Ausgabe 
2.2.1890 Erstes Blatt
 
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Nr. 28. Erstes Blatt.

Sonntag den 2. Februar

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Kießmer Anzeiger

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Aintlichev Theil.

Gefunden: 1 Brille, 1 Taschenuhr, 1 Regenschirm, 1 Spielball, 1 Hut, 1 Peitsche, 1 Halstuch, 1 Damenkragen, 1 Fingerring, 1 Taschentuch, 1 Paar Handschuhe, 1 Erker­stange, 1 Broche, 1 Zuckerzange.

Gießen, am 1. Februar 1890.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 31. Januar. DerReichsanzeiger" meldet: Der Kaiser hat den Fürsten Bismarck auf Ansuchen von seinem Amte als Minister für Handel und Gewerbe ent­bunden und den Oberpräsidenten der Rheinprovinz Frei­herrn von Berlepsch zum Minister für Handel und Gewerbe ernannt.

Berlin, 31. Januar. Das parlamentarisch e Diner beim Reichskanzler findet erst am Dienstag statt.

Berlin, 31. Januar. Dem Magistrat Hierselbst ist das nachstehende Allerhöchste Handschreiben zu­gegangen :

Die Glückwünsche, welche Mir der Magistrat Meiner Haupt- und Residenzstadt Berlin zu meinem Geburtstage dargebracht hat, habe Ich als den Ausdruck treuer Anhäng­lichkeit und zuversichtlichen Vertrauens gerne entgegen­genommen. Deni Magistrat sage Ich für die Mir von Neuem erwiesene Aufmerksamkeit von Herzen Dank.

Berlin, den 29. Januar 1890.

gez. Wilhelm R.

An den Magistrat zu Berlin.

Köln, 31. Januar. Wie dieKöln. Ztg." vernimmt, sollen die Befugnisse des Ministeriums für Handel und Gewerbe durch Zutheilung der Bergabtheilung des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten an das Handelsministerium ver­mehrt werden.

Hamburg, 31. Januar. Die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft und der Norddeutsche Lloyd haben in einem gemeinsamen Schreiben dem österreichischen Ministerium des Innern mitgetheilt, daß sie angesichts der fortgesetzten Angriffe, welche sie in einem Theile der österreichischen Presse ausgesetzt seien, vorzögen, auf die ihnen ertheilten Concessionen Verzicht zu leisten. Beide Gesell­schaften haben ihre Bureaus in Wien bereits geschlossen.

Pest, 31. Januar. Graf Andrassy verbrachte eine ruhigere Nacht- sein Befinden hat sich etwas gebessert.

Paris, 31. Januar. Die gestrige republikanische Wahl­versammlung des 13. Arrondissements nahm einen tumul- tuarischen Verlauf. Während der Rede des Republikaners Fourniere drangen die Anhänger des invalidirten Boulangisten Mery in den Saal. Im Handgemenge wurde Mery ver­wundet, eine Person durch Messerstiche gefährlich verletzt, mehrere andere Personen wurden theils leichter, theils schwerer verwundet. Die Blätter melden, in Nizza habe eine große russische Demonstration während der Aufführung der Oper Das Leben für den Czar" startgesunden. Nach dem dritten Act mußte die russische Hymne wiederholt werden unter Rufen Vive la Russie. Hierauf wurde die Marseillaise gesungen, während alle Zuschauer standen.

Paris, 31. Januar. DemFigaro" zufolge wurde der Kosakenpope At sch in o f f zum Archimandrit eines der reichsten Klöster in der Krim ernannt.

Rom, 31. Januar. Dem heute in der Kirche Santa Maria dell'Anima dem Andenken Franckensteins celeb- rirten Requiem wohnten Schlößer, der bayerische Gesandte beim Vatican, der Cardinal Schönborn, sowie Verwandte und Freunde des Verstorbenen bei.

