Ausgabe 
2.9.1890
 
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Coan vom 23./Vin. 30./VIU.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für dm folgenden Lag erscheinmden Nummer di- vorm. 10 Uhr.

Hratisöeikage: Gießener Jamikienökätter.

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Alle Annoncen-Bureaux de- In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen. »»MMW»WSW^W»«WM»WWW!«WS»«W«»S»

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

In Folge Umbaues der Brücke über den Dorsgraben in Bersrod kann die Kreisstraße daselbst von

Montag den 1. September l. I.

bis aus Weiteres nicht befahren werden.

Gießen, am 30. August 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. B.:

I o st, Regierungsrath.

Betr.: Die Feldbereiuigung in der Gemarkung Saasen.

Bekanntmachung.

Die Verhandlungen über die Aufstellung des allgemeinen Meli oratio nsplanes für die Gemar­kung Saasen liegen zur Einsicht der Betheiligten vom 25. August bis 8. September l. I. auf dem Amtszimmer der Bürgermeisterei Saasen offen, nämlich:

1) die Karte mit Einzeichnung des neuen Wege- und Grabennetzes;

2) die Erläuterungen dazu mit den Beschlüffen der Voll­zugscommission in einem Hefte;

3) das Protocoll über die Prüfung dieses Meliorations­planes durch die Landescommission vom 4. Juni l. I.;

4) die Acten über die geplante Regulirung der Gemar­kungsgrenze von Saasen mit:

a. Lindenstruth,

b. Göbelnrod, c. Harbach, d. Reinhardshain;

5) die Acten wegen Anlage verschiedener Waldthelle zu Feld und umgekehrt.

Am 10. September l. I., Vormittags 9 Uhr, wird der Unterzeichnete mtt der Vollzugscommission aus dem Bürger­meistereibureau in Saasen zur Auskunftserthellung und Ent­gegennahme von Anträgen anwesend sein.

Etwaige Einwendungen gegen die vorgenannten Arbeiten müssen bei Meidung späterer Nichtberücksichtigung entweder während obiger Frist schriftlich bei der Bürgermeisterei Saasen überreicht oder in der erwähnten Tagfahrt den 10. September eingebracht werden.

Darmstadt, den 11. August 1890.

Der Vollzugscommissär: Nover, Regierungsrath.

Bekanntmachung.

In Folge Etats-Erhöhungen der Unteroffizier-Schulen Potsdam, Biebrich, Ettlingen und Marienwerder können zum 1. October d. I. noch Freiwillige zur Einstellung bei den­selben gelangen und hierzu Anmeldungen bei dem unter­zeichneten Bezirks-Commando stattfinden.

Gießen, den 30. August 1890.

Großherzogliches Bezirks-Commando Gießen.

Casp ary, Oberstlieutenant z. D. und Commandeur des Landwehrbezirks Gießen.

Zur Sedanfeier!

Victoria! Gestern übergab sich Napoleon dem Könige Wilhelm. Gleichzeitig capitulirteu 80 000 Mann der Mac Mahon'schenArmee unter General Wimpffeu, der an Stelle des verwundeten Mac Mahou commandirt.

Mit diesen Worten konnte am 3. September 1870 in einem Extrablatte der Gießener Anzeiger seinen Lesern Kunde geben von dem einzig in der Weltgeschichte dastehenden Ereignisse, das König Wilhelm damals seiner Gemahlin, der Königin Augusta durch folgende Depeschen mittheilte:

Sedan, den 2. September, halb 2 Uhr Nachmittags. Die Capitulation, wodurch die ganze französische Armee in Sedan kriegsgefangen, ist soeben mit dem General Wimpffen geschlossen, der an Stelle des verwundeten Marschalls Mac Mahon das Commando führte. Der Kaiser hat nur sich selbst mir ergeben, da er das Commando nicht führt und Alles der Regentschaft in Paris überläßt. Seinen Aufenthaltsort werde ich nach dem Rendez-vous, welches sofort stattfindet, und nachdem ich ihn gesprochen, bestimmen. Welche neue Wendung durch Gottes Führung! Wilhelm.

Varennes, den 4. September, 8 Uhr Vormittags. Welch ein ergreifender Augenblick, den der Begegnung mit Napoleon! Er war gebeugt, aber würdig in seiner Haltung und ergeben. Ich habe ihm Wilhelmshöhe bei Cassel zum Aufenthalt gegeben.*) Unsere Begegnung fand in einem kleinen Schlößchen vor dem westlichen Glacis von Sedan statt. Von dort beritt ich die Armee um Sedan. Den Empfang durch die Truppen kannst Du Dir denken. Un-

*) Kaiser Napoleon pasftrte am 5. September, Nachmittags 4 Uhr auf der Fahrt nach Wilhelmshöhe die Station Gießen.

beschreiblich! Beim Einbrechen der Dunkelheit 1/28 Uhr hatte ich den fünfstündigen Ritt beendigt, kehrte aber erst um 10 Uhr hierher zurück. Gott helfe weiter! Wilhelm.

