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Samstag bett 2. August
Nr. 177
1890
ießener Anzeiger
Kemral-Z^nzeiger.
Die Gießmer MsvittenSkStter »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal dei^elegt.
Der
GUßener Anzeiger erscheint täglich, »it Ausnahme deS Montags.
Vierteljähriger ASonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mtt Bringerlohn. Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedtttiv und Druckerei:
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den ÄjwYrfHfÄIIe Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen
Agenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. ^WUlSDCTUige. Anzeigen für den Gießener Anzeiger- entgegn
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Nach Feststellung des beamteten Thierarztes ist die Maul- und Klauenseuche zu Homberg, Deckenbach und Gontershausen erloschen und werden die sür diese Orte getroffenen Sperrmaßregeln hierdurch aufgehoben.
Die wegen der Viehgesundheitsscheine getroffenen Anordnungen bleiben vorerst in Kraft, weil in Dannenrod noch ein Fall von Maul- und Klauenseuche besteht.
Alsfeld, den 27. Juli 1890.
Großherzogliches Kreisamt Alsfeld.
v. Grolman.
Deutsches Reich.
nn. Darmstadt, 31. Juli. Einer Einladung Sr. Majestät des Deutschen Kaisers folgend, wird sich dem Vernehmen nach Se. Königl. Hoheit der G r o ß h e r z o g zu den Manövern nach Rußland begeben, während die übrige Großherzogliche Familie zum Besuche der Königin nach England reisen wird.
Darmstadt, 31. Juli. Das gestern ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 28 enthält:
Verordnung, die Abänderung einiger Bestimmungen der Verordnung über die Gerichtskosten und Gebühren vom 18. Januar 1882 betreffend.
Berlin, 31. Juli. Nur kurze Rast hat Kaiser Wilhelm nach Beendigung seiner Nordlandsfahrt an der heimischen Küste gehalten, denn bereits befindet er sich wieder unterwegs zum Besuche der .königlichenVerwandten in England. Aus der Reise nach England trifft der erlauchte Monarch im Laufe des 2. August in Ostende zum Besuche des belgischen Königspaares ein und wird er in dem belgischen Seebade einen äußerst festlichen Empfang finden; auch die meisten Mitglieder des belgischen Cabinets werden zur Begrüßung des erlauchten Gastes in Ostende anwesend sein. Zum Ehrendienst beim Kaiser während seines Aufenthaltes in Belgien sind der Commandant von Antwerpen, Baron Jolly, sowie die Generäle Streitz und Donot befohlen. Am Abend des Ankunftstages findet in Ostende dem Kaiser zu Ehren großer Zapfenstreich mit Fackelzug statt. Auch in England harrt des deutschen Kaisers ein sehr herzlicher und festlicher Empfang, wenngleich diesmal die Anwesenheit des hohen Herrn jenseits des Canals im Gegensatz zu seinem vorjährigen, politisch bemerkenswerthen, Besuche am englischen Hofe nur einen familiären Charakter tragen wird. Schon jetzt widmen verschiedene englische Blätter
dem Kaiser warme Begrüßungsartikel und führt von ihnen der Londoner „Standart" aus, wie große Befriedigung in England die Ankunft des deutschen Kaisers gerade im gegenwärtigen Augenblicke Hervorrufe, wobei das conservative Organ auf die Gemeinsamkeit der Interessen und Anschauungen Englands und Deutschlands hinweist. — Einer allerdings noch nicht verbürgten Nachricht zufolge soll der Kaiser beabsichtigen, auf der Rückreise von England die Insel Helgoland zu besuchen.
— Noch vor Beginn der englischen Reise unseres Kaisers ist nun die Denkschrift des Reichskanzlers v. Caprivi über die Beweggründe des deutsch-englischen Abkommens veröffentlicht worden und gewiß wird dieselbe mit dazu beitragen, die Aufnahme des Kaisers in England noch inniger und freudiger zu gestalten. Denn aus den Ausführungen des wichtigen Schriftstückes geht klar hervor, daß für. Deutschland beim Abschlüsse des Vertrages der Wunsch mit maßgebend gewesen ist, keinerlei Verstimmungen zwischen sich und dem befreundeten England aufkommen zu lassen, vielmehr in Hinblick auf die europäische Lage ein auf lange hinaus gefestigtes und von allen Mißverständnissen freies Verhältniß zu dem Jnselstaate zu schaffen, ein Wunsch, der englischerseits volles Entgegenkommen fand. Was im Uebrigen die Einzelheiten der Denkschrift anbelangt, so sind sie wohl geeignet, das Mißvergnügen, welches in manchen Kreisen des deutschen Volkes wegen des Abkommens mit England noch herrscht, zu beseitigen, da die betreffenden Darlegungen bekunden, daß nirgends deutscherseits wirkliche Lebensinteressen geopfert worden sind, während anderseits allerdings manchen älteren Ansprüchen und Interessen Englands voll Rechnung getragen werden mußte. ' In England selbst ist der seitens des Unterhauses hie und da besorgte kräftige Widerspruch gegen das Abkommen ausgeblieben, vielmehr hat die englische Volksvertretung mit großer Mehrheit die Helgolandbill und hiermit zugleich den gejammten Vertrag mit Deutschland endgültig genehmigt und um so mehr wird man auch in England die Darlegungen der Caprivi'schen Denkschrift zu würdigen wiffen.