Brüssel, 31. Januar. Die Compagnie Lens lehnte die Forderung der Ausständigen, die verabschiedeten Gruben­leute wieder auszunehmen, ab, und drohte Denen, welche nicht einsühren, mit der Entziehung der Arbeits­bücher. In Folge dessen haben von 3800 Arbeitern 1500 bie Arbeit wieder ausgenommen.

Swansea, 31. Januar. Eine heute hier abgehaltene große Versammlung von Walzblechfabrikanten und Vertretern des Arbeitervereins beschloß, um die gegenwärtigen Preise zu behaupten und bezw. zu erhöhen, die Production durch zeitweise Einstellung der Arbeit einzuschränken und zunächst von der ersten Woche des März ab den Betrieb auf 14 Tage einzustellen.

Belgrad, 31. Januar. Der Abgesandte des Fürsten von Montenegro, Vukowic, überreichte heute Mittag dem

ersten Regenten in feierlicher Audienz ein Handschreiben des Fürsten und wurde sodann vom König empfangen. Morgen findet zu Ehren desselben ein Diner statt, an welchem sich die Regenten und Mitglieder des Cabinets betheiligen. Die Nachricht einiger Blätter, Vukowic werde den bevorstehenden Besuch des Fürsten in Belgrad ankündigen, wird von unter­richteten Kreisen nicht bestätigt.

Pera, 31. Januar. Der Exgroßvezir Chaireddin Pascha ist heute gestorben.

Konstantinopel, 31. Januar. DieAgence de Kon­stantinopel" meldet, die Nachricht von einem Auf st an de in Teheran und von der dadurch veranlaßten Abreise des englischen Gesandten Drummond Wolff in Tebriz sei er­funden. Wolff telegraphirte in dieser Angelegenheit an den Botschafter White, daß es sich dabei um eine Sensations­nachricht handle, deren Ursprung ihm unbekannt sei.

Washington, 31. Januar. Die Bill, welche seidene Bänder mit einem Cingangszoll von 50 Procent belegt, wurde vom Senat mit einem Amendement genehmigt. In Folge dessen muß die Bill noch einmal an das Repräsentanten­haus zurück. Der Gesandte der Vereinigten Staaten Nordamerikas in Brasilien, Adams, wurde als solcher bei der dortigen republikanischen Regierung ernannt.

Locales und provinzielles.

Gießen, 1. Februar.

k. Theater. Nächst dem Regisseur liegt dem Capell- meister bei Theateraufführungen die undankbarste Aufgabe ob. Auf ihm ruht die Hauptlast der Arbeit, wenn ein Stück mit Musik vorbereitet wird, und seine Mühe ist eine besonders große, wenn er wie hier, mit meist nicht Prosessionsmäßigen Sängern zu studiren hat. Bei der Aufführung tritt er dann gegen die übrigen Mitwirkenden unverhältnißmäßig zurück. So ist es auch in unsere Besprechung gekommen, daß die Verdienste des Herrn Richard Lerch um die Aufführungen imNeuen Theater" nicht nach Gebühr gewürdigt worden sind, und wir holen nur ein Versäumniß nach, wenn wir heute nachdrücklich die Aufmerksamkeit auf seine ersprießliche Thätigkeit richten. Zu seinem Benefiz fand gestern die Vor­stellung statt und zwar erfreulicher Weise vor gut besetztem Hause. Flott ging die Aufführung des Rosen'schen Schwankes: DesNäch st e n Hausfrau" von Statten, besonders gefiel das famose Spiel von Frau Jaskowsti. In dem daraus folgendenVersprechen h i n t e r m Herd" war es natür­lich die Gästin Frl. Toni Tusch, der sich die Aufmerksamkeit zuwandte. Die Dame verfügt über eine stattliche und hübsche Erscheinung, die vortheilhaft durch ihr gewandtes und sym­pathisches Spiel unterstützt wird. Ihre Stimme ist an­sprechend und aus giebig, ihr Gesang bekundet gleich nennenswerthe technische Fertigkeit. Mit lebhaftem Beifall wurden ihre wirksamen Vorträge ausgenommen. Für Herrn Sieg mann, der in letzter Stunde abschreiben mußte, war Herr Rei­ners eingesprungen und trug, wie auch die Herren Frank und Ullrich, das Seine zum Gelingen der Vorstellung bei.