In gehobener Stimmung und ganz besonders dankbarer und weihevoller Erinnerung begeht in diesem Jahre das deutsche Volk die Sedanfeier, denn zwanzig volle Jahre sind es nun am 2. September, daß die denkwürdige und unver­gleichlich ruhmvolle Schlacht bei Sedan geschlagen wurde und zwanzig Jahre sind es auch, seitdem die auf blutgetränktem Boden errungene deutsche Einigkeit dem großen, geliebten Vaterlande gehört und das Deutsche Reich blühend und mächtig gemacht und als ein gewaltiges Bollwerk des Friedens für Europa hingestellt hat.

Mit von heißem Danke erfüllten Herzen feiert daher jeder Patriot das diesjährige Erinnerungsfest an die große nationale That vom 2. September 1870, mit innigem Danke zu Gott, daß er das heiße Sehnen unserer Nation nach Ein­heit endlich erfüllt und die Helden gesandt hat, welche das Riesenwerk der deutschen Einheit mit dem Schwerte voll­brachten, mit weihevollen Dankesgefühlen aber auch gegenüber den Helden selbst, die für die deutsche Einheit kämpften und bluteten, und mit hoffnungsfreudiger Zuversicht, daß das so ruhmvoll gegründete Deutsche Reich wie in den beiden ver­gangenen Jahrzehnten so auch in der Zukunft seine hohe Mission erfüllen, den deutschen Stämmen ein Schutz und Schirm bei ihrer Wohlfahrtsentwickelung und den befreundeten Nationen ein treuer Freund in guten und bösen Tagen sein möge! In diesem Sinne ist es auch das gute Recht und die heilige Pflicht des deutschen Volkes am 2. September seinen großen nationalen Ehrentag zu feiern, denn nicht Ehrgeiz und prunkendes Triumphgeschrei sind es, die an diesem Tage in Alldeutschlands Gauen zum Ausdruck kommen, sondern es ist ein Danksest und eine Freudenfeier edler, berechtigter Art über nationale Großthaten und bleibende gute Errungenschaften für das ganze deutsche Volk. Kein Streit der Parteien am häuslichen Herde, wie ihn das politische Leben naturgemäß mitbringen muß, keine bitteren Erfahrungen, die vorübergehend jede Nation machen muß, und keine Gefahren, die uns in Zukunft drohen können, dürfen uns die Freude an dem nationalen Gedenktage und das unerschütterliche Vertrauen auf das in seinen Fürsten und Stämmen, in Kaiser und Reich geeinigte Vaterland vergällen, denn dieses Fest begehen wir nicht nur aus Dank für die dahin geschiedenen und noch unter uns lebenden Helden der älteren Generation und aus dem Freudengefühle des gegenwärtigen Geschlechts, sondern der große nationale Ehrentag wird auch gefeiert zur Nachahmung und Aufmunterung für die Heranwachsende junge Generation,

Feuilleton.

Pie verlorene Perle.

Novelle von I. Dedekind, Vers, derAchten-Ltni".

(Fortsetzung.)

Wir wissen aber, Sie und ich, daß der arme Graf, -genau wie der gemeine Mann, ärztlichem Befehle folgen und das Liebste, was er hatte, von sich geben und unter Aussicht stellen mußte."

Woher? Möchte ich Sie bitten," fragte Antonie, bleich bis zur Stirn und mit entfärbten Lippen.

Mir diese Kunde wurde? Von einem armen Lehrer, Durchlaucht, der den unschönen Namen Knotenhauer führt, und nebenbei ein verrückter Poet war, den man, als eine Species seltener Art, in dieselbe Anstalt brachte, die das Glück hatte, ihn zu curiren. Er war der Frau Gräfin dort begegnet, sie waren derselben Station zugetheilt, weil beide .Äon derselben fixen Idee bis zur Raserei gepeinigt wurden."

Welcher?"

Sie glaubten beide, eine Seele besessen und verloren zu haben, die sie bis an der Welt Ende suchen müßten."

Eins von Antoniens Perlenarmbändern fiel klirrend zu Boden,- er hob es auf und dabei berührten sich ihre Hände, -er fühlte, die ihre zitterten und hatte beinahe Mitleid mit ihr. Aber der Sturm mußte erst austoben.

Knotenhauer erlebte den Tod der Gräfin in der An- Italt, und, wie er mir sagte, fand sich seine verlorene Seele in der Stunde wieder, in der die der Frau Gräfin in die Ewigkeit einging. Zum Begräbniß sang er ihr sein letztes Lied nach; bald darauf konnte er entlassen werden."