— In Dresden tagt vom 30. Juli bis 1. August die Generalversammlung des Vereins deutscher Eisenbahnen, welcher auch Vertreter der österreichischen und ungarischen, niederländischen, belgischen und anderen fremdländischen Eisenbahngesellschaften beiwohnen. Auf der Tagesordnung der Versammlung stehen u. A. auch Anträge aus Einführung des Zonentarifs für den Personenverkehr auf den deutschen Eisenbahnen nach dem Vorgänge Oesterreichs und Ungarns, worüber es zu interessanten Debatten gekommen sein dürfte.
— Generalfeldmarschall Gras Blumenthal feierte am Mittwoch seinen 8 0. Geburtstag. Alle Ehren, mit
denen Fürst und Vaterland ihre Heerführer zu schmücken wissen, sind dem genialen Feldherrn schon zu Theil geworden und kaum dürfte es daher gelungen sein, für ihn zu seinem jüngsten Ehrentage noch neue, größere Auszeichnungen ausfindig zu machen. Aber die höchste und dauernde Auszeichnung wird sür den hochverdienten Paladin Kaiser Wilhelms I. doch die Liebe und Dankbarkeit des deutschen Volkes bleiben, die sich ihm auch zu seinem 80. Geburtsfeste in zahlreichen Zeichen kundgegeben hat und welche Gefühle in dem einen Wunsche zusammenfließen, daß der rühm- und sieggekrönte achtzigjährige Feldherr seinem Kaiser und seinem Volke auch noch ferner in geistiger und körperlicher Frische erhalten bleiben möge.
Neueste Nachrichten.
WolffS telegraphisches Eorrespondenz-Bureau.
Wilhelmshaven, 31. Juli. Der Kaiser kehrte um 6 Uhr auf dem Artillerie-Schulschiff „Mars" von der Schil- ligsrhede zurück und landete im Vorhafen. Er begab sich direct an Bord der „Hohenzollern". Der Kaiser dinirte bei dem Viceadmiral Paschen im Stationschefgebäude.
Kiel, 31. Juli. Dem Vernehmen nach wird die Manöverflotte den Kaiser am 14. August nach Reval begleiten.
Gelsenkirchen, 31. Juli. Gestern Abend sand auf der Zeche „Unter Fritz" eine Explosion schlagender Wetter statt. Acht Bergleute sind todt, drei schwer verletzt, wovon einer bereits gestorben ist. Die Ursache der Explosion ist unaufgeklärt.
Freiburg i. B., 31. Juli. Der Fürst von Hohenzollern tras heute zum Besuche der Königin von Rumänien hier ein.
Dresden, 31. Juli. Unter dem Vorsitz des Oberregierungsraths Reitzenstein-Berlin begann Vormittags die zweite Sitzung der Generalversammlung desVereins deutscher Eisenbahnverwaltungen zur Erledigung der letzten zehn Punkte der Tagesordnung. Die Einführung einer einheitlichen Eisenbahnzeit innerhalb des Vereins der deutschen Eisenbahnverwaltungen wurde aus Antrag der ungarischen Staatseisenbahnen angenommen. Die Einführung erfolgt mit dem nächsten Sommerfahrplan. Der Verein deutscher Eisenbahnverwaltungen nahm einen Entwurf von Grundzügen sür den Bau und die Betriebseinrichtungen der Neben- und Localeisenbahnen an und erledigte die Tagesordnung. Als Ort sür die nächste ordentliche Vereinsversammlung wurde Hamburg bestimmt.
Frauenfeld, 31. Juli. Auf dem eidgenössischen Schützenfest wurde Angehren (Thurgau) gestern mit 168 Nummern
Feuilleton.
Der arme Joseph.
Scizze von Erich zu Schtrfeld.
(Fortsetzung.)
„Deine Pseife brennt, Kamerad," brach er die Unterhaltung über die Zustände in der Hauptstadt ab, „willst Du mir ein paar Funken geben?"
„Ei, warum nicht," sagte der andere, und schüttete die Asche aus, daß sie hurtig davonflog. Dann machte er mit einem Stückchen Holz die Gluth locker und that etwas davon aus Josephs Tabak, der nun bald in erwünschter Weise glimmte.
„Schönen Dank, Kamerad," sagte Joseph und reichte dem andern die Hand zum Abschied.
„Glückliche Reise und gutes Gelingen!"
Sie gingen auseinander, um sich im Leben nie wieder zu begegnen. Joseph schmauchte tapfer daraus los und fühlte sich bald bedeutend wohler. Wenn nur der furchtbare Wind nicht wäre. Das Athmen wurde ihm schwer und gab ein zischendes, säuselndes Geräusch. Wiederholt stand er still, drehte dem Winde den Rücken zu und rang nach Lust. Er mußte an seine Mutter denken. Der ging es ebenso bei starkem Winde. Wenn er als Knabe mit ihr durch die Felder zog, von einem Dorfe zum andern, um den Leuten allerlei schöne Sachen zu verkaufen und dadurch den schmalen Lebensunterhalt zu erwerben, dann hatte er sich ost gewundert und hatte nicht begreifen können, wie man „keine Lust" haben konnte. Jetzt wußte er es. Die Mutter war früh gestorben, sollte auch er . . .? Die Pfeife war erloschen, er hatte keinen Genuß daran. Nun klopfte er die Asche aus und sah ihr nach, als sie davonflog. Soeben noch schöner brauner Tabak — jetzt ein nichts. Die Aschenblättchen
wirbelten in Atomen davon und vermischten sich mit der Erde | des Ackers, als ob es nie etwas anders gewesen wäre.
Joseph war inzwischen mehrere Dörfer durchwandert. Der Mittag war längst vorüber und er hatte Hunger. Jetzt zog er in eine Stadt ein und lenkte seinen Schritt zur Herberge. Seiner Frage nach Arbeit begegnete der Herbergsvater mit hoffnungslosem Lächeln und zuckte die Achseln. Dennoch machte sich Joseph auf, um — vergeblich — an manche Thür zu klopfen. Der Abend brach schnell herein. Joseph verzehrte sein einfaches Mahl und ging dann zur Ruhe, am anderen Morgen mußte er ja zeitig weiter, und der wüste Lärm der fremden Gesellen sagte ihm ohnedies nicht zu. Als der Tag graute, erhob er sich und genoß seinen Morgenkaffee. Dann bezahlte er seine Zeche. Der Wirth war nicht theuer mit Logis und Kost, dennoch ging das letzte draus. — Nun, er hatte wenigstens gut geruht, hatte sich satt gegessen und seine Kleider waren trocken. Zu seinem Entsetzen bemerkte er, daß die Stiefel defect zu werden begannen. Nun, einige Tage hielten sie ja wohl noch aus und inzwischen mußte er doch irgendwo Arbeit finden. So wanderte er weiter, immer weiter, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, aber Arbeit sand er nicht. Der Strike warf so viele kräftige Leute auf die Landstraße, wo sollte wohl Arbeit sür all das Volk Herkommen. Und wenn wirklich Jemand einen Platz für ihn frei gehabt hätte, — dem blassen, schmalwangigen Manne mochte Niemand viel zu- muthen — sie wiesen ihn alle ab. Der Wind hatte sich gedreht und wehte mit unverminderter Macht aus Nordwest, dann aus Nord. Aus dem Regen war ein Gemisch von Eiswasser und Schnee geworden und zuletzt fegte ein Schneesturm über die Ebene, der alles mit einem dichten, schweren Mantel verhüllte. Joseph fühlte sich krank und wurde mit jedem Tage elender. Alle seine Versuche schlugen fehl und | seine Hoffnung sank tiefer und tiefer. Anfangs schämte er
sich, fremde Leute um ein Almosen anzusprechen. Er war ein ehrlicher Arbeiter, der sein Brod verdienen konnte, und sollte betteln? — Aber Hunger thut weh, es blieb ihm nichts übrig, als die Hand auszustrecken um eine milde Gabe. Ach, und wie hartherzig waren die Leute! Er hätte nie geglaubt, daß man einen hungernden, frierenden Menschen so hart anlassen und so elend weiterziehen lassen könnte.
„So ein großer, kräftiger Mensch," hieß es, „der kann arbeiten und sollte sich schämen, zu betteln."
Ach, du lieber Gott, er — ein kräftiger Mensch, zumal jetzt. Und arbeiten! — Ja, er hatte es doch den Leuten ost genug gesagt, daß er von Herzen gern arbeiten würde, wenn er nur Arbeit bekommen könnte. Dann hatten sie höhnisch gelacht und gemeint: „So sagten sie alle, die Tagediebe, welchen das Herumlungern aus der Landstraße besser gefiele, als reelle Thätigkeit." — Nun, Gott wußte es besser, aber die Menschen konnte er nicht überzeugen. Seine Kleider zerfielen in dem Unwetter, durch die Stiefel drang die eisige Nässe und seine Augen fiügen an, sich zu röthen. Inzwischen hätte er vielleicht doch schon hier und und da ein Unterkommen finden können, sei es in seinem Handwerk oder als einfacher Arbeiter. Aber Niemand traute ihm mehr, man witterte in dem reducirten Straubinger den Vagabunden. Und verdenken konnte mans ja auch Keinem, er sah wirkliH nicht vertrauenerweckend aus. Die Leute hatten ganz recht, wenn sie ihn von ihren Thüren jagten. Man konnte ja gar nicht wissen, ob er es nicht etwa ans die Kinder abgesehen habe. Derartige Fälle waren in letzter Zeit nichts Neues, also die Thüre zu vor solchem Landstreicher. Ja, die Leute hatten ganz recht. — An ein ordentliches Nachtlager war schon seit mehreren Tagen nicht mehr zu denken. Er war dankbar, wenn er irgendwo in einem Heuschober untcrkriechen durfte. Bald aber litt ihn auch da Niemand mehr — die Leute fürchteten sich vor ihm.