Hungen, 1. Februar. Auch in diesem Winter ist wieder, wie im verflossenen Jahre, eine Wohlthätigkeitsvor- st e l l u n g zum Besten der Ottilienstiftung, welch letztere die Anstellung einer Diakonissin in unserer Stadt bezweckt, in Aussicht genommen, und steht deren Ausführung in Mrze bevor. Die Rollen der beiden Theaterstücke sind in dankens- werther Weise von bereits bewährten Kräften unserer Stadt und deren nächsten Umgebung übernommen worden, wie'auch anderer Seits der musikalische Theil kunstgeübten Händen anvertraut ist. So verspricht denn der bevorstehende Abend ein in jeder Hinsicht genußreicher zu werden. Wir verfehlen deshalb nicht, schon jetzt auf denselben aufmerksam zu machen. Auch um der guten Sache willen, die gefördert werden soll, wünschen wir einen recht guten Erfolg.

Bad Nauheim, 30. Januar. Zu der Notiz bezüglich Ab­lehnung des Dampfstraßenbahnprojects wird im Oberh. Anz." mitgetheilt, daß in einer zu diesem Zweck einberufenen Versammlung sämmtliche hiesige Aerzte, nicht nur mehrere, nach langer Berathung und objectiver Erwägung aller in Betracht kommender Factoren sich einstimmig gegen das Project als ungeeignet für einen Kranken-Badeplatz aus­gesprochen haben, wie dies die Hausbesitzer an den drei Haupt­straßen, durch die die Bahn geführt werden sollte, gleichfalls fast ausnahmslos in einer wohlmotivirten Eingabe gethan haben. Es ist deshalb nicht zu bedauern, sondern nur freund­lichst zu begrüßen, daß die Staatsregierung einem Privat­unternehmen die Genehmigung verweigert, das die mühesam errungene Entwickelung unseres Bades gefährdet und die

glücklicherweise von Jahr zu Jahr steigende Frequenz ernstlich in Frage stellt.

Friedberg, 31. Januar. Es wird von einigen Capita- listen beabsichtigt, eine geruchlose Entleerungs­maschine zu kaufen und diese einem hiesigen Fuhrmann in Pacht zu geben. Es ist dies umsomehr mit Freuden zu be­grüßen, als einmal dann der Dung den Friedberger Aeckern zu gute kommt, der jetzt in fremde Gemarkungen gefahren wird, und zweitens die hiesigen Einwohner nicht mehr von Fremden abhängig sind, die dann wenn man sie braucht, trotz aller Boten und Briefe bekanntlich ^niemals kommen. Es sind dies seither kaum erträgliche Zustände gewesen.

Am Sonntag den 2. Februar, Nachmittags 3 Uhr, findet im hiesigen Saalbau eine Wähler-Versammlung statt, in welcher Herr Dr. Gutfleisch aus Gießen, der Can- didat der deutsch-freisinnigen Partei, zu seinen Wählern sprechen wird. Der Candidat der nationalliberalen Partei des 2. hessischen Wahlkreises Friedberg-Büdingen, Graf Oriola, wird am Sonntag den 2. Februar Nachmittags in Büdingen, Abends in Düdelsheim sprechen. Derselbe sprach bereits am 26. Januar in Butzbach, am 29. Januar in Langenbergheim.

Nieder-Rosbach, 28. Januar. Heute stellte sich der Can­didat der nationalliberalen Partei, Graf Oriola aus Büdesheim, in den Orten Ober- und Nieder-Rosbach seinen Wählern vor. Beide Versammlungen waren stark besucht.