Sie sind ein großer Componist," sagte nach einiger Zeit, in der sie schweigend dagesessen, Antonie mit schwer­gehendem Athem,wie und wo haben Sie da- alles zu­lammengetragen ?"

Vorigen Winter, in Wien, habe ich diesen durchaus wahren, unentstellten Thatbestand ausgefunden. Zwischen meinen Concerten hatte ich Zeit, Nachforschungen anzustellen. Was konnte mich anders in Wien reizen, als Schattenbildern nachzujagen?"

Knotenhauer hatte ich nie vergessen, ich suchte den Ehrenmann auf und er ließ sich finden. Uebrigens ein schöner, ehrwürdiger Greis, der sich jetzt ganz vernünftig be­nimmt und zu beschäftigen versteht. Aber das Dichten hat er ausgegeben. Wir verstehen uns sehr gut, nur in einem Punkte nicht: er steht die Ursache seines verfehlten Daseins in der Poeterei und dem, was damit zusammenhängt- ich in seinem Namen Knotenhauer. Den Eindruck hatte mir ein Gespräch im Palais Gallas, unser letztes, hinterlassen,' es ist wohl zu lange her, als daß Durchlaucht sich daran er­innern sollten."

Er stand langsam auf, im Glauben, sie tödtlich beleidigt, tiefer getroffen zu haben als er gewollt hatte. Sie litt un­säglich unter seiner Härte, aber sie beugte sich und sah ihn bittend an, als er gehen wollte. Der Blick hätte ihn ent­waffnen sollen, er fühlte sich wie verzaubert- und doch ging er, ging, um in einer anderen Sprache zu sagen, was sich in Worte nicht fassen läßt.

In seinemBacchanale" entfesselte sich der Sturm einer lange schlummernden Leidenschaft. Mitten in die gluthvolle Ueppigkeit der Orgie erklang eine leise Klage, die rührende Bitte der Unschuld, sie schwoll an bis zum Gebet, aber ein Wehrus gebot Einhalt und weckte die unreinen Geister, die, der Tiefe entsteigend, ihren Höllenreigen begannen und die Stimme des guten Engels, so oft sie mahnte und durch­zudringen versuchte, fanatisch niederjubelten. O, dieses Chaos!

Armer Georg, wie weit ab hast Du Dich verirrt," seufzte Antonie unter der Wucht des bösen Gewissens. Wer anders als sie, als ihr Verrath, hatte den Dämon geweckt, die sein Leben und seine Kunst beherrschten.

Ein Enthusiasmus ohne Gleichen machte sich Luft. Fürst Schreckenstein drängte sich vor, um das erste Wort zu haben. Er bemerkte nicht einmal, daß sein königliches Weib so still und bleich wie eine geknickte Lilie dastand. Sie lehnte sich an eine Säule und hätte am liebsten die Augen geschlossen. Ein alter kunstsinniger Herr bemitleidete sie und meinte,bei einer Migräne würde ihr etwas zu viel zugemuthet, dies übersteige ja alle Grenzen, es hieße die Hölle und ihre Schaaren heilig sprechen und hoffähig machen. Er hätte, zu seiner Zeit, Pagamni gehört, von dem man sagte, daß er einen Pakt mit dem Bösen geschlossen- bei diesem Meister Georg käme man auf den Gedanken, er sei Luzifer selbst in seiner ganzen düsteren Majestät. Herrlich, haarsträubend schön!" rief er aus, indem er sie verließ, um seine Ansichten weiter zu verbreiten.

Es ging dann bald zu Tisch, wo Antonie, wie es die Stellung des Fürsten forderte, ihren Platz an der Seite des regierenden Herzogs erhielt. Ihr Gatte, neben der Herzogin, saß Georg gegenüber, ein Vorzug, den er aus jede Weise auszubeuten wußte. Antonie hörte seine und Georgs Stimme wie in fortwährendem belebtem Austausch aus der Ferne herüberschallen. Allmählich fühlte sie sich mit den Augen magnetisch hingezogen, sie wollte widerstreben und glaubte genug an der letzten Kränkung gehabt zu haben. Aber als sie fühlte, daß Georgs Blicke, dunkel und feuersprühend, wie berauscht von seiner eigenen Kunst, von Beifall, edlem Wein und unsterblicher Liebe, sie verfolgten und suchten, da gab sie nach und ließ ihre vernachlässigte, durstende Seele aus dem Becher, der ihr gereicht wurde, Begeisterung und DaseinS- sreude trinken.

Der Herzog, der an solchen kleinen Musikabenden sich darin gefiel, den Zwang der Etikette zu erleichtern, ließ sich von der blendenden Persönlichkeit des berümten Gastes so weit hinreißen, daß er aufstaud und, das Champagnerglas in der Rechten, in wenigen, warmempfundenen Worten daL Wohl des Meisters ausbrachte.

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Dienstag den 2. September

1890

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