Nr. 150.
Mittwoch den 2. Juli
. 1890
Der
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Deutsches Reich.
Darmstadt, 30. Juni. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben sich im Laufe des Samstag Nachmittags von hier nach' Romrod zurückbegeben.
Im Gefolge Seiner Königlichen Hoheit befanden sich Flügeladjutant Oberst Wernher, beauftragt mit den Functionen des Generaladjutanten, und Hofstallmeister Freiherr Riedesel zu Eisenbach.
Bei der vorher stattgehabten Hoftasel, an welcher gegen 100 Gedecke aufgelegt waren und während deren die Musik des 1. Großh. Infanterie- (Leibgarde-) Regiments Nr. 115 concertirte, brachten Seine Königliche Hoheit der Großherzog folgenden Toast aus:
Ich freue mich, die Herren noch einmal um mich versammelt zu sehen, ehe Sie in Ihre Heimath zurückkehren.
Sie können das mit dem Bewußtsein innerer Befriedigung thun.
Wenn auch keine wichtigen organischen Gesetze berathen wurden, so haben doch viele Gegenstände Sie beschäftigt, deren Erledigung dem Lande zum Besten gereichen wird.
Das hervorragendste Gesetz, das über die Eisenbahnen, wird die weitgehendsten Wünsche zu befriedigen im Stande sein, und wird es das Bestreben meiner Regierung sein, das Netz in der rationellsten Weise allmählig auszuführen.
Damit es aber dem Lande Segen und Gedeihen bringen kann, bedürfen wir des Friedens nach Innen und nach Außen - möchte es den verbündeten Regierungen gelingen, ihn zu erhalten !
Unsere Wünsche für unsere gemeinsame Heimath lassen Sie uns zusammensassen in den Ruf:
„Hessen lebe hoch!"
Der Präsident der Ersten Ständekammer, Se. Durchl. Fürst zu Dsenburg-Büdingen, erwiderte mit einem Toast auf Seine Königliche Hoheit den Großherzog. In Verhinderung des ersten Präsidenten der Zweiten Ständekammer brachte der zweite Präsident Wolsskehl den Toast aus Seine Königliche Hoheit den Erbgroßherzog und das Großherzogliche Haus aus.
Berlin, 28. Juni. Se. Majestät der K-aiser hat vor Kurzem in Betreff der Erziehung seiner Söhne seine Willeus- meinung dahin ausgesprochen, daß die Prinzen, insonderheit Se. Kaiserliche Hoheit der Kronprinz, sowie Prinz Eitel Fritz, im Cadettencorps erzogen werden, es sollen bereits Anweisungen hierüber ergangen sein.
— „Deutschland wach aus!" — unter diesem Titel bringen die „Münchener Allgemeine Zeitung" und die „Frankfurter Zeitung" im Jnseratentheil einen Aufruf zur Einreichung einer Massen-Petition an den Reichstag gegen Äen deutsch-englischen Vertrag. Mit einem Feder
strich sei das Werk Wißmanns und seiner Helden vernichtet, mit einem Federstrich sei die Hoffnung aus ein großes deutsches Colonialreich zerstört. „Laßt eine Massen-Bitt- schrift", so heißt es in dem Aufruf, „an den deutschen Reichstag offen und unumwunden aussprechen, daß jener Vertrag die helle Verzweiflung in Tausenden geweckt hat, die mit jeder Faser ihres Herzens an Deutschland hängen. Männer aller Parteien, die bei dieser Gelegenheit sich lediglich als Deutsche fühlen, mögen die Sache in die Hand nehmen. Der Reichstag wird und muß diesem Wunsche Gehör schenken. Der Reichstag wird, so hoffen wir, mit einem überwältigenden Mehr vor die Regierung treten und ihr sagen: Der Vertrag mit England schädigt unsere Interessen und verwundet unser Ehrgefühl- er darf deßhalb niemals zur Wirklichkeit werden."
Deutscher Reichstag.