Lauterbach, 28. Januar. In der Wegner'schen Hutfabrik in dem benachbarten Blitzenrod entstand gestern Abend kurz vor Feierabend Streit, welcher einen Mutigen Aus gang nahm. Einige Hutmacher hatten den Tag über ein Fäßchen Bier getrunken- dieselben haben wohl den Geburtstag Sr. Maj. des Kaisers gefeiert. Gegen Abend kamen zwei Arbeiter ein Hutmacher aus Oesterreich und ein Lehrling von Mainz in Streit. Nach kurzem Wortwechsel kleidete sich der Mainzer an und verließ auf einige Augenblicke seinen Arbeitsplatz - er hatte sich nach Haus begeben, um ein Messer zu holen. Schein­bar ruhigen Blutes kehrte er zurück und nahm seine Arbeit wieder auf. Einige Worte des Oesterreichers genügten, den Mainzer wieder so in Aufregung zu bringen, daß er das bewußte Messer hervorzog und seinem Gegner einen Stich beibrachte. Bei dem nun entstehenden Tumulte stach der sich wie wüthend Geberdende weiter auf sein Opfer zu. Nach kurzem Ringen der Mitarbeiter wurde dem Thäter das Messer abgenommen. Der Verletzte hatte drei Stiche, einen auf der Stirn, einen auf der Wange und einen aus der Brust. Mit welcher Wucht die Stiche ausgeführt wurden, geht daraus hervor, daß sich die Klinge des Messers verbogen. Die Wunden sind glücklicherweise nicht gefährlicher Natur. Der Thäter hat sich der Bestrafung durch die Flucht entzogen.

Ober-Breitenbach, 30. Januar. Eine entsetzliche M ordth at setzt die Bewohner unseres Ortes und der Um­gegend in nicht geringe Aufregung. Hier hat eine Frau ihre fünfjährige Stiefenkelin vergiftet und ihr dann die Pulsadern durchschnitten. Das arme Kind fand man tobt in seinem Bette. Die Mutter des ermorbeten Kindes, welche dieses mit in die Ehe gebracht, ist vor einiger Zeit gestorben und die Stiefgroßmutter sah in der «Waise ein Hinderniß zu einer anderweitigen Heirath ihres Sohnes, des Kindes Stiefvater. Nachdem die Mörderin die That vollbracht, die nicht ungehört geschehen war, sprengte sie das Gerücht aus, das Kind sei plötzlich gestorben und ließ sogar den Leichenbeschauer rufen. Bald aber entdeckte man die Spuren des Verbrechens. Die Thäterin ist inzwischen verhaftet worden. Fr. G.-A.

vermischter.

* Dillenburg, 29. Januar. Mit dem Bau der längst geplanten und wiederholt abgesteckten Bahn durch dasDietz- hölzthal, von Bahnhof Dillenburg nach Straßebersbach, wird nunmehr vorgegangen. Das Eisenbahnbauamt hat mit zahlreichem Personale bereits hier seinen Sitz genommen und unter Leitung des Königl. Eisenbahnbaumeisters Hrn. Grimm auch bereits eine Verdingung auf die Beförderung von Bau­material vom Bahnhose Dillenburg nach einzelnen Stellen der Baustrecke ausgeschrieben. Dem Vernehmen nach sollen die Verhandlungen wegen Erwerbung des erforderlichen.Grund- eigenthums bis jetzt noch nicht ganz beendet sein, sie werden sich aber wohl aus gesetzlichem Wege ohne Weiterungen er­ledigen.

* Frankfurt a. M., 29. Januar. Gestern Mittag hatte das Dienstmädchen des Metzgermeisters Köllisch in der Drei­königsstraße einen Eimer mit siedendem Wasser gefüllt unb- auf den Boden der Küche gestellt. Das 2jährige Töchterchen des Köllisch kam in diesem Augenblicke in die Küche gelaufen, stürzte hin und wollte sich an dem Eimer wieder ausrichten- Der Eimer fiel um und das siedende Wasser ergoß sich über