, Transport und Rücktransport bei einer eventuellen Zurückweisung an der Grenze.
Wien, 30. September. Die „Abendpost" sagt in einem officiösen Artikel anläßlich der Ankunft des Kaisers Wilhelm, die Sympathien der österreichischen Völker seien dem hohen Zielen zustrebenden Herrscher zugewendet. Mit Wien sei ganz Oesterreich-Ungarn einig an diesem Tage der Freude. Es gedenke der hohen Friedensliebe des Monarchen und sei tief bewegt von den in Gravenstein gesprochenen Worten des Kaisers Wilhelm, wo derselbe die engen Beziehungen innigster Freundschaft und festester Waffenbrüderschaft mit dem österreichischen Kaiser verkündigte. „Solche, Worte bleiben den österreichischen Völkern unvergeßlich."