30. Pleuarfitzung. Montag, 30. Juni 1890, 1 Uhr.
Die zweite Berathung des Nachtragsetats, betr. die Beamtengehaltserhöhungen, wird fortgesetzt. Die Commission beantragt: Zu Diensteinkommensverbesserungen für diätarisch beschäftigte Beamten und Unterbeamten 2,536,657 Mk. zu bewilligen. Hierzu liegt vor der Antrag Auer (Soc.), die Summe auf 3,804,985 Mk. zu erhöhen (also um 50 pCt.). Mit dieser Petition werden zugleich zwei Resolutionen zur Debatte gestellt, 1. die von der Commission vorgeschlagene: die Regierung wolle das Vexhältniß der etatsmäßigen Stellen zu den diätarisch beschäftigten Beamten prüfen und Mißverhältnissen durch Vermehrung der etatsmäßigen Stellen abhelfen- £ die Resolution Auer (Soc.), beim Reichstage noch in dieser Session eine Vorlage aus Abänderung der Militär- und Beamtenpensions-Vorschriften und Relictenbestimmungen einzubringen, damit den Pensionären entsprechende Zulagen gewährt und die nöthigen Mittel in den Etat eingestellt werden. — Abg. Singer (Soc.) befürwortet den Antrag und die Resolution Auer. Um die Mehrausgaben auszugleichen, welche durch die Verteuerung der nöthigsten Lebensmittel notwendig werden, reichen die bewilligten Zulagen für die Unterbeamten und Diätare nicht aus, eine Erhöhung der vorgeschlagenen Summe um 50 pCt. ist angemessen. Ueber die Behandlung der diätarischen Beamten im statistischen Amt theilt Redner noch mit, daß zwei Diätare, weil sie Mittheilungen über die Beschäftigungsart dieser Beamten an die Zeitung gelangen ließen, aus Grund des dem Director zustehenden formalen Rechts ohne Kündigung entlassen seien. — Staatssecretär v. Boetticher: Ueber die in den Zeitungen erörterten Verhältnisse des statistischen Amtes habe ich eine.Untersuchung veranlaßt. Die entlassenen beiden Diätare haben Beschwerde gegen ihre Ent
lassung nicht erhoben- es ist also anzunehmen, daß sie mit der Entlassung einverstanden sind. — Abg. Dr. Baumbach (dsr.) befürwortet nur die Resolution der Commission - mit weitergehenden Vorschlägen könne man bis zur nächsten Etats- berathung warten. Die Resolution Auer gehe zu weit und gefährde damit alles. — Abg. v. Benda: Bezüglich der Pensionsverbesserungen hat die Regierung in der Commission zufriedenstellende Andeutungen machen lassen. Herr Singer sollte es dabei bewenden lassen. — Abg. Dr. Windth orst (Ctr.): Die Vorlage ist ein bedeutender Fortschritt. Herr Singer weiß selbst, daß uns die Mittel fehlen, hat das auch anerkannt- consequent sind also seine Anträge nicht. (Heiterkeit.) Redner schließt sich den Anführungen Baumbachs an. — Abg. Singer (Soc.): Zum Sparen hätte sich für Herrn Windthorst bei der Militärvorlage bessere Gelegenheit' gefunden als hier. Nachdem man die nöthigsten Lebensmittel vertheuert hat, soll man hier doch nicht die Mittel verweigern, um die Diensteinkommen aufzubessern. — Abg. Richter (dsr.): Herr Singer behandelt die Frage ganz unzutreffend. Durch den Antrag Auer würde das Einkommen der Bureaubeamten statt um 5 pCt. um 7x/2 pCt. erhöht werden. Das ist eine minimale Erhöhung, die mit den stolzen Worten Singers gar nicht zusammenpaßt. Erhöhungen beantragen bei den einzelnen Positionen und den Etat im Ganzen ablehnen, das ist zwar eine sehr dankbare Rolle, aber nichts weniger als conseqnent. — Abg. Windthorst (Ctr.): Die Lebensmittelzölle waren nöthig, um die Landwirthschaft und ihre Arbeiter zu erhalten- das sehen die Arbeiter auch ein. — Der Antrag Auer auf Erhöhung der Gehaltszulagen um 50 pCt. wird abgelehnt und die Vorlage der Regierung unverändert angenommen. — Zu Stellenzulagen werden 540,000 Mk. gefordert. — Abg. Rickert (dfr.) bekämpft das ganze System der Stellenzulagen. Die dafür geforderte Summe ist lediglich ein Dispositionsfond, für dessen Verwendung jede Conrrole fehlt. — Schatzsecretär Freiherr v. Maltzahn: , In Preußen sind die Stellenzulagen bewilligt- verweigern Sie dieselben im Reiche, so stellen Sie die Beamten im Reiche schlechter als die Beamten in Preußen. — Abg. Frhr. v. H u e n e (Ctr.): Rickerts Bedenken sind übertrieben- die Summe wird nur für ein Jahr bewilligt. — Abg. Dr. Baumbach (dfr.): Die Regierung hat sich über die Grundsätze, nach denen die Vertheilung der Stellenzulagen stattfinden soll, noch gar nicht schlüssig gemacht. Bei den Beamten sind die Stellenzulagen nicht beliebt. Eine Bewilligung für ein Jahr ist nicht zweckmäßig. — Ahg. v. Benda (nl.) befürwortet die Bewilligung aus ein Jahr. — Der Titel wird genehmigt. Der Rest der Vorlage wird ohne Debatte angenommen. — Sodann kommen die Resolutionen der Commission zur Annahme: 1) Vermehrung der etatsmäßigen Beamtenstellen, 2) Einführung der Dienstalters-
Fenilleton.
Nm fünfzig Pfennig Porlo.
Von M. Laue.
(Schluß.)
„Da kennst Du sie schlecht. Sie ist mir noch immer 2 Mark 50 Pfennig für ein Paar Musketair schuldig, die ich ihr Weihnachten mit aus Breslau kommen ließ. Ganz unverfroren schmückte sich ihre Lisa damit, und trotz einiger mit Blüthenstengeln gegebenen Anspielungen — "
„Nun, so komm ihr mit dem Zaunpsahl! Aber das muß bei Euch Weibern immer alles so sein gegeben sein, so zart, mit spitzen Fingern angefaßt, so um die Ecke herum, — niemals gerade ins Gesicht, dazu seid Ihr viel zu feige und — zu falsch."
„Aber, Otto, ich kann doch nicht geradezu sagen: Frau Sanitätsrath, ich bitte mir die 2 Mark 50 Pfennige aus, die Sie mir noch schulden."
„Warum nicht? Hast Du nicht den Muth dazu? Willst Du Dich überhaupt nicht dem Risico von etwaigen Verlusten aussetzen, so nimm Dir eine Wahrheit aus dem Hamlet zur Richtschnur:
„Kein Borger sei und kein Verleiher nicht.
Sich und den Freund verliert das Darlehn oft,
Und Borgen stumpft der Wtrthschaft Spitze ab." „Abschlagen kann man dergleichen nicht, lieber Mann, -aS würde sehr ungefällig aussehen. Wie konnte ich auch denken, daß ich meine Auslagen nicht zurückerhielt. Da ich diese Erfahrung aber gemacht, wollen wir das Porto für das Packet auch nicht ausgeben."
„Und uns statt dessen die ganze Reise über mit dem Packet plagen, nein, so viel Werth haben 50 Pfennig nicht für mich, da bezahle ich sie lieber aus meiner Tasche."
„Ich lege es nachher in den Koffer, dann belästigt es uns nicht mehr," entgegnete die zähe auf ihrem Willen beharrende Gattin. „Die Lisa ist bisher ohne die Thee- servietten fertig geworden, dann wird sie es auch noch fernerhin können. Die Blumen annectire ich selbstverständlich — ich werde sie Erwins Braut verehren."
„Woher mag der fatale Geruch in diesem großen, luftigen Raume wohl kommen," sagte der Regierungsrath, als er am Tage nach der Hochzeit in das elegante Logirzimmer trat, das er mit seiner Frau inne hatte.
„Ich habe das auch schon all diese Tage bemerkt," erwiderte diese. „Vielleicht ist eine Maus in irgend einem verborgenen Winkel crepirt, wo man ihre verwesenden Reste nicht entdeckt. Gerade so riechts."
Als aber einige Tage später die Regierungsräthin sich zur Abreise rüstete und ihren Schließkorb öffnete, strömte ihr daraus em Geruch entgegen, der sie fast ohnmächtig machte, die Ursache war — ..das Packet für Frau Lisa! — „Mein Gott, was mag darin sein? Was thun? Es ist versiegelt, da darf man es doch nicht öffnen. Ich sah doch gleich, daß es noch mehr enthalten müßte wie die Theeservietten, aber was? — Hätte ich doch Otto den Willen gelassen und es fortgeschickt! Um die lumpigen fünfzig Pfennige nun diese Unannehmlichkeit! Otto darfs natürlich nicht wissen. Im Schließkorbe kann es nicht bleiben, unsere Kleider würden den Geruch annehmen, ich will es in die Plaidhülle packen, die leer ist, nachdem sie von dem Hochzeitsgeschenke befreit. Morgen Abend, sowie wir angelangt, schicke ichs hin. Wie wird sie erschrecken! Nun, es kann ihr nichts schaden, das ist für den Geiz! Konnte sie es nicht per Post schicken!"
Es ist ein heißer Tag, gerade zu Beginn der großen Schulferien. Auf den Bahnhöfen ist ein regeö Leben, alle
Welt scheint sich aus Reisen zu begeben. Das ist ein Hin und Her, ein Aus- und Einsteigen, die Coupes bleiben überall gedrängt voll, auch dasjenige, in dem unser von der Hochzeitsfeier heimkehrendes Ehepaar Platz genommen.
„Erlauben Sie, daß auch dieses Fenster noch geöffnet wird?" wendet sich eine junge Frau an eine in der Ecke sitzende bleiche Dame, die ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden. v-
„Aber es wird Zug verursachen," entgegnete diese, „ich hatte die ganze Nacht Zahnschmerzen."
„Die Luft ist gar so schlecht hier," klagt die erste.
„Ja, sehr schlecht," pflichtet die ganze Reisegesellschaft bei, und alle schnüffeln ein wenig mit ihren Riechorganen, jeder thuts, der noch hinzukommt. Nur die Regierungsräthin nicht, die sehr echausfirt aussieht. „Die Maus aus unserem Zimmer in N. scheint mitgekommen, derselbe Odeur!" flüstert ihr Gatte ihr ins Ohr. — Die bleiche Dame wechselt den Platz und gibt ihre Einwilligung zum Oeffnen des Fensters. Aber trotzdem —
„Zum Kuckuck!" ruft ein zuletzt eingestiegener corpulenter älterer Herr, dem der Humor aus dem rosigen Antlitz glänzt, „hat einer von den Herrschaften hier im Coups Käse bei sich?" Alle schnüffeln aufs Neue. „Die Sache sollte doch untersucht werden," fährt er unerbittlich fort, „das habe ich einmal erlebt —" und er gibt eine wunderbare Käsegeschichte zum besten, die allgemeine Heiterkeit erregt. Sogar die bleiche Dame mit der schwarzen Binde scheint ihren Schmerz momentan zu vergessen, ihre nervös gespannten Züge verziehen sich zu einem Lächeln, so daß man die ruinenhasteie Urheber ihrer Pein erblickt. Die Regierungsräthin lacht übermäßig, aber — ihr Gatte sieht sie prüfend von der Seite an, ist feine Frau krank? — wie klingt das so blechern, s* erzwungen! — „Ein gräßlicher Mensch!" flüstert sie ihrem


